„MIR REICHT, WENN MICH JEMAND SUCHT.“ – JESSE GRANDE IM MICA-INTERVIEW

Er ist Songwriter, Multiinstrumentalist, Filmemacher, Veranstalter und ein außergewöhnlicher Performer. Jesse Grande entzieht sich einfachen Zuschreibungen und genau darin liegt auch die besondere Qualität seines neuen Albums „Die schönsten Melodien von“. Es ist ein Album voller Überraschungen – experimentell, humorvoll, genreübergreifend und von Jesses besonderen Gabe zum Geschichtenerzählen geprägt. Auf Streamingplattformen ist das Album bewusst nicht zu finden. Der aus Telfs stammende Künstler wurde 2020 mit dem Hubert von Goisern Kulturpreis ausgezeichnet. Jesse hat unsere Fragen schriftlich beantwortet.

Du bist auf so vielfältige Weise künstlerisch aktiv. Was bedeutet dir das Musikmachen?

Jesse Grande: Es ist das einzige, das ich gut kann. Daher muss ich es machen, um nicht das ganze Potenzial, das mir der Herrgott mitgegeben hat, brachliegen zu lassen.

Du schaffst mit der Kunstfigur Jesse Grande etwas Distanz zu deiner Person. Warum? 

Jesse Grande: Es ist weniger eine Kunstfigur, als die Entscheidung so zu heißen, wie ich es sag. Distanz schaff ich durchaus, aber meistens eher zu anderen Personen.

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Wie ist dein neues Album „Die schönsten Melodien von“ entstanden?

Jesse Grande: In den vergangenen Jahren habe ich viel geschrieben und Entwürfe gesammelt. Es war an der Zeit, die Skizzen und Melodien zu ordnen und Lieder daraus zu machen. Es waren auch viele Lieder entstanden, die dann nicht auf die Platte gekommen sind. Die haben keine schöne Melodie oder passen einfach nicht dazu. So ist es mehr ein Aussieben der Melodien geworden. Und die schönsten sind jetzt auf der Platte und können mit Pickerlen verziert werden.

In deinen Liedern zeichnest du oft Figuren: Jimmy den Dieb, Andi den Lasterfahrer. Woher kommen diese Charaktere?

Jesse Grande: Sie kommen aus der Fantasie. Das ist was, das es vor den Smarttelefonen gegeben hat. Man hat sich einfach etwas einfallen lassen, meistens weil einem langweilig war, und dann hat man es erfunden und ins Leben hineingehievt. Heut könnt ich das wahrscheinlich auch gar nicht mehr.

Du meinst, du würdest du es nicht mehr in diesem Ausmaß schaffen, kreativ zu sein, wenn du heute jugendlich wärst?

Jesse Grande: Da müsste man wahrscheinlich ein*e Expert*in für digitale Sachen fragen. Ich glaub aber schon, dass uns allen viel weniger langweilig ist, als noch vor ein paar Jahren und dann machen wir weniger gute Sachen. Ins Telefon hineinschauen wird aber irgendwann auch langweilig. Ich kann insbesondere bei den jungen Menschen wieder einen Trend hin zum Reallife beobachten. Es sind mehr die Alten, die in das Kastl hineinschauen, bis die Augen viereckig werden.

Bild von Jesse Grande am Schlagzeug
Jesse Grande in Telfs © Paul Krismer

Mit dem atmosphärischen „Mond über Sarajevo“ zeigst du dich von einer lyrischen Seite. Wie hast du entschieden, dass dieses Lied der Opener vom Album sein soll? Was kannst du uns über „Mond über Sarajevo“ erzählen?

Jesse Grande: Meine Freunde diktieren mir oft, was zu tun ist. Sie haben mich auch zu dem doch recht erbärmlichen Konterfei am Plattencover überredet. Von »Mond über Sarajevo« am Beginn der Platte haben mir alle abgeraten. Doch hab ich mich diesmal durchgesetzt: »Mond über Sarajevo« darf ganz an den Anfang (gleich nach »Boston I« halt). Aber ich werde mich hüten, die eigenen Lieder auszulegen. Das darf die*der Anhorcher*in ganz allein.

Spürst du manchmal den Drang, dich künstlerisch mehr zu fokussieren, um z. B. mehr in ein bestimmtes Genre zu passen oder warum machst du das gerade nicht?

Jesse Grande: Ich spüre den Drang, häufig und intensiv, doch bin ich ihm noch nie erlegen. Ich kann es auch nicht. Mir gefällt etwas so gut, dass ich tagelang ausschließlich daran arbeite. Wenn es fertig ist, mag ich nie mehr etwas ähnliches machen.

Das heißt, dein größter Antrieb ist die Neugierde dem künstlerischen Schaffen gegenüber?

Jesse Grande: Schwierige Frage. Ich würde sagen, es ist vor allem ein Zwang. Es wäre alles wesentlich entspannter, wenn man nicht mitten in der Nacht aufwacht mit einer Melodie, die man dann aufnehmen muss. Ich hätte damals in der Schule sicherlich bessere Prüfungsergebnisse erzielt. Heute habe ich weitestgehend alles darauf abgestimmt, dass der Heilige Geist jeden Moment zuschlagen kann. Trotzdem überrascht er mich immer noch.

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Du hast einen Großteil der Instrumente am neuen Album selbst eingespielt. War das eine bewusste künstlerische Entscheidung oder pragmatische Freiheit?

Jesse Grande: Dieser Entscheidung liegen ausschließlich finanzielle Überlegungen zugrunde.

„Die schönsten Melodien von Jesse“ hast du auf keine der gängigen Streamingplattformen hochgeladen. Diese stehen ja zurecht in der Kritik, gerade weniger bekannte Musiker:innen sehr unfair zu vergüten. Gleichzeitig wollen viele Acts doch überall gefunden werden. Wie hast du diese Entscheidung getroffen? 

Jesse Grande: Mir reicht es, wenn mich jemand sucht. Ob ich gefunden werde, ist ja egal. Der Wille zählt. Wichtig ist mir vielmehr, dass die Menschen mir Geld für die Lieder auf der Platte geben. Von mir aus müssen sie die Lieder nicht einmal anhorchen. Mir sagen aber auch regelmäßig Leute aus der Branche, dass ich alles falsch mach. Das gehört zu meinem Job dazu.

Danke für die schöne E-Mail-Konversation!  

Jesse Grande: Ich sag auch Danke: Für die schönen Fragen und die lieben einleitenden Wörter.

Lisa Prantl

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Jesse Grande live
07.03. Kulturfabrik, Kufstein (Tickets)
27.03. Altes Kino, Landeck (Tickets)
04.04. Ranch zum Unterm Riadbom, Feldkirch (Tickets)
25.04.  Stanglerhof, Völs am Schlern

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