Mit „Parasympathikus“ (Monkey Music) legt Matthias Nowak alias IGNAZ TSCHINÖN sein Debütalbum vor und gibt im Interview persönliche Einblicke in sein musikalisches Schaffen. Ein Gespräch über Dialekt, Ruhe und Tagebuchschreiben.
Wie bist du auf den Künstlernamen Ignaz Tschinön gekommen?
Ignaz Tschinön: Es kommt aus dem Schlagwerk, aber es war nur irgendein Branding. Irgendwas brauchst du, was du ins Internet stellst. Und ich dachte, das ist dumm genug, dass es das Internet aushält. Ende der Geschichte.
Wie würdest du deine musikalische Sprache beschreiben? Also wie hat sich das entwickelt, dass dein Album und deine Songs so klingen, wie sie klingen?
Ignaz Tschinön: Ich weiß nicht, es passiert immer ohne großes Nachdenken. Es ist seit jeher immer das, was gerade jetzt im Studio stattfindet. Aber es gibt eigentlich kein Song-Konzept. Es gibt überhaupt keinen Plan, wie das klingen soll. Es ist so wie das Tagebuchschreiben. Du willst es einfach runterfetzen und dann draufkommen: Was war das für ein Gedanke? Und dich nicht hinsetzen und eine Geschichte schreiben. Es ist einfach privat und persönlich. Dafür ist es ehrlich.
Hast du irgendwelche musikalischen Einflüsse bei deiner Musik? Irgendwelche Künstler:innen, die dich inspirieren?
Ignaz Tschinön: Ich bin so ein bisschen ein Kind der 1970er-Jahre, obwohl ich in den 1990ern geboren bin. Irgendwie bin ich auf diesem Sound hängen geblieben. In den 1970er-Jahren haben alle Funk, Soul und Jazz herausgebracht. Die Musik war damals schon vermeintlich Indie-mäßiger als noch in den 1960er-Jahren. Da gibt es ziemlich viele Veröffentlichungen, die ich als Rare Groove bezeichnen würde. Das ist zwar kein Genre, aber dabei handelt es sich oft um kleine, unabhängig produzierte 7-Inches von Bands oder Künstler:innen, die keinen Plattenvertrag hatten und sich kein Studio leisten konnten. In den 1970er-Jahren war es aber irgendwie möglich, solche Platten zu machen. Und die sind geil.

Wie bist du darauf gekommen, dass du diesen Sound mit deinen Wiener Texten verbindest?
Ignaz Tschinön: Weil beides sehr relativ ist. Das Wienerische als Sprache ist total relativ. Du kannst es mal so deuten, mal so deuten. Weil das Wienerische ist ja kein konstruiertes, sondern das sagst du auch so dahin. Und musikalisch spielst du es auch so dahin. Und deswegen verträgt sich das ganz gut. Wenn die Texte deutsch und stringent wären, würde es auch wieder keinen Sinn machen. Ich singe ja nicht einmal, ich rede Wienerisch drüber. Aber so ist es eigentlich stimmig.
In deiner Musik trifft ja auch eine Ironie und ein bisschen Zynismus aufeinander. Wie machst du das, dass es nicht wie eine Parodie wirkt?
Ignaz Tschinön: Es gibt ja viel zwischen todernst und Spaß, dazwischen liegen so viele Nuancen. Und letztlich ist es auch immer eine Auslegungssache. Man kann die Dinge sicher anders betrachten. Wenn man zwischen den Zeilen liest, bekommt der Humor wieder etwas Erdendes. Es wirkt alles so oberflächlich und lustig, aber wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass es schon um etwas geht.
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Wie lange arbeitest du an deinen Texten?
Ignaz Tschinön: Gar nicht. Also wirklich null. Ich habe es früher mal gemacht, da habe ich mich hingesetzt und einen Text konstruiert, und das mache ich nicht mehr, sondern ich nehme den de facto auf. Es darf eine Zigarette lang dauern. Das ist die Regel. Es ist wie ein Tagebucheintrag. Du schreibst einfach hin und am Ende nimmst du nur das raus, was nicht relevant ist oder was du doppelt gesagt hast und dann bleibt der Text über. Die Songs sind nicht kreiert, sondern einfach nur aufgenommen. Es darf sich nie wie Arbeit anfühlen. Das ist einfach: Erster Take, zweiter Take, fertig, aus. Du musst es in einer Session machen, weil du verlierst sonst das Gefühl. Du gehst nicht zwei Wochen lang mit diesem Gefühl herum oder kannst es auf Knopfdruck abrufen. Das ist genau ein Moment. Und in dem musst du es einfach einfangen.
Also ist die Musik für dich ein Katalysator, um Dinge zu verarbeiten?
Ignaz Tschinön: Ja, ganz klar. Für jeden. Wir machen das alle. Es ist ja gar nicht die Musik, jeder Mensch macht das irgendwie, nur wir Musikerinnen und Musiker verwandeln es in ein Handwerk. Und du merkst, was kannst du sagen, was noch keiner gesagt hat? Kannst du eh nicht. Du kannst nur deine eigene Perspektive erzählen.
„Deswegen ist es das allerlegitimste, was du machen kannst, ehrlich zu sein. Weil sonst nichts in der Welt Sinn macht.“
Parasympathikus, das ist ja der Ruhenerv. Aber was bedeutet das für dich?
Ignaz Tschinön: Da gibt es den Sympathikus und dagegen arbeitet der Parasympathikus. Es hat leider nicht so einen intellektuellen Background. Das Wort klingt nur urgescheit, deswegen dachte ich mir: Das nehme ich. Aber ja, ruhig bleiben. Wider aller Umstände, die dir passieren im Leben, ruhig bleiben. Das ist ja kein Fluchtmechanismus des Körpers, sondern es ist ein gesunder, normaler Mechanismus, das Ökosystem wieder runterzubringen. Das Vernünftigste, was du machen kannst, ist, ruhig zu bleiben.
In deinen Texten finden sich auch wienerische Elemente wieder, die deine Texte ein Stück weit auszeichnen.
Ignaz Tschinön: Auszeichnen weiß ich gar nicht, ob ich das so sagen kann. Das kannst du selber nicht sagen. Aber es gibt einfach total viele Dinge, die ich in meinem menschlichen Empfinden nicht anders als wienerisch kommunizieren könnte. In keiner anderen Sprache vermag ich das auszudrücken. Du kannst es nicht semantisch übersetzen in einem Wort. Und deswegen komme ich gar nicht drumherum. Es gibt so viele Sprichwörter, die kannst du unmöglich übersetzen. Und das gehört aber total zu deinem Wesen. Weil es so viel von deiner Persönlichkeit preisgibt, von deinem Schmäh und deiner Welthaltung. Es steckt so viel in so kleinen Worten. Ich kann dir unmöglich deinen Dialekt nehmen, das geht ja gar nicht. Weil du frei Haus redest. Und frei Haus redest du Dialekt.
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Kannst du ein bisschen über deine Entourage erzählen?
Ignaz Tschinön: Ja, Killerband. Nächste Frage. Es sind echt coole Leute. Wir sind nicht so mobil und nicht so agil, wie vielleicht andere. Aber es sind alle aus der richtigen Motivation dabei. Ich liefere eine Grundstruktur und dann können sich alle ihre eigenen Parts dazu erfinden. Was ich irgendwie spannender finde. Dass wir sie nicht runterspielen, sondern dass wir die Musik gemeinsam spielen.
Würdest du sagen, dass es einen Unterschied gibt, wie du im Studio bist, im Vergleich dazu, wie du auf der Bühne bist?
Ignaz Tschinön: Riesenunterschied. Im Studio spielst du immer nur für dich. Ich bin ganz allein. Und das ist einfach eine ganz andere Haltung. Auf der Bühne geht das natürlich nicht. Das sind jetzt irgendwie 100 Leute. Und deswegen versuche ich noch, so irgendwie einen Spagat zu schaffen. Am liebsten würde ich die Leute ins Studio einladen. Aber es gibt so viele Komponenten, die einfach dagegen sprechen. Ich dachte mir, ich sollte mich mit dem Rücken zum Publikum drehen. Das wäre noch das Ehrlichste. Dass ich die Leute gar nicht sehe, nur ich und da ist meine Orgel und da ist mein Aschenbecher.
Du hast ja während Corona so richtig angefangen. Wie hat das überhaupt bei dir angefangen?
Ignaz Tschinön: Musik mag ich eigentlich schon seit jeher. Zuerst nur als Instrumentalist, ich hab auch versucht zu singen, aber das war nie meins. Singen ist sowieso eine vulnerable Sache. Während Corona hatte ich sehr viel Zeit und ich dachte mir: „Jetzt machst mal die Goschen auf”. Am Anfang hab ich’s auf Englisch versucht, das war Bullshit. Es hat absolut nicht funktioniert.
Dein Album kommt am 16. Oktober heraus und am 31. Oktober spielt ihr im Porky & Bess. Was steht dann als nächstes an?
Ignaz Tschinön: Ganz ehrlich? Ruhe. Ich brauch Ruhe. Parasympathikus für mich selbst. Jetzt war so viel Ignaz-Zeit, und jetzt brauch ich wieder mal Matthias-Zeit.
Danke fürs Interview.
Anna Ploy
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Live:
31.10.2026 – Wien, Porky & Bess
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