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Kämpfen, damit Pop nicht trostlos wird

Es ist eine Art “Brave New World” des Live-Geschäfts, die BERTHOLD SELIGER in seinem Buch „Vom Imperiengeschäft” zeichnet. Wenige Großkonzerne haben das Geschäft untereinander aufgeteilt und zerstören durch rücksichtslose Durchsetzung ihrer Interessen die kulturelle Vielfalt. Es sei Zeit, dagegen anzugehen, so der Konzertveranstalter und Buchautor, und sich auf die besondere Qualität der Kultur zu besinnen.

Wenn ein Ticket für ein Pop-Konzert normale Kategorie 158 Euro kostet und man für die Plätze der besten Kategorie jenseits der 300 bezahlen muss, sind Fragen angebracht, denn unter dem Strich bedeutet das, dass es mittlerweile günstiger ist, sich eine Oper bei den Salzburger Festspielen anzusehen als etwa Beyoncé oder einen anderen Star des populären Mainstream. Ist das Geschäft mit (Popmusik-)Konzerten und Festivals außer Kontrolle geraten? Wer verdient an den hohen Preisen? Die Künstler*innen oder Unternehmen? Genau diese Fragen stellt sich Berthold Seliger in seinem aktuellen Buch “Vom Imperiengeschäft”.

Wechseln wir die Perspektive: Aus Sicht der Musikliebhaber ist es heute denkbar einfach, sich Konzert-Tickets zu besorgen. Man geht einfach online, hat das Geschäft binnen weniger Minuten abgewickelt und die Karten werden einem zugestellt. Bequem. Zwar sind die meisten Karten eindeutig überzahlt, aber „man gönnt sich ja sonst nichts”. Mit Berthold Seliger nun gehen wir einen Schritt zur Seite und betrachten das Geschäft aus der Distanz. Wir vergessen, wie gerne und unbedingt wir ein bestimmtes Konzert sehen wollen, sodass wir dafür buchstäblich „einiges in Kauf nehmen”, und analysieren, wie es überhaupt zu diesen astronomisch hohen Preisen hat kommen können.

Die Fakten, die Seliger uns schildert, sind: Drei Großkonzerne teilen im Bereich Pop und Rock den weltweiten Konzertmarkt unter sich auf. Ihren globalen Expansionskurs finanzieren sie mit Verlusten. Das eigentliche Geschäft wird im Ticketing und Sponsoring gemacht. Das heißt, unterm Strich ist das Konzertgeschäft defizitär, weil Künstler*innen zu überhöhten Preisen gekauft werden. Preise, bei denen andere nicht mitkönnen. Dadurch, so Seliger, werde die kulturelle Vielfalt zerstört. „Es gibt keine freie Entwicklung von Clubs und Kulturzentren mehr, die unabhängige Programme gestalten können”, fasst er es im Interview mit dem mica zusammen.

Aber nicht nur die kulturelle Vielfalt ist bedroht. „Es schwindet auch die Gleichheit”. So ist es mittlerweile Gang und Gäbe, dass Konzertveranstalter in so genannten „Pre-Sales” spezielle Kunden oder bestimmte andere Bevölkerungsgruppen bevorzugen, indem sie diese elitären Kreise während eines exklusiven Zeitfensters zuerst auf ein gewisses Kartenkontingent zugreifen lassen. Dadurch werde die Gleichheit beseitigt, so Seliger. Es entstünden Käufer unterschiedlicher Klassen. In der gesamten Konzertbranche könne man beobachten wie dadurch, dass sich die Eliten nach vorne kaufen, die grundsätzliche Idee des Egalitären verlorengehe.

Besonders perfide: Das Modell der „Qualified Fans”. Vom Management Taylor Swifts eingeführt, wird es mittlerweile auch bei anderen Stars (z.B. Bilie Eilish) angewandt. Man versteht darunter eine Art Qualifikationssystem. Der Fan muss zuerst eine Menge Merchandise-Produkte kaufen und dabei entsprechend Punkte sammeln, um überhaupt ein Ticket für ein Live-Konzert kaufen zu dürfen. D.h. er empfiehlt sich durch intensiven Konsum für höhere Weihen.

Bild Berthold Seliger
Berthold Selinger (c) Matthias Reichelt

Seliger spannt in seinem mehr als 300-Seiten dicken Buch einen weiten inhaltlichen Bogen und bietet einen interessanten und in dieser Schärfe nie dagewesenen Einblick in das Live-Geschäft. Sein Fazit: Musiker*innen und Bands sind in diesem Business längst zur Verhandlungsmasse global operierender Großkonzerne geworden. Die Konsequenz daraus ist, dass das sozio-kulturelle Umfeld verkommt.

Seliger scheut in seiner Analyse auch nicht eine gewisse Nostalgie, die ihn beim Rückblick auf die eigene in den 1970ern verbrachte Jugend, bisweilen überkommt. Damals kosteten alle Tickets, egal wo man stand, das Gleiche, erzählt er. Wer als erstes kam, stand vorne. Aber man konnte sich nicht nach vorne kaufen. Konzerte wurden zwar zu Großveranstaltungen, ja, aber immer noch zu relativ moderaten Preisen. Kulturelle Teilhabe war erwünscht und möglich. Er bezeichnet das retrospektiv als die „sozialdemokratische Zeit”, die im Zuge einer neoliberalen Weltordnung längst abhandengekommen sei. Spätestens seit dem Niedergang der Tonträgerindustrie wurde das Konzert zentral in Hinblick auf die kommerzielle Verwertung von Musik und Musiker*innen. Ticketpreise und Gebühren wurden exklusiver und teurer. Ein Ende der sich nach oben drehenden preisspirale sei nicht in Sicht.

Im Interview mit dem mica (Link) erzählt Seliger, der Konzertveranstalter Marek Lieberberg, habe, auf die steigenden Preise in der Branche angesprochen, vor etlichen Jahren noch gemeint, dass er hundert Euro als Schallgrenze für einen Konzertpreis erachtet. Dieser Betrag sei heute in etwa der Durchschnittspreis, so Seliger. Wer noch an der Exklusivität mancher Pop-Events zweifelt, dem sei an dieser Stelle gesagt, dass die Soloperformance „Springsteen on Broadway” erst ab 500 Dollar zu sehen war.

Doch, wenn es um Schuldzuweisungen geht, relativiert Seliger. Das Grundproblem seien zwar die Ticketing-Konzerne, die das Geschäft dominieren und eigentlich nur noch am Superstar-Geschäft interessiert sind. Aber auch die Künstler*innen, und zwar die Superstars, die willfährig daran teilhaben, trügen Verantwortung. Seliger meint damit jene 5% der weltweiten Performer, die statistisch erwiesenermaßen 85% der weltweiten Konzertumsätze generieren. Nicht die Konzerne allein sind die allein Bösen, sondern auch jene Künstler*innen, die immer höhere Gagen fordern und das System dadurch schüren, so Seligers Fazit. Verantwortlich dafür, dass viele bei der fortschreitenden Kommerzialisierung mitmachen, sei auch Angst vor weniger Sichtbarkeit, wenn man anderen als den dominierenden Foren vertraut. „Die Angst vor der Plattform, die den Vertriebskanal hat, ist den Künstlern, dem Personal der Kulturindustrie so tief in die Eingeweide eingeschrieben, dass sie sich gar keine andere Welt mehr vorstellen können.” Was tun gegen die Komplettkommerzialisierung. Dagegen angehen, denn wenn wir das nicht tun, sei kein Ende der Geschäftemacherei in Sicht. Es drohe die kulturelle Ödnis.

„Vom Imperiengeschäft” ist ein gutes und wichtiges Buch zur rechten Zeit. Es stellt unangenehme Fragen, geht in der Analyse tief, scheut auch nicht davor, manches drastisch, mitunter sogar ein wenig polemisch zuzuspitzen. Vor allem aber ist es gut, weil es nicht davor zurückschreckt, gesamtgesellschaftliche Fragen zu stellen. Denn der Live-Sektor ist, wenn es nach Seliger geht, kein Einzelproblem, sondern Teil einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, deren Auswüchse (knapper Wohnraum, soziale Ungerechtigkeiten etc.) wir gesamthaft bekämpfen müssen, wollen wir in Zukunft leistbaren Wohnraum, leistbare Sozialversicherung und leistbaren Kulturgenuss haben.

Markus Deisenberger

mica-Interview Berthold Seliger (14.01.2020)

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Berthold Seliger: „Vom Imperiengeschäft“
Edition Tiamat, Berlin 2019
344 Seiten, 20 Euro

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