Bild Markus Wallner
Markus Wallner (c) Paul Zeiner

„Früher war ein Tonstudio wie der heilige Gral“ – MARKUS WALLNER im mica-Interview

Im dritten Teil der Serie über österreichische Produzentinnen und Produzenten sprach Ada Karlbauer mit dem Produzenten und Live-Techniker MARKUS WALLNER, vor allem bekannt durch Kooperationen mit SHAKE STEW, 5K HD, SOAP&SKIN, VOODOO JÜRGENS, KOMPOST3 und vielen anderen. Im ausführlichen Gespräch ging es diesmal um die Realisation von akustischen Bildern, die wachsende Fusion von Produktion und Live-Technik, das Verhältnis zwischen Kompromiss und Zauber, das Internet als Sumpf und die permanente Angst, dass die Platte fertig wird. 

Auf der Website der Vienna Symphonic Library werden deine Anfänge folgendermaßen beschrieben: „[…] wurde schon kurz nach der Geburt dazu genötigt, zuerst Flöte, dann Klavier, und zum Martyrium aller später auch noch Geige zu lernen“. Wann war dir klar, dass du dich gegen den klassischen Verlauf der Dinge stellen wirst? 

Markus Wallner: Die Geschichte ist, dass ich eigentlich schon einen sehr technischen Background habe. Ich habe HTL Elektrotechnik gemacht und parallel dazu aufgrund meines Elternhauses lange auch Klavier gespielt. Es stand sogar in Diskussion, ob ich zu den Sängerknaben gehen soll, weil ich eine recht schöne Knabenstimme hatte [lacht]. Ich habe mich aber als kleiner Junge voll dagegen gewehrt. Nach der Matura war ich dann bei der Gardemusik in einem Streichorchester und konnte sogar recht ordentlich Geige spielen. Ich habe dann aber trotzdem entschieden, dass so ein Orchesterbetrieb nichts für mich ist und aus mir kein Berufsmusiker werden wird. Zu dem Zeitpunkt habe ich mit meiner Geige auch in verschiedenen Folk-Bands improvisiert und bin dann schließlich beim Tonmeister-Studium in Wien gelandet und wurde Tontechniker.

„Ein Pilot ist vielleicht in sein Flugzeug verliebt, ich aber nicht in mein Mischpult.“

Einige Produzentinnen und Produzenten oder Live-Technikerinnen und -Techniker leiden unter einer Art Technik-Fetisch, in dem das Equipment über der Musik steht. Wie würdest du deinen Ansatz beschreiben?

Markus Wallner: Viele Kolleginnen und Kollegen sehen das eher technisch. Ich sehe es anders. Für mich ist das Equipment, das dort steht, ein Mittel zum Zweck, um etwas zu transportieren. Schlussendlich geht es um Musik, die man transportieren möchte. Das Technische dient dabei nur zu einem bestimmten Zweck. Ein Pilot ist vielleicht in sein Flugzeug verliebt, ich aber nicht in mein Mischpult [lacht]. Sobald die Kraxn spielt, kümmere ich mich mehr um die Musik und nicht um das technische Drumherum.

„Am Mischpult zu stehen ist wie zu kochen […]“

Markus Wallner: Um gute Musik entstehen zu lassen, braucht es einen guten Nährboden und keinen Kompromiss, denn in sehr kompromissbehafteten Arbeitsumgebungen passiert wenig Zauber. Am Mischpult zu stehen ist wie zu kochen, man hat seine Zutaten und versucht, die in Balance und auch für dich persönlich in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Wenn diese Balance aber nicht zustande kommt, kann man sich nur mehr durch Lautstärken und Intensitäten helfen. Der ganze Job ist ein emotionaler Job. Ich bin ein Realisierer, ich höre mir an, was sich die Künstlerinnen und Künstler als Bilder vorstellen, und fasse mir dann schon im Kopf ein Bild, wie man dieses auf einer Bühne realisieren kann. Oder eben auch auf einer akustischen Bühne in einem Mix, ohne dabei zu sagen: „Ich brauch aber dieses oder jenes Gerät.“ 

„Ich sehe mich mehr als jemanden, der zuhört und versucht, aus dem Erzählten in seinem Kopf ein Bild oder eine Soundästhetik zu kreieren.“

Mal abgesehen von deiner fast ganzjährigen Arbeit als Live-Techniker, kannst du dich auch mit der klassischen Definition eines „Produzenten“ identifizieren?  

Markus Wallner: Ich sehe mich mehr als jemanden, der zuhört, der versucht, aus dem Erzählten in seinem Kopf ein Bild oder eine Soundästhetik zu kreieren. Mir geht es darum, diese dann mit ein paar Hinweisen – keineswegs forsch und drängend – wohin zu schupsen. Denn ich habe einen zu großen Respekt vor den Künstlerinnen und Künstlern. Zu mir kommen meist Musikerinnen und Musiker mit einem sehr konkreten Bild. Aus meiner Sicht entspricht das nicht der klassischen, schulmeisterlichen Definition des Begriffes. Für mich ist eine Produzentin oder ein Produzent eine Person, die sich genau in die Art von Musik, die eine Band verkörpern will, eingehört hat, ziemlich genau weiß, was gerade am Markt abgeht und wo sie für dieses Projekt eine Marktnische sieht. Eine Produzentin oder ein Produzent kann natürlich auch ein Mitglied der jeweiligen Formation sein. Es geht aber eigentlich um eine Vision. Man sucht einen Menschen, der eine Vision hat und ein Projekt vom Anfang bis zum Ende begleitet. Das muss aber nicht zwangsläufig eine eigenständige Person sein.

Bild Markus Wallner
Bild (c) Markus Wallner

Ich habe und hatte ja recht viel mit Soap&Skin zu tun. Soweit ich das weiß, schneidet und editiert Anja [Anja Franziska Plaschg; Anm.] alles bei sich zu Hause in einer unglaublichen Akribie. Als sie sich nach dem ersten Album einen Flügel zugelegt hat, habe ich ihr ein bisschen dabei geholfen, die Aufnahmesituation einzurichten. Das könnte man schon als eine Art Produzenten-Situation begreifen, aber eher in Form von Tipps. Ich wollte sie niemals in dem beeinflussen, wie sie ihre Musik versteht, weil das für mich ein ganz ein eigener Kosmos ist. Ich dachte mir immer, dass ich es möglicherweise in eine falsche Richtung biege, wenn ich ihr irgendwas erzähle. Das wollte ich nie riskieren, weil ich sie genauso schätze, wie sie ist. Ich bin immer ganz hin und weg von ihren klanglichen Vorstellungen.

Dieser Zugang klingt sehr zurückhaltend, steht in einem starken Kontrast zu dem gängigen Klischee der allmächtigen Produzentin bzw. des allmächtigen Produzenten, die bzw. der den Sound vorgibt.

Markus Wallner: Ja, das ist etwas, was ich überhaupt nicht machen will. Genau aus diesem Grund bin ich auch viel mehr im Live-Business unterwegs, weil ich mich in keiner Weise in das Musizieren oder Produzieren eindrängen möchte. Oft nehme ich genau so auf, wie es mir in dem Moment angeboten wird, und erst beim Durchhören kann ich dann Tipps geben. In der aktuellen Zeit kann man ja sowieso kaum von der Musik selbst leben und wenn, dann hatte man unglaubliches Glück. Wenn man sich also mit einer Produzentin bzw. einem Produzenten eine Person holt, die auch noch an dieser ganzen Kostenkette dranhängt, dann ist das schon eine unglaubliche Verantwortung, dass man den Künstlerinnen und Künstlern profund sagen kann. „Mit diesem Tipp, den ich dir gebe, bringen wir das auf eine neue Verkaufszahl von fünfzig auf fünftausend.” Wenn mir jemand seine neue Platte zeigt und mein Feedback will, antworte ich oft nicht darauf, weil ich mir oft denke: „Wie komme ich eigentlich dazu, eine Kritik abzugeben?” Basisdemokratisch funktioniert nichts in der Musik. Wenn man etwas macht und es zwanzig Leuten vorspielt und einer davon sagt etwas Negatives, hört man meistens auch nur auf diese eine Meinung [lacht].

„Mittlerweile kann jeder aufnehmen […]”

Das klassische Tonstudio als physischer Raum weicht sukzessive den Rechnern und billigen, einfach zugänglichen Programmen. Wie stehst du dazu?

Bild Markus Wallner
Bild (c) Markus Wallner

Markus Wallner: Früher war ein Tonstudio wie der heilige Gral. Man hat sich drei Tage vorbereitet und dann musste die Platte durch sein. Außer man war ein Superstar, da hatte man sein eigenes. Heute geht man in den Computerstore, kauft sich einen Rechner, ein billiges Interface und kann damit Welthits landen. Mittlerweile kann jeder aufnehmen und das ist eine super Entwicklung, weil sich dadurch die Bandbreite der Musik einfach unglaublich erweitert. Wie ich das vor zwanzig Jahren begonnen habe zu studieren, hätte man bei einem „Hobbyprojekt” gleich gesagt, dass es sich nicht auszahlt weiterzumachen. Durch diese aktuellen Entwicklungen hat sich das stark geändert. Die Leute werfen den Laptop an und nehmen was auf. YouTube und ähnliche Channels sind voll von irgendwelchen Versuchen, sich als Musikerin bzw. Musiker zu etablieren. Ich weiß nicht, ob sich vor zwanzig Jahren ein Genre wie Cloud Rap entwickelt hätte.

„Es ist ein riesiger Sumpf und immer wieder wachsen da Bäumchen raus […]“

Markus Wallner: Aus meinem Empfinden wäre da ein Techniker gesessen, der sich gefragt hätte: „Was ist denn das?” Aber diese Vermutung ist natürlich auch etwas engstirnig [lacht]. Dieser Punkt, an dem man sagt, dass man jetzt ein Budget aufstellen muss, um die ganze Kette bedienen zu können – von der Musikvervielfältigung bis hin zu Mastering und Plattenproduktion –, fällt durch diesen einfachen Zugang zum Produzieren auch einfach weg. Man kann seine Daten direkt ins Netz stellen und wenn man Glück hat, hat man mit seiner Vision ein neues Musik-Genre erfunden. Es machen dann aber auch weltweit fünf Millionen Menschen parallel, gleichzeitig und zur selben Sekunde [lacht]. Es ist ein riesiger Sumpf und immer wieder wachsen da Bäumchen raus, die auch zu uns durchdringen. Ich bin keiner, der das ganze Netz nach neuer Musik durchsucht, denn die Zeit nehme ich mir gar nicht.

Welche interessanten Kooperationen gab es in letzter Zeit? 

Markus Wallner: Was für mich wirklich gut funktioniert hat, war die letzte Soap&Skin-Tournee. Das letzte Album „From Gas To Solid/You Are My Friend“ habe ich mit Anja aufgenommen. Ich habe mit Mira Lu Kovac für ihr Projekt mit Clemens Wenger zusammengearbeitet. Mit Clemens Wenger von 5/8erl in Ehr’n ist auch ein Projekt für das Festival Glatt & Verkehrt entstanden, das waren Miras Song in neuem Gewand und mit einer ganz neuen Instrumentierung, woraus dann auch gleich eine Live-Platte entstand. Mit Mira verbinden mich sehr viele Produktionsabläufe der letzten Jahre, von der Urbesetzung von Schmieds Puls ausgehend, wo wir die erste Platte produziert haben. 

„Zu sagen, dass ich das alles nur mache, um reich zu werden, ist illusorisch.“

Markus Wallner: Was momentan auch sehr gut funktioniert, ist Shake Stew, Gemeinsam fahren wir durch ganz Europa von einem Jazz-Festival zum nächsten und werden überall gehypt. Da habe ich auch das letzte Doppelalbum mitgemischt. Es sind einfach so Synergien. Inzwischen ist man nicht mehr nur Produzent oder nur Live-Techniker, man muss sich einfach breit aufstellen und ein offenes Auge und Ohr für alle anfallenden Jobs haben, die Musikerinnen und Musikern zur Verwirklichung eines musikalischen Traums dienen. Zu sagen, dass ich das alles nur mache, um reich zu werden, ist illusorisch. Also an alle, die das lesen: Man wird nicht reich damit [lacht].

Stichwort: Synergien. Wie kann man sich solche Durchmischungen zwischen Studio- und Live-Arbeit genau vorstellen?

Markus Wallner: Es ist mittlerweile oft so, dass ich als Live-Techniker bei wichtigen Konzerten, bei einmaligen Ereignissen – wie etwa bei 5K HD in der Arena oder bei Soap&Skin auf den Kasematten – gefragt werde, ob ich das nicht mitaufnehmen kann. Das ist mittlerweile technisch relativ einfach, denn das kann man aus dem Livepult-Kontext mitrecorden. Dann muss es zack, zack gehen. Die sozialen Medien warten nur darauf, gefüttert zu werden, solange der Kuchen noch heiß ist. Die Zeitspannen der Veröffentlichungen werden immer enger, die Leute erwarten, dass, wenn man eine Platte herausbringt, zwei Tage später schon das Konzert im Ort stattfindet, sonst ist die Aufmerksamkeit sofort weg. Oft entstehen daraus dann auch Live-Platten.

Spielen Fragen des zeitgenössischen Hypes oder irgendeines anderen eine Rolle in Hinblick auf deine Arbeit?

Markus Wallner: Ja, natürlich. Mir gehts da aber eher darum, nicht unabsichtlich etwas zu machen, was in der Gegenwart als cheesy oder nicht veröffentlichungswürdig abstempelt wird. Der Schritt, eine Platte zu machen, ist für mich immer ein großes Wagnis, weil ich mich selbst eher als Techniker sehe. Man investiert viel Zeit und hat aber insgeheim immer die Angst, dass die Platte dann fertig wird, sie aber niemanden interessiert. Das ist dann wieder die Rolle der klassischen Produzentin bzw. des klassischen Produzenten, den Endpunkt festzulegen und daran zu glauben, ohne dabei durch Unsicherheit zu stagnieren.

„Ich warte noch auf einen Anruf, wo ich dann absagen könnte […]“

Welche Aufträge würdest du sofort ablehnen? 

Markus Wallner: Ein No-Go ist für mich eine Veranstaltung, die in irgendeiner Form oder auch nur tendenziell in das rechte Milieu abdriften könnte. Ich warte immer noch auf einen Anruf, wo ich dann absagen könnte [lacht], bisher ist mir das noch nicht passiert. Weitere No-Gos wären für mich – aus der Live-Arbeit heraus gedacht – irgendwelche Zeltfeste, die Wiener Wiesn, solche Dinge. Wenn ich so etwas angeboten bekommen hätte, hätte ich das nicht gemacht. Ich würde auch keine Veranstaltung betreuen, die ich nicht privat besuchen würde, ohne mich dabei verstellen zu müssen. Es muss mich schon ein bisschen künstlerisch fordern. Am wenigsten mag ich Konzerte oder CDs, die einfach nur schön sind, denn nur schön zu sein bringt niemanden was. Natürlich muss man von etwas leben, aber das ist echt nicht der Grund, warum man Musik machen will, eine Platte produziert, aufnimmt und noch mehr Verwertbares im Live-Kontext machen will. Schönes gibt’s genug, schön ist hintergründig.

Ich betreue zum Beispiel live auch schon einmal Originalband von Elvis Presley. Das sind eher ältere Musiker, mit denen ich da herumtaumle, was für ganz viele junge Künstlerinnen und Künstler eine absolute Anekdote verkörpert, weil die Fragen mich dann oft: „Und wie ist es mit den Herrschaften?“ Ich finde es eigentlich sehr angenehm, mit diesen Musiklegenden eine Form der Konversation zu haben. Da kann man natürlich schon sagen, dass es sich eher um einen Ausreißer handelt, im Vergleich zu dem, was ich sonst so mache. Ich definiere mich zwar nicht darüber, die Musik wertschätze ich trotzdem. Projekte, bei denen die Musik nicht wertgeschätzt wird, mache ich nur sehr widerwillig. Irgendwelche Galas, wo man dann im Hintergrund eine Band betreut, macht man nur, weil die Kohle stimmt. Wenn es aber niemanden wehtut und sich nicht meiner prinzipiellen politischen Einstellung entgegenstellt, dann mach ich es schon manchmal und werde mir selbst feind [lacht].

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Ada Karlbauer

Links:
Markus Wallner (Facebook)