Der Wiener Schlagzeuger VALENTIN DUIT ist eine sehr nachdenkliche, bescheidene und gesellige Spielernatur. Fasziniert vom Konzept der radikalen Empathie ist seine Auslegung davon auf mittlerweile sehr vielen Alben, auch auf dem Album „SINN/ist“ (Label Klanggalerie) seines Quartetts mit den Mitspielern IVAR ROBAN KRIŽIĆ, TOBIAS MEISSL und ROBERT UNTERKÖFLER nachzuhören. Live zu erleben gibt es das VALENTIN DUIT QUARTETT im Rahmen der Konzertreihe open music am 13. März 2026 in Graz. Michael Franz Woels trifft den vielbeschäftigten Musiker im Café Rüdigerhof; ein Ort, an dem sich VALENTIN DUIT auch regelmäßig zum Tarockkartenspielen trifft. Vor dem Interview hört er noch schnell einen Take für ein kommendes Album durch, und spricht dann über Kernfusionen mit befreundeten Musikern, die Gig-Economy in der Jazzwelt und auch seine Solo-Alben-Ambitionen.
Ich sehe, du liest gerade „Survival of the Richest“ von Douglas Rushkoff. Mich beschäftigt gerade das Buch „Good Vibrations. Die heilende Kraft der Musik“ des Neurowissenschaftlers und Musikers Stefan Kölsch und ich würde gerne mit einem etwas längeren Zitat daraus beginnen: „Unser Unterbewusstes erzeugt emotionale Sogwirkungen mit einer Kraft, Überzeugung und Beharrlichkeit, von der sich unser bewusstes Denken oft eine dicke Scheibe abschneiden könnte … Außer emotionale Sogwirkungen auszuschalten kann Musik uns auch dabei helfen, negative Gedankenschleifen zu beeinflussen … Studien zufolge lassen viele Menschen in circa der Hälfte ihrer Zeit die Gedanken schweifen. Dabei geraten sie oft in den unterbewussten Autopilot-Modus und sind dann unglücklicher als in Situationen, in denen sie sich auf eine Aufgabe konzentrieren …“ Welche Techniken wendest du an, um dem im Englischen sogenannten „Mindwandering“ und negativen Gedankenschleifen zu entkommen?
Valentin Duit: Sich ganz im gegenwärtigen Moment zu befinden beziehungsweise befinden zu können, ist definitiv wichtig und tief befriedigend. Ich erlebe das beispielsweise beim Austausch mit einem Gegenüber, beim Musizieren oder Schlagzeugüben, beim Staunen über einen Ort oder eine Atmosphäre. Manchmal ist es für mich sehr heilsam und erleichternd, einfach zu beobachten, was gerade um mich herum geschieht, zum Beispiel in der U-Bahn. Eigentlich geht es auch darum, Dinge ernst genug zu nehmen, um ihnen echte Aufmerksamkeit zu schenken. Das fällt natürlich leichter, wenn diese Dinge komplex und vielschichtig sind, wie ein Baum oder ein Mensch oder ein Kunstwerk.
Bei einem mittlerweile zehn Jahre alten MUK-Interview verwendest du den Begriff des Straight-Ahead-Jazz, an dem du dich damals abgearbeitet hast. Wie wichtig ist für dich tanzbarer Jazz heute?
Valentin Duit: Ich spiele nach wie vor in Bands, die man diesem Begriff zuordnen könnte, zum Beispiel im Trio mit Tobias Pustelnik und Miloš Čolović. Ich mache aber auch sehr viel Musik, die ich nicht so kategorisieren würde und die ich nicht primär als tanzbar bezeichnen würde. Andererseits finde ich es schön, wenn Menschen zu egal welcher Musik auch immer tanzen, und so gesehen kann viel Musik tanzbar sein. Aber die Tanzbarkeit von Musik ist mir nicht per se wichtig. Insgesamt finde ich gerade keine allgemeinen Stichwörter oder Überschriften, die die gewünschten Außenwirkungen oder Effekte meiner Musik beschreiben könnten. Ich mag sowohl das Konzeptionelle wie auch das Intuitive am Musikmachen, und das speist sich ja auch gegenseitig. Ich spiele zum Beispiel mit Alyona Pynzenyk und Yoram Rosilio in dem Trio Feine Katzen Orchestra, mit dem wir beim Proben teilweise an spezifischen Konzepten arbeiten, uns bei Auftritten aber frei improvisierend vor allem am Moment orientieren.
Sehr gerne höre ich das Trio Dsilton. Der Name entstand aus einem Wortspiel, denn Dsil ist laut Georg Vogel ein balafonartiges Instrument und die ersten Stücke waren Transkriptionen von afrikanischen Balafon-Stücken. Außerdem kann der Name auch auf den Begriff des Zieltones abzielen. Wie bist du eigentlich zu dieser Formation gekommen?
Valentin Duit: Ursprünglich war Dsilton ein Duo, bestehend aus Georg Vogel und David Dornig. Ich habe ihr erstes Konzert und später dann noch ein Konzert von ihnen gehört, war gleich sehr verliebt in dieses besondere Duo. Also habe ich angemeldet, dass ich sehr gerne mitspielen würde. Es ist dann tatsächlich dazu gekommen und ungefähr seit 2017 spielen wir als Trio zusammen. Für das Programm sind bisher David und Georg verantwortlich. Ich mag ihre Kompositionen sehr und sie waren und sind für meine Ohren sehr „unerhört“. Wir arbeiten derzeit an neuen Stücken und bewegen uns langsam in Richtung eines zweiten Albums, worüber ich mich sehr freue.
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„ICH GLAUBE DARAN, DASS GEWISSE DINGE NUR PASSIEREN UND GELINGEN KÖNNEN, WENN MAN SOZUSAGEN LANGE DRANBLEIBT UND GEMEINSAM VERSCHIEDENSTES DURCHLEBT.“
Sprechen wir über dein Quartett. Der Albumtitel „SINN/ist“ und auch die Tracktitel scheinen verspielt und auch etwas kryptisch. Wie viel von den Ideen und Konzepten dahinter magst du aufdecken?
Valentin Duit: Die Musik auf diesem Album ist speziell für dieses Quartett geschrieben und die Stücke sind alle musikalisch miteinander verbunden. Die Titel ergeben sich aus Buchstabenspielereien. Den Vibrafonisten Tobias Meissl kenne ich schon am längsten, er ist ein Freund seit meiner Musikschulzeit. Das Tobias Meissl Trio existierte schon vor meinem Quartett und ich habe dann den Saxofonisten Robert Unterköfler – auch ein langjähriger Freund – dazugeholt. Aus demselben Kern und Dunstkreis von Leuten entstehen weitere Projekte. Mit Tobias haben wir ein Album in einer großen Besetzung mit dem Namen „Team Tame“ aufgenommen. Es entsteht auch gerade das neue Album „Rote Welt #2“ von Robert Unterköfler, unter anderem auch mit diesem Kern an vier Musikern. Und unser Bassist Ivar Roban Križić plant ebenfalls ein neues Projekt mit diesem Viererkern.

Generell sind mir derartige Langzeitbeziehungen mit Menschen sehr wichtig. Ich glaube daran, dass gewisse Dinge nur passieren und gelingen können, wenn man lange dranbleibt und gemeinsam Verschiedenstes durchlebt. Im Jazz ist es ja nicht unüblich, immer wieder neue Kurzzeitprojekte mit den gerade angesagtesten Musikern zu realisieren. Das passt natürlich gut zu unserem kapitalistischen System und es bringt gewisse Möglichkeiten mit sich; aber ich sehe das auch recht kritisch. Rein zwischenmenschlich und musikalisch ist es für mich nicht der beste Weg. Die Spielräume sind diesbezüglich aber durchaus flexibel und man kann sie ändern – daran glaube ich.
Kommen wir zu deiner Lebensrealität als Musiker. Bist du mit deinen Spielräumen, sowohl kreativ als auch finanziell, soweit zufrieden?
Valentin Duit: Ich bin in Wien aufgewachsen und kenne hier daher sehr viele Leute. Dadurch und weil ich einfach viel Glück hatte, funktioniert es für mich gut. Ich kenne aber auch viele Musiker:innen, die sehr gut spielen, aber nur wenige Konzerte spielen können. Für viele ist es sehr schwierig, auch hier in Wien, auch weil es zu wenige Clubs gibt.
Du spielst sehr viele Live-Konzerte. Wie wichtig sind Überlegungen zu einem umweltfreundlichen Reisen, dem sogenannten Green Touring?
Valentin Duit: Am liebsten reise ich eigentlich mit dem Zug. Ich selber habe keinen Führerschein und kein Auto und wenn es ein Schlagzeug vor Ort gibt, greife ich meistens darauf zurück. Ich bin aber auch gar nicht so selten mit dem Zug zu Konzerten gefahren und habe dabei mein Schlagzeug mitgenommen. In Wien geht das auch mit den Öffis, wenn ich die Tom-Toms weglasse, weil diese kleinere Variante des Schlagzeugs rollwagerlportabel ist.
„DAS, WAS VIELE MENSCHEN UNTER KI VERSTEHEN HABE ICH BIS JETZT NICHT KOMPOSITORISCH VERWENDET UND HABE DAS AUCH NICHT VOR.“
Neben dem vielen Zusammenspielen mit anderen Musiker:innen performst du auch immer wieder einmal solo, sowohl live als auch in der Form, dass du Solo-Alben von dir veröffentlichst. Was reizt dich an dieser Herangehensweise?
Valentin Duit: Ganz alleine zu spielen ist eine ganz eigene Kategorie, die ganz andere Herausforderungen und Möglichkeiten mit sich bringt, alleine deswegen lohnt sich die Auseinandersetzung damit für mich. Ich kann dabei mitunter Dinge sagen, die ich in anderen Kontexten nicht ausdrücken könnte. Daher taucht immer wieder der innere Drang auf, solo zu spielen, wenn es länger nicht dazu gekommen ist.
Einerseits spiele ich Auftritte alleine am Schlagzeug, ganz akustisch, zum Beispiel unlängst in der Laurenzikirche in Haag bei Markersdorf beziehungsweise Neulengbach, dazu hat mich Dietmar Glatz eingeladen. Dieses Jahr kommt hoffentlich mein zweites Album mit Solo-Schlagzeug-Musik bei Rote Welt Records heraus, das erste mit dem Titel „Mashevene“ ist 2018 bei Freifeld Tontraeger erschienen. Andererseits mache ich am Computer elektronische Musik, zum Beispiel meine EP „Ese-Udu“ von 2019. Diesen Strang werde ich auch weiterverfolgen.
Das, was viele Menschen unter KI verstehen habe ich bis jetzt nicht kompositorisch verwendet und habe das auch nicht vor. Die mögliche Gefahr, die von Anwendungen wie Chat-GPT ausgeht, ist mittlerweile ja offensichtlich: Sie gehören großen Firmen, die nicht das Wohlergehen aller Menschen, die diese Programme anwenden, verfolgen. Daher bin ich bei diesem Thema und der Anwendung recht skeptisch. Ich verwende aber beispielsweise Pure Data, damit habe ich für einen Freund einen Patch kreiert, den er nun zum Live-Musizieren verwenden kann. Ich habe auch einen Patch gemacht, den ich für das von Georg Vogel erfundene Midi-Claviton mit 31 Tasten pro Oktave benutze. Ich bin ja durchaus computerinteressiert und wollte als Jugendlicher Techniker und Programmierer werden. Nun habe ich Pure Data für mich entdeckt, als Form, diese Art zu Denken in Verbindung mit Musik wieder ausleben zu können. Dieses Jahr habe ich vor, ein neues elektronisches Album mithilfe von Pure Data zu produzieren; das aufgenommene Material meines nächsten Solo-Schlagzeug-Albums wird die Basis dafür bilden. Soweit zumindest der Plan, der sich ja – wie man weiß – auch immer ändern kann.
Herzlichen Dank für das Interview!
Michael Franz Woels
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Termine:
Freitag, 13. März 2026, 20:00 Uhr
Valentin Duit Quartett: SINN/ist
Konzert der Reihe open music im Rahmen der grazJAZZnacht 2026
Forum Stadtpark
Graz
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