Bild Violetta Parisini
Violetta Parisini (c) Anita Schmid

„Ich will nicht etwas anstreben, was ich nicht bin“ – VIOLETTA PARISINI im mica-Interview

Geboren und aufgewachsen in Wien, erzählt VIOLETTA PARISINI gerne Geschichten, kleine und große, manchmal auch große in kleinen. Am 28. Februar erscheint nun – nach acht Jahren – ihr neues Album „Alles bleibt“ (Else Musik). Die Sängerin, die zuvor mit großer Band und Produzenten zwei Alben herausgebracht hat, begleitet sich mittlerweile oft selbst am Klavier, singt nicht mehr auf Englisch, sondern auf Deutsch und hat ihr eigenes Label. Auf ihrem neuen Album erzählt VIOLETTA PARISINI von Verletzlichkeit und Angst, die zu Stärken wurden, von einem Leben, das verwirrend und schmerzhaft ist, aber trotzdem ganz und gar lebenswert. Im Interview mit Julia Philomena geht VIOLETTA PARISINI auf die Verwundbarkeit ein, auf Freundschaften, die Halt geben, auf Umwege, die zum Ziel führen, und auf die Zuversicht, die nicht verloren geht.

2019 hast du für die Finanzierung deines neuen Albums „Alles bleibt“ zum ersten Mal ein Crowdfunding gestartet. Wie kam’s zu der Entscheidung?

Violetta Parisini: Die Entscheidung ist im Laufe der Zeit gewachsen. Schon vor einer Ewigkeit habe ich den TED-Talk „The art of asking“ von Amanda Palmer gehört, der mich sehr inspiriert hat und den ich allen Musikschaffenden empfehlen kann. Da ging es viel um Angst, Stolz, Verletzlichkeit und den Weg der Überwindung. Das war der eine Strang. Der andere war meine Erkenntnis, dass ich zu meinem Publikum eine starke Verbundenheit aufbauen kann. Das hat sich so entwickelt, ist immer intensiver geworden, meine Musik immer persönlicher. Wenn man älter wird, mehr erlebt, werden auch die Gefühle oder eigentlich die Umstände komplizierter. Wahrscheinlich ist es nur die logische Konsequenz gewesen, dass meine Musik nicht mehr Wünsche beschreibt, sondern den vielleicht komplexeren Zustand der mittlerweile erfüllten oder auch unerfüllten Wünsche. Wenn man ehrlich darüber spricht, Probleme und Gedanken offen thematisiert, dann fühlt sich auch das Publikum dazu ermutigt. Für den Mut zur Verletzlichkeit gibt es Resonanz und Offenheit. Und Crowdfunding ist der offenste, direkteste Weg zum Publikum. Ich habe immer mit ganz anderen Strukturen gearbeitet und bin froh, dass ich mich davon gelöst habe. 

Dein letztes Album ist vor acht Jahren bei Universal Music erschienen, mittlerweile hast du ein eigenes Label gegründet und bist unabhängig.

Violetta Parisini (c) Anita Schmid

Violetta Parisini: Ich glaube nicht, dass der unabhängige Weg für alle Kunstschaffenden der richtige ist, auch für mich nicht immer war, aber jetzt eben schon. Für mich ist die Tatsache, dass ich Entscheidungen selber treffen kann, sehr wichtig geworden. Ich wurde zwar nie übergangen, habe dem großen Label auch viel zu verdanken, aber mir waren bis zu einem gewissen Grad die Hände gebunden. Wenn ich jeden Schritt selber setzen, jeden Stein selber legen muss und kann, dann ist das für mich immer direkter, echter, schöner. Auch anstrengender, aber die direkteste Verbindung zu meinem Publikum.

Ein direkter Zugang, der mittels Crowdfunding gleich das Thema Verletzlichkeit vorgab?

Violetta Parisini: Es hängt natürlich alles zusammen, zumindest fühlt sich das rückblickend so an. Außerdem kann man aus der Not eine Tugend machen. Oder auch erkennen, dass es weder Not noch Tugend ist, sondern einfach stimmig.

„Ehrlichkeit hat mich immer weitergebracht […]

 „Mehr sein“ ist als Single im Dezember 2019 erschienen. Fungiert der Song als thematischer Leitfaden für das Album?

Violetta Parisini: Die Nummer fasst jedenfalls sehr gut zusammen, was mir wichtig war. Nämlich nicht nur thematisch für das neue Album. „Mehr sein“ beschreibt auch den Grund, warum es so lange gedauert hat, wieder ein Album zu machen. Ich wollte nichts ausformulieren, nichts erklären, sondern mehr ein Gefühl vermitteln. Abgesehen davon war es mir unglaublich wichtig, kein „cooles“ Comeback zu inszenieren. Das ist absolut verzichtbar in meinen Augen, cool zu sein ist mir nicht wichtig. Ich will nicht etwas anstreben, was ich nicht bin. Ich will eben nicht „mehr sein“ müssen. Ehrlichkeit hat mich immer weitergebracht und mich zu einer ganz klaren, geraden, unverfälschten Kommunikation geführt. Nicht nur mit meinem Publikum, sondern mit allen Menschen.

Du sprichst in dem Song auch die Angst vor der eigenen Wertlosigkeit an. Ein Phänomen unserer Zeit?

Violetta Parisini: Es wird uns vermittelt, dass wir funktionieren müssen, in Konkurrenz miteinander stehen, besser, schneller stärker sein müssen. Das beginnt spätestens in der Schule, mit dem schrecklichen System der Benotung. Und wir sind alle unglücklich damit. Ich glaube, dass der Vergleich die Menschheit unglücklich macht. Vor allem der durch die Gesellschaft verstärkte Mechanismus der Wertigkeit. Es sollte niemals darum gehen, wie gut, schnell, stark jemand ist. Wir sind zusammen gut. Zusammen können wir unsere Welt zu einer besseren machen und ich gehe davon aus, dass sich das alle oder zumindest sehr viele wünschen.

„Es geht uns allen ähnlich, das ist ein gutes Gefühl.“

Verbundenheit spielt für dich auch in der Kunst eine Rolle. Mit Carola Schmidt bist du nicht nur seit Jahren befreundet, ihr habt auch schon oft zusammengearbeitet.

Violetta Parisini: Freundschaft ist in meiner Welt unverzichtbar, sei es in der Musik oder privat. Weil ich mich nicht allein gelassen fühle mit dem Zorn. Oder mit der Zuversicht. Es geht uns allen ähnlich, das ist ein gutes Gefühl. Es ist erleichternd zu wissen, dass niemand über allem stehen kann. Dass niemand immer souverän sein kann. Niemand nie Stress hat. Niemand immer glücklich ist.

Am 24. Jänner ist die Single „Frei“ mit einem Musikvideo von Carola Schmidt erschienen.

Violetta Parisini: Ich schätze Carola nicht nur als Person sehr, sondern auch als Künstlerin. Wir wollten unbedingt wieder gemeinsam arbeiten und haben uns überlegt, dass es für die Nummer schön wäre, eine Reise zu filmen. Sie hat mir ein paar Aufnahmen gezeigt, die im Kontext eines Theaterprojekts entstanden waren und die auf Anhieb gepasst haben. Aber wir wollten zusätzlich noch etwas Neues drehen und weiter an dem Video arbeiten. Carola und ich haben in Summe sehr viel Zeit investiert, bis wir am Ende zu dem Entschluss gekommen sind, dass das alles zu viel ist und das Ausgangsmaterial völlig reicht. Es erzählt sich anhand der Bilder zwar keine klare Geschichte, aber eine Stimmung. Und um die Stimmung geht es ja. Im Endeffekt habe ich mir gedacht, dass dieser Prozess eigentlich stellvertretend für die ganze Thematik des Albums steht. Umwege führen eben oft zum richtigen Weg. Und es muss nicht immer „mehr sein“.

„Ich bin selbst das Gegenteil einer gleichgültigen Person – ich mische mich überall ein, wahrscheinlich zu oft.“

Worum geht es im Song „Frei“?

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Violetta Parisini (c) Anita Schmid

Violetta Parisini: Einerseits geht es um die persönliche Freiheit, zu sein, wer man ist, anderseits geht es aber auch um den Tod. Das kann natürlich jede und jeder anders interpretieren, sehr viele haben das nicht so gelesen und das stört mich nicht. Ich will niemandem meine Geschichte aufdrücken, trotzdem spiele ich mit „Gleichgültigkeit überall“ ganz klar auf den Zustand nach dem Tod an. Ich weiß natürlich nicht, was passiert, nachdem wir gestorben sind, aber auf eine spirituelle Art und Weise stelle ich mir das so vor, dass eine Person, die ihr Leben lang versucht hat, „richtig“ zu sein, ein guter Mensch zu sein, plötzlich alle Last verliert. Das ist ein Gedankenspiel, aber auch meine Versöhnung mit einer schwierigen Beziehung zu einem schon verstorbenen Menschen. Und mir geht’s dabei, obwohl die Nummer besonders persönlich ist, gar nicht um Autobiografie, sondern um Struktur. Deswegen steht weniger diese Geschichte, sondern eigentlich wieder ein Gefühl im Vordergrund. Und auch die Ambivalenz der Gleichgültigkeit. Ich finde Gleichgültigkeit furchtbar. Ich bin selbst das Gegenteil einer gleichgültigen Person – ich mische mich überall ein, wahrscheinlich zu oft. Gleichzeitig ist die Vorstellung, dass alles gleich viel wert ist, doch sehr schön. 

Gibt es einen Ort, wo du dich mit deiner Musik besonders frei fühlen kannst?

Violetta Parisini: Das Wohnzimmer. Im Rahmen der Crowdfunding-Aktion habe ich zwei Wohnzimmer-Konzerte unverstärkt bei mir zu Hause gespielt. Das waren unglaublich schöne Erlebnisse. Aber solche Konzerte funktionieren nur in ganz kleinem Rahmen. Wie ich mir das leisten kann, weiß ich noch nicht, aber ich weiß, dass ich auf jeden Fall oft kleine Konzerte spielen möchte. Aber auch große Konzerte mit meiner großartigen Band sind für mich sehr beglückend. „The medium is the message“, heißt es ja, und beide Varianten haben einen großen Reiz.

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Violetta Parisini: Ich will gerne viel spielen, das wünsche ich mir! Aber mein Leben ist sehr dicht. Ich kann nicht alles gleichzeitig machen und wünsche mir, passend zum Album, dass ich mir eine gewisse Langsamkeit und Ruhe ermögliche. Ich will mir keinen Stress machen, ich will mich nicht kritisieren. 2020 will ich die Verbundenheit mit der Welt leben und dabei alles geben, was ich zu geben habe!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Julia Philomena

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Violetta Parisini live
27.02.2020 Casino Baumgarten, Wien (Release-Party)
13.03.2020 Windmills CraftWorks, Bangalore (IND)
14.03.2020 Windmills CraftWorks, Bangalore (IND)
28.05.2020 Milla, München (D)

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