LENA SCHAUR ist ein Name, den man in Zukunft wohl noch häufig hören wird. Die Singer-Songwriterin aus Tirol begann ihre musikalische Laufbahn früh. Mit sechs Jahren erhielt sie klassischen Gitarrenunterricht an der Musikschule. Alles, was danach kam, brachte sie sich selbst bei – vom Gesang über das Klavierspiel bis hin zur Entwicklung ihres eigenen Sounds und ihrer Bühnenpräsenz..
Zuletzt belegte Lena beim österreichischen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest 2026 („Vienna Calling“) in Wien hinter Cosmó den zweiten Platz, wobei sie die Wertung der Fachjury für sich entschied. Im Gespräch mit Clemens Engert sprach die 23-jährige jedoch nicht nur über den ESC, sondern auch über Musik als Therapieform, einen Auftritt vor 50.000 Menschen in Madrid und, warum man als weibliche Gitarristin mitunter noch immer ein bisschen unterschätzt wird.
Du bist beim ESC-Vorentscheid knapp Zweite geworden. Tut es noch ein bisschen weh, dass du nicht Erste geworden bist oder überwiegt der Stolz über das Erreichte?
Lena Schaur: Der Stolz über das Erreichte überwiegt definitiv. Ich bin ohne große Erwartungen in diese Show gegangen und habe mich deshalb umso mehr über die 12 Punkte der Fachjury gefreut. Und ich glaube ehrlich gesagt: Jetzt fängt alles erst richtig an.
Wie fandest du den „Vienna Calling“-Event insgesamt? Ist es in etwa so abgelaufen wie du dir das vorher vorgestellt hast?
Lena Schaur: Der Abend war unglaublich intensiv – emotional, professionell und gleichzeitig sehr familiär. Besonders schön war für mich, dass meine Band mit mir dort war – das hat dem Ganzen etwas sehr Echtes gegeben. Ich war überrascht, wie ruhig ich innerlich war. Ich habe mir das Ganze vorher größer, stressiger vorgestellt. Aber als ich auf der Bühne stand, war da einfach Klarheit. Was mich besonders berührt hat, war der Support – von der Jury, vom Publikum, von Menschen, die mich vorher vielleicht noch gar nicht kannten.
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Sollte man deiner Ansicht nach dabei bleiben, jedes Jahr einen Vorentscheid mit Voting zu machen oder findest du es besser, wenn einfach ein Teilnehmer bzw. eine Teilnehmerin von Experten ausgewählt wird, so wie es in den Vorjahren immer der Fall war?
Lena Schaur: Ich finde, ein Vorentscheid mit Voting gibt Künstlerinnen und Künstlern eine faire Bühne – und dem Publikum eine Stimme. Der ESC lebt ja genau davon: von Emotion, von Identifikation, von Mitfiebern. Gleichzeitig braucht es Expertise. Vielleicht ist eine Mischung aus beidem – Jury und Publikum – der beste Weg.
„Musik hat mir geholfen, meine Angst nicht als Schwäche zu sehen, sondern als Teil von mir.“
In „Painted Reality“ – dem Song, mit dem du beim ESC-Vorentscheid angetreten bist – singst du die Zeile„I’d rather be broken and true than perfect and playing for you“.
Lena Schaur: Diese Zeile steht für mich für Authentizität. Gerade in einer Welt voller Filter, Erwartungen und Inszenierung – auch im Musikbusiness – ist es so leicht, sich anzupassen. Aber ich habe gelernt: Echtheit ist stärker als Perfektion. Ich wäre lieber verletzlich und echt als makellos und nicht ich selbst.
Du gehst offen damit um, dass du unter einer Angststörung leidest bzw. gelitten hast. Inwiefern hat dir die Musik geholfen, damit umzugehen bzw. die Ängste zu überwinden?
Lena Schaur: Musik ist für mich Therapie. In Momenten, in denen mein Kopf laut war, war Musik mein sicherer Ort. Auf der Bühne fühle ich mich mittlerweile paradoxerweise am ruhigsten – weil ich dort ganz im Moment bin. Musik hat mir geholfen, meine Angst nicht als Schwäche zu sehen, sondern als Teil von mir. Und genau das möchte ich auch weitergeben: Dass man trotz – oder vielleicht sogar wegen – seiner Makel stark sein kann.
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Neben vielen anderen Instrumenten spielst du fantastisch E-Gitarre. Wird man heutzutage noch ab und zu mit Vorurteilen konfrontiert, wenn man als Frau Solo-Gitarre spielt oder ist diese Zeit endgültig vorbei?
Lena Schaur: Es ist besser geworden, aber ganz vorbei ist es noch nicht. Man wird manchmal noch unterschätzt – bis man spielt. Und ehrlich gesagt: Ich liebe diesen Moment. Wenn man merkt, dass Vorurteile gerade zerfallen. Musik kennt kein Geschlecht. Talent auch nicht.
„Ich habe immer schon gespürt, dass es nicht nur ein Hobby für mich ist, sondern mein ganzes Leben.“
Bis auf klassische Gitarre hast du dir alle Instrumente selbst beigebracht. Welches Instrument war am anspruchsvollsten zu erlernen, bei welchem hast du dir besonders leicht getan?
Lena Schaur: Am anspruchsvollsten finde ich persönlich Schlagzeug – weil es Koordination auf einem ganz anderen Level fordert. Am natürlichsten kam mir Gesang und Gitarre. Aber ich sage immer: Wenn man ein Instrument wirklich auf einem hohen Niveau spielen möchte, ist jedes davon extrem anspruchsvoll – sie sind einfach nicht vergleichbar.
Du hast schon mit sechs Jahren mit dem Musikmachen begonnen. Gab es irgendein Schlüsselerlebnis, das dir damals den Anstoß gegeben hat?
Lena Schaur: Nein, das gab es nicht. Ich habe intuitiv mit sechs Jahren zu meiner Mama gesagt, dass ich Gitarre lernen will. Ich denke, ich habe immer schon gespürt, dass es nicht nur ein Hobby für mich ist, sondern mein ganzes Leben.
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Welche MusikerInnen und KünstlerInnen hast du damals besonders bewundert? Und welche beeinflussen dich heutzutage am meisten?
Lena Schaur: Als Kind habe ich Künstler wie Justin Bieber und Bruno Mars bewundert – vor allem ihre Energie und ihre Bühnenpräsenz. Heute achte ich auf andere Dinge. Mich faszinieren Künstler wie John Mayer oder Chris Stapleton, weil ihre Musik so ehrlich und direkt ist. Ich liebe die Tiefe in Stapletons Stimme und die Gitarrensounds von Mayer.
„Ich habe das Gefühl, dass gerade alles erst beginnt – und ich bin bereit.“
Du bist auf einem Festival in Spanien schon einmal vor 50.000 Leuten aufgetreten. Wie kam es dazu und wie war die Erfahrung, vor so vielen Menschen zu spielen?
Lena Schaur: Ich habe im Sommer einen Wettbewerb in Wien gewonnen und einer der Preise war, dass ich in Madrid auf diesem großen Festival spielen darf. Ich durfte dann relativ spontan auf der Mainstage spielen zur absoluten Primetime um 21 Uhr am Abend. Dieses Erlebnis war einfach unfassbar. Ich bin rausgegangen und 50.000 Stimmen haben mitgesungen. In diesem Moment wusste ich: Ich will nichts anderes mehr machen. Solche Erlebnisse helfen einem, zu realisieren, was man wirklich will, oder auch, was man vielleicht nicht will.
Wie siehst du das immer mehr aufkeimende Thema „AI in der Musik“. Ist das etwas, was dich beschäftigt oder stehst du dem eher gelassen gegenüber?
Lena Schaur: AI ist ein Werkzeug. Die Frage ist nicht, ob es kommt – es ist längst da -, sondern die entscheidende Frage ist, wie wir es nutzen. Für mich wird Musik immer von Emotion leben. Technologie kann unterstützen – aber sie kann keine echte Erfahrung ersetzen. Und genau danach sehnen sich Menschen.
Wie geht es bei dir in diesem Jahr musikalisch weiter?
Lena Schaur: Neue Musik, mehr Live-Shows, vielleicht auch internationale Schritte. Ich sehe 2026 nicht als „nach dem ESC“, sondern als „jetzt erst recht“. Ich habe das Gefühl, dass gerade alles erst beginnt – und ich bin bereit.
Vielen Dank für das Gespräch!
Clemens Engert
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