Bild Kristoff
Kristoff (c) Andreas Jakwerth

„Ich kann einfach nicht aus meiner Haut, es ist, wie es ist“ – KRISTOFF im mica-Interview

Nach GARISH hat CHRISTOPH JARMER nicht aufgehört, Musik zu machen: Jetzt legte er unter dem Namen KRISTOFF ein Solo-Album vor, bei dem er sich künstlerisch angekommen fühlte, wie er im Gespräch mit Jürgen Plank erzählte. Außerdem sprach CHRISTOPH JARMER über die Digitalisierung in der Musikindustrie und darüber, wieso er englischsprachige Texte stets als Schutzmauer empfunden hat.

Wie ordnest du dein aktuelles Album „Aus da Haut“ selbst ein? Bist du damit an einem Punkt angekommen, den du erreichen wolltest?

Christoph Jarmer: Es ist sicher der Sprache geschuldet, dass ich mich jetzt so zu Hause fühle. Alles, was ich bisher gemacht habe, war ja meist in englischer Sprache. Und die Texte zu schreiben, war immer das letzte Stück Arbeit, das ich mir aufgehoben habe, weil ich das nicht gerne gemacht habe. Dass ich irgendwann in meiner Umgangssprache schreiben werde, war mir immer klar.

Und in puncto Musik? 

Christoph Jarmer: Musikalisch bin ich jetzt wieder dort angekommen, wo ich schon war. Dazwischen habe ich ein paar Sachen ausprobiert: ohne Gitarren, soundmäßig up to date, aber das ist mir überhaupt nicht gelegen und da habe ich mich auch in Bezug auf die Live-Konzerte nicht wohl gefühlt. Unter dem Pseudonym Oberst Stern habe ich ein Elektroprojekt gemacht, es war alles am Computer geschrieben und produziert. Das wurde groß angedacht, damals mit Beteiligung von Universal, aber es ist nicht wirklich ins Laufen gekommen und es hat sich irgendwann auch nicht mehr richtig angefühlt. Wir haben eine Single veröffentlicht und ein Konzert gespielt und gleich nach dem Konzert habe ich mir gedacht: „Da kommt überhaupt keine Emotion auf.“

Wo liegen deine Stärken als Musiker? 

Christoph Jarmer: Es ist meine Stärke zu wissen, wie ich das Publikum erreiche. Wie ich rüberkomme.

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Kristoff (c) Andreas Jakwerth

Du bist bereits ein erfahrener Musiker, für jüngere Kolleginnen und Kollegen, die das lesen werden, frage ich nach: Wie erreicht man das Publikum? Das ist ja mit das Schwierigste. 

Christoph Jarmer: Ja, natürlich gibt es kein Rezept. Also ich versuche einfach, so gut es in dieser Branche möglich ist, authentisch zu bleiben. In dem, was ich mache, und in dem, was ich kommuniziere. Seit ich Kristoff mache, habe ich schon einige kleine Gigs gespielt und es hat sich immer richtig und großartig angefühlt. Ich konnte viel offener mit dem Musikmachen umgehen. Englisch hat für mich immer eine riesige Schutzmauer gehabt und ich konnte erzählen, was ich wollte. Es war sowieso kryptisch. In englischer Sprache zu schreiben ist ja quasi ein Irrsinn! Da kriegt die Zuhörerschaft gar keine Informationen mehr mit und bekommt keinen Draht mehr zu mir.

„Mir geht es schon um einen gewissen poetischen Anspruch und um den Klang der Worte.“

Es gibt viele Alben, die persönliche Lebensphasen aufarbeiten, meist gescheiterte Beziehungen. Solche Alben gibt es etwa von Seal, Ramazotti und Björk. Ist „Aus da Haut“ auch eine Aufarbeitung? 

Christoph Jarmer: Nein, eigentlich nicht. Aber es gibt viele Momente, in denen ich mir denke: „Ich kann einfach nicht aus meiner Haut, es ist, wie es ist.“ Das ist auch beim Schreiben so, auch wenn man etwas anderes probiert, kommt man immer wieder auf einen ähnlichen Pfad. Gewisse Charaktereigenschaften sind so, wie sie sind, daran kann man herumbasteln, wie man will. Prinzipiell ist das Album keine Aufarbeitung eines Lebensabschnitts. Für mich geht es auch nicht um eine Message, die ich verbreiten will. Mir geht es schon um einen gewissen poetischen Anspruch und um den Klang der Worte.

„Aus da Haut“ ist also nicht die Aufarbeitung einer Lebensphase, aber doch eine größere Erkenntnis, weil vielleicht noch nicht alle bemerkt haben, dass man in seiner Grundstruktur tendenziell gleich bleibt.

Christoph Jarmer: Ja, natürlich. Die Texte sind innerhalb von zwei Jahren entstanden und das Schreiben ist mir leicht von der Hand gegangen. Ich jongliere da auch mit Worten. Ich muss immer an Grönemeyer denken: In „Ich hab dich lieb“ geht es ja um zwei, die sich trennen. Das ist aber ein beliebtes Lied auf Hochzeiten. Wenn die Leute das so spüren, ist das okay.

Ist also dein Lied „Du bliatst“ ein Liebeslied?

Christoph Jarmer: Ja, das könnte sein. „Du bliatst“ ist vieles, aber was hängen bleibt, ist auf jeden Fall, dass man nicht perfekt ist und den Makel irgendwie schätzt.

Man ergänzt den Albumtitel automatisch zu: „Aus der Haut fahren“. Was bringt dich auf die Palme?

Christoph Jarmer: Vieles. Und ich versuche, mich ein bisschen zusammenzureißen. Die Texte zeigen auch Ärger und der Albumtitel hat zwei Bedeutungen. Zu Beginn ging es eben mehr um „aus der Haut fahren“ und das hat sich immer mehr in Richtung „Ich kann nicht aus meiner Haut“ gewandelt. Das finde ich auch spannend, dass diese zwei Aussagen trotzdem stimmen. Dazu fällt mir das Lied „Der Noa red uns drein“ ein, das sagt: Jeder redet so viel mit und da wird auch mit gefährlichem Halbwissen gearbeitet. Wir sollten uns weniger wichtig nehmen und nicht überall unseren Senf dazugeben. Ich versuche, das zu machen. 

Wie war der Schritt vom Elektronikprojekt Oberst Stern hin zu Kristoff? 

Christoph Jarmer: Vom Elektroprojekt Oberst Stern war schon das komplette Album fix und fertig. Aber ich habe das Album verworfen und habe zu den Texten neue Musik in Singer-Songwriter-Manier geschrieben. 

Insgesamt ist deine Musik eher melancholisch gehalten, gibt es auch lustige Lieder von dir?

Christoph Jarmer: Ja, ich glaube, eines gibt es inzwischen. Aber da kann ich nicht aus meiner Haut! Jedes Mal, wenn ich zur Gitarre greife, spiele ich zu 99 Prozent zuerst einen Moll-Akkord. Vor Weihnachten habe ich zwei neue Lieder geschrieben, die teilweise ein bisschen lustiger sind. Da könnte man sogar ein wenig schmunzeln.

Mir schien das Lied „So wie du“ ein Schlüsselsong des Albums zu sein. „Ich werde mich amüsieren wie du“, singst du da. Wie kam es zu diesem Lied?

Christoph Jarmer: Witzig, dass du das sagst. Bevor ich mich mit diesem Song richtig gefühlt habe, hat es sechs oder acht verschiedene Versionen gegeben. Nicht textlich, aber musikalisch. Der war mir so extrem wichtig, weil das ein Lied ist, das sagt: Ich werde es euch schon zeigen. Das ist sicher auch ein wenig der Garish-Trennung geschuldet, weil ich doch überrascht war, wie wenig von dieser Zeit geblieben ist. Auch an Connections. Das heißt: Du musst wieder von ganz unten anfangen. Ein bisschen aus dieser Wut heraus habe ich geschrieben: „Ich werd noch triumphieren und alle Leut sekkieren.“

Ich bin überzeugt von dem, was ich mache, und ich lasse nicht locker. Ich hätte ja auch den Hut auf das Künstlerische werfen können, aber die Frage hat sich nicht gestellt. Jetzt bin ich recht zufrieden, deshalb hat die Entscheidung weiterzumachen gepasst. Auch zu akzeptieren, dass ich meinen Anspruch generell ein wenig herunterschrauben muss, um nicht grantig herumzulaufen. Es war ein hartes Stück Arbeit, bis hierher zu kommen, und es wird ein hartes Stück Arbeit, noch weiter zu kommen.

„Für mich wäre es nicht interessant, eine rein digitale Veröffentlichung zu machen.“

Die Digitalisierung hat wohl Vor- und Nachteile für Musikerinnen und Musiker. Wie siehst du das?

Christoph Jarmer: Wenn ich nur das Wort „Streaming“ höre, stellt es mir schon die Haare auf. Jedes Mal, wenn ich auf dem Spotify-Artist-Channel etwas mache, ärgere ich mich und denke mir: „Eigentlich ist es eine Frechheit.“ Viele Leute haben keine Ahnung, was es an Zeit und Geld kostet, Musik zu machen. Das Konsumieren von Musik ist eine Selbstverständlichkeit. Dafür zahlen? Wer zahlt denn dafür? Das ist eine Unart, die inzwischen salonfähig gemacht worden ist, und das finde ich schon fürchterlich. Vieles ist natürlich leichter geworden, du kannst einfach etwas veröffentlichen und stellst Videos selbst auf YouTube. Nach wie vor passiert viel wertvolle Musik, aber die Konsumentin bzw. der Konsument ist schon verwöhnt und ist verblendet worden. Deswegen zähle ich schon auf analoge Tonträger. Für mich wäre es nicht interessant, eine rein digitale Veröffentlichung zu machen. Jetzt Vinyl zu machen, war mir ein Anliegen.

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Jürgen Plank

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Kristoff live
06.03. Sargfabrik, Wien
12.03. Kulturcafe Smaragd, Linz
13.03. FreuRaum, Eisenstadt

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