Bild Madeleine Kaindl
Madeleine Kaindl (c) Lukas Beck

„Es ist mir relativ früh klar geworden, dass Jazz eine Lebensaufgabe ist“ – MADELEINE KAINDL im mica-Interview

Die Saxofonistin und Sängerin MADELEINE KAINDL ist die Gewinnerin des 2021 zum vierten Mal vergebenen Ö1-Jazzstipendiums. Sie erhält ein zweijähriges Masterstipendium an der JAM MUSIC LAB – PRIVATUNIVERSITÄT FÜR JAZZ UND POPULARMUSIK WIEN. Im Interview mit Michael Ternai erzählte sie über ihre Freude über den Gewinn des renommierten Jazzpreises, ihre verschiedenen Projekte, ihren Weg zum Jazz und darüber, was er für sie heute bedeutet.

Der Anlass für unser Gespräch ist deine Auszeichnung mit dem Ö1-Jazzstipendium. Wie läuft dieser Bewerb ab? Muss man bei diesem einreichen?

Madeleine Kaindl: Ja, man muss eine Bewerbung samt Lebenslauf, einer Beschreibung deiner bisherigen Projekte, einem Video, Stücken, bei denen man mitgespielt hat oder die eigene sind, und anderen Sachen hinschicken. Und das habe ich in einer sehr detaillierten Form getan. Ich habe mich mit meinem eigenen Projekt vorgestellt und meine eigene Musik eingesandt. Und das konnte offenbar überzeugen.

Und wie groß war die Überraschung, als du dann als Siegerin bekannt gegeben wurdest? 

Madeleine Kaindl: Wenn man sich dazu entschließt, bei so einem Bewerb mitzumachen, hofft man natürlich, dass man diesen auch gewinnt und den Preis erhält. Aber man weiß nicht, wie viele Musikerinnen und Musiker sich tatsächlich beworben haben und wer die sind. Das Echo war, so wie ich es mitbekommen habe, auf jeden Fall groß. Als ich dann angerufen wurde und mir mitgeteilt wurde, dass ich den Preis gewonnen habe, war die Freude natürlich riesig. 

Die Jury besteht aus namhaften Expertinnen und Experten der Jazzszene. Von denen ausgezeichnet zu werden kommt fast einem Ritterschlag gleich. Zumindest muss sich das wohl so anfühlen.  

Madeleine Kaindl: Ja, das auf jeden Fall. Ich weiß zwar nicht, wie groß die Jury war, und kannte nur drei Namen, aber wenn sich diese Personen für dich entscheiden, ist es natürlich großartig. Der eigentliche Grund für meine Bewerbung war aber, überhaupt einmal Feedback auf meine Musik und mein Projekt zu bekommen, was ja auch automatisch passiert, wenn man teilnimmt. Man nimmt von so einem Wettbewerb daher auch viel mit, auch wenn man nicht gewinnt. Wobei ich auch  dazusagen muss, dass ich die Entscheidung, mich für das Ö1-Stipendium zu bewerben, relativ spontan getroffen habe. Ich habe mich zu dieser Zeit sehr konsequent um meine eigene Musik gekümmert und das hatte wirklich oberste Priorität. Dann wurde ich Mitte März von einem Kollegen angeschrieben, dass es diese Möglichkeit zur Bewerbung gibt. Meine Einsendung erfolgte am allerletzten Tag – also kurz vor der absoluten Deadline.

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Madeleine Kaindl (c) Lukas Beck

Wie bist du eigentlich zum Jazz gelangt? Wann wurde dir klar, dass du in diese Richtung gehen willst?

Madeleine Kaindl: Ich muss sagen, dass ich meine Liebe zum Jazz erst relativ spät entdeckt habe. Ich war ein musikalisches Kind und habe schon früh begonnen, diverse Instrumente, wie Gitarre und Flöte, zu lernen. Mit dem Saxofonspielen habe ich erst mit 14 Jahren begonnen, was eigentlich relativ spät ist. Aber ich hatte das Glück, dass mein erster Privatlehrer ein echter Jazzliebhaber war, der mich neben den ganzen Klassiketüden immer auch sofort Jazz spielen ließ. Von Swing-Etüden bis hin zu Improvisationen. Und ich habe sofort angebissen. Die erste Nummer, die ich gespielt habe, war „The Chicken“ von Jaco Pastorius. Als ich die Nummer zum ersten Mal gehört habe, dachte ich mir einfach nur, wie cool diese Musik ist. Ich habe mir von Anfang an sehr viele Saxofonisten angehört. Und mir war dann, so etwa mit 14, auch schon sehr früh klar, dass ich auch so klingen will. Von da an habe ich das dann sehr konsequent durchgezogen.

Was fasziniert dich generell am Jazz? Das spielen zu können, was man wirklich will?

Madeleine Kaindl: Jazz beinhaltet ja so viele Facetten. In erster Linie hat mich der Swing fasziniert, dieser der Ausdruck von Leichtigkeit, der für mich eine Art Lebensgefühl geworden ist und den ich beim Singen und Spielen oder beim Hören der Musik anderer spüre. Zudem fasziniert mich dieses besondere Zusammenwirken von Individualität und dem Zusammenspiel mit einer Band, dass eine eigene Idee erst in Zusammenspiel mit einer Gruppe wirklich funktioniert. Und natürlich ist es auch die musikalische Freiheit, die man im Jazz genießt, die ich liebe.
Der Jazz ist auch eine Tradition, die so viel mitnimmt, was vor vierzig, fünfzig, sechzig Jahren passiert ist, aber sich gleichzeitig auch immer weiterentwickelt. Es ist mir relativ früh klar geworden, dass Jazz eine Lebensaufgabe ist und dass das Lernen nie aufhört. Ich spiele ja auch jedes Jahr anders.

Das zeigen auch deine verschiedenen Projekte, die musikalisch alle sehr unterschiedlich sind. 

Madeleine Kaindl: Ja, die sind völlig unterschiedlich. Aktuell lege ich meinen Hauptfokus auf mein Trioprojekt Autobiografie, mit dem ich meine eigenen Kompositionen spiele und das ich ja auch beim Wettbewerb eingereicht habe. Die Musik des Trios geht in Richtung Kunstmusik, sprich, es gibt keine wirklich festgelegten Formen. Fast kein Lied hat die Form A-A-B-A, sondern fängt einfach an und hört irgendwann auf. Es geht mir in diesem Projekt vor allem darum, meine Gefühle auszudrücken, Phasen und Zustände meines Lebens mit Musik zu beschreiben. Und das ist extrem spannend.
Mit dem Dexter Gordon Tribute Quartett habe ich mich einem meiner großen Idole gewidmet. Ich packe bis heute nicht, wie melodiös Dexter Gordon mit seinem Saxofon aus dem Stegreif und improvisiert spielen konnte. Seine Soli sind einfach unfassbar und sein Klang ist von einer unvergleichbaren Wucht. Ich bin ein echter Fan von ihm. Auf jeden Fall ist es uns mit diesem Projekt gelungen, eine Verbindung zu Musikerinnen und Musikern aus Tunesien herzustellen. Und wir haben auch schon ein paar Mal dort gespielt. Und das haben wir, wenn es wieder möglich ist, wieder vor.
Dann gibt es noch das Hildegard-Knef-Projekt, Madeleine & The Hildeguards, bei dem ich hauptsächlich Sängerin bin, aber natürlich auch etwas Saxofon spiele. Ich bin einfach auch von ihr ein riesiger Fan. Und mir wurde erst im Rahmen meiner Recherche klar, wie jazzbelastet diese Frau eigentlich war. Sie hat zu unzähligen Standards deutsche Texte geschrieben und diese gesungen. Sie hat zum Beispiel Cole Porter Standards hergenommen und eigene lyrics erfunden.
Dieses Projekt ist musikalisch wiederum eine völlig andere Facette. Auch wenn Saxofonspielen und Singen irgendwie die gleiche Idee haben, so erfüllt man in einer Gruppe dann schon eine völlig andere Rolle. Als Sängerin stehst du im Vordergrund und erzählst deine Geschichten, als Saxofonistin bis du schon etwas mehr im Hintergrund.

Mit deinem Trioprojekt Autobiografie trittst du ja erstmals als echte Bandleaderin in Erscheinung. Du hast ja davor viel als sidewoman gespielt. Wie sehr war es für dich ein Anliegen, das Heft einmal selbst in die Hand zu nehmen? 

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Madeleine Kaindl (c) Lukas Beck

Madeleine Kaindl: Eine sidewoman oder ein sideman zu sein, ist ja eine gute Sache und man muss für diesen Job auch extrem viel draufhaben und sehr qualifiziert sein. Und ich habe das auch einige Zeit mit großer Freude betrieben. Dann aber kommt irgendwann einmal der Tag, an dem du eine Idee hast. Und ich muss sagen, wenn Corona nicht gewesen wäre, hätte ich nicht wirklich die Muse gehabt, meine eigene Musik zu schreiben, dafür blieb davor einfach viel zu wenig Zeit.
Mich hat einfach die Idee gepackt, dass ich nicht mehr nur über mein Leben und meine Gefühle sprechen will, sondern dass ich diese Dinge über die Musik erzählen und einfach einmal auch expressiv sein möchte. Inspiration habe ich auch im Impressionismus gefunden, in den ich in dieser Zeit auch reingekippt bin. Vor allem Claude Debussy hat es mir angetan. Ich dachte mir, dass es wunderbar wäre, mit Musik Bilder zu malen.

Auch das Knef-Projekt scheint bei dir einen hohen Stellenwert zu genießen.

Madeleine Kaindl: Ich denke, wenn man eine Idee hat, dann muss man sie auch realisieren, sonst bleibt die Idee ewig eine Idee. Und so war es auch bei Madeleine & the Hildeguards. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich es machen muss, und habe einfach Leute angerufen und gefragt, ob sie nicht mitmachen wollen. Das war vor eineinhalb Jahren und seitdem arbeite ich auch an diesem Projekt. Für 2022 sind auch schon einige Termine fixiert und auch eine Tour geplant.

Das heißt, die Corona-Krise hatte bei dir nicht nur negative Seiten. 

Madeleine Kaindl: Die Betonung liegt hier definitiv auf „nicht nur“, weil die Pandemie schon auch sehr viele negative Folgen mit sich gebracht hat. Das Leben hat sich schon stark verändert. Davor hätte ich nicht die Muse und Zeit und auch nicht die Ruhe gehabt, um an meinem Autobiografie-Projekt arbeiten zu können. Im letzten Jahr dagegen war ich lange sehr introvertiert und abgeschlossen, konnte keine Freundinnen und Freunde treffen und sonst etwas groß unternehmen, daher hat sich diese Zeit sehr gut dafür angeboten, das Projekt zu starten.

Wie war es für dich, von einem Tag auf den anderen nicht mehr auf der Bühne stehen zu können?

Madeleine Kaindl: Erschütternd natürlich. Ich kann mich erinnern, dass im März letzten Jahres so viele coole Gigs angestanden wären. Ein Bigband-Konzert im Porgy, ein Quintett-Auftritt im ZWE. Dann wäre ich im Juni für eineinhalb Monate auf ein Kreuzfahrschiff gegangen und hätte in einer Band gespielt. Und auch mit dem Knef-Projekt war ein erster Auftritt geplant. Es ist einfach eine Blase geplatzt. Und anfangs war auch noch niemandem klar, wie lange das Ganze dauern wird. Im ersten Lockdown musste ich wirklich erst einmal verarbeiten, was da gerade passiert ist.

Was machst du jetzt aus diesem Preis? Was erhoffst du, was sich aus diesem entwickelt und was du mitnehmen kannst? 

Madeleine Kaindl: Zunächst einmal werde ich jetzt natürlich das Masterstudium an der Jam Music Lab machen. Der Hauptpreis ist ja, dass man das finanziert bekommt. Ich merke auch, dass der Preis dazu geführt hat, dass jetzt doch viel mehr Leute auf mich zukommen. Und auch die Kooperation mit Ö1 ist super. Ich sehe den Preis als eine Anerkennung für meine Arbeit, die ich bisher geleistet habe, aber vor allem auch als Verpflichtung für Kommendes. Für mich ist klar, dass ich mich jetzt nicht ausrasten kann, sondern genauso motiviert weiterarbeiten werde. 

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Michael Ternai

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