donaufestival 2014 – 10 years redefining arts

Vor zehn Jahren startete das donaufestival einen fundamentalen Umwertungs- und Neudefinitions-Prozess. Es entstand ein Podium für Künstlernnen, die sich nicht mehr im bürgerlichen Sinne der so genannten Avantgarde und ihrem Sturm auf die hochkulturellen Tempel verbunden sahen, sondern die sich dem  klassischen Genredenken widersetzten und pop- wie subkulturell sozialisiert neue Aktionsräume im weiten Feld der globalen Medien- und Massenkultur und ihrer gesellschaftlichen Realitäten suchten. Auf diese Weise hat gleich zu Beginn des neuen donaufestival (25. – 26. April & 30. April – 03. Mai 2014) der gesellschaftliche Paradigmenwechsel seine Entsprechung in jenem des aktuellen Kunstschaffens gesucht. Und gefunden.

Jenseits aller Genregrenzen ging es von Anfang an darum, tradierte Muster zu hinterfragen und zu brechen, aber auch von einer neuen, gänzlich anders gedachten und erlebten Welt zu träumen. So begegneten subkulturelle Phänomene und Statements neuen Theaterformen auf Augenhöhe, visionäre Klangkunst reichte avanciertem Pop und Anti-Pop die Ohren, neue künstlerische Hybridformen drangen in neue physische, virtuelle wie geistige Handlungsräume ein, Performancekunst, bildende Kunst, Aktionismus und neue elektronische Musik schwangen das Tanzbein (und die Keule) im diskursiven gesellschaftlichen Schlachtfeld  unserer Zeit, dem Club!

In seiner 10. Edition wendet sich das neue donaufestival 2014 vermehrt KünstlerInnen zu, deren Arbeiten sehr eng mit den zentralen globalen Themen wie der Beziehung Mensch – Natur – Tier, Ausbeutung, Ausgrenzung, Unterdrückung und Migration verbunden sind. Jenseits hierarchischer und dualistischer Denkmodelle träumen wir mit unseren Künstlerinnen von gesellschaftlichen Gegenmodellen, von ephemeren anarchischen Weltentwürfen, wir werden in unseren Köpfen paradiesische Gärten bauen und uns mit Pflanzen und Tieren vermählen; wir werden bild-, ton- und wortgewaltige Manifeste gegen eine Welt, die wir hassen, errichten und  werden zerbrechlich zarte Liebeserklärungen an eine Welt, von der wir träumen und von der wir glauben, dass sie Realität werden könnte, formulieren.

Drastische Menschen- und Gesellschaftsbilder zeigen Santiago Sierra, Dries Verhoeven und God´s Entertainment. In ihren Arbeiten stellen sie auf unterschiedliche Weise aber mit dem gemeinsamen Ziel, gesellschaftliche Phänomene von Ausbeutung, Unterdrückung, Ausgrenzung und Konsum zu hinterfragen, echte Menschen aus. Während Sierra mit Häftlingen derJustizanstalt Stein die kathartische Wirkung von Nahtoderfahrungen untersucht, bringt Verhoeven verdrängte Bilder und Handlungen von Unvollkommenheit und Tabubruch in einen Glasschaukasten in der Kremser Fußgängerzone. God´s Entertainment stellen in einem echten Zoo Randgruppen aus, um damit gesellschaftliche Barrieren  sowohl sichtbar zu machen, als auch einzureißen

Zwischenmenschliche Beziehungen werden auf subtile Weise sowohl bei der ungewöhnlichen Zusammenarbeit des Performers und Choreographen Jeremy Wade mit der bildenden Künstlerin Monika Grzymala und der Kunst-Band Xiu Xiu als auch bei der neuen Performance von Patrycja German zum Thema. Einmal in einer zerbrechlichen schwarz-weißen Welt aus Obsessionen in Wades „Dark Material“, das andere Mal in der sanften Provokation von künstlich hergestellter Nähe in Germans Performance „Special Guest“.

Die Finanz- und Sinnkrise unserer globalisierten Gesellschaft ist Ausgangspunkt bei Keith Hennessy, der in seiner Performance “Turbulance (a dance about economy)” einen Frontalangriff auf das wirtschaftlich-politische System startet, aber auch ein utopisches Modell einer non-hierarchischen Gesellschaft zeichnet. Anarchische Ansätze treffen auf Radical-Faerie-Aktivismus und erschaffen eine Mikrogesellschaft in Form eines organischen Weltneubaus.

In eine ähnliche Richtung zielt auch das Projekt rund um Jeremy Wade The Great Big Togetherness, in dem KünstlerInnen wie Liz Rosenfeld, Carlos Maria Romero & Guillaume Marie, Igor Koruga, AA Bronson, Johannes-Paul Raether, Keith Hennessy und Meg Stuart neue gesellschaftliche Politiken der Zusammengehörigkeit erproben möchte.

Im Umfeld dieser queeren neuen Welt wird Annie Sprinkle (zusammen mit Beth Stephens) eine neue Edition ihrer weltweit erprobten ökosexuellen Kunsthochzeiten – diesmal wird Erde, Schlamm und Schmutz geheiratet – zelebrieren. Parallel dazu werden Emi Honda und Jordan McKenzie (auch als Elfin Saddle bekannt) eine sich  selbst erschaffende Mikro-Garten-Installation kreieren, die Natur und Technik zu einer artifiziellen, neuen Wunderwelt fusioniert.

Musikalisch reicht der Bogen von Jeff Mills afrofuturistischer Club-Installations-Performance ‚The Sleeper Wakes‘ bis hin zu den politischen wie poetischen Songs von Teho Teardo und Blixa Bargeld oder dem neuen experimentellen Bandprojekt von Kim Gordon (Sonic Youth) und Bill Nace namens Body/Head. Peter Rehbergs elektronische Avantgarde-Label-Familie eMego (u.a. Fennesz, Stephen O’Malley, Kassel Jaeger), Vatican Shadows Hospital Productions (mit Ninos Du Brasil & Ron Morelli) und Morphosis´ Morphine Records (mit Metasplice, Charles Cohen) stellen wegweisende Kreativwertstätten ins Rampenlicht, queere Ansätze aus dem Performance-Bereich spiegeln sich bei Mykki Blanco, Terre Thaemlitz, Peaches oder Xiu Xiu  wieder.

Neue elektronische Musik zwischen Sound Art, Industrial, Noise und experimentellen Clubformaten nimmt mit Robert Henke, Jon Hopkins, Boddika & Joy Orbison, Tim Hecker, Pharmakon, Forest Swords, Oneohtrix Point Never, Mouse on Mars oder Vessel eine zentrale akustische Rolle ein. Als Surprise Guest des Abschlussabends  am 3.5. konnte Actress gewonnen werden, der sein umjubeltes neues Album live präsentieren wird.
mica Club-Mitglieder erhalten die Festivaltickets zu den ermäßigten Preisen

Foto Gods Entertainment: Human Zoo: Frank Egel
Foto Keith Hennessy: Michael Rauner
Foto Fennesz: Promo

 

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