Andreas Spechtl (c) Max Zerrahn

„Ich habe quasi probiert, mir ein bisschen meine Band zurückzuprogrammieren“ – ANDREAS SPECHTL im mica-Interview

Am 24. Mai 2019 erscheint das neue Soloalbum „Strategies“ (bureau B) von ANDREAS SPECHTL. Der aus dem Burgenland stammende Musiker ist vielen bereits als Sänger und Gitarrist von JA, PANIK bekannt. Nun veröffentlicht er sein bereits drittes Solowerk und überrascht dabei mit starken Atmosphären und interessanten musikalischen Zugängen. Der Musiker sprach mit Alexander Kochman über kreative und technische Aspekte der neuen Platte, über Sprache und die Entwicklung seiner Soloalben.

„Strategies“ ist schon dein drittes Soloalbum, wie schätzt du die Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede zu deinen bisherigen Werken ein?

Andreas Spechtl: Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich da so langsam reingeschlittert bin. Das erste Album, „Sleep“, sehe ich im Nachhinein eher als Skizzensammlung, wo eigentlich viele Dinge, die von der „Libertatia“-Platte [Ja, Panik; Anm.] übrig geblieben sind, eingeflossen sind. Da habe ich, glaube ich, noch versucht, mich als Musiker zu finden. Dann gibt es das Album, das ich im Iran gemacht habe: „Thinking About Tomorrow, And How To Build It“ ist wahrscheinlich die konzeptionellste Platte, die ich je gemacht habe. Da war das Konzept, dass ich dort hinkomme, ohne einen Ton geschrieben zu haben, schaue, was passiert, an der Musik arbeite und, wenn ich nach den zwei Monaten zurück nach Berlin fliege, auch nichts mehr daran ändere. Für mich war klar, dass ich eine Platte machen möchte, die gewissermaßen von Berlin und Europa handelt, aber kulturell und politisch so weit draußen passiert, wie man es sich fast nur vorstellen kann. Die Platte jetzt ist die erste, die – abgesehen vom Konzept bzw. Experiment – als Album funktioniert. „Strategies“ habe ich wirklich durchgeschrieben und es ist die Platte, die vom Stellenwert am ehesten an ein Album von Ja, Panik kommt. Ich würde sagen, „Strategies“ ist die erste Platte, zu der man keine Geschichte erzählen muss und die auch nicht als Experiment zu sehen ist.

Daher auch der Titel?

Andreas Spechtl: Ja, die Platte ist für mich so ein bisschen eine künstlerische und politische Inventur. Was mich im Leben begleitet hat, einige Themen oder Strategien eben. Ich wollte das, was mich die letzten zehn Jahre als Musiker interessiert hat, noch mal runterbrechen und mit kurzen Texten auf den Punkt bringen. Eine gewisse Form von Antifaschismus, vielleicht so etwas wie altmodisches Klassenbewusstsein, oder so ein Zukunftsgedanke, der sich eher aus so einer ontologischen Idee speist. Auch etwas von dem Gedanken, dass wir in einem System leben, welches uns kaputtmacht, gleichzeitig aber auch heilen will. Ich würde das Album als ein Überdenken der Ideen, die mich die letzten zehn Jahre beschäftigt haben, sehen, als eine Art Inventur all dessen.

Das letzte Album hast du in Teheran aufgenommen, dieses in Mexiko City.

Andreas Spechtl: Ich habe es in Mexiko geschrieben, aufgenommen habe ich es eigentlich in Berlin. Bei diesem Album gab’s den großen Unterschied, dass es eine Phase des Schreibens und eine Phase des Aufnehmens gab. Bei den Alben mit Ja, Panik ging das immer Hand in Hand. Bei der aktuellen Platte habe ich mir recht altmodische Sachen ausgedacht, so MIDI-mäßig geschrieben und dann den Computer spielen lassen … In Mexiko war ich aber aus privaten Gründen, weil meine Partnerin dort arbeitet. Der Unterschied zum vorherigen Album ist, dass „Strategies“ keine Mexiko-Platte ist.

Suchst du den geografischen Abstand zu Berlin, wenn du schreibst oder aufnimmst?

Andreas Spechtl: Ich sehe Berlin als mein Hauptquartier, bin aber gern unterwegs. Da ich gerade in einer Beziehung bin, wo der andere Partner viel unterwegs ist, und ich Gott sei Dank in einer Situation bin, in der es nicht so wichtig ist, wo ich mich befinde, ergibt sich das dann einfach ganz gut. Abgesehen davon gibt es nichts Besseres, als mal einen Winter nicht in Berlin zu verbringen [lacht].

„Fast jedes Stück auf der Platte endet in einer Sound-Fiesta.“

Andreas Spechtl (c) Max Zerrahn

Auch wenn du schon erwähnt hast, dass „Strategies“ keine Mexiko-Platte ist: Inwiefern ist der kreative Prozess für dich eher durch ein Beobachten oder durch ein In-sich-Hineinhorchen geprägt?

Andreas Spechtl: Ich glaube, ich tue mir schwer, das zu trennen … Ich weiß gar nicht, ob ich so der krasse Beobachter bin. Ich bin fasziniert von Sprache, insofern sind mir Gespräche beim kreativen Arbeitsprozess schon sehr wichtig. Ich spiele auch immer ungern Dinge vor, sondern rede immer ganz viel darüber [lacht]. Was diesmal interessant war, war, dass der Austausch viel über E-Mail stattgefunden hat. Aber natürlich kann man auf esoterische Weise sagen, dass sich das natürlich auswirkt, wenn ich im Dezember, Jänner an einem Ort bin, an dem die Sonne scheint. Fast jedes Stück auf der Platte endet in einer Sound-Fiesta. Ich finde, es ist diesen Stücken eigen, dass sie immer recht konzise, konzentriert beginnen und dann am Ende komplett in irgendeinen Wahnsinn ausfransen. Da höre ich immer so mein pseudoexotistisches Mexiko heraus. Ansonsten hat es jetzt nicht viel mit Mexiko zu tun, außer natürlich mit meiner Lebensrealität, die dort stattgefunden hat.

Wie machst du deine Sounds, Samples ? Hast du da einen Raum voll mit Instrumenten, Computern etc.? Die Titel klingen ja doch sehr organisch und erinnern mich phasenweise fast an (Free-)Jazz-Combos.

Andreas Spechtl: Es ist schön, dass du das sagst, ich habe ja noch gar nicht so viel Feedback bekommen. Es ist schon die synthetischste Platte, die ich je gemacht habe. Es kommt zwar ein Klavier vor, aber ganz absichtlich nur beim ersten und letzten Song, quasi um die Hörerinnen und Hörer rein- und rauszubegleiten. Und es kommt ein echtes, nicht synthetisches Saxofon als Konstante bei meinen Soloalben vor. Ansonsten habe ich versucht, eine synthetische Band herzustellen. Das muss ich wirklich ein bisschen aus technischer Sicht erklären. Ich habe vorher schon erwähnt, dass ich das alles wirklich geschrieben, programmiert und so MIDI-mäßig in einige Geräte geschickt habe. Also habe ich diese quasi ausgeschriebene Musik von Drum-Computern, Synthesizern etc. spielen lassen. Dabei habe ich aber versucht, mit einem kleinen modularen Synthesizer Ungenauigkeiten einzuprogrammieren. Und so zu versuchen, dass es dann eben doch organisch ist. Ich habe quasi probiert, mir ein bisschen meine Band zurückzuprogrammieren [lacht]. Das kommt auch irgendwie von der Erfahrung der letzten Platte. Da hat das Album wunderbar funktioniert, aber mit den Live-Konzerten war ich dann sehr unglücklich. Jetzt habe ich versucht, einen Weg zu finden, wo der Computer wirklich ein reines Aufnahmegerät ist. Die Stücke waren eigentlich komplett fertig und ich habe sie in diese Maschinen hineingespielt, die dann manchmal wahrscheinlichkeitsmäßig andere Sachen gemacht haben. Das habe ich aufgenommen und, wie man es bei einer Band macht, nur die besten Sachen rausgeholt und nur sehr grob geschnitten. Das hört man irgendwie bzw. ich habe gehofft, dass man das hört. Das war eigentlich auch die meiste Arbeit. Das wird live auch wieder anders sein. Es ist schön, dass es so nicht reproduzierbar ist.

Hast du „Strategies“ schon live präsentiert?

Andreas Spechtl: Bis jetzt noch nicht. Ich versuche es gerade komplett ohne Computer zu machen, quasi den Prozess im Studio zu imitieren, was ein bisschen schwierig ist. Das braucht sehr viel Kontrolle. Im Studio konnte man ja immer abbrechen. Es wäre eigentlich die Königsdisziplin, wenn ich dem Publikum Einblicke in die Aufnahmeprozesse bieten könnte. Aber ich werde versuchen, die Maschinen spielen zu lassen, und ab und zu eingreifen. Mal gucken, wie es funktioniert, aber ich möchte es auf jeden Fall mal komplett ohne Computer schaffen.

„(…) es war mir, glaube ich, irgendwann mal auch zu exklusiv, nur Deutsch zu singen.“

Wonach entscheidest du, welche Passagen du auf Deutsch und welche auf Englisch singst?

Andreas Spechtl: Bei der letzten Platte hat sich das von selbst ergeben, weil ich mit Sabar [Nachname; Anm.], meinem Mitmusiker, den ganzen Tag Englisch geredet habe. Ich wollte auch nicht etwas singen, was er nicht versteht, da war es klar, dass es eine englische Platte wird. Und ich finde, Englisch löst das Versprechen ein, welches Esperanto nie einlösen konnte. Ich habe nicht so ein riesiges Faible für die englische Sprache. Ich mag einfach Akzente, ich mag die Fehler und so arbeite ich irgendwie damit.

Ich finde an der englischen Sprache interessant, dass es diesen Internationalismus einlöst. Es ist die Sprache, die wahrscheinlich von mehr Leuten – falsch und mit Akzent – gesprochen wird als von Muttersprachlerinnen und Muttersprachlern. Ich mag beispielsweise Phoenix mit dem komischen französisch-englischen Akzent. Und es war mir, glaube ich, irgendwann mal auch zu exklusiv, nur auf Deutsch zu singen. Ich habe zu viele Freundinnen und Freunde, die Deutsch nicht verstehen. Das ist manchmal schon komisch, vor allem wenn man in einer Stadt wie Berlin wohnt. Und die kleinen deutschen Einsprengsel sind vielleicht auch bisschen komisch, ich kann darüber lachen. Vielleicht will ich auch zeigen, dass Deutsch meine Muttersprache ist, um nicht so rüberzukommen, als würde ich versuchen, mich als Londoner zu auszugeben. Ich gehe ganz offen damit um, dass Deutsch meine Sprache ist, ich aber auf Denglisch singe [lacht].

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Alexander Kochman

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