“Ich bin froh, dass ich die Kurve gekratzt habe (…)” – Joe Traxler im mica-Interview

Joe Traxler steht für organisch-groovigen Indie-Pop-Rock mit Tiefgang und Experimentierfreude. Seine musikalische Reise begann in Linz und führte ihn über London nach Wien. Am 8.10 erscheint die zweite Single seines für Frühjahr 2022 geplanten Debütalbums und  stimmt auf das neue Sound-Universum ein das Joe zusammen mit Niklas Pichler und Lukas Klement erschaffen hat. Was man erwarten kann? Einzigartig organischen Sound und authentische Lyrics… und Bongos. Regina Fisch spricht mit dem Multi-Instrumentalisten über seine Zeit in London, die stressbedingte Gesichtslähmung, neue Wege im Songwriting und wieso er das erste Mal so richtig hinter seiner Musik stehen kann.

Deine Songs auf den vergangenen EPs waren wesentlich reduzierter als die neuen Singles die in den letzten Monaten veröffentlicht wurden. Wie kam es dazu? 

Ich habe angefangen mehr selber zu produzieren und ich glaube das hat den Sound sehr geprägt. Ich habe jetzt viel mehr Einfluss auf das Sounddesign. Davor war der Fokus auf Gitarre und Gesang und jetzt starte ich eher mit einem bestimmten Sound oder einem Drum Groove, aus dem dann der Song entsteht. Außerdem haben auch Kollaborationen meinen Sound geshaped. Der neue Song mit LUEK ist innerhalb von zwei Nachmittagen entstanden. Wir haben uns einfach zusammengesetzt und gemeinsam Musik gehört geschaut was dabei rauskommt!

Du hast drei Jahre in London gelebt, die Stadt ist bekannt für eine unvergleichbar lebendige Musikszene die man so in der Art wohl sonst nirgends findet. Wie war es für dich als du nach Wien gekommen bist und dich sozusagen in die österreichische Musiklandschaft „re-integriert“ hast? 

In London war der Zugang ganz anders. Dort habe ich sehr viele Solo Gigs gespielt, weil man dort eigentlich jeden Tag einen Ort findet, wo man live spielen kann, in Pubs und bei Open Mic Nights. Ich habe schon ein paar co-writing sessions gemacht, aber es war dann eher immer Singer-Songwriter Genre Stuff. Seitdem ich in Wien bin, mache ich mehr Kollaborationen mit Produzenten. Das hat aber gar nicht so viel mit der Stadt selbst zu tun, sondern eher mit meinen eigenen Interessen zu dieser Zeit. Grundsätzlich gibt es sowohl in London als auch in Wien extrem viele talentierte und kreative Menschen, man muss halt die richtigen Leute für sich finden.

Wie kam es dann zu einer Rückkehr nach Österreich? 

Am Schluss habe ich mich sehr nach einem gemütlicheren Lifestyle gesehnt, damit ich auch wieder einen besseren space habe, um mich kreativ zu entfalten. Das war in London am Schluss nicht mehr wirklich möglich. Ich habe da in einer 3er-WG gelebt, wo immer sieben Leute waren, Mäuse und Kakerlaken. Und ich habe so viel unterrichtet und gespielt, damit ich mir das WG-Zimmer leisten konnte und hatte dann nicht mehr wirklich Kopf mein eigenes Ding zu machen. Ich war ziemlich blockiert. Es war ein cooler Lebensabschnitt und ich bin froh, dass ich rechtzeitig gemerkt habe, dass Wien jetzt besser für mich ist. Es hat sich voll ausgezahlt.

Die Hustle Culture am Anfang der Karriere kann auch sehr schnell romantisiert werden. Du hast fast jeden Tag in London gespielt. Wie ging es dir damit? 

Joe Traxler (c) Maximilian Langer

Es war voll spannend und stressig zugleich. Vor allem das erste Jahr war geprägt von diesem Freiheitsgefühl, wenn man das erste Mal von zuhause auszieht. Es war gut mal einfach von der Linz Bubble auszubrechen. In London habe ich dann extrem viel gespielt und es irgendwann auch ein bisschen übertrieben – es ist ja immer nur so stressig wie man es sich selbst macht. Aber trotzdem, London ist extrem teuer und alles ist viel weniger bezahlt. Und nach einem halben Jahr hat sich dann der Stress auf meinen Körper ausgewirkt, dann kam es zu einer Gesichtslähmung. Das hatte sicher auch mit dem Stress zu tun.

Diese Zeit in London war besonders geprägt durch die Gesichtslähmung, was du ja in der EP Asymmetrical Life thematisiert hast. Wie gelingt es dir persönlich zu sein in deiner Musik? 

Die Gegenfrage wäre, wie kann man es nicht sein. Ich denke immer das Einzige was ich musikalisch machen kann das irgendwie einen Sinn macht, ist ehrlich zu sein in meinen Texten. Sonst hat es nicht den heilenden Prozess, den es sonst haben kann. Auch wenn der Text einen nicht immer in das beste Licht rückt, ist es mir wichtiger, dass es authentisch ist.

Ist dir das auch bei deinen Kollaborationen wichtig?

Ja, wobei ich finde, dass es nicht bei jedem Song der Songtext im Vordergrund stehen muss. Manchmal ist es einfach ein Vibe oder ein Sound, der das dann ausmacht. Es gibt Songs da geht es nur um den Text und bei anderen ist der Text eher zweitrangig.

Welche Leute hast du dir für ein Album ins Boot geholt und wie hat es funktioniert?

Ich habe das Album gemeinsam mit Niklas Pichler und Lukas Klement produziert. Wir haben uns jede Woche getroffen und sowas ist in London durchaus schwieriger. Es gibt zwar viel mehr Leute, die unglaublich kreativ und super sind, aber es ist schwieriger dort etwas Beständiges aufzubauen. Viele Leute ziehen auch schnell wieder weg und man fängt immer wieder von vorne an. Und in Wien sind alle ein bisschen gesettelter und das ist cool wenn man ein Album macht oder ein längerfristiges Projekt.

Entstehen deine Songs dann auch so, dass du bei manchen erst den Text hast und dann den Sound dazu findest und andersrum? 

Ich habe schon verschiedene Herangehensweisen ausprobiert. Früher als ich noch in London gelebt habe war es der klassische Singer-songwriter Approach. Ich hatte ein Thema, über das ich unbedingt schreiben will oder muss. Jetzt ist es eher so, dass ich einen musikalischen Vibe kreiere und mich dann von dem inspirieren lasse. Dieser Zugang hilft mir mehr in das Unterbewusstsein einzutauchen und dann zu schauen, wohin mich das führt. Ich höre mir die Instrumentals an und suche mir die Silben damit eine Melodie zustande kommt und circa weiß wie die Sätze sein sollen und wo in der Melodie sollen die Vokale sein. Und dadurch kommen dann manchmal Zeilen, die man überhaupt nicht erwartet hätte. Diesen unterbewussten Zugang finde ich mittlerweile viel spannender, weil er motivgängiger ist. Man schreibt dann über Dinge, über die man sich nicht direkt zu schreiben getraut hätte.

Auf deiner EP heißt der erste Song „Writers Block“. Hast du noch manchmal mit diesem Phänomen zu kämpfen? 

Joe Traxler (c) Cherie Hansson

Ich hatte einen extrem heftigen writers block am Ende meiner Zeit in London und am Anfang in Wien. Ich war zwei Jahre so blockiert, dass ich so gut wie keine Songs geschrieben habe – zumindest nichts auf das ich wirklich stolz war. Und das hat mich so extrem gestresst. Da ich von meiner Kreativität schon abhängig bin hatte ich Existenzängste und wusste, dass ich Abstand nehmen muss. Ich habe zum Glück nicht immer alles auf die Singer-Songwriter Karte gesetzt und hab mich dann auch in die Producer-Schiene begeben und viel für andere Künstler*innen gearbeitet. Das hat mir geholfen aus dieser Blockade rauszukommen. Ich habe gemerkt, dass man einfach einen Song schreiben kann ohne, dass der unbedingt veröffentlicht werden muss. Writers block kommt halt echt, wenn man sich selbst Stress macht und Druck den es gar nicht wirklich gibt. Die kapitalistische Gesellschaft macht diesen Druck vielleicht noch etwas realer… Und auch seitdem ich meinen Lyrics Approach ein bisschen umgestaltet hab, seitdem ist es irgendwie weg. Ich habe keine Angst mehr vor dem Schreiben. Ich freue mich schon, wenn ich wieder mehr zum Schreiben komme.

Dein Album heißt Lifelines. Was beduetet dieser Titel für dich?

Ich finde den Titel spannend, weil er mehrdeutig ist. Es kann die Lebenslinien in der Hand meinen und auch die Rettungsleine auf offener See. Der Überbegriff verbindet Leben und geschriebene Zeilen, also lines. Das war auch die Idee dahinter. Was alle Songs gemeinsam haben, ist dass sie sehr introspektiv sind. Es werden viele Sachen verarbeitet, die ich im Kopf habe und die eher abstrakt sind. Es gibt kaum Songs, die eine konkrete Story erzählen – das wäre am ehesten noch Don‘t Dance.

Was kann man von deinem Album erwarten? 

Es ist auf jeden Fall um einiges experimenteller als die alten Sachen. Viele Bongos! (lacht) Die ziehen sich eigentlich durch das ganze Album. Weil wir im Studio fast alles selbst eingespielt haben, hat es einen sehr organischen Sound aber trotzdem mit modernen Elementen. Ich mag dieses erdige und akustische sehr. Echte Drums und Akustik Gitarren, echte Instrumente.

Du meintest Lifelines ist das erste Projekt, hinter dem du so richtig stehen kannst. Was macht den Unterschied?

Ich glaube der Hauptfaktor dafür war, dass ich mich selbst so viel mit Produktion beschäftigt habe. Das in Kombination mit zwei anderen die extrem begabt sind was Sounddesign, Produktion und Instrumente spielen angeht. Es war eine gute Entscheidung das in diesem Dreier Gespann zu machen und es hat den Sound sehr geprägt.

Die letzte EP Asymmetrical Life hätte schon das Album werden sollen. Die Songs der EP habe ich dann einfach veröffentlicht, aber ich bin nicht wirklich dahintergestanden. Ich bin froh, dass ich die Kurve gekratzt habe von dieser Blockade bis hin zu einem Album, das einen roten Faden hat, und auf das ich echt stolz bin.

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Single Release Show 12. Oktober @ The Loft

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