Mit „Tilda“ (DOWHWA Records) schlägt Chris Comper alias Prinz Grizzley ein besonders persönliches Kapitel seines musikalischen Schaffens auf. Das Albumcover zeigt Richard Lashers ikonische Aufnahme eines Ford Pinto vor der gewaltigen Eruptionswolke des Mount St. Helens – ein Bild zwischen Alltag und drohendem Ausnahmezustand, das auch den gedanklichen Rahmen des Albums absteckt. Musikalisch verabschiedet sich der österreichische Musiker vom breiten Americana-Sound und setzt auf einen reduzierten, dunkleren Folk. Im Zentrum stehen die Lebensgeschichten seiner Großeltern, geprägt von Krieg, Verlust und Neuanfang. Aus den familiären Erinnerungen entsteht ein nachdenkliches Werk über Verletzlichkeit und Widerstandskraft in einer Gegenwart, in der Sicherheiten zunehmend brüchig erscheinen. Im Interview mit Michael Ternai spricht der Vorarlberger über den sehr persönlichen Charakter seines neuen Albums, die musikalischen Wege, die er mit „Tilda“ einschlägt, und die bewusste Zuwendung zum Unperfekten.
„Tilda“ ist ein sehr persönliches Album geworden, nicht zuletzt, weil sich viele der Songs auf die Lebensgeschichte deiner Großeltern beziehen. Wie ist die Idee dazu entstanden, ihre Geschichte zum Ausgangspunkt des Albums zu machen? Und was hat dich an ihrem Leben besonders beschäftigt?

Prinz Grizzley: Ausgangspunkt war eigentlich ein ikonisches Foto von Richard Lasher, das einen Vulkanausbruch im US-Bundesstaat Washington zeigt. Ich war damals gerade dabei, mein letztes Album fertigzustellen. Wir waren beim Abmischen, kamen aber irgendwie nicht weiter. Ich dachte mir, dass ich meinen Fokus auf etwas anderes richten und ein neues Album in Angriff nehmen muss. In dieser Phase ist mir zufällig dieses Bild untergekommen. Ich weiß nicht mehr genau, wo ich es gesehen habe, wahrscheinlich irgendwo im Internet. Es hat mich aber sofort gepackt: ein rotes Auto, ein Motorrad, ein Wald und dahinter ein ausbrechender Vulkan. Ich wusste auf Anhieb, dass ich etwas rund um dieses Bild machen wollte.
Das Konzept für das Album hatte ich im Grunde sofort im Kopf, weil es mit den Songs „Tilda Lee“ und „WWII“ bereits zwei Stücke gab, die in diese Richtung gingen. Ich hatte auch schon überlegt, daraus eine EP zu machen, die sich mit dem Leben und einzelnen Lebensphasen meiner Großeltern beschäftigt. Sie waren die Inspiration für diese Songs. Das Foto hat mich dann aber so stark fasziniert, dass mir klar wurde, dass dieses Thema ein ganzes Album tragen kann.
Die Geschichte beginnt mit meinem Urgroßvater und dem Song „Put Me Down (A Foreign Man)“. Er kam aus Südtirol, um im Bregenzerwald zu arbeiten, und war dort als Zugewanderter mit Vorurteilen konfrontiert. Ähnliche Erfahrungen machten später auch mein Großvater und mein Vater, die ebenfalls als Ausländer galten.
Einige Stücke, vor allem die Instrumentals, hatte ich damals schon geschrieben. An diesem Abend habe ich aber begonnen, die Songs zusammenzustellen. Nach zwei Abenden hatte ich das Album in einer vollständigen Demoversion beisammen, inklusive der Reihenfolge. Das war irgendwie unglaublich. Ich weiß nicht, was da passiert ist, aber es hat mich einfach überkommen, obwohl ich mitten in der Produktion eines anderen Albums steckte. Von da an wusste ich auch, dass ich daran nichts mehr ändern werde. Diese 14 Songs bleiben genau in dieser Reihenfolge. Auch während der Aufnahmen haben wir nicht mehr daran gerüttelt oder überlegt, ob wir einen anderen Song nehmen oder die Reihenfolge ändern sollten. Ich hatte das Album an diesem Abend so zusammengestellt, wie es jetzt ist. Und ich finde, es ist schön geworden, so wie es jetzt ist.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
Wenn man sich die Entstehungsgeschichte des Albums anhört, entsteht der Eindruck, dass vieles sehr spontan seinen Weg in die Musik gefunden hat. Die Songs wirken weniger ausproduziert, haben Ecken und Kanten und lassen durch ihre reduzierte Instrumentierung viel Raum. Im Vergleich zu früheren Arbeiten, bei denen du teilweise mit mehr Instrumenten und einem insgesamt kräftigeren Sound gearbeitet hast, stehen diesmal gerade die ruhigeren Stücke besonders im Vordergrund. War es dir wichtig, die Musik bewusster zu reduzieren und diesen Songs mehr Raum zu geben?
Prinz Grizzley: Das war auch bei den Aufnahmen ein wichtiges Thema, weil manche Songs nur als Demo existierten. Bei „The Long March“ zum Beispiel saß ich mit einer Gitarre da und pfiff die Melodie. Über diese Aufnahme haben wir dann einfach drübergespielt. Das war’s eigentlich schon, fertig. Mir war wichtig, dass die Songs ihren ursprünglichen Charakter behalten und live mit der Band in einem Take aufgenommen werden. So, wie die Stücke an dem Tag entstanden sind, an dem wir sie aufgenommen haben, sollten sie auch bleiben. Im Nachhinein haben wir nichts mehr ausgebessert. Die Aufnahmen mit der Band – Schlagzeug, Bass, Pedal Steel und Akustikgitarre – sind alle live eingespielt.
Vielleicht ist deshalb auch die Instrumentierung etwas sparsamer ausgefallen. Ich habe mir gedacht: Das ist jetzt das, was mir in diesem Moment für das Arrangement einfällt. Daran schrauben wir nicht mehr herum, versuchen nichts aufzuhübschen oder den Songs nachträglich ein anderes Kleid anzuziehen. Die Musik ist in diesem Augenblick entstanden, und so bleibt sie auch. Das war gewissermaßen die Grundidee des Albums.
Es sollte alles aus dem Inneren heraus entstehen, ohne viel darüber nachzudenken, ob das jetzt ein Hitsong ist oder sich als Radiosingle eignet. Ich habe wirklich versucht, solche Überlegungen auszublenden und mich einfach von diesem Moment leiten zu lassen – von jenem Abend, an dem mir durch das Bild die Idee zu dem Album gekommen ist.
Der Fotograf hatte ja auch nur diesen einen Moment, als der Vulkan ausgebrochen ist. Ich hatte Kontakt mit seinem Sohn, der mir erzählt hat, dass sein Vater an diesem Tag zwei Stunden verschlafen hatte. Das hat ihm das Leben gerettet, denn sonst wäre er dort gewesen, wo die anderen Fotografen ums Leben gekommen sind. So hat er dieses eine Foto gemacht und ist lebend davongekommen. Auch er hatte also nur diesen einen Take. Deshalb habe ich mir gedacht, dass das irgendwie das Motto für das ganze Album sein muss.
Hast du solche magischen Momente schon früher erlebt, oder war das bei diesem Album etwas ganz Besonderes?
Prinz Grizzley: Bei einzelnen Songs hatte ich das schon, etwa beim letzten Album mit „Where Did We Go Wrong“, den ich innerhalb von 15 Minuten geschrieben und anschließend mit der Band gleich live in einem Take aufgenommen habe. Dass sich diese Herangehensweise aber durch ein ganzes Album zieht und ich mir so konsequent vornehme, die Songs auf diese Weise entstehen zu lassen, das war neu für mich.
Ich habe mir bewusst vorgenommen, nicht zu viel an den Stücken herumzuschrauben, sondern die Takes einfach wirken zu lassen. Wir hatten auch nur drei Tage im Studio, was relativ wenig Zeit ist, wenn man mit der ganzen Band acht Songs live aufnehmen möchte. Trotzdem ging es mir vor allem darum, auf das eigene Gefühl zu hören und zu entscheiden: Das ist der Take, der sich richtig anfühlt. Wenn es noch etwas zu ergänzen gab, haben wir das gemacht. Aber insgesamt hat sich alles sehr stimmig angefühlt.
Inwiefern hat sich diese Arbeitsweise, die du beschrieben hast – die Songs einfach entstehen zu lassen und möglichst wenig einzugreifen –, von deiner bisherigen Herangehensweise unterschieden?

Prinz Grizzley: Es war natürlich eine Herausforderung. Es ist etwas anderes, mit 14 Songs ins Studio zu gehen und von Anfang an zu wissen, dass keiner davon ausgetauscht wird, als wenn man – wie ich es normalerweise mache – zunächst 50 Songs schreibt, diese bei den Proben auf 20 reduziert und schließlich mit 16 ins Studio geht, um am Ende ein Album mit zehn Songs zu veröffentlichen.
Bei diesem üblichen Prozess liegt der Fokus viel stärker darauf, an den einzelnen Stücken zu arbeiten und sie so gut wie möglich auszuarbeiten. Diesmal war es eher so: Wir nehmen einen Song auf, dann den nächsten. Es musste nicht jedes Stück etwas außergewöhnlich Besonderes sein. Es durfte auch einfach die Geschichte erzählen, die in ihm steckt.
Dadurch fiel gewissermaßen auch der Druck weg, unbedingt noch echte Streicher oder ein ganzes Orchester einsetzen zu müssen. Wenn ein Song einen ruhigen Moment hat, dann darf dieser auf dem Album auch einfach so stehen bleiben. Vielleicht besteht das Arrangement dann eben nur aus einer Akustikgitarre und einem Kontrabass. Das unterscheidet dieses Album schon deutlich von meinen bisherigen Arbeiten.
Normalerweise nehme ich mehrere Songs auf und schaue anschließend, welche sich am besten anfühlen, bei welchen die Performances stimmen und wie sie sich zu einem Album zusammenfügen lassen. Auch über die Reihenfolge entscheide ich meist erst ganz am Schluss. Diesmal war das anders, weil ich von Anfang an genau wusste, mit welchem Song das Album beginnen und mit welchem es enden sollte.
Deine Musik ist stark in der Americana-Tradition verwurzelt. Wie hat sich deine Liebe zu dieser Musik entwickelt? Wie bist du in diese musikalische Welt eingetaucht?
Prinz Grizzley: Das hat eigentlich schon relativ früh begonnen. 2001 oder 2002 habe ich meine erste Indie-Band gegründet und mit ihr auch meine erste EP aufgenommen. Derjenige, der damals die Aufnahmen gemacht hat, empfahl mir, einmal in das Album „Crossing Muddy Waters“ von John Hiatt hineinzuhören. Als ich mir die Platte angehört habe, war es um mich geschehen.
Neben meiner Indie-Rock-Band habe ich mich dann immer mehr mit dieser Musik beschäftigt. Ich habe John Hiatt gehört und andere amerikanische Songwriter entdeckt, die bei uns weniger bekannt sind. Über John Hiatt bin ich zu Townes Van Zandt gekommen und über ihn schließlich zu Guy Clark.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.
Als sich meine Indie-Band 2013 nach zehn Jahren und vier Alben aufgelöst hat, wusste ich eigentlich schon, dass ich musikalisch in diese Richtung gehen wollte. Ich hatte mich schließlich jahrelang mit dieser Musik beschäftigt und auch für die Band bereits Songs geschrieben, die stilistisch dorthin gingen. Die anderen konnten damit allerdings nicht so viel anfangen.
Irgendwann war für mich der Zeitpunkt gekommen, mich ganz darauf einzulassen. Trotzdem war ich zunächst unsicher, wie ich das angehen sollte. Ein weiterer wichtiger Künstler war für mich damals der Kanadier Daniel Romano, der 2013 ein großartiges Country-Album herausgebracht hat.
Was auch lustig war: Im letzten Musikexpress, den ich gekauft habe, gab es einen ganz kleinen Beitrag über Daniel Romano. Als ich den gelesen habe, wusste ich: Okay, jetzt muss ich irgendwie ein Country-Album machen. Dieser amerikanische Country-Sound, das passt. Ich habe dann mein erstes Album geschrieben und es, was auch noch lustig ist, mit Oliver Varga produziert, dem Lebensgefährten von Christina Stürmer. Es war schon eine ziemlich absurde Situation: Ein Vorarlberger aus einer Indie-Rock-Band kommt nach Wien, geht zu Christina Stürmer und Oliver Varga nach Hause – damals war sie der größte Popstar Österreichs – und nimmt dort ein Country-Album auf. Von da an war der Weg eigentlich klar.
Die Entscheidung, diesen musikalischen Weg einzuschlagen, hat sich ja als goldrichtig herausgestellt. Du hast damit einiges an Aufmerksamkeit erregt und bist sogar beim renommierten Montreux Jazz Festival aufgetreten. Das ist ja nichts, was einfach so nebenbei passiert.
Prinz Grizzley: Ich hatte drei Tage lang ein Grinsen im Gesicht, als die Einladung kam, dort zu spielen. Ich habe das Montreux Jazz Festival über die offizielle Website kontaktiert, direkte Kontakte hatte ich ja keine. Und das habe ich acht Jahre lang jedes Jahr aufs Neue gemacht. In der Zwischenzeit wurde auch meine Liste an Referenzen immer länger. Ich habe unter anderem beim South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas, und beim AmericanaFest in Nashville gespielt. Und letztes Jahr hat es dann tatsächlich mit einem Auftritt in Montreux geklappt. Das war großartig. Ich habe um 19 Uhr auf einer Bühne direkt am See gespielt, die Platz für 1.500 Menschen bot. Und die war voll. Das war unglaublich.
Was hat es mit dem Titel „Tilda“ auf sich?

Prinz Grizzley: Das ist eigentlich ganz banal: Meine Oma hieß Hilda. Allerdings fand ich es ein bisschen schwierig, Hilda zu singen, deshalb heißt das Album jetzt Tilda. So einfach ist das erklärt. Schade, dass keine größere Geschichte dahintersteckt. (lacht) Der Titel schafft aber auch eine gewisse Distanz zu meinen Großeltern. Schließlich hat sich nicht jede Geschichte genau so zugetragen. Unsere Großeltern haben uns nicht besonders viel aus ihrem Leben erzählt, deshalb musste ich mir manches selbst zusammenreimen. Mir geht es auch gar nicht darum, ihre Erlebnisse möglichst exakt nachzuerzählen. Vielmehr versuche ich, mich in die Gefühle hineinzuversetzen, die sie in bestimmten Lebensphasen gehabt haben könnten. Ich habe mir etwa vorgestellt, wie es für sie kurz nach ihrer Hochzeit gewesen sein mag. Ausgehend von diesem Gefühl habe ich dann versucht, einen Song zu schreiben.
Inwiefern unterscheidet sich der Entstehungsprozess dieses Albums von dem deiner bisherigen Platten? Machen der Prozess und das Thema das Album für dich zu etwas Besonderem?
Prinz Grizzley: Für mich ist dieses Album definitiv etwas Besonderes. Ich habe dabei all meine üblichen Regeln und Vorstellungen davon, wie ein Album sein sollte, über Bord geworfen. Bei meinen bisherigen Platten habe ich schon darauf geachtet, dass eine Radio-Single dabei ist und es auch Songs gibt, die nicht länger als drei Minuten dauern. Bei diesem Album habe ich auf alles geschissen, was ich über das Musikbusiness gelernt habe und wie man es angeblich machen sollte. Ich musste mich selbst schon ein wenig dazu überwinden, das auch wirklich durchzuziehen. Jetzt bin ich stolz darauf, dass ich es so gemacht habe. Ob ich bei der nächsten Platte wieder so vorgehen werde, weiß ich nicht. Aber es hat sich richtig angefühlt, meine eigenen Regeln zu brechen und einfach das zu machen, was ich selbst fühle.
Du hast vorhin gesagt, dass du noch nicht weißt, ob du beim nächsten Album wieder einen ähnlichen Weg einschlagen wirst. Was nimmst du aus der Arbeit an „Tilda“ für deine zukünftige Musik mit? Hat sich dabei für dich etwas grundlegend verändert, oder war es eher ein intuitiver Prozess, bei dem du einfach deinem Gefühl gefolgt bist?
Prinz Grizzley: Keine Ahnung. Fest steht jedoch das ich meine Arbeitsweise nicht vom Erfolg dieses Albums abhängig machen werde. Ich würde mich einfach freuen, wenn „Tilda“ ein paar Menschen berührt und sie darin etwas für sich entdecken können. Gleichzeitig bin ich Realist genug,um zu wissen, dass sich heute viele nicht mehr die Zeit nehmen, ein ganzes Album durchzuhören. Und ich glaube, bei dieser Platte muss man sich mehr Zeit nehmen und sich länger hineinhören als bei allen meinen bisherigen Alben. Das ist mir schon bewusst. Was ich für mich daraus gelernt habe, ist, dass jetzt einfach die Zeit gekommen ist, mir selbst zu vertrauen – meiner Musik und meinem künstlerischen Schaffen. Ganz egal, was ich mache: Ich muss auf mich selbst hören, auf mein Gehör und meine Stimme. Wenn ich das, was dabei entsteht, liebe und gut finde, wird es Menschen geben, denen es genauso geht, und andere, die damit nichts anfangen können. Und selbst wenn es niemanden erreicht, habe ich zumindest meine eigenen Gefühle verarbeitet und etwas nach außen getragen. Dieses Vertrauen in mich selbst, das ich durch die Arbeit an dem Album gewonnen habe, kann mir eigentlich niemand mehr nehmen, unabhängig davon, wie es aufgenommen wird. Wenn ich mir selbst vertraue, bin ich auch beim Musikmachen und im gesamten Schaffensprozess glücklich.
Vielen Dank für das Interview.
Michael Ternai
++++
Prinz Grizzley live
14.11.2026 – Jazz & Groove Festival – Bludenz (AUT) – Tickets
15.01.2027 – Altes Kino – Rankweil (AUT) – Tickets
12.03.2027 – Dynamo – Zürich (CH) – Tickets
++++
