„Es ist ein schmaler Grad zwischen sich selbst treu zu bleiben und sich zu trauen eine neue Richtung einzuschlagen“ – Esther Graf im mica-Interview

Kaum eine Person, die sich für deutschsprachige Pop-Musik interessiert, kommt aktuell am Namen ESTHER GRAF vorbei. Die Sängerin und Songwriterin hat im Sturm die Musikwelt erobert. Ihre Liebe zur Musik hat die gebürtige Kärntnerin nach Berlin verschlagen und das schon seit fünf Jahren. Dennoch ist die Verbindung zu Österreich immer noch stark. Das zeigt auch ihre aktuelle Single „nirgendwen“ (VÖ: 06.02.2026 // RCA) die in Zusammenarbeit mit der niederösterreichischen Künstlerin NESS entstanden ist. Im Gespräch mit Ylva Hintersteiner erzählt Esther Graf darüber, wie die Kollaboration zu Stande gekommen ist, wohin die musikalischen Wege auf ihrem kommenden Album führen und warum es wichtig ist, trotz der Liebe zur Musik auch andere Dinge im Leben zu schätzen.

Ich hab nachgesehen und dein letztes mica-Interview ist bereits drei Jahre her. Wie geht es dir und für all jene, die dich noch nicht kennen – kannst du dich kurz vorstellen?

Esther Graf: Drei Jahre? Da ist auf jeden Fall in der Zwischenzeit was passiert (lacht). Erstens, mir geht es gut, danke! Ich bin Esther Graf und ich mach deutschsprachige Pop-Musik mit einem rockigen Einschlag. Ursprünglich komme ich aus Kärnten, lebe aber mittlerweile in Berlin. Aber als Österreicherin bin ich trotzdem ganz oft in Wien, egal ob für Konzerte oder um Freunde zu besuchen. Bisher hab ich ein Album rausgebracht, sowie zwei EPs, also ich bin jetzt schon eine ganze Weile dabei. Aktuell arbeite ich gerade an meinem zweiten Album.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Im Backstage haben wir dann per Handschlag ausgemacht, dass wir ein Feature machen wollen.“

Eröffnet hast du dein musikalisches Jahr 2026 mit der Single „nirgendwen“ gemeinsam mit NESS. Wie ist es zu der Zusammenarbeit gekommen?

Esther Graf: Das lag irgendwie schon lange auf der Hand. Ich finde es macht musikalisch sehr viel Sinn und ich hab auch bei den ganzen Social Media Posts gemerkt, dass sich die Leute extrem über die Zusammenarbeit freuen. Wir sind uns ziemlich ähnlich was unsere musikalische Ausrichtung angeht und haben beide schon ziemlich viel über Herzschmerz gesprochen – und wir lieben beide die Gitarre. Aber wir kennen uns privat auch schon eine ganze Weile und sind uns immer wieder in Studios oder bei Musikveranstaltungen über den Weg gelaufen. Ich hab mir immer schon gedacht, dass sich da ein tolles Feature ergeben könnte. Im Oktober war ich dann auf Tour und sie hat mir geschrieben, ob sie sich mein Konzert in Wien anschauen kann. Ich hab natürlich zugesagt und im Backstage haben wir dann per Handschlag ausgemacht, dass wir ein Feature machen wollen. Es war richtig dramatisch. Wir haben uns gegenseitig die musikalische Liebe gestanden und wussten wir müssen einfach was gemeinsam machen. Ich war bereits in Albumplanung und wollte sie jetzt schon auf dem Album draufhaben. Deswegen habe ich ihr auch relativ schnell eine Skizze geschickt und sie hat auch gleich darauf geantwortet. In der Regel dauert eine Zusammenarbeit bei mir immer zwischen einem halben Jahr bis Jahr, manchmal sogar noch länger. Aber dieses Mal war der Song so innerhalb von zwei Monaten geschrieben, das Feature eingespielt, das Video aufgenommen und veröffentlicht. Das war richtig cool.

Ich finde das Musikvideo zur Single sehr gelungen. Gibt es dazu eine Hintergrundgeschichte?

Esther Graf: Freut mich, dass es dir gefällt! Man macht ja leider heutzutage nur mehr selten Musikvideos und wir haben echt ein wenig dafür kämpfen müssen, weil vieles ist nur mehr Content-Dreh und alles dreht sich um TikTok. Wir beiden lieben aber Musikvideos und wollte das unbedingt machen. Ziel war es das Musikalische bildlich zu untermalen. Wir haben uns gedacht, es braucht etwas wo die Leute auch dranbleiben. Am Anfang geht das Bild ja so ins Nächste über und baut die Spannung auf. Inhaltlich ist auch zu sehen, dass die Raumausstattung von Bild zu Bild weniger wird – wie eine Beziehung, die nach und nach an Liebe verliert. NESS hatte Bock ein wenig wütend zu sein und ein paar Sachen zu zerschlagen, dass war auch lustig. Und: Ich wollte, dass wir beiden Gitarren spielen, weil ich glaube, dass ist auch ein Bild, das heutzutage nicht so häufig zu sehen ist. Zwei Frauen miteinander mit Gitarre – das ist ein starkes Bild und das wollte ich drinnen haben. Die Welten an sich sind eher fröhlich, aber wir haben mit einem melancholischen Grading gearbeitet, sodass es auch ein wenig den 2000er Emo-Vibe drinnen hat. So auf Tokio Hotel angelehnt (lacht). Das war übrigens auch ein Top-Kommentar auf YouTube, dass der Song Tokio Hotel-Vibes gibt. Ich sehe das voll als ein Kompliment.

Bild Esther Graf & NESS
Esther Graf & NESS © Mike Palmowski

„nirgendwen“ spielt mit einer Gefühlswelt, die doch von Frust, Ratlosigkeit und Herzschmerz geprägt ist. Bietet sich das besonders gut an im Songwriting?

Esther Graf: Erstens das. Aber ich würd es gar nicht so trocken darstellen für mich. Es ist ja doch etwas, dass aus unseren Herzen entsteht. Ich hab auch davor NESS-Diskografie durchgehört und ja wir haben beide viel über Heartbreak geschrieben. Aber ich finde, wie wir den Song performt haben und wie er jetzt schlussendlich auch klingt, hat er auch was Hoffnungsvolles und Kraftvolles. Er ist nicht nur negativ, sondern es geht auch darum, einfach einmal zufrieden mit sich selbst zu sein. Du hast auch ganz viel Stress nicht, wenn du keine Beziehung hast.

„Natürlich gibt es auch immer noch Lieder, die richtig nach vorne gehen, aber insgesamt würde ich sagen, dass es musikalischer geworden ist.

Sie wurden von dir schon angesprochen – musikalisch stehen Gitarren durchaus im Zentrum des Songs. Bereits zuvor hast immer wieder Rock- und Punk-Elemente in deiner Musik verwendet. Ist das auch etwas, das du in deiner aktuellen Arbeit bewusst verfolgst?

Esther Graf: Das hab ich durchaus schon länger in meine Arbeit einfließen lassen. Mein letztes Album ging in diese Pop-Punk Richtung und auch die EP davor. Für mich war es ein wenig eine schwierige Situation mit der Frage, wo geh ich jetzt wirklich hin. Ich möchte mich auch immer wieder neu erfinden. Es ist ein schmaler Grad zwischen sich selbst treu zu bleiben und sich zu trauen eine neue Richtung einzuschlagen. Bei dem kommenden Album hab ich versucht ein wenig auszubrechen. Manche Songs sind vielleicht noch emotionaler und es sind auch ein paar ruhige Nummern drauf. Natürlich gibt es auch immer noch Lieder, die richtig nach vorne gehen, aber insgesamt würde ich sagen, dass es musikalischer geworden ist.

Hast du konkrete musikalische Inspirationen, die dich in diesem Prozess begleitet haben?

Esther Graf: Ich höre privat extrem viel Musik und bin ich ein großer Fan von britischem Indie-Pop. Ich höre alles über Holly Humberstone, Gracie Abrams bis zu Phoebe Bridger.  Ich liebe diese Welt und ich finde die gibt es auf diese Art und Weise gar nicht so im deutschsprachigen Raum, vor allem nicht von Frauen. Ich kann daraus sehr viel Inspiration ziehen und ich glaube das hat durchaus Einflüsse genommen und das hört man auch auf dem Album.

„Ein Album gibt mir den Raum eine Geschichte komplett zu erzählen.“

Wir sind jetzt schon mehrfach auf dein kommendes Album zum Sprechen gekommen. Aktuell werden ja immer häufiger Lieder einzeln veröffentlicht, anstatt komplette Alben zu produzieren. Ist dir es dir als Musikerin doch ein Anliegen ein Album zu gestalten?

Esther Graf: Ja absolut! Es stimmt, man muss durchaus auch dafür kämpfen für die Daseinsberechtigung eines Albums. Klar ist, dass vermutlich kein ganzes Album viral gehen wird. Ich bin trotzdem sehr froh, dass ich mir über die Jahre eine Fanbase aufgebaut habe, die durchaus ein ganzes Album von mir hören möchte. Ich glaube es hat auch mit der Erwartungshaltung zu tun. Bei Singles hat man sowieso den Druck, dass diese funktionieren sollen. Ein Album ist einfach für mich und meine Fans. Es gibt mir den Raum eine Geschichte komplett zu erzählen und darauf ist auch Platz für Songs, die sich vielleicht nicht so als Single eignen.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Kannst du noch ein paar Details über das kommende Album verraten?

Esther Graf: Ein wenig sind wir schon eingetaucht in die geplante musikalische Welt. Es wird definitiv eine Bandbreite an Liedern darauf zu finden sein. Wer bei meinen Shows war, hat auch schon die eine oder andere unveröffentlichte Nummer gehört. Ich bin grade so auf der Zielgerade mit den Liedern. Es ist definitiv sehr nahe an meinem Herzen. Das letzte Album war natürlich auch ein spannender Prozess, weil es das Erste war. Da hab ich sehr genau auf einen roten Faden geachtet. Dieses Mal bin ich eher meinem Bauchgefühl nachgegangen und hab Songs auf das Album gegeben, die ich mir auch privat gerne anhöre. Ein genaues Datum gibt es noch nicht, aber definitiv im Sommer wird es rauskommen.

„Diese Auftritte sind dann die Tage, an denen ich gar nicht begreifen kann, dass das mein Job ist.“

Aber nicht nur das kommende Album steht vor der Tür, sondern auch einige Festival-Highlights. Unter anderem wirst du beim Frequency auftreten – das war übrigens auch Thema in deinem letzten mica-Interview. Freust du dich schon sehr auf den Sommer?

Esther Graf:
Wirklich? Da hab ich sicher darüber gesprochen, dass ich gerne dort spielen will. Ein richtiger Full-Circle Moment. Ich freu mich schon riesig drauf. Ich glaube so voll wie heuer war der Sommer noch nie. Einige Sachen sind noch gar nicht angekündigt worden, aber wenn ich in meinen Terminkalender schaue, möchte ich recht schnell das Album fertig machen, damit ich noch kurz in den Urlaub fahren kann (lacht). Ich bin den ganzen Sommer bis in den Herbst hinein unterwegs. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich aktuell keine Tour im Vorverkauf habe und das ist dann für Festivals eventuell auch attraktiver. Ich freu mich schon sehr auf den Sommer, ich spiel einfach gern Festivals. Das Frequency steht schon lange auf meiner Bucket-Liste. Vor zwei Jahren war ich privat mit meiner Schwester dort und bin so ein wenig in den Vibe eingetaucht. Es war sehr cool dort und hab mir damals schon gedacht, dass es echt nett wäre da zu spielen. Festivals sind so toll, weil Leute einfach hinkommen, um eine gute Zeit zu haben. Diese Auftritte sind dann die Tage, an denen ich gar nicht begreifen kann, dass das mein Job ist.

Bevor es aber soweit ist, bist du ja auch am 8. März in Wien am internationalen Weltfrauentag vertreten, unter dem Motto „#WEARE – Starke Stimmen – Starke Frauen“. Kannst du dazu etwas erzählen?

Esther Graf: Ich freu mich sehr da zu spielen. Grundsätzlich ist Feminismus mein täglich Brot und ein echtes Herzensthema für mich. Generell finde ich es wichtig, dass sich jeder Artist mit so ein bis zwei politischen Themen genauer auseinandersetzt und dafür möchte ich auch öffentlich stehen. An diesem Tag finde ich vor allem auch wichtig zu zeigen, wie viele wir sind. Die Ausrede, dass es keine weiblichen Künstlerinnen gibt und dadurch auch nicht für Events gebucht werden können, gilt einfach nicht mehr. Mittlerweile sind wir so viele und auch sehr erfolgreiche Künstlerinnen. Wir können genauso ein Festival-Lineup stellen und die Leute kommen und hören uns zu. Ich freue mich Teil davon zu sein. Es ist besonders wichtig, dass es auch Leute dahinter gibt, die das organisieren. Ich komme natürlich gerne und spiele meine Musik, aber ich habe es nicht initiiert. Dazu gehört viel Planung und viel Stress und ich bin froh, dass es Personen gibt, die das auf sich nehmen.

Gibt es auf dem Line-Up eine Künstlerin auf die du dich besonders freust?

Esther Graf:
Ich muss sagen, viele mir unbekannte Namen. Aber ich freue mich dementsprechend selber ein wenig Scout-mäßig unterwegs zu sein. Generell halte ich gerne Ausschau nach neuen Talenten. Ich platzier jetzt mal wieder einen Traum und in drei Jahren reden wir drüber. Irgendwann würde ich gerne selbst ein Label gründen. Ich geh extrem gerne auf Musikindustrieveranstaltungen und Konzerte und schau mich gerne um, was es so Neues gibt. Also in erster Linie freue ich mich am 8.März darauf neue Musik zu entdecken und mich weiter zu vernetzen.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Das Jahr 2026 ist doch noch ziemlich jung. Hast du ein paar persönliche Highlights auf die du dich besonders freust?

Esther Graf: Ja! Auf jeden Fall auf mein Album – das ist meine persönliche Bachelorarbeit. Wobei eher eigentlich Masterarbeit, weil, es ist ja bereits mein zweites Album. Es ist auch noch nicht konkret angekündigt, aber ich werde auch wieder ein Album-Release-Konzert spielen. Das war das letzte Mal schon so toll und darauf freue ich mich extrem. Es ist einfach noch einmal ein ganz eigener Vibe und da kommen so viele Emotionen zusammen. Ich weiß jetzt schon, dass wird der stressigste Tag im Jahr, aber auch der Moment, wo ich loslassen kann. Für dieses Jahr habe ich mir außerdem vorgenommen, mein Privatleben wieder mehr in den Vordergrund zu rücken. Das vergisst man leicht so zwischendurch. Aber gerade in den Feiertagen habe ich gemerkt, wie gut es mir tut, einmal komplett runter zu fahren und Zeit mit der Familie zu bringen. Das möchte ich mehr wahrnehmen. Einfach eine gute Balance zu finden wäre mir wichtig. Immerhin mache ich es schon eine Zeit lang und möchte es natürlich auch noch mindestens zehn Jahre machen. Ich identifiziere mich sehr mit meiner Musik, aber ich darf auch nicht vergessen, dass es mein Job ist. Wenn ich mich nur über meinen Job identifiziere, dann werde ich eventuell zu einer Person, die ich nicht mag. Ich möchte auch herausfinden, wer ich abseits meiner Musik bin. Eine Karriere ist halt auch eine Achterbahnfahrt. Es kann immer bergab gehen und sich dann nur über dieses eine Ding wahrzunehmen, kann schiefgehen. Deswegen arbeite ich grade an Dingen, die mich glücklich machen, auch außerhalb von meiner Musik.

Ist es dir wichtig, auch immer wieder nach Österreich zurückzukehren?

Esther Graf: Ja voll! Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, irgendwann wieder in Wien zu wohnen. Ich bin jedes Mal wieder gerne hier und muss auch schauen, dass ich nicht zu lange bleibe, sonst komm ich gar nicht mehr weg. Ich wohne seit fünf Jahre in Berlin, aber trotzdem muss ich sagen, dass meine besten Freunde immer noch in Österreich leben. Schon spannend, wie sich das ergeben hat. Ich habe extrem viele tolle Leute um mich, aber der Kern ist trotzdem hier.

Abschließend – hast du noch etwas, dass du gerne ansprechen würdest?

Esther Graf: Das ist eine gute Frage. Ich möchte einfach mal Danke sagen an jeden einzelnen Menschen, der sich meine Musik anhört. Ich freue mich, dass meine Musik Leuten was gibt. Und ich möchte der Person, die das gerade liest ganz viel Kraft wünschen. Ich freue mich, wenn wir uns das nächste Mal auf einem Konzert sehen und gemeinsam die Lieder rausschreien können. Und ich möchte mich auch bei mica bedanken, weil ich finde ihr macht tolle Arbeit. Ich bin gerade Mentorin für eine junge Künstlerin, die mir verschiedene Fragen zur Musikindustrie stellt. Schon mehrfach war meine Antwort, schau doch mal bei mica vorbei. Ich hatte als junge Künstlerin auch eine vertragliche Frage, konnte mir aber zu dem Zeitpunkt noch keinen Anwalt leisten. Bei mica wurde mir damit geholfen. Also unbedingt kontaktieren bei Fragen und danke an euch alle!

Vielen herzlichen Dank für das tolle Gespräch!

Ylva Hintersteiner

++++

Live

08.03. – Wien – „#WEARE Starke Stimmen, Starke Frauen“
GLOBE WIEN – MARX HALLE
Tickets

+++

Links

Esther Graf (Webseite)
Esther Graf (Instagram)
Esther Graf (Spotify)