Es gehört schon einiges dazu auch 2026 noch mit einem Techno-Album aus dem schier unübersichtlichen Output an Produktionen die unter dieser Genrebezeichnung fast täglich auf allen möglichen Formaten und Plattformen veröffentlicht werden, herauszustechen. Interessanterweise gelingt dies der Salzburger Elektronik-Musiker markmechanik mit seinem Zweitling „Invest in Rest“ (erschienen auf dem Salzburger Electronic-Label vierundvierzig) in einer Lockerheit, die sofort im akustischen Gedächtnis hängenbleibt. Das mag am Fehlen gängiger Klischees ebenso liegen wie an konzentrierten Arbeitsweisen die souverän mit Retro-Aspekten und all den dann doch nicht ganz verlorenen Future-Aspekten, für Techno ja auch mal gestanden ist, umgehen. Für mica hat sich Didi Neidhart mit markmechanik zum Interview getroffen.
Dein Debüt von 2022 trug ja den Titel „Wehmut“. Jetzt nennst du dein aktuelles Album „Invest in Rest“. Ist das eher optimistisch oder fatalistisch zu verstehen?
markmechanik: Die Titel meiner Alben stehen immer in engem Zusammenhang mit meinen jeweiligen Lebensphasen. „Wehmut“ war stark von einer eher nach innen gerichteten, melancholischen Stimmung geprägt. „Invest in Rest“ spiegelt dagegen ein Bedürfnis nach Regeneration und bewusster Entschleunigung wider. Insofern ist es für mich weniger fatalistisch als vielmehr eine positive, konstruktive Haltung: sich Zeit zum Rasten zu nehmen und das als wertvolle Investition zu begreifen.
Geht es bei „Invest in Rest“ ums Ausruhen, Rasten oder um die Verwertung bzw. die Arbeit mit „Resten“?
markmechanik: Ha, ha. Tatsächlich geht es ganz klar ums Rasten – also um das bewusste Zur-Ruhe-Kommen. Es geht darum, sich Raum zu schaffen, um abzuschalten und neue Energie zu tanken.
Das Cover mit der Massagebank suggeriert ja auch einen gewissen regenerativen Aspekt. In den 1990ern gab es aber auch immer wieder den Spruch von Dance-Music (Techno, House, Jungle) als eine Art „Vollkörpermassage“ – vor allem, als vermehrt Subwoofer zum Einsatz kamen. Würdest du deine Musik auch so bezeichnen?
markmechanik: Das ist ein interessanter Gedanke. Der Fokus des Albums liegt tatsächlich stark auf Regeneration – allerdings in erster Linie für mich selbst, durch den Prozess des Musikmachens. Es gibt aber durchaus ein paar Tracks, die man im Clubkontext als eine Art „Vollkörpermassage“ erleben kann, gerade wenn sie über eine gute Anlage laufen. Diese körperliche Komponente ist in der elektronischen Musik ja immer präsent.
„Die Art, wie man Frequenzen verteilt und miteinander arbeiten lässt, hat enormen Einfluss auf Tiefe und Atmosphäre eines Tracks.“
Im Promotext ist die Rede von „music is a tool“. Das ist ja auch eine grundsätzliche Definition eines Tracks, wie ihn die DJ-Culture geprägt hat – z. B. als „DJ-Tools“, die allein meist eher karg gehalten sind, im Mix mit anderen aber super funktionieren. Welche Art von „Tool(s)“ sind deine aktuellen Tracks?
markmechanik: Mit „music is a tool“ meine ich in erster Linie, dass Musikmachen für mich ein Werkzeug ist, um abzuschalten und zur Ruhe zu kommen. Der Produktionsprozess selbst ist mein persönliches Tool zur Regeneration. Natürlich funktionieren manche Tracks auch im klassischen Sinne als DJ-Tools – reduziert, funktional, gut mischbar –, aber der eigentliche Werkzeug-Charakter liegt für mich im kreativen Prozess.
Wie würdest du „Tool“-Tracks von anderen unterscheiden (oder von Minimal Techno wie bei Robert Hood)?
markmechanik: Klassische Tool-Tracks zeichnen sich für mich durch eine klare, reduzierte Struktur aus. Es sind gut abgestimmte, eher simpel gehaltene, langgezogene Loops, die im DJ-Set hervorragend funktionieren. Sie leben von subtilen Veränderungen und einer präzisen Abstimmung der Elemente. Robert Hood hatte – und hat – dafür ein besonderes Gespür: mit minimalen Mitteln maximale Wirkung zu erzielen.
Hört man sich die Tracks abwechselnd mit x-beliebigen aktuellen „Techno“-Playlists (etwa auf Spotify) an, fällt auf, wie „organisch“ deine Nummern sind. Liegt das am analogen Instrumentarium oder war das eine bewusste Entscheidung?
markmechanik: Das ist in erster Linie eine bewusste Entscheidung. Es geht weniger um analog versus digital, sondern darum, wie ich mische und wie ich Sounddesign betreibe. Die Art, wie man Frequenzen verteilt und miteinander arbeiten lässt, hat enormen Einfluss auf die Tiefe und Atmosphäre eines Tracks. Ich achte sehr darauf, dass sich die Elemente organisch anfühlen und nicht zu steril oder überkomprimiert wirken.
Wie stehst du als Techno-Artist eigentlich zum Thema KI? Es gibt auch ohne KI schon genug Templates/Vorlagen und Samplepacks, die fast von selbst Tracks generieren können. Hast du da ein Auge bzw. Ohr darauf?
markmechanik: Ich kann vor allem aus der Perspektive von Mixing und Mastering sprechen. Dort bieten mittlerweile viele Hersteller KI-gestützte Tools an. Als Orientierungshilfe oder Einstieg kann das für viele sicher praktisch sein. Für mich persönlich ist Mixing jedoch ein hochkreativer Schritt im Produktionsprozess. Ich treffe hier sehr bewusste, intuitive Entscheidungen – deshalb sehe ich für mich keinen Mehrwert darin, diesen Part an eine KI auszulagern.
„Für mich steht bei der Klangerzeugung immer die Intuition im Vordergrund!“
Wie entstehen eigentlich deine Tracks?
markmechanik: Meistens entstehen meine Tracks in den Wintermonaten – im Sommer schraube ich tatsächlich lieber an meinem Auto. Wenn ich in einer kreativen Phase bin, arbeite ich überwiegend im Studio, gelegentlich aber auch zu Hause auf der Couch mit Laptop und Ableton.
Oft starte ich mit einem konkreten Ausgangspunkt, etwa einer Percussion-Idee, einer Synth-Line oder einer Bassline. Daraus entwickelt sich im Idealfall Schritt für Schritt ein kompletter Track. Manchmal dauert dieser Prozess nur zwei Tage, manchmal aber auch zwei oder drei Jahre. Der finale Mix und der Feinschliff entstehen jedoch immer im Studio.
Speziell auf der ersten Seite gibt es immer wieder (düstere) Techno-Dub-Anklänge und bis in die 1990er zurückreichende Jungle-/Drum-&-Bass-Bässe. Sind das noch „Wehmut“-Reste oder einer generellen Zeitstimmung geschuldet?

markmechanik: Das sind keine „Wehmut“-Reste. Nach dem Release von „Wehmut“ habe ich mich weiter intensiv mit Musikproduktion beschäftigt und viel Zeit im Studio verbracht. Dabei habe ich viel dazugelernt, mein Gehör geschult und unterschiedliche Einflüsse verarbeitet. Manche Tracks lassen sich stilistisch vielleicht in diese 1990er-Ästhetik einordnen, aber das ist eher Ergebnis meiner Weiterentwicklung als Ausdruck von Nostalgie.
Du arbeitest dabei ja ebenso mit digitalem wie analogem Equipment. Wie entscheidest du, was du mit was machst, oder geben das eh die Geräte vor?
markmechanik: Für mich steht bei der Klangerzeugung immer die Intuition im Vordergrund! Ich brauche Instrumente, die unmittelbar zugänglich sind und bei denen ich nicht erst durch komplizierte Menüstrukturen navigieren muss, um eine Idee umzusetzen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Roland Juno-106. Seine Oberfläche ist klar strukturiert und selbsterklärend aufgebaut. Ich sehe auf einen Blick, was im Signalweg passiert, und kann Parameter sofort über Fader verändern – man hört sofort, was man tut, und entwickelt Sounds fast spielerisch weiter. Gleichzeitig haben auch digitale Werkzeuge wie ein iPad ihren festen Platz in meinem Workflow. Wenn ich etwa zu Hause auf der Couch an Musik arbeite und nur den Laptop zur Verfügung habe, funktioniert das für mich genauso gut. Letztlich entscheidet also weniger das Gerät selbst als vielmehr die jeweilige Situation und das, was der kreative Moment erfordert. Entscheidend ist für mich, dass das Werkzeug die Idee unterstützt – und nicht umgekehrt.
„Musik ist für mich weder ein Wettbewerb noch der Versuch, mit irgendeinem Output mitzuhalten.“
Gibt es (Produktions-/Kompositions-)Aspekte beim Analogen, die mit digitalen Mitteln nicht (oder nur sehr schwer) nachgestellt werden können?
markmechanik: Wenn man sich intensiv mit Sounddesign beschäftigt, bin ich überzeugt, dass man auch rein digital sehr nah an einen analogen Klang herankommen kann. Vieles ist heute technisch möglich – und in manchen Bereichen sogar erstaunlich präzise.
Dennoch gibt es beim Analogen für mich eine besondere Qualität, die sich nur schwer vollständig reproduzieren lässt. Ich habe in den letzten Jahren viel Zeit in analoges Sound-Processing investiert und mir unter anderem eigene EQs, Preamps und einen Kompressor selbst gelötet. Was analoge Schaltungen, Transformatoren oder Spulen mit einem Signal machen, empfinde ich tatsächlich als eine Art magischen Zauber. Es geht dabei weniger um messbare Werte als um subtile Sättigung, leichte Unvorhersehbarkeit und organische Tiefe. Diese Nuancen entstehen durch physikalische Prozesse – und genau das macht für mich beim Analogen einen großen Reiz aus.
Das Album ist auf erfrischende Art frei von 1980er-Referenzen und widmet sich (für meine Ohren) eher den 1990ern und deren Folgen. Dennoch heißt ein Track „1984“, und einiges klingt auch ein wenig nach neonfarbenen Wandtapeten (so zwischen „Scarface“ und „Miami Vice“). Passiert so etwas einfach (weil man halt Fan davon ist), oder sind das eher bewusst – jedoch dezent – gesetzte Verweise?
markmechanik: Der Track „1984“ ist nach einer ziemlich euphorischen Nacht im Heizkeller entstanden und hatte ursprünglich null beabsichtigten 1980er-Bezug – außer vielleicht, dass die Synths, die ich verwendet habe, selbst aus den Achtzigern stammen (lacht).
Mir ging es dabei eher um das Gefühl des Moments als um irgendeine stilistische Referenz. Erst später, mit etwas Abstand, ist mir aufgefallen, dass mich die Synth-Line total an das leicht cheesy Intro irgendeiner 1980er-TV-Serie erinnert – ich könnte aber beim besten Willen nicht sagen, an welche genau. Das war also kein bewusstes Zitat, sondern eher ein unterbewusster Einfluss, der sich da heimlich eingeschlichen hat.
Die Tracks verstehen sich ja auch als „a counterpoint to the fast-paced digital age“. Aber kann dem – jenseits von Produktionsweisen – überhaupt entkommen werden? Oder anders gefragt: Wie geht man angesichts von 1000 Tracks, die gefühlt jeden Tag (jede Stunde?) hochgeladen werden, heutzutage an ein „Techno“-Album heran?
markmechanik: Ich begegne dieser Entwicklung ziemlich nüchtern. Die enorme Flut an Releases hat auf meine eigene Arbeitsweise kaum Einfluss. Musik ist für mich weder ein Wettbewerb noch der Versuch, mit irgendeinem Output mitzuhalten – sie ist in erster Linie Selbstzweck, ein innerer Prozess, weil ich das Musikmachen einfach brauche.
Ein Album entsteht bei mir aus einer inneren Notwendigkeit heraus, nicht aus strategischen Überlegungen. Gerade in einer schnelllebigen, digitalen Welt kann es sogar befreiend sein, sich bewusst davon zu lösen und den Fokus konsequent auf die eigene künstlerische Haltung zu richten.
„Salzburg ist insgesamt kein klassischer Hotspot für Clubkultur.“
Mit der Salzburger Club Commission gibt es ja seit ein paar Jahren auch eine Interessenvertretung in Sachen DJ- und Clubkultur. Daneben gibt es auch seitens der Stadt einen „Club-Culture“-Schwerpunkt. Würdest du sagen, dass sich die Situation für die damit assoziierte Szene in Salzburg verbessert hat? Aus Städten wie Berlin (und inzwischen auch Wien) hört man ja eher Berichte über Clubsterben, ausbleibendes Publikum und Subventionskürzungen.
markmechanik: Salzburg ist insgesamt kein klassischer Hotspot für Clubkultur. Dennoch habe ich den Eindruck, dass sich in den letzten Jahren einiges positiv entwickelt hat.
Die Salzburger Club Commission leistet mit ihrer Vernetzungs- und Aufklärungsarbeit einen wichtigen Beitrag. Mittlerweile gibt es mehrere Crews und Kollektive, die regelmäßig hochwertige Veranstaltungen organisieren und der Szene frische Impulse geben. Auch wenn die Rahmenbedingungen nicht immer einfach sind, lässt sich eine durchaus konstruktive Dynamik erkennen.
Wie wurde das Album eigentlich finanziert?
markmechanik: Die Produktion des Albums wurde dankenswerterweise vom Land Salzburg sowie durch die Tonträgerförderung der Stadt finanziell unterstützt.
Danke für das Interview.
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Links:
markmechanik (Soundcloud)
vierundvierzig (Soundcloud)
vierundvierzig (bandcamp)
vierundvierzig (Webseite)
