Interview mit Michael Floredo

Drei Organisten gleichzeitig an der Brucknerorgel von St. Florian und Effekte, die man so an einer Orgel noch nie gehört hat – Michael Floredo greift für seine dritte Sinfonie ins Volle. Der Vorarlberger Komponist und Orgelimprovisator Michael Floredo (43) hat in der Vergangenheit durch die stark religiös geprägte Aussagekraft seiner Werke auf sich aufmerksam gemacht. So wurde seine erste Symphonie, die „Missa Opera“, mit dem Sonderpreis der päpstlichen Akademien Rom ausgezeichnet, der bei Gerold Amann am Landeskonservatorium ausgebildete Komponist selber mit dem österreichischen Staatsstipendium und dem internationalen Bodenseepreis. Floredo ist aber immer wieder auch für Überraschungen gut. Er erhielt von den internationalen Brucknertagen im Stift St. Florian eine Einladung als Composer in Residence 2010, damit verbunden war die erstmals an einen österreichischen Musiker erfolgte Erteilung eines Kompositionsauftrages.

Floredo schrieb in eineinhalbjähriger Arbeit eine über 50-minütige Orgelsinfonie in vier Sätzen, die nach drei Organisten gleichzeitig an der dortigen Brucknerorgel verlangt – ein allein platztechnisch nur schwer vorstellbares Unterfangen, das in der gesamten Musikgeschichte keinerlei Parallelen findet. Die Hintergründe dazu erfuhr Fritz Jurmann im Gespräch mit Michael Floredo.

Drei Organisten an einer Orgel – worin liegt der Reiz einer solchen Besetzung für den Komponisten?
Es ist so, dass ich dabei vom Orchester ausgehe und die einzelnen Werke der Orgel wie das Trompetenwerk, Labialwerk, Regalwerk oder das Schwellwerk jeweils einem Organisten zuordne. Dadurch erhält das Stück einen sinfonischen Charakter, und es gibt auch technische Anforderungen, die so auf mehrere Spieler aufgeteilt werden können, für einen oder zwei Organisten aber auf längere Zeit nicht zu bewältigen wären.

Die drei Organisten mit Ihrem Freund Jürgen Natter als Primo-Spieler müssen also nebeneinander auf der schmalen Orgelbank Platz finden und sollten sich natürlich auch musikalisch optimal verstehen?
Ich konnte das bereits 2006 bei meinem ersten Stück für drei Organisten ausprobieren, dem in der Pauluskirche Basel uraufgeführten „Perpetuum mobile“,  und das hat damals sehr gut funktioniert. In St. Florian wird es bei diesem weit anspruchsvolleren Werk für präzise Einsätze und Tempowechsel zusätzlich einen Dirigenten geben, Stiftskapellmeister Matthias Giesen. Die dortige Brucknerorgel, die in ihren Grundzügen auf das Jahr 1774 zurückgeht, ist heute mit ihren 103 Registern und 7386 Pfeifen in elektrischer Traktur die größte spielbare Kirchenorgel Österreichs. Sie wurde zuletzt von 1992 bis 1996 generalüberholt und auf den aktuellsten technischen Stand gebracht. Das Instrument kommt dem Spieler jetzt sehr hilfreich durch elektronische Setzerkombinationen entgegen, mit denen man Registrierungen vorprogrammieren und ferngesteuert abrufen kann. Zudem kann man die darauf gespielte Musik eins zu eins aufnehmen und von der Orgel selber, also nicht über Lautsprecher, wiedergeben lassen – das ist faszinierend!

Hat die Brucknerorgel eigentlich genug Wind, wenn durch drei Spieler so viele Tasten gleichzeitig gedrückt werden?
Das wird kein Problem sein. Denn das hat sich schon gezeigt, als der Aktionskünstler Hermann Nitsch vor einiger Zeit auf seine einfache Art darauf improvisiert hat, und zwar, indem er sich Bretter machen ließ und diese auf die Tasten gelegt hat, damit alle gleichzeitig aktiviert werden konnten. Das gab natürlich damals einen ziemlichen Tumult in St. Florian. Aber man sollte das nicht überstrapazieren, und es hätte ja auch in meinem Werk keinen Sinn, wenn immer alle Orchestergruppen im Tutti gleichzeitig spielen würden.

Bekanntlich ist in einem Sarkophag direkt unter der Orgel von St. Florian der Komponist Anton Bruckner begraben – haben Sie darauf in irgendeiner Weise Bezug genommen?
Die Auftraggeber in St. Florian haben durchblicken lassen, sie würden sich freuen, wenn mein Werk in irgendeine Beziehung zu Anton Bruckner gebracht würde, und das habe ich gerne wahrgenommen. Erkennbare Zitate gibt es natürlich nicht, auch keine Anklänge an seine Tonsprache, das wäre zu plakativ in einem Stück absoluter Musik. Aber ich habe versucht, mich bei diesem Werk in das Wesen Anton Bruckners einzufühlen. Und das Motiv B-A-C-H als Kreuzsymbol steht hier auch als Symbol des Wassers und zieht sich durch die ganze Sinfonie.

Kann man in diesem Werk bestimmte stilistische Merkmal erkennen?
Diese Sinfonie ist in der Tradition begründet, geht dann aber extrem weit über unsere Zeit hinaus. Es sind Effekte drin, die man bisher auf der Orgel so noch nie gehört hat – mehr möchte ich dazu nicht verraten.

Wie entsteht nun ein so gewaltiges Werk bei Ihnen – lassen Sie sich von ihren eigenen Orgelimprovisationen inspirieren oder ist das nur handwerkliche Arbeit am Noten-Computer?

Natürlich ist für mich die Improvisation die wichtigste Quelle für meine Werke. Komponieren ist ein Wachsen, so wie ein Instrument zu lernen. Man spürt mit der Zeit, wie das Eigene hörbar wird und sichtbar in den Noten. Handwerklich war es sehr schwierig, für drei Organisten zu schreiben, das muss man dann immer wieder ausprobieren an der Orgel, wie das klingt und technisch machbar ist.

Nochmals zurück nach St. Florian, wo Sie 1986 einen mehrmonatigen Studienaufenthalt absolviert haben. Es gibt also eine persönliche Bindung zu diesem Ort und seinem damaligen Stiftsorganisten, dem Komponisten Augustinus Franz Kropfreiter?
Für mich ist Kropfreiter, der leider vor ein paar Jahren verstorben ist, einer der größten Meister der Polytonalität. Aber seine Stilistik hat mich damals weniger geprägt als seine Ernsthaftigkeit, mit der er mit der Musik umgegangen ist. Das war das Entscheidende in der Begegnung mit diesem fantastischen Musiker, der dort mein Mentor und Lehrer war. Und deshalb freue ich mich ganz besonders auf die Uraufführung meiner dritten Sinfonie im August an diesem besonderen Ort.
Fritz Jurmann

Dieses Interview erschien in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Nr. 6/2010, Juli/August, S. 32-33.

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