finding BODO … – Eine annähernde BeTONung zu Bodo Hell: zwischen Sprache, Klang, Landschaft und Erinnerung

Was bleibt von einem Menschen, wenn er nicht mehr da ist? Zunächst nur Spuren: Wörter, Geräusche, Bilder, Geschichten – Erinnerungen. Vielleicht aber auch eine eigentümliche Form von Gegenwart, die sich gerade in der Abwesenheit zu erkennen gibt? „finding BODO …“ nimmt diese Spannung zum Ausgangspunkt und begibt sich auf die Suche nach Bodo Hell – nicht mit dem Anspruch, ihn zu finden, sondern um jenen Zwischenraum auszuloten, in dem Erinnerung, Sprache und Imagination einander berühren.

Der Salzburger Filmkomponist, Sprachwissenschaftler und Musiker Dominik Wallner entwickelt gemeinsam mit Peter Angerer (Schlagwerk) und Manuel Schönegger (Saxophon) ein interdisziplinäres, polyästhetisches Projekt über das Werk und den Menschen Bodo Hell. Es geht um Literatur und Musik, um Klang und Sprache, um Landschaft und Erinnerung – und um die Frage, ob und wie sich ein Mensch durch jene Dinge erkennbar macht, die von ihm geblieben sind.

Bodo Hell war Schriftsteller, Musiker, Hörspiel- und Theaterautor, Fotograf, Filmemacher und Almhirte: Seine Tätigkeiten standen nicht nebeneinander, sondern durchdrangen einander. Nach seinem Orgelstudium am Mozarteum entwickelte Hell eine Literatur, in der Sprache selbst zu einem musikalischen Vorgang zu werden schien. In seinen Lesungen wurden die gesammelten Wörter verschoben, zerlegt, geordnet und neu miteinander verschaltet. Das Schreiben wurde hörbar, das Zuhören inspirierte das Schreiben – und seine Texte verlangen nicht unbedingt danach, vertont zu werden, aber sie verlangen danach, gehört zu werden.

Bild Dominik Angerer
Dominik Wallner © Ernst Silberleitner

Für Dominik Wallner ist dies der Ausgangspunkt einer behutsam suchenden musikalischen Spielanordnung. Eine Annäherung in und durch Musik, abseits herkömmlicher perzeptiver Strategien, um so ein andersartiges Begegnen zu ermöglichen. Wörter werden dabei zu Impulsen, Sprachrhythmen zu musikalischen Strukturen, Bedeutungen zu Klangvorstellungen. Der Text wird zum Instrument – und das Instrument zu einer anderen Form des Sprechens.

Das polyästhetische Prinzip liegt dabei nicht allein in der Verbindung verschiedener Kunstformen. Es entsteht dort, wo die Grenzen der Wahrnehmung selbst durchlässig werden: Sprache wird Klang, Geräusch wird Landschaft, Erinnerung und Traum werden Gegenwart. Originaltexte Bodo Hells treffen auf Improvisation und konkrete Klangereignisse. Aus dem Material entsteht ein offener musikalisch- literarischer Prozess zwischen Konzert, Lesung, Performance und Klangkunst. Zusätzlich wurde und wird das musikalische Geschehen vom Fotografen Ernst Silberleitner in ausdrucksstarken Bildern dokumentiert.

Bild Manuel Schönegger
Manuel Schönegger © Ernst Silberleitner

Bild Peter Angerer
Peter Angerer © Ernst Silberleitner

Eine besondere Bedeutung gewinnt die Musik durch die persönliche Geschichte Peter Angerers mit Bodo Hell. Er war ein persönlicher Freund und langjähriger Weggefährte des Autors und begleitete ihn über viele Jahre bei Lesungen. Er kennt den Menschen hinter den Texten aus unmittelbarer Erfahrung. Seine Erinnerungen, Geschichten und Anekdoten sind der emotionale Kompass des Projekts.

Dominik Wallner und Manuel Schönegger hingegen begegnen Bodo Hell ausschließlich über sein literarisches Werk, über seine künstlerische Arbeit und durch die Erzählungen anderer. Gespeist aus persönlicher Erinnerung und literarischer Rezeption, entwickelt sich also der musikalische Diskurs.

Und über allem steht die Landschaft. Bodo Hell verbrachte über Jahrzehnte seine Sommer als Senner und Almhirte im Dachsteingebiet. Die alpine Welt war für ihn keine idyllische Kulisse, sondern Lebens-, Arbeits- und Wahrnehmungsraum. Sie war konkret: Tiere, Pflanzen, Wetter, Geräusche, Wege, Namen, Arbeit. Die Natur war kein Gegenüber, das betrachtet wurde, sondern eine Welt, in der man sich befand.

Der literarischen Avantgarde mochte das unmittelbare Naturerlebnis mitunter exotisch anmuten; den drei Musikern – als autochthonen Gebirglern – dient es als gemeinsamer Ausgangspunkt auf dem Weg zu Bodo Hell. In diese Landschaft ist Bodo Hell eingegangen. Seit seinem Verschwinden im Dachsteinmassiv ist dieselbe Landschaft, die über Jahrzehnte Lebensraum und Rückzugsort war, zugleich zum Ort einer Ungewissheit geworden, die einen Mythos begründet. Was einst Geborgenheit bedeutete, erhält dadurch eine andere, schmerzhafte Dimension: Der Mensch, der in dieser Landschaft geborgen war, ist nun selbst in ihr verschollen. Anlässlich Bodo Hells Verschwinden hat das Trio am 9. August dieses Jahres eine Live-Session auf einem Bergbauernhof aufgezeichnet und wird diese Musik als digitales Album zum Download bereitstellen. Damit wird die Landschaft nicht bloß zum Thema, sondern zum Ort und Mitspieler der künstlerischen Arbeit.

finding BODO … ist keine Hommage im herkömmlichen Sinn und kein Versuch, Bodo Hell nachzuahmen. Eher gleicht das Projekt einer Suche, die nicht unbedingt finden will, sondern Spuren hörbar macht: in Sprache, Klang, Erinnerung und Landschaft.


finding BODO …Eine annähernde BeTONung zu Bodo Hell: zwischen Sprache, Klang, Landschaft und Erinnerung
Ausführende: Peter Angerer (Schlagwerk), Manuel Schönegger (Saxophon), Dominik Wallner (Texte, Sprache)
Mit, 04.11.2026
Pfarrkirche Itzling
Kirchenstraße 22a
5020 Salzburg