Nina Feldgrill gehört zu einer jungen Generation österreichischer Musiker:innen, die sich selbstverständlich zwischen unterschiedlichen musikalischen Welten bewegt. Die Wiener E-Bassistin und Komponistin ist nicht nur als gefragte Mitmusikerin aktiv, sondern weiß auch solo zu überzeugen und leitet mit river und Wind’s Whispers gleich mehrere eigene Projekte, in denen sich ihre unterschiedlichen künstlerischen Interessen zeigen. Daneben ist sie unter anderem Teil der experimentellen Popformation Viberqueen und von Planet Yoni und arbeitet im Duo mit Robert Unterköfler. 2024 erhielt Feldgrill das Ö1 Jazzstipendium und belegte beim Österreichischen Jazzpreis den zweiten Platz in der Kategorie „Best Newcomer“. Ihr selbstbetiteltes Debütalbum wurde 2025 zudem für „Best Album“ nominiert. Im Gespräch mit Michael Ternai erzählt sie unter anderem von ihrem musikalischen Weg, ihrer stilistischen Offenheit und den Quellen ihrer Inspiration.
Du bist ja vor allem in den letzten zwei, drei Jahren sehr prominent auf der Bildfläche erschienen. Du hast zwar schon vorher viel gemacht, aber so richtig scheint es in den vergangenen beiden Jahren losgegangen zu sein. Zudem wurdest du mit dem Österreichischen Jazzpreis ausgezeichnet. Wie hat eigentlich alles begonnen?
Nina Feldgrill: Zur Musik gekommen bin ich über meinen Papa, Werner Feldgrill. Wir haben bereits früh sehr viel unterschiedliche Musik gehört. Daher kommt auch meine Liebe zu vielen verschiedenen Stilen. Meine erste Lieblingsband war Earth, Wind & Fire, da war ich ungefähr vier oder fünf Jahre alt.
Man kann sagen, dass ich mit Funk- und Soul-Musik aufgewachsen bin, gleichzeitig habe ich viel George Benson gehört. Irgendwann ging es dann weiter zu Jaco Pastorius und Weather Report.
Gerade gestern habe ich ein Video gefunden, auf dem ich zum ersten Mal mit meinem Papa im Porgy gespielt habe. Es war seine CD-Präsentation und die Musik ging natürlich sehr in Richtung Jazz. Da war ich 19 Jahre alt. Gleichzeitig habe ich zu dieser Zeit aber auch in vielen Projekten mitgespielt, die eher aus dem Funk- und Soul-Bereich kamen.
2022 habe ich dann mit dem Saxophonisten Robert Unterköfler mein erstes eigenes Projekt river gegründet. Musikalisch geht es hier eher in Richtung Modern Jazz und Fusion.
Das heißt, der musikalische Weg ist dir in die Wiege gelegt worden. Aber wann wurde dir selbst wirklich bewusst, dass das deine Passion sein wird?
Nina Feldgrill: Das war tatsächlich ein etwas längerer Weg, weil mich mein Vater nie zur Musik gezwungen hat. Er hat mich nicht einmal gefragt: „Magst du nicht ein Instrument spielen?“ Er hat immer gesagt, wenn ich will, dann werde ich mich schon rühren. Ich glaube, das war auch der richtige Ansatz. Mit acht/neun Jahren habe ich an der mdw in einem Kinderchor gesungen. Parallel begann ich Gitarre zu spielen, habe später aber wieder aufgehört. Mit 13 Jahren habe ich beschlossen, Bass spielen zu wollen. Mein Papa war auch mein erster Lehrer am Bass. Und das hat super gepasst. Ich habe daraufhin ziemlich schnell den Entschluss gefasst: Das will ich machen. Das ist es.
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Bei jeder Musikerin und jedem Musiker stellt sich ja immer die Frage nach der eigenen musikalischen Sprache. Wie würdest du deine beschreiben? Bei den Auszeichnungen wird immer wieder hervorgehoben, dass du ein ungemeines Gespür für Groove hast, aber auch große solistische Fähigkeiten. Das kommt ja nicht von ungefähr. Wie hast du deine musikalische Sprache entwickelt? Wer waren dabei die großen Einflüsse?
Nina Feldgrill: Der erste wirklich große Einfluss war definitiv mein Papa. Von ihm habe ich sehr viel gelernt und mir abgeschaut. Deswegen glaube ich, dass auch mein Sound am Anfang, als ich zu spielen begonnen habe beziehungsweise das, was ich gespielt habe, noch viel ähnlicher zu ihm war als heute. Das Solistische kommt neben meinem Vater von Leuten wie natürlich Jaco Pastorius, Hadrien Féraud, einem französischen Bassisten, und Michael Pipoquinha, einem brasilianischen Bassisten. Das waren so meine großen Einflüsse am Bass. Dadurch, dass all das fusioniert ist – und das auch ein bisschen anders war als das, was mein Papa gehört und geübt hat –, ist das letztlich zu meinem eigenen Ding geworden. Und ich glaube, dadurch, dass ich mehrere Einflüsse habe, eben auch durch Funk und Soul, habe ich all diese in meinem Spiel miteinander verbunden.
Wann war dann das Selbstbewusstsein dafür da, mit eigenen Sachen zu starten?
Nina Feldgrill: Das hat sich im Laufe des Studiums entwickelt. Hier komponiert und arrangiert man viel, was mir sehr gefallen hat. Grundsätzlich stellte sich für mich aber nie die Frage, ob das einmal passieren wird, sondern eher, wann ich zu komponieren beginne. In meinem zweiten Studienjahr hatte ich ein paar Kompositionen zusammen und habe die mit meinem jetzigen river-Projekt ausprobiert. So hat das seinen Lauf genommen. Ich habe gar nicht so viel darüber nachgedacht, ob das der richtige Moment ist, das eigene Projekt zu starten. Das hat langsam begonnen, von der Probe zu: „Ja, cool, vielleicht organisieren wir ein Konzert.“ Und das ist dann immer mehr und mehr geworden. Mittlerweile haben wir ein Album und ein paar Singles herausgebracht.
Jazz ist ja ein sehr vielfältiges Feld, das von sehr freien, experimentellen Formen bis hin zu stärker melodisch orientierter Musik reicht. Wo würdest du deine eigene Musik in diesem Spektrum verorten? Und was ist dir dabei wichtiger: die Offenheit für das Experiment oder eine gewisse melodische und rhythmische Zugänglichkeit?
Nina Feldgrill: Da würde ich mich grundsätzlich eher in der melodiösen Schiene sehen, einfach deswegen, weil ich damit aufgewachsen bin und mein Gehör, glaube ich, sehr in die Richtung trainiert worden ist. Aber ich kann mich trotzdem sehr für freiere Musik begeistern und schätze das total. Es ist aber weniger das, was ich in der Praxis mache, würde ich sagen.

Du bist eine Musikerin, die komponiert. Was ist für dich der Anspruch beim Komponieren? Woher beziehst du die Inspiration? Und wenn du eine Komposition fertig hast und sie der Band vorstellst, wie kann man sich das vorstellen? Hast du ganz konkrete Vorstellungen für jeden einzelnen Part? Oder bist du jemand, der den Musikerinnen und Musikern doch eher freie Hand lässt?
Nina Feldgrill: Es kommt sehr darauf an. Bei mir gibt es kein striktes Konzept, wie ich komponiere. Es ist eher so, dass ich anfangs eine Idee habe, aus der ich dann versuche etwas zu machen. Und die Idee kann Verschiedenes, wie eine Bassline, eine Melodie oder die Harmonien, sein. Viele meiner Kompositionen lassen viel Platz zum Herumexperimentieren. Gerade bei river war sehr viel Ausprobieren dabei. Wir hatten einige Probentage, an denen wir Verschiedenes mit den Kompositionen ausprobiert haben. Da bringen sich alle mit ein. Auch bei den Kompositionen der anderen. Ich finde, dass man die verschiedenen Einflüsse der Personen in den Kompositionen auch gut heraushören kann, besonders, wenn man uns gut kennt.
Zwischen Juni und August haben wir drei Singles herausgebracht, mit Alex Sipiagin an der Trompete als Special Guest. Für dieses Projekt habe ich sehr konkret komponiert, weil wir nur eine Probe hatten und das passen musste. Zwar gab es dazwischen schon Improvisationen, aber es war dennoch sehr konkret.
2024 erhieltst du das Ö1 Jazzstipendiums und wurdest du beim Österreichischen Jazzpreis in der Kategorie „Best Newcomer“ hinter Yvonne Moriel auf den zweiten Platz gewählt. 2025 warst du mit deinem Album in der Kategorie „Best Album“ nominiert. Was bedeuten diese Auszeichnungen und Nominierungen für dich und deine Entwicklung als Musikerin?
Nina Feldgrill: Für mich ist das eine extreme Wertschätzung. Und ich habe eigentlich überhaupt nicht damit gerechnet. Umso mehr, weil ich in erster Linie die Musik mache, die mir gefällt, und nicht etwas komponiere in der Hoffnung, dass das einem bestimmten Publikum gefällt. Es ist schön zu sehen, dass das, was ich aus mir heraus mache, auch anderen Leute gefällt und anscheinend auf gewisse Art und Weise bereits in einigen Köpfen präsent war. Das hat mich schon ein bisschen überrascht.
Und natürlich ist das auch gut für die Sichtbarkeit. Aber Sichtbarkeit ist irgendwie so ein Phänomen. Es gibt so viele gute Musiker und Musikerinnen, gerade in Österreich und es ist einfach oft nur eine Frage der Zeit, wann welches Projekt Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann.
Weil wir gerade über Aufmerksamkeit sprechen: Wenn man einen Blick auf die österreichische Jazzszene wirft – Österreich ist ein kleines Land, aber es gibt sehr viele Musikerinnen und Musiker, während die Auftrittsmöglichkeiten leider eher weniger als mehr werden. Wie siehst du die generelle Situation?
Nina Feldgrill: Gerade, wenn ich Geschichten von früher von meinem Vater höre, wie viele Konzertmöglichkeiten es gegeben hat und wie oft er in der Woche gespielt hat, denke ich mir: Ja, das geht sich momentan nicht mehr aus. Ich glaube, dass der Jazz hierzulande insgesamt einen hohen Stellenwert genießt. Wenn man sich allerdings die Förderungskürzungen anschaut und sieht, dass Vereine kein Geld mehr haben, um Veranstaltungen zu realisieren, merkt man das schon extrem. Da hat es einen enormen Rückgang gegeben.
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Wie sieht es mit Konzerten im Ausland aus?
Nina Feldgrill: Besonders anfangs habe ich es als schwierig empfunden, Auslandskonzerte zu buchen. Aber mittlerweile geht es besser. Ich habe jetzt doch einige Auslandskonzerte mit meinen Projekten hinter mir. Und dadurch, dass river jetzt im NASOM-Programm ist, hoffe ich, dass wir noch viele weitere Konzerte realisieren können.
Jazz galt lange als männlich dominierte Szene, auch wenn sich das in den vergangenen Jahren deutlich verändert hat. Wie erlebst du die Situation heute als Musikerin? Hast du das Gefühl, dass Frauen im Jazz mittlerweile dieselben Möglichkeiten haben, oder gibt es nach wie vor Strukturen und Denkmuster, die den Zugang oder die Anerkennung erschweren?
Nina Feldgrill: Ich glaube, dass nach wie vor eine gewisse Männerdomäne vorhanden ist. Einfach in dem Sinne, dass, wenn man zum Beispiel in Big Bands schaut, dort tendenziell weniger Frauen sitzen als Männer.
Aber ich habe schon das Gefühl, dass mir grundsätzlich alle Türen offenstehen. Im großen Sinne sehe ich hier einen wesentlichen Wandel. Aus meiner Sicht sind es oft die kleinen Bemerkungen, anhand derer man merkt, dass es nach wie vor Vorurteile zu Geschlechterrollen in der Musikbranche gibt. Ich glaube aber, dass das besser wird. Ich habe das Gefühl, dass einfach sehr viel Bewusstsein für diese Thematik da ist.
Ich hoffe, dass es auch weiterhin so ist. Was auf jeden Fall hilft, ist, dass gerade in den Medien viele Frauen präsent sind und zum Beispiel auch an den Universitäten viele Frauen Jobs bekommen haben. Was hoffentlich auch dazu führt, dass Gleichstellung zur Normalität wird und man im Idealfall nicht mehr über das Geschlecht reden muss, weil es einfach keinen Unterschied mehr macht. Das wäre schön.
Du hast verschiedene Musikprojekte laufen, und deine musikalische Breite ist, wie schon erwähnt, sehr weit. Was macht dir vom Spaßfaktor her eigentlich am meisten Spaß? Macht es dir mehr Spaß, die coolen, eher einfachen Funk-Basslines zu spielen, oder ist es eher das Herausfordernde und Komplexe?
Nina Feldgrill: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube schon, dass ich tendenziell eher im Modern-Jazz-Bereich verankert bin. Zum Beispiel ist Improvisieren etwas, das ich gerne mache und wo meine Liebe drinnen liegt. Aber ich genieße die Konzerte, die eher in die Funk-Pop-Richtung gehen, sehr, einfach weil es da um andere Dinge geht. Also darum, mit wenigen Tönen etwas Aufregendes zu machen oder mit einem Groove zu arbeiten. Das ist dann eine andere Herangehensweise, weil es um etwas anderes in der Musik geht.
Vielen Dank für das Interview.
Michael Ternai
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Termine:
15.10. river – Jazzfreunde Bad Ischl – Café Ramsauer, Bad Ischl
23.11. Rote Welt #2 CD Release – Porgy & Bess, Wien
26.11. Wind’s Whispers – Tubes, Graz
27.11. Wind’s Whispers – Tubes, Graz
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