Im Rahmen seines Artists-in-Residence-Programms stellt das BUNDESKANZLERAMT in Kooperation mit KULTURKONTAKT AUSTRIA ausländischen Kulturschaffenden Stipendien zur Verfügung. Noch bis Ende Dezember 2015 ist die polnische Komponistin und Vokalistin AGATA ZUBEL zu Gast in Österreich. Christian Heindl sprach mit der Künstlerin.
Agata Zubel, wie wurden Sie auf das Projekt Composer in Residence des österreichischen Bundeskanzleramtes und von KulturKontakt Austria aufmerksam?
Agata Zubel: Erfahren habe ich davon durch das Klangforum Wien, mit dem ich schon seit längerer Zeit in Kontakt bin und das mir einen Auftrag gegeben hat.
Waren Sie zuvor schon einmal in Österreich und hatten Sie bereits ein Vorwissen über die zeitgenössische österreichische Musikszene?
Agata Zubel: Ja, ich war erst im September hier, als wir mit dem Klangforum „Not I“ im Wiener Konzerthaus aufgeführt haben. Ich habe als Komponistin und als Sängerin bereits mehrfach mit dem Klangforum gearbeitet, zum ersten Mal 2010 beim Festival Sacrum Profanum in Polen. 2012 machten wir dort ein ganzes Konzert mit meiner Musik. Seither haben wir sicher schon mehr als zehn Konzerte in verschiedenen Ländern Europas und in Amerika miteinander bestritten. Österreichische Komponisten waren mir zum Teil namentlich bekannt, aber ich habe mich nur mit wenigen näher beschäftigen können.
Was hat Sie besonders an der Möglichkeit gereizt, als Cultural Events Artist/Composer in Residence nach Österreich zu kommen?
Agata Zubel: Eben die angesprochene Möglichkeit zur intensiven Arbeit mit dem Klangforum. Das Zweitwichtigste ist, dass gerade Wien Modern startet und ich da eine Menge Neuer Musik hören kann!
Nach Ihren ersten Wochen hier in Österreich: Können Sie Vergleiche zwischen der Situation der zeitgenössischen Musik hier und in Polen ziehen bzw. wie würden Sie allgemein die Lage in Ihrem Heimatland beschreiben?
Agata Zubel: Ein Vergleich wäre schwierig, dazu kenne ich die österreichische Szene noch zu wenig. In Polen wird die Neue Musik jedenfalls nie etwas für eine riesige Zuhörerschaft sein, was aber kein Problem ist. Ich denke, das war immer so. Generell haben wir in Polen eine recht gute Situation für Neue Musik. Es gibt viele Festivals wie den Warschauer Herbst, Sacrum Profanum in Krakau, Musica Polonica Nova, wo nur polnische Musik aufgeführt wird, Musica Electronica Nova und viele andere.
Wichtig ist auch, dass wir seit einigen Jahren ein sehr gutes Förderungsprogramm des Kulturministeriums haben: Ein Ensemble sucht um eine Förderung für ein Stück an und diese Förderung geht dann an das Ensemble und an die Komponistin beziehungsweise den Komponisten. Auf diese Weise werden rund 200 Werke jährlich gefördert.
In Österreich gibt es hin und wieder immer noch die Diskussion über gleiche Möglichkeiten für Komponistinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen. Ist das auch in Polen ein Thema?
Agata Zubel: Ich hasse diese Frage! Ich weiß natürlich, dass das diskutiert wird, aber ich selbst hatte nie ein Problem, zumal ich schon früh als Schlagwerkerin in eine Männerdomäne integriert war. Heute gibt es in Polen sehr viele junge Komponistinnen. Ich kann mir vorstellen, dass es durchaus Berufe gibt, die nicht für Frauen geeignet sind – Packer am Flughafen zum Beispiel –, aber im Job des Komponisten gibt es nichts, was Frauen nicht tun können.
Am 27. Oktober gab es im Arnold Schönberg Center in Wien ein Konzert des ensemble reconsil, bei dem Ihr Stück „Cascando“ zur österreichischen Erstaufführung gelangte. Wie war diese Erfahrung für Sie? Waren Sie zufrieden mit der Umsetzung?
Agata Zubel: Das ist ein sehr gutes Ensemble und Roland Freisitzer ist ein hervorragender Dirigent. Es war wirklich eine Freude, mit ihnen zu arbeiten – wie es immer ist, wenn man mit guten Leuten arbeitet!
Konnten Sie darüber hinaus seit Anfang Oktober schon österreichische Kolleginnen und Kollegen kennenlernen, Konzerte und Theater besuchen?
Agata Zubel: Wichtig ist für mich vor allem, dass Wien Modern begonnen hat. Für mich als Vokalistin ist es auch insbesondere deswegen so toll, weil es dieses Jahr Stimmen gewidmet ist!
Darüber hinaus war ich im Theater an der Wien, im Konzerthaus, im Porgy & Bess: Ich versuche, Wien als die Kulturstadt zu erleben, die es ja ist. Man könnte hier jeden Tag in ein Konzert gehen. Es ist fast schade, dass ich hier bin, um zu arbeiten.
Gibt es neben der Musik noch andere Dinge, die sie in Österreich in den nächsten Wochen vorhaben?
Agata Zubel: Nein, vor allem habe ich die sehr dichten Pläne mit dem Klangforum. Am 13. November werden wir bei Wien Modern gemeinsam Bernhard Langs „DW16 Songbook I“ gestalten und am 20. November werden wir im englischen Huddersfield auch ein Stück von mir aufführen. Lang kenne ich schon seit 2004, als ich beim Warschauer Herbst „DW9 Puppe/Tulpe“ sang, was damals ein Riesenerfolg war.
Sie haben eingangs schon Ihr aktuelles Projekt erwähnt. Können Sie bitte mehr darüber erzählen?
Agata Zubel: Das Stück ist ein Auftrag des Klangforums, mit dem ich bereits vor einem Jahr begonnen habe. Es ist sehr hilfreich, dass ich nun hier sein und mit dem Ensemble das Finale erarbeiten kann. Das ist ein Stück für das Musiktheater, eine Art Oper nach Heiner Müllers Text „Bildbeschreibung“. Ich vertone den kompletten Text mit einer Sängerin und einem Sänger, es gibt aber auch Teile, die von Musikern, die auf der Bühne spielen, gesprochen werden. Ich hoffe, das hier abschließen zu können. Aufführungsort und -datum sind noch nicht fixiert.
Wie würden Sie ganz allgemein ihr musikalisches „Credo“, ihre Arbeit zusammenfassen?
Agata Zubel: Schwer zu sagen. Mit jedem Stück versuche ich, für mich eine neue Welt zu finden. Ich versuche auch, Spaß zu haben, wenn ich komponiere. Es wird vielleicht für einen Außenstehenden einfacher sein, in meinen Werken Gemeinsamkeiten zu finden. Generell arbeite ich gerne mit Text, wobei es für mich keinen Unterschied macht, ob ich ein Schubert-Lied oder ein eigenes Stück singe. Ich versuche immer, das zu finden, was die Musik einem Gedicht geben kann, was nicht im Text selbst enthalten ist – Gefühle, Atmosphäre.
Gibt es für Sie besonders bevorzugte Dichter?
Agata Zubel: Beckett zum Beispiel, nach seinen Texten habe ich schon drei Stücke gemacht. Auch viele polnische Autoren wie etwa Wisława Szymborska und Czesław Miłosz.
Wie erleben Sie Wien?
Agata Zubel: Es ist ein herrlicher Herbst hier, und das soll bitte bis zum Ende des Jahres so bleiben. So lange dauert mein Aufenthalt. Ich wohne im Schloss Laudon und da ist es ganz toll, wenn man aus dem Fenster auf die fantastischen Herbstfarben sieht!
Wie würden Sie sich ganz allgemein positioniert sehen?
Agata Zubel: Ich habe eine fantastische Zeit. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich derzeit drei Aufträge habe: ein Stück für das Los Angeles Philharmonic, das im Jänner 2016 uraufgeführt wird, ein Stück für das Ensemble intercontemporain, das im Mai in Wrocław gespielt wird, und schließlich etwas für Seattle Symphony. Da wird die Premiere im Oktober 2016 sein.
Ja, und dann habe ich vor wenigen Tagen meine neue CD präsentiert: „Stories Nowhere From“ für Stimme und Elektronik bzw. Klavier gemeinsam mit meinem Freund Cezary Duchnowski, mit dem ich das Duo ElettroVoce bilde. Das ist auf dem Label Accord erschienen.
Wie geht es Ihrem Mann, dem Komponisten Michał Moc, wenn er sieht, wie gefragt Sie sind?
Agata Zubel: Der ist auch sehr aktiv, allerdings in einem anderen Bereich, vor allem im Unterricht. Er arbeitet auch als Coach für Musiklehrer. Also da gibt es keine Probleme. Ein Komponist zu sein bedeutet vor allem, dass jeder nach seiner eigenen Musik sucht.
Vielen Dank für das Gespräch!
Christian Heindl
***
Zur Person:
Agata Zubel, 1978 in Wrocław geboren, absolvierte die Karol-Lipiński-Musikakademie in ihrer Geburtsstadt (Komposition bei Jan Wichrowski, Vokalstudien bei Danuta Paziuk-Zipser). Weitere Studien führten sie in die Niederlande und zu mehreren Kursen. Gegenwärtig lehrt sie selbst an der Musikakademie in Wrocław. Für ihre bisherige Arbeit verlieh ihr das polnische Kulturministerium die „Medaille für Verdienste um die polnische Kultur“. Als Sängerin nahm sie an zahlreichen renommierten Veranstaltungsreihen und Festivals in Europa, Amerika und Asien teil, wobei ihr Schwerpunkt der Neuen Musik gilt. Sowohl als Interpretin wie auch als Komponistin veröffentlichte sie bereits mehrere CDs. Auf beiden Gebieten gewann sie zahlreiche internationale Wettbewerbe und Auszeichnungen.
Fotos Agata Zubel (c) Tomasz Kulak