Martin Rummel (c) Calvin Peter

„Jedes Projekt, das ich künstlerisch interessant finde, findet am richtigen Platz auch eine Heimstatt bei uns“ – MARTIN RUMMEL (PALADINO MEDIA) im mica-Interview

Das 1999 von PETER OSWALD und BARBARA FRÄNZEN gegründete Label „KAIROS“ wird oft als weltweit führendes Label zeitgenössischer Musik bezeichnet und hat mittlerweile fast zweihundert Produktionen ediert, die mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet wurden. Der Cellist und Musikmanager MARTIN RUMMEL, der 2009 das Label „paladino music“ begründete, hat „KAIROS“ 2015 von PETER OSWALD übernommen, der bis zu seinem Tod 2017 weiterhin als dessen künstlerischer Berater tätig war. Heinz Rögl führte anlässlich der Jubiläen mit dem Chef und Mastermind der PALADINO MEDIA GMBH ein Gespräch.

„Ich wollte andere Leute von musikalischen Projekten überzeugen, von denen ich überzeugt war.“

Wie kamen Sie als ursprünglich erfolgreicher Cellist dazu, 2009 das „paladino“-Projekt zu starten?

Martin Rummel: Ich hatte eine relativ umfangreiche Aufnahmekarriere auf mehreren Levels, wobei ich eigentlich immer das Glück hatte, dass mit den Verantwortlichen ein guter Konsens herrschte. Aber manchmal wollte ich etwas anders machen. Ich wollte andere Leute von musikalischen Projekten überzeugen, von denen ich überzeugt war. Ich war es ein bisschen leid, andere Leute überzeugen zu müssen. Im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen sowie Freundinnen und Freunden hat sich oft ergeben und bewahrheitet, dass man selbst etwas machen kann. Da geht es um die Aufnahme, die Verbreitung etc. Es hat sich eine Gruppe von Gleichgesinnten gebildet. Es begann mit Kammermusik, ich habe beim Bärenreiter-Verlag auch Ausgaben gemacht. Dann kam der Name „Paladino“, das ist der Gedanke, dass die Künstlerinnen und Künstler, mit denen wir zusammenarbeiten, mit allem, was sie machen, bei uns sein können. Die Künstlerinnen und Künstler stehen unter Schutz, ein Paladin – der Ausdruck stammt aus dem Mittelalter – ist ein Ritter mit besonderem Status. Es ist lustig, dass ich jetzt auf der anderen Seite sitze, dass mich Leute von ihren Projekten überzeugen müssen. Über die Jahre – wir machen ja keine Knebelverträge – haben wir von denjenigen, die mit uns arbeiten, schon auch große Loyalität erfahren. Die meisten Leute, mit denen wir etwas machen, kommen auch wieder. Die Plattform wurde größer und größer – und durch den Zusammenschluss mit „KAIROS“ wurde sie natürlich noch einmal größer.

Ihr Unternehmen mit „paladino music“, „KAIROS“ und den anderen Labels wird in Ihrer Person sozusagen von einem Künstler geführt …

Peter Oswald und Martin Rummel

Martin Rummel: … und hat dadurch auch bei anderen Künstlerinnen und Künstlern eine gewisse Resonanz. Vladimir Ashkenazy, den ich über seinen Sohn Dimitri kennenlernte, wollte trotz Hunderter Platten bei „Decca Classics partout mit uns Debussy aufnehmen. Wir haben mit ihm und Dimitri zum 75. Geburtstag eine Duo-CD gemacht, die wir in Raiding aufgenommen haben. Dann haben wir zu seinem 80. Geburtstag eine CD gemacht – das war dann auch unsere 100. Platte, die im Oktober 2018 erschienen ist. Ein uns willkommenes Highlight!

Wie kam der Kontakt mit „KAIROS“ und Peter Oswald zustande?

Martin Rummel: Das kam über einen Verband der Klassikproduzenten, den ich ursprünglich gemeinsam mit Richard Winter, dem Chef von Gramola, gegründet hatte. Der Verband nannte sich Vienna Music Group und war einem deutschen Klassikverband nachempfunden. Wir haben 2010/2011 angefangen – das waren damals Gramola, Preiser Records, „Quinton Records“, „CAPRICCIO“, „Extraplatte“ und ich – und „KAIROS“ war auch dabei. Peter Oswald hat gesagt, dass es sich mit „KAIROS“ nicht mehr ausgeht und dass er einen Käufer sucht. Er suchte aber jemanden, der seine Werte teilte, und wollte auch künstlerisch weiter mit dabei sein.

„Junge Komponistinnen und Komponisten, die ihren Weg machen.“

Da ging es um exzellente Aufnahmen, hervorragende Booklets …

Martin Rummel: … und die Auswahl der Musik. Und vor allem auch darum, dass man oft auch etwas auswählt, was international noch nicht so bekannt ist – seien es die Komponistinnen und Komponisten oder die Interpretinnen und Interpreten. Nach dem Motto: „Aber in zehn Jahren, pass auf!“ Junge Komponistinnen und Komponisten, die ihren Weg machen. Dieser erstrebte Level ist mir selbst erst im ersten Jahr bewusst geworden. Es ist eine große Verantwortung, die mir auch Freude macht. Wir haben „KAIROS“ wieder auf die Beine gebracht, Peter Oswald war ja nicht unbedingt ein „Rechner“. Es war mir dann später auch wichtig, die Produktionen ästhetisch etwas mehr aufzufächern, vieles war ja doch sehr „Darmstadt-Hardcore“, eben Helmut Lachenmann usw. Mir war mehr Diversität, was die Herkunftsländer der Komponisten betraf, wichtig, auch der Komponistinnen – wir haben erst heuer [2019; Anm.] eine Olga-Neuwirth-CD mit den Wiener Philharmonikern, dem RSO Wien und dem Gustav Mahler Jugendorchester mit Hakan Hardenberger und Antoine Tamestit als Solisten produziert, vor zwei Jahren aber auch die Israelin Chaya Czernowin [„Wintersongs“; Anm.], Werke der schwedischen Komponistin Lisa Streich [„Augenlider“; Anm.], Agata Zubel etc. Die 3-CD-Box mit Solowerken von Clemens Gadenstätter ist gerade herausgekommen.

„Ich muss nichts irgendwo hineinquetschen […]“

Wie rechnet sich dieses Geschäft, dieses Business, Musik zu produzieren?

Martin Rummel: Wir machen über alle Labels vierzig bis fünfzig Produktionen im Jahr, das geht auch über die Masse. Da hat man dann auch genug Durchsatz, es ist alles eine Mischkalkulation, es wird querfinanziert. Es rechnet sich, weil wir mit einem kleinen Team relativ viel machen können und auch relativ breit aufgestellt sind. Und auch, weil wir mehr machen können als nur ein einzelnes Label. Jedes Projekt, das ich künstlerisch interessant finde, findet am richtigen Platz auch eine Heimstatt bei uns. Ich muss nichts irgendwo hineinquetschen, wenn ich etwas bei „Orlando“ mache, kann ich ein anderes Produkt, eine andere Verpackung, ein anders Marketing machen.

paladino media verfügt über eine sehr gute und grafisch schöne Website und Medienpräsenz. Über E-Mail erhält man regelmäßige Newsletter. Aber wo und wie verkauft man die Platten heute?

Martin Rummel: Man muss das differenzieren, das hängt von den verschiedenen Märkten ab. Von den physischen Geschäften gibt es in Österreich nur noch eine Handvoll – in Linz hat der Birngruber aufgehört, Doblinger und Gramola sind noch da. Es gibt bis zu Amazon und anderen Märkten für Musikprodukte die diversen Stores, dort wird am meisten verkauft. Der deutsche Markt ist im Verhältnis zum Download und Streaming immer noch zu drei Viertel physisch, in Skandinavien ist es umgekehrt, dort sind eigentlich achtzig Prozent Streaming, in den anderen großen Märkten – England, USA, Japan, Frankreich – ist es irgendwo dazwischen. Wichtig ist Information. Das physische Produkt ist in erster Linie dort, wo die Künstlerin bzw. der Künstler ist. Die meisten CDs werden bei Konzerten verkauft. Deswegen ist es auch wichtig, dass die Künstlerinnen und Künstler an der Verbreitung des Produkts mitwirken.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Heinz Rögl

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Über paladino

Mit dem Firmensitz in der Hofmühlgasse im 6. Bezirk in Wien vereinigt paladino media unter demselben Dach neben „paladino music“ und „KAIROS“ noch zwei weitere CD-Labels, nämlich „Orlando Records“ (wo etwa Walter Jurmanns Chansons, „Fantasy Studies“ von Petra Stump-Linshalm sowie Julia Purgina verlegt wurden) und „Austrian Gramophone“, das vor allem eine Plattform für debütierende Künstlerinnen und Künstler ist (aber auch elektroakustische Musik von Bruno Strobl wurde dort herausgebracht).

 „paladino music“ wurde zum Label von Kunstmusik in den Bereichen Kammer- und Orchestermusik aller Epochen, im Katalog befinden sich Namen wie Dimitri und Vladimir Ashkenazy, Christopher Hinterhuber, Norman Shetler, Markus Schirmer, Quatuor Mosaïques, Hyperion Ensemble (mit Strauss und Schulhoff), Magda Amara, Wolfgang Vladar (für Brahms erhielt er den Pasticcio-Preis), Gottlieb Wallisch, Karl Markovics und Christopher Roth (George Antheil „Bad Boy of Music“), Patricia Kopatchinskaja (Faradj Karajew) und Hannes Raffaseder. Es gelangen Einspielungen des Klavierkonzerts Nr. 3 von Nikos Skalkottas unter dem Dirigenten Johannes Kalitzke. Marcus Goddard hat die Klaviersonaten von Ullmann eingespielt, Martin Rummel am Violoncello spielte etwa „Bach (re)inventions“ (mit Eric Lamb). Auch Beethovens Cellosonaten, Musik von Helmut Rogl etc. wurden veröffentlicht.

„KAIROS“ veröffentlichte Aufnahmen von Wolfgang Mitterer, Pierluigi Billone, Jorge Sánchez-Verdu, Wolfgang Rihm, Gerard Grisey, Olga Neuwirth, Beat Furrer, Messiaen („Eclairs sur l’Au-Delà“ mit den Wiener Philharmonikern unter Metzmacher) und, und, und. In neuerer Zeit wurden Clemens Gadenstätter („Semantical Investigations“ auf 3 CDs 2008–2016 mit Ernst Kovacic, Yaron Deutsch, Krassimir Sterev), „Kurtágs Ghosts“ mit Marino Formenti, dem Ensemble Modern und dem Ensemble Nikel herausgebracht. 2018 wurde „Como un ola de fuerza y luz“ von Luigi Nono mit Claudia Barainsky, dem Experimentalstudio des SWR und dem WDR Sinfonieorchester Köln  unter dem Dirigenten Peter Rundel eingespielt. Oder etwa auch Beat Furrers „IRA ARCA“ mit Uli Fussenegger und Eva Furrer. Dazu kommen jedes Jahr die PreisträgerInnen des Erste-Bank-Kompositionspreises in Aufnahmen mit dem Klangforum Wien. Martin Rummel versucht neuerdings auch eine Diversifizierung hin zu süd- und nordamerikanischen sowie asiatischen Kompositionen (etwa zuletzt der Chilene Miguel Farías „Up and down“ mit u. a. dem Ensemble Contrechamps).

Auch durch ein internationales Netzwerk mit Distributoren dieser Aufnahmen und von Notenmaterial in Zusammenarbeit mit der Universal Edition, durch einen eigenen Blog und Webstore und schließlich noch durch das ensemble paladino, eine gemischte Gruppe von Spielenden in vielen Konstellationen und Programmierungen, kann sich das Unternehmen als vielfältig diversifiziertes Musikgeschäft höchster Qualität bezeichnen.

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