„Ein gutes neues Album ist wie ein Schmorgericht – das kann man nicht abkürzen, es braucht einfach seine Zeit.“ – Philip Haas und Frédéric Alvarado-Dupuy (Federspiel) im mica-Interview

Nach zwei Jahrzehnten gemeinsamer Wegstrecke richtet Federspiel den Blick nach vorne. Das neue Album „Wir & Jetzt“ (Sounds of Servus; VÖ: 23.1.25) ist kein Rückblick und kein Verharren in vertrauten Positionen, sondern ein Schritt auf eine nächste, erweiterte musikalische Ebene. Erfahrung und Neugier auf das Neue greifen dabei auf berührende Weise ineinander. Die Musik entfaltet eine dichte Atmosphäre, ist tiefgründig und spannt den Bogen von der Vergangenheit ins Jetzt, vom Lokalen in die Welt. Stilistische Vielfalt, leichtfüßige Virtuosität und eine warm getönte Klangsprache laden dazu ein, innezuhalten und sich zugleich tragen zu lassen. Im Interview mit Michael Ternai sprechen Philip Haas und Frédéric Alvarado-Dupuy über die Bedeutung des Albumtitels Wir & Jetzt und seinen Einfluss auf die Entstehung der Musik, über die kontinuierliche Weiterentwicklung ihrer Klangästhetik sowie über das Ausloten des musikalisch Möglichen und Spielbaren.

Ich kann mich erinnern, dass wir schon zu eurem 20-jährigen Jubiläum zusammengesessen und miteinander gesprochen haben. Jetzt, nach dem feierlichen Jahr, kommt ihr mit „Wir & Jetzt“ mit einem neuen Programm und einem neuen Album zurück.

Philip Haas: Genau. Wir haben uns zunächst gefragt, wie es weitergehen kann. Wir befanden uns mitten in unserem Jubiläumsjahr und überlegten, was wir danach machen wollen. Welche Themen und Fragen berühren uns – als Ensemble, aber auch als Teil der Menschheit? Wo stehen wir gerade? Und wie kann es mit dem Ensemble nach 20 Jahren weitergehen? Nach einem längeren Prozess sind wir schließlich auf diese zwei starken Wörter gekommen: „Wir & Jetzt“, die auch zum Titel des Albums geworden sind.

Ihr seid nun seit mehr als zwei Dekaden zusammen. Wie ist es euch gelungen, so lange zusammenzubleiben?

Frédéric Alvarado-Dupuy: Einerseits glaube ich, dass Freundschaft ein ganz wesentlicher Teil unserer DNA ist. Und die entsteht nicht von selbst. Wir wissen, dass man sie pflegen muss – und das ist es uns allen wert. Wir gehen die Extrameilen, damit wir uns immer aufeinander freuen. Auch wenn Federspiel mittlerweile unser Beruf ist und wir davon leben, hat es sich für mich noch nie nach Arbeit angefühlt, wenn wir gemeinsam auf Tour sind. Es ist vielmehr so, als würde ich meine besten Freunde treffen. Und klar, manchmal ist man auch ein bisschen sauer aufeinander, etwa weil man selbst diesen einen Song nicht als Opener auf dem Album haben will. Aber diesen Tod muss man dann eben sterben. (lacht)

Philip Haas: Da sind wir vielleicht auch schon beim „Jetzt“ – beim Jetzt in Bezug auf die Zeit. Zeit ist etwas, das wir uns zum Glück immer genommen haben, um gemeinsam zu wachsen und diese Gruppendynamik zu pflegen. Wenn man zu siebt über einen so langen Zeitraum unterwegs ist, sich immer wieder mehr oder weniger neu erfindet, neue Programme entwickelt und neue Projekte auf die Beine stellt, dann ist dieses Miteinander ein ganz entscheidender Faktor. Und dieses Miteinander birgt natürlich auch viel Potenzial dafür, dass man sich einmal in die Haare bekommt, sich nicht gesehen oder übergangen fühlt. Jeder Einzelne hat seine eigenen Bedürfnisse. Wir haben das große Glück, sehr früh erkannt zu haben, dass man in die Gruppendynamik, in die Kommunikation und in den Umgang miteinander Arbeit investieren muss. Dieser Umgang, diese respektvolle Gesprächsebene, die wir gefunden haben, war nichts Selbstverständliches, sondern das Ergebnis von Arbeit und eines längeren Prozesses. Wir sind Gruppentiere – wir können gut miteinander und sehen, dass die Summe der einzelnen Teile größer ist als jeder für sich. Wir haben gelernt, wie man die Gemeinschaft weiterbringt, wie man Kompetenzen verteilt und die Stärken der Einzelnen fördert. Und genau deshalb bleibt dieser Zug bis heute aufrecht.
Da darf es einem schon auch einmal nicht so gut gehen – dann wird man von den anderen aufgefangen und mitgezogen. Und beim nächsten Mal ist es wieder jemand anderes. Natürlich gibt es Konflikte, aber wir haben es irgendwie geschafft, dass diese Gruppe sehr basisdemokratisch funktioniert, was auf der einen Seite manche Prozesse zwar länger dauern lässt und sie mühsamer macht, auf der anderen Seite sich am Ende des Tages jeder gesehen fühlt. Und auch wenn manchmal Meinungen und Gedanken auseinandergehen, findet sich immer ein Kompromiss, ein Weg, der für alle passt. Vielleicht ist es genau das, was es braucht, damit etwas so lange hält: das eigene Ego auch einmal hintenanzustellen.

Ich kenne euch ja mittlerweile sehr lange und kenne auch alle eure Veröffentlichungen. Und das Schöne ist, dass mich jede neue immer wieder zu überraschen vermag. Bei den letzten Veröffentlichungen habe ich mir jedes Mal gedacht: Okay, jetzt haben sie ihren künstlerischen Höhepunkt endgültig erreicht – nur um bei der darauffolgenden wieder feststellen zu müssen, dass ihr die Grenzen abermals verschoben habt. Genau so verhält es sich auch bei „Wir & Jetzt“. Es ist schlicht irre, was ihr aus eurem eigentlich immer gleichen Setting, aus euren Blasinstrumenten herausholt und wie ihr dieses Material in etwas musikalisch Großes verwandelt, dem ihr immer wieder neue Facetten hinzufügt. Ihr habt euch ein ganz eigenes Genre geschaffen. „Wir & Jetzt“ ist musikalisch unglaublich vielfältig, der Klang der Stücke einnehmend warm – und vor allem sind sie zutiefst emotional, auch weil ihr sie in Bezug Ereignissen der Gegenwart stellt.

Frédéric Alvarado-Dupuy: Wir leben alle in derselben Welt und nehmen sie wahr, auch wenn wir das manchmal nicht unbedingt wollen. Alles schlägt sich in unserem Schaffen nieder. Natürlich hat jeder einen eigenen Umgang damit, auch jeder der Komponisten. Die Zeit spiegelt sich in den Stücken wider – das Jetzt manifestiert sich auf diesem Album. Gleichzeitig ist es uns wichtig, nicht Trübsal zu blasen, auch wenn wir das könnten. Es gäbe Grund genug dafür, aber es bringt nichts.
Deswegen haben wir das Album auch mit zwei Klammern versehen: Mit „Joy Dance“ und „Auf uns“ gibt es zwei ausgesprochen lebensbejahende Nummern. Mit der einen steigen wir ein, mit der anderen entlassen wir die Leute wieder. Dazwischen darf man die Welt kritisch betrachten und den Gefühlen freien Lauf lassen. Man muss nichts unterdrücken, nichts verschweigen oder verheimlichen – alles darf Platz haben, auch ein nach vorne gerichteter Blick.

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Philip Haas: Wenn wir mit Federspiel ein Konzert spielen, gelingt es uns immer, ein starkes Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Das ist auch unser Anspruch.
Es gäbe, wie gesagt, Grund genug, Trübsal zu blasen. Oft greift man sich an den Kopf und kann kaum fassen, was in der Welt passiert. Vielleicht bietet dieses Album wieder eine Oase – nicht um zu entfliehen, sondern um sich zurückzuziehen und die Gedanken zu ordnen.
Und hier kommt erneut der Zeitfaktor ins Spiel: Was kann ich jetzt tun? Welchen Beitrag kann ich leisten, um in dieser Welt meinen Platz zu finden, so bei mir zu sein, dass ich anderen wieder offen begegnen kann? Viele Menschen gehen mit Scheuklappen durch die Welt, Narzissmus und Egoismus nehmen erschreckend zu.
Viele begreifen die Welt als eine Art Selbstbedienungsladen. Vielleicht gelingt es uns mit dieser Musik und dem neuen Programm, solche Oasen zu schaffen, wieder ein Stück Gemeinschaftsgefühl herzustellen – Inseln, auf denen man zur Ruhe kommt, seine Gedanken sortieren kann, wieder bei sich ankommt und die Fantasie nicht verloren geht.
Es gibt viele unterschiedliche Facetten, in denen sich Synapsen verknüpfen und Bilder öffnen können, wenn man bestimmte Stücke hört – von lebensbejahenden Nummern bis hin zu etwas düsteren oder experimentelleren Klängen, die jedoch stets auch etwas Positives transportieren.

Vielleicht noch einmal zurück zu den 20 Jahren: Wie sehr hat sich euer Zugang, eure Zusammenarbeit verändert? Wie ist „Wir & Jetzt“ im Vergleich zu den früheren Arbeiten entstanden? Hat sich der Spirit oder die Methodik verändert? Gibt es mittlerweile klare Aufgabenteilungen – oder ist vieles zu einem selbstverständlichen Miteinander geworden?

Frédéric Alvarado-Dupuy: Wir haben uns relativ viele Gedanken über die Strukturen und über die Prozesse, wie wir zu Ergebnissen kommen, gemacht. Bereits beim vorletzten Album „Albedo“ haben wir erstmals mit dem Konzept eines Konzeptalbums gearbeitet – bei „Wir & Jetzt“ nun noch deutlich ausgefeilter. Zunächst haben wir das Thema klar umrissen und uns ihm in vielen Sessions inhaltlich angenähert. Danach wurde der Titel festgelegt, und ausgehend davon sind die Stücke rund um diesen Titel, rund um das Thema „Wir & Jetzt“, gewachsen. Das war ein sehr schöner Prozess. In manchen Stücken schlägt sich das ganz direkt nieder, der Bezug zur Zeit und zum Hier ist sofort nachvollziehbar. In anderen ist er etwas abstrakter – doch dieser Kern ist überall spürbar.

Ihr habt erwähnt, dass der Prozess zu diesem Album ein längerer war. War es dadurch auch schwieriger, zueinander zu finden? Wie groß war der Druck, zu Beginn einer neuen Banddekade unbedingt mit einer neuen Idee aufzuwarten?

Philip Haas:
Lustigerweise habe ich das genau gegenteilig in Erinnerung: Dieses 20-Jahr-Jubiläum war ein wirklich schönes Miteinander, weil wir das Programm komplett gemeinsam gestaltet haben. Wir haben uns hingesetzt, unsere alten Alben angehört und uns gefragt: Was haben wir als Band vom ersten bis zum damals aktuellen Album eigentlich alles gemacht? Wie hat sich unsere Musik entwickelt? Daraus haben wir dann unser 20-Jahre-Programm zusammengestellt – mit einigen neuen Kompositionen, aber auch vielen alten Stücken, die wir zeitgemäß arrangiert oder für uns neu aufbereitet haben. Rückblickend war das ein richtig schönes, motivierendes Miteinander. Wir haben gemerkt, dass wir in den 20 Jahren schon so viel ausprobiert und experimentiert haben und dass es so viele großartige Nummern gibt.
Was ist in all den Jahren schon alles passiert, und wie könnten wir weitermachen? Nicht aus Druck heraus, sondern: Was ist der logische nächste Schritt? So ist zunächst dieses „Wir“ ganz stark entstanden – das „Wir“ als Band. Was haben wir in 20 Jahren schon gemacht, und wie entwickeln wir uns gerade weiter? Dabei spielen Faktoren wie unser Alter, unser persönliches Wachstum und veränderte familiäre Umstände eine Rolle. Kinder sind auf die Welt gekommen, äußere Umstände haben sich verändert.
Neue Prozesse und Arbeitsweisen sind hinzugekommen – du hast ja auch Corona angesprochen. All das spielt mit hinein. Aus diesem „Wir“ heraus ergab sich schließlich die Frage nach dem Umgang mit der „Zeit“. Nach 20 Jahren: Was bedeutet Zeit?
In einem Konzert, in einem Stück – und im Großen und Ganzen: In welcher Zeit leben wir eigentlich gerade? Was macht das mit uns? Was macht das mit dem „Wir“ – mit dem Wir als Band und mit dem Wir als Gesellschaft? Ich glaube, jeder hat Freude daran gehabt, sich diese Fragen zu stellen: Wie machen wir weiter? Was fällt uns zu diesen Fragen gerade ein, was interessiert uns wirklich? Das war ein langer Prozess, aber so sind wir es gewohnt.
Bei uns geht es basisdemokratisch zu. Das braucht einfach Zeit – viele Sessions, bis man einen Titel hat und sich auf etwas einigen kann. Danach zieht man sich in die Schreibwerkstätten zurück, Proben werden angesetzt, und schließlich wird das Ergebnis präsentiert. Die „Babys“ werden dem Ensemble gezeigt, mit der Bitte, sie zu streicheln und ihnen vielleicht noch ein kleines Hauberl aufzusetzen, falls etwas vergessen wurde.

Frédéric Alvarado-Dupuy: Wir haben ja viele Köche in der Band. Wie wir sagen würden: Ein gutes neues Album ist wie ein Schmorgericht – das kann man nicht abkürzen, es braucht einfach seine Zeit.

Bild des Ensembles Federspiel
Federspiel © Severin Koller

„Man entwickelt natürlich eine Klangästhetik, von der man nicht mehr abweichen möchte.“

Der Faktor Zeit scheint bei der Entstehung eurer Musik wirklich eine große Rolle zu spielen. Man hört den Stücken an, dass sie keine Schnellschüsse sind, dass ihr tief in die Materie eingedrungen seid. Auch der richtige Sound, der passende Klang, ist essentiell. Bei euch spielt der Raum, in dem ihr aufnehmt, eine große Rolle. Inwieweit hat sich dieser Perfektionismus bei euch entwickelt?

Philip Haas: Man entwickelt natürlich eine Klangästhetik, von der man nicht mehr abweichen möchte. Gleichzeitig ist es ein stetiger Weiterentwicklungsprozess. Auf dem Album hört man deutlich, dass wieder viel experimentiert wurde. Entscheidend ist, den richtigen Raum zu finden und mit ihm zu arbeiten. Gerade bei analoger Musik geht es genau darum. Speziell bei Blasmusik kann man den Klang am Körper formen – ein Blasmusikensemble ist wie ein ganzer Organismus, der den Ton entstehen lässt.
Simon (Zöchbauer; Anm.) hat einmal gesagt – und dem stimme ich voll zu: Federspiel lebt von der Wiederholung. Wir feilen so lange an den Stücken, bis wir sagen: Okay, jetzt können wir sie aufnehmen.
Dann überlegen wir: Das ist jetzt das Stück – wollen wir es auf die Bühne bringen? Und das sind oft Prozesse, die sich über viele Monate hinziehen, weil ständig daran gearbeitet wird: Da passt noch etwas nicht ganz, hier muss man überlegen, wie man es umsetzt.
Es braucht einfach oft viele Runden. Dann gibt es aber auch Kompositionen, die mehr oder weniger von Anfang an stehen und an denen nur noch kleine Stellschrauben angepasst werden müssen – bei denen hauptsächlich am Klang gearbeitet wird, nicht mehr an Struktur oder Form. Es gibt also sowohl als auch.

Wir & Jetzt“ ist einmal mehr ein musikalisch sehr vielfältiges Album. Ihr seid sieben Personen, die wahrscheinlich alle unterschiedliche musikalische Vorlieben haben. Wie stark fließt dabei der persönliche Musikgeschmack ein – oder spielt das bei euch keine Rolle?

Frédéric Alvarado-Dupuy: Das ist die Schnittmenge: Alle kommen als Komponisten mit ihrem persönlichen Repertoire, jeder bringt eigenes Material ein. Die Schnittmenge in der Mitte ist das, was letztlich gespielt wird. Manchmal liegen Stücke aber auch außerhalb davon.
Dann muss sehr behutsam verhandelt werden. Ja, das ist eine gute Nummer – aber würde sie nicht besser auf ein Soloalbum passen? Für Federspiel geht sie sich vielleicht nicht ganz aus. Zwar ist der Horizont des Ensembles sehr weit, dennoch ist das Repertoire bis zu einem gewissen Grad abgesteckt. Gleichzeitig gibt es immer wieder Grenzgänge, und diese auszuhandeln ist ein spannender, aber auch heikler Prozess. Das ist Teil der basisdemokratischen Arbeitsweise der Band – und da muss man durch.
Es ist also nicht so, dass jeder einfach etwas mitbringt und am Ende automatisch die Schnittmenge übrigbleibt. Die Einflüsse schwappen auch über. Mein Stil und mein musikalisches Naturell sind stark durch 20 Jahre Federspiel geprägt – durch den Bandsound im Ohr und durch die Kompositionen der anderen. Das färbt selbstverständlich auch meinen eigenen Stil. So komplex wie die Welt ist, so komplex ist auch der kreative Prozess bei Federspiel: Wir beeinflussen uns gegenseitig.
Gleichzeitig sind da die Erfahrungen aus mehr als 20 Jahren. Wir haben gelernt zu antizipieren, wie weit man sich in eine bestimmte Richtung lehnen kann, ohne dass es aufhört, zur Sprache von Federspiel zu passen.

Philip Haas: Und diese Weiterentwicklung hat nie aufgehört. Ich sehe das bei allen Komponierenden im Ensemble – gerade auch bei Matthias Werner, der 2021 aus dem Ensemble ausgestiegen ist, um sich ganz auf seine Kompositionstätigkeit zu konzentrieren, die mittlerweile sein Hauptberuf geworden ist. In seinen Stücken sehe ich immer eine persönliche Herausforderung: Sie fordern mich in meinen technischen Möglichkeiten. Er schafft diese Gratwanderung, bei der man wirklich arbeiten und kämpfen muss, bis man sich das Material erarbeitet hat.
Aber genau so entwickelst du dich persönlich am Instrument weiter. Matthias fordert und kitzelt das Maximum aus dir heraus. Seine Musik spielt man nicht nebenbei, die hat man nicht so schnell drauf.
Und das empfinde ich nach wie vor als etwas Fantastisches: dass wir als Federspiel noch keinen Peak erreicht haben und dass jedes Mal die Grenzen des musikalisch Möglichen und Spielbaren ein Stück weit ausgelotet werden.

„Unser Anspruch ist, dass die Musik eine Aussage hat […]“

Frédéric Alvarado-Dupuy: Das Schöne ist auch, dass weder bei Matthias noch bei den anderen die schiere Akrobatik im Vordergrund steht. Unser Anspruch ist, dass die Musik eine Aussage hat, dass sie gehaltvoll ist, Stimmungen und Bilder erzeugt und vielleicht auch etwas Cineastisches an sich hat. Wir erzählen Geschichten – und zwar mit den technischen Möglichkeiten, die wir haben. Ja, es kann dabei durchaus herausfordernd zugehen. Aber diese Akrobatik darf nie im Vordergrund stehen, denn sonst wird es platt. Die Musik muss aus dem Inhalt herauswachsen. Die Idee, den inhaltlichen Kern, schreiben wir uns gewissermaßen aufs Album – und aus dieser Idee heraus deklinieren wir dann die Musik.

Bild des Ensembles Federspiel
Federspiel © Severin Koller

Den cineastischen Aspekt eurer Musik, besonders auf eurem neuen Album, wollte ich gerade ansprechen. Gibt es Ideen, mit der Musik auch einmal in Richtung Film zu gehen?

Frédéric Alvarado-Dupuy: Wir hatten tatsächlich schon einmal das Vergnügen, für einen Dokumentarfilm von Nikolaus Geyrhalter Musik einzuspielen. Das hat sich damals sehr gut ergeben, und ich würde das sehr gerne noch einmal machen.

Philip Haas: Grundsätzlich ist bei uns vieles möglich. Wir haben das Glück, sehr breit aufgestellt zu sein. Wir spielen nicht nur Abendprogramme in klassischen Konzertformaten, sondern sind seit vielen Jahren auch im Bereich der Musikvermittlung tätig – mit Kinder- und Schulkonzerten sowie anderen Formaten für diese Altersgruppen. 2027 dürfen wir wieder ein Programm mit einem Symphonieorchester realisieren. Es kommt also darauf an, was an uns herangetragen wird und was uns davon interessiert. Dass unsere Musik bei vielen Menschen Bilder im Kopf entstehen lässt und ihre Fantasie anregt, dass sie also ein wenig cineastisch wirkt, haben wir bereits von mehreren Seiten gehört. Und das ist etwas sehr Schönes, weil es zeigt, welches Potenzial diese Musik hat.

Frédéric Alvarado-Dupuy: Eine ganz besondere Erfahrung war auch die Silvester-Gala im Wiener Konzerthaus, die wir spielen durften und die unseren Horizont gut aufgezeigt hat. Wir bekamen vom Konzerthaus die großartige Möglichkeit, musikalische Gäste einzuladen, und konnten dafür drei wirklich außergewöhnliche Acts gewinnen. Zum einen Die Strottern, von denen ich persönlich ein großer Fan bin. Das war ein Geben und Nehmen: Sie sangen unsere Lieder, wir ihre – ein sehr organischer Austausch.
Als Zweites Yasmo gemeinsam mit einem Teil der Klangkantine. Das war für uns besonders spannend, weil es zwar ebenfalls Blasinstrumente waren, wir sie aber auf eine ganz andere Art einsetzen mussten. Diese Begegnung führte uns wieder an unsere eigenen Grenzen und zeigte uns, dass wir auch ganz anders spielen konnten. Hip-Hop war natürlich ein anderes Paar Schuhe, dem wir mit großer Ehrfurcht und großem Respekt begegneten. Unser Anspruch war es, das im Federspiel-Sound so tight wie möglich umzusetzen – herausfordernd, aber extrem cool.
Und als Drittes Vivi Vassileva, eine unglaubliche Schlagwerk-Virtuosin. Sie steht in gewisser Weise in den Fußstapfen von Martin Grubinger und hat mit Sicherheit eine beeindruckende Karriere vor sich. Mit ihr hatten wir auch einen Track auf dem Album, auf dem sie als Featured Artist mit Instrumenten wie Marimba, Vibrafon und Darbuka für ordentlich Energie sorgte.

Ein neues Album, ein neues Programm ist immer auch mit einer Tour verbunden. Wie groß ist die Vorfreude, eure neue Musik dem Publikum vorzustellen?

Philip Haas: Jetzt, wo du die Tour erwähnst, merke ich, wie mein Puls um ein paar Schläge nach oben geht. Wenn man etwas zum ersten Mal auf die Bühne bringt, hat man natürlich noch keine echten Erfahrungswerte. Man weiß zwar, wie sich ein Konzertabend grundsätzlich anfühlt, aber plötzlich ist da sehr viel neue Musik.
So ein Programmwechsel führt dazu, dass auch alles rundherum neu justiert wird. Es gibt neue Geschichten, die noch nicht publikumserprobt sind. Ganz sicher wird es zwischen den Konzerten Anpassungen an der Setlist geben – kleine Schrauben, die nach und nach nachgezogen werden.
Das ist gewissermaßen der letzte Schritt im Entstehungsprozess eines neuen Programms, dessen Anfänge bereits vor zwei Jahren lagen, als wir uns gefragt haben, was uns interessiert und welches übergeordnete Thema wir formulieren wollen. Jetzt nehmen wir die letzten Feinjustierungen vor: Welche Dramaturgie hat die Setlist an einem Abend? Wo spannt sich der rundeste Bogen? Das entfacht eine sehr positive Euphorie.

Frédéric Alvarado-Dupuy: Das Baby, mit dem wir zwei Jahre schwanger waren, präsentieren wir jetzt der Welt. Das ist jedes Mal etwas ganz Besonderes. Und mit dieser Tour geht für mich auch ein großer Traum in Erfüllung: Wir spielen erstmals tatsächlich eine lückenlose Tour durch Österreich – in jedem Bundesland, in einigen der schönsten Hallen. Das freut mich als Hobbygeografen ganz besonders. (lacht)

Vielen Dank für das Interview.

Michael Ternai

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Federspiel „Wir & Jetzt“-Tour
05.02. Stiftung Mozarteum, Großer Saal, Salzburg Tickets
06.02. Stadthalle, Biberach a.d. Riß (DE) Tickets
07.02. Haus der Musik, Innsbruck Tickets
08.02. Montforthaus, Feldkirch Tickets

19.02. Congress, Stephaniensaal, Graz Tickets
20.02. CMA, Alban-Berg-Saal, Ossiach Tickets

21.02. Pölz-Halle, Amstetten Tickets
22.02. Kultur Kongress Zentrum, Eisenstadt Tickets
18.03. Schloss Prösels, Völs am Schlern (IT) Tickets
19.03. Achental Halle – Altes Bad, Unterwössen (DE) Tickets

20.02. Stadthalle, Singen (DE) Tickets
22.04. Brucknerhaus, Großer Saal, Linz Tickets

14.05. Kulturzentrum Schleinbach, Schleinbach Tickets
28.05 Konzerthaus, Großer Saal, Wien Tickets
10.06. Schlossberghalle, Starnberg (DE)

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