Bild Amnesia Scanner
Amnesia Scanner (c) Daniele Baldi

donaufestival 2018 – ENDLOSE GEGENWART

Man hat immer neue Nachrichten, es braucht den nächsten Kick durch den nächsten Klick. Das Getriebe der Gegenwart wird geschmiert von Streams des schon wieder Vergessenen; so bläht sich das Jetzt zu einem herrischen Kontinuum unter kapitalistischen Bedingungen auf. Supermärkte nennen sich nach ihren Öffnungszeiten 24/7. Börsen handeln in Echtzeit, Containerhäfen kennen keinen Sleep Modus. Der Kampf gegen den Klimawandel erwartet so wie der einmal erklärte, nun aber endlose Krieg gegen den Terror keinen Friedensschluss, während der Nachthimmel immer heller und die Zukunft immer dunkler wird. Das DONAUFESTIVAL 2018 (27.4. – 6.5.) fragt nach Brüchen mit dem Betriebssystem der “endlosen Gegenwart” und dem Potential von Be- und Entschleunigungen, Übertreibungen und Verweigerungen. Und es sucht in der ortlosen Welt der Vernetzung nach etwas Altmodischem: nach Präsenz, nach Momenten von Nähe, nach Offline-Ritualen und den eigensinnigen, gleichwohl immer schon auch medialisierten Zeiterfahrungen von Musik und Kunst.

Da ist zum Beispiel die “Church of Ignorance” von Liquid Loft. In dieser Liturgie in der mächtigen Dominikanerkirche von Krems entstehen faszinierende Kippbilder zwischen einem choreografierten Sprachengewirr aus den letzten robusten Dialekten Europas und einem Esperanto der Körpersprache. Oder die mit der Ausstellung von Ryan Trecartin und Lizzie Fitch der Kunsthalle Krems korrespondierende Inszenierung “The Re ́Search” von Felix Rothenhäusler, in der überdrehte Selbstdarsteller mit ihrem Influencer-Kauderwelsch das Abendland kaputtquasseln. Oder das Fitness-Traningscamp “Medusa Bionic Rise”, in dem die junge Gruppe The Agency die Prototypen eines wieder einmal Neuen Menschen feiert. Oder der Outdoor-Kreuzzug “Trophée” von Rudi van der Merwe, in dem eine barock anmutende Formation gegen das Publikum im Grün von Grafenegg vorrückt.

Bild Godspeed You! Black Emperor
Godspeed You! Black Emperor (c) David Visnjic / donaufestival

Die Gegenwart erscheint in den beunruhigenden Bildsequenzen von John Gerrard als Echtzeit-Simulation, während die Musikbeiträge des donaufestivals die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen ausloten. Hochkomprimierte oder zerklüftete Soundscapes von KünstlerInnen wie Laurel Halo, Lanark Artefax, Mouse on Mars, Pan Daijing, Amnesia Scanner, Orson Hentschel oder Lotic treffen auf entrückte Kompositionen von Godspeed You! Black Emperor, James Holden &The Animal Spirits, Venetian Snares x Daniel Lanois, Nadah El Shazly, Manuel Göttsching, Grouper oder Sote. Die teils vom Retrofuturismus angekränkelte, schwebende Melancholie von Jakuzi, Circuit des Yeux oder Molly Nilsson steht im Kontrast zur verdichteten, energetischen Härte von Gravetemple, Lightning Bolt, EX EYE oder Big|Brave und den Heimsuchungen durch spukende Dämonen bei Puce Mary oder Demdike Stare.

Am letzten Tag schließlich steuert die achtstündige musikalische Dehnungsübung “as waves go by” ein Wogen und Dröhnen zwischen Ambient, Noise und Trance an: ein anderes Jetzt!, das (fast) kein Ende kennt.

Das gesamte Programm unter: https://www.donaufestival.at/de/festival/programm_thumb

Links:
donaufestival 2018
donaufestival 2018 (Facebook)