Bild The Sweet Janes
Bild (c) The Sweet Janes

„[…] die Popwelt ist prinzipiell nur mit einer nicht konventionellen Grundhaltung zu ertragen“ – KARIN BERNER und ANGELIKA ENNEMOSER (THE SWEET JANES) im mica-Interview

Wer sich in den 1990ern in Österreich ernsthaft für Rock ’n‘ Roll aus dem Geist von Punk interessierte, kam an der quirligen Innsbrucker Szene nicht vorbei. Eine der damals prägendsten und spannendsten Bands war das All-Female-Projekt ATOM CATS, das es auch zu weit über die Landesgrenzen hinausreichender Bekanntheit brachte. Nun meldet sich der Kern der ehemaligen ATOM CATS – KARIN BERNER und ANGELIKA ENNEMOSER (beide Gesang und Gitarre) – als THE SWEET JANES mit der in Eigenregie eingespielten und produzierten CD „Simon Says“ alles andere als abgeklärt und altersmilde zurück. Viel eher zeigen THE SWEET JANES, dass es allen Unkenrufen zum Trotz unprätentiösen, aber leidenschaftlich vorgetragenen Rock ’n’ Roll auch 2018 noch geben kann. Didi Neidhart sprach mit KARIN BERNER und ANGELIKA ENNEMOSER.

Wie sind The Sweet Janes entstanden?

The Sweet Janes: Anlässlich eines Benefizkonzertes für die geklaute Technik der Innsbrucker Band Bug. Damals nannten wir uns noch The Buguettes. Wir coverten eines ihrer Lieder und gewannen prompt den Cover-Wettbewerb des Abends. Daraufhin beschlossen wir euphorisch, dass, sollten wir jemals abseits der Atom Cats wieder als Duo zusammenarbeiten, dies als The Sweet Janes tun werden.

Gehe ich recht in der Annahme, dass sich der Name vom gleichnamigen Velvet-Underground-Song herleitet?

The Sweet Janes: Ja!

Ab wann gab es die Idee, die Songs aufzunehmen bzw. daraus dann auch noch eine offizielle CD zu machen?

The Sweet Janes: Der ursprüngliche Gedanke war, unsere Songs einfach nur für uns zu dokumentieren. Wir fuhren nach Wien, um bei Simon Handle in einer kompakten 3-Tages-Session einzuspielen, was geht. Dann wurden wir wieder euphorisch und beschlossen, aus den elf Songs ein Album zu machen.

Sie beide haben 1991 die legendäre Innsbrucker Frauenband Atom Cats ins Leben gerufen und auch als Sweet Janes scheinen Sie dem Thema Katzen und Rock ’n’ Roll mit einem Song wie „The Cat And I“ oder dem Back-Cover, auf dem wir eine wunderhübsche schwarze Katze in einem Gitarrenkoffer sehen, treu geblieben zu sein. Was verbindet Katzen und Rock ’n’ Roll? Oder ist das nur eine Art Privatschrulle?

The Sweet Janes: Beides! Katzen haben den Rock ’n’ Roll verstanden! Katzen würden Sweet Janes kaufen! Und unsere Katzen zwingen uns gerade mit ausgefahrenen Krallen dazu, diese Antwort genauso zu formulieren.

„In unserer Grundhaltung bleiben wir immer Punks […]“

Die elf Songs der CD bestehen hauptsächlich aus tight and raunchy Rock ’n’ Roll. Sympathisch unprätentiös, schon etwas abgehangen, aber deutlich hörbar durch Punk geprägt. Vereinzelt gibt es auch programmatische Anklänge an Bands wie The Runaways und L7. Würden Sie sich selbst in solch eine Traditionslinie stellen?

The Sweet Janes: Selbst würden das nicht machen, wenn es aber jemand machen will, fühlen wir uns in dieser Traditionslinie durchaus wohl. In unserer Grundhaltung bleiben wir immer Punks, auch wenn wir uns inzwischen darauf beschränken, in Würde zu altern.

Mir ist ja auch ein gewisser Bangles/Breeders-Appeal aufgefallen. Weniger im Sinne von „Das klingt ja wie“ als eher bezogen auf eine gewisse nicht konventionelle Haltung innerhalb der Popwelt.

The Sweet Janes: Der Breeders-Appeal steht uns gut, weit hergeholt ist es auch nicht, weil wir Kim Deal schon immer verehrten und auch immer noch gerne hören. Und die Popwelt ist prinzipiell nur mit einer nicht konventionellen Grundhaltung zu ertragen. Mit solchen Vergleichen können gut leben, unsere Musik wurde schon hundertmal erfunden und bleibt trotzdem einzigartig.

Wobei einzelne Songs wie etwa „Simple Solutions“, „If There Was A Way“ und der Opener „Chicken Dream“ schon auch ein bisschen wie aus der Zeit gefallen klingen, ohne dabei jedoch retro zu klingen. Mit den Atom Cats waren Sie ja auch prägender Teil des in den 1990ern auch außerhalb der Stadtgrenzen bekannten und geschätzten Innsbrucker Rock-’n’-Roll-Undergrounds. Verwalten Sie jetzt als The Sweet Janes quasi dieses Erbe oder gibt es diese Szene gar nicht mehr?

The Sweet Janes: Früher waren wir definitiv Teil einer Szene – und in Innsbruck ist auch heute noch einiges davon übrig. Inzwischen verbringen wir unsere Zeit jedoch lieber in unserem gemütlichen Proberaum, als durch die Innsbrucker Bogenmeile zu taumeln. Das machen jetzt unsere Kinder.

Auch wenn zuvor schon ein paar andere Referenz-Bands erwähnt worden sind, gibt es kein offensichtliches Zitieren. Die Songs scheinen aus dem Verweisen auf spezielle Referenzen quasi herausgewachsen zu sein. Ist das ein Zeichen dafür, dass Sie es nicht mehr nötig haben, sich durch gewisse Kompetenzen und das entsprechende Know-how innerhalb einer Szene zu etablieren?

The Sweet Janes: Gewisse Kompetenzen haben uns zum Etablieren immer schon gefehlt, das haben wir mit Charme und Trinkfestigkeit wettgemacht. Ansonsten: Ja!

Songs wie „Superluminal“, „Fall Again“ und „Blind Date“ transportieren auch eine mitunter trotzige Anti-Haltung mit Ansage. Dabei stellen sie sich der Wirklichkeit – den aus dem Country- und-Western-Genre bekannten und berühmt-berüchtigten cold hard facts of life – aber weder abgeklärt noch zynisch. Wie kommt das?

The Sweet Janes: Natürlich haben uns die cold hard facts of life einiges an Lebenserfahrung beschert. Gerade deshalb sind wir froh, weder abgeklärt noch zynisch rüberzukommen und uns eine angemessene Portion Coolness, Humor und Naivität erarbeitet zu haben.

Bild The Sweet Janes
Bild (c) The Sweet Janes

Als wir alle noch mehr oder weniger twenty-somethings waren, gab es hin und wieder den Spruch „Wenn wir mal älter sind, landen wir alle bei Country und Western – oder Folk“. Das scheint bei Ihnen nun gar nicht der Fall zu sein. Jedenfalls musikalisch. Wieso immer noch „im Zweifelsfall Punk“? Geht es da mehr um die Musik oder um eine Attitüde?

The Sweet Janes: Erwischt! Unser neuestes Lied ist ein Countrysong – zumindest begleitet uns unser elektronisches Bandmitglied, der „BeatBuddy“ – ein Schlagzeug-Footswitch –, mit dem „Country Beat Nr. 3“. Attitüden sind uns wurscht, im Zweifelsfall Punk ist trotzdem nicht ganz daneben. Aber im Grunde genommen geht es um einen stimmigen Song, der in den Bauch geht und dich bestenfalls den ganzen nächsten Tag begleitet.

In „Fall Again“ geht es ja auch um einen „roadtrip to nowhere“, was ja durchaus als klassischer Rock-’n’-Roll-Topos gesehen werden kann. Glauben Sie noch an solche Rock-’n’-Roll-Mythen oder ist das eher ein Spiel mit Klischees?

The Sweet Janes: Nein, das ist echt Sehnsucht nach dem Rumfahren in der Fremde.

„Trotz ausreichender Inputs aus der nächsten Generation bleiben wir gerne altmodisch – konservative Folk-Punks sozusagen.“

Viele aktuelle Popmusikerinnen und -musiker, die sich mit früheren Rock-’n’-Roll-Stilen beschäftigen, tun dies ja meist mit mindestens einer Träne im Knopfloch. Also mit einem Bewusstsein, dass sogar Neil Youngs Post-Sixties-Katzenjammer-Diagnose „After The Goldrush“ aus 1970 noch innerhalb einer quasi „goldenen Ära“ entstanden ist. Interessanterweise finden sich bei Ihnen – außer gelegentlich in den Lyrics – nun keine sentimentalen Abgründe oder melancholischen Gefühlsregungen bezüglich des aktuellen Zustands der Popmusik. Wie kommt das?

The Sweet Janes: Den aktuellen Zustand der Popmusik lassen wir nicht so leicht in unser Wohnzimmer und schon gar nicht in den Proberaum. Trotz ausreichender Inputs aus der nächsten Generation bleiben wir gerne altmodisch – konservative Folk-Punks sozusagen. Neil Young mögen wir nämlich schon sehr gern.

Ist die Idee, eine CD zu veröffentlichen, angesichts von Downloadplattformen und Streamingdiensten nicht auch etwas anachronistisch?

The Sweet Janes: Ja natürlich, aber schön ist sie schon geworden, oder?

Wie wird die CD vertrieben?

The Sweet Janes: Man kann die liebevoll gestaltete Vinyl-CD gern bei uns bestellen oder im Innsbrucker Musikladen kaufen.

Haben Sie dabei auf irgendwelche Fördertöpfe bzw. Subventionen zurückgegriffen oder alles in Eigenregie bewerkstelligt?

The Sweet Janes: Alles eigene Energie, Arbeit und Geld.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Didi Neidhart

The Sweet Janes: „Simon Says“-CD-Präsentation
Sam, 26.05.2018 – 21.00 Uhr

Open Space / styleconception.designart
Mentlgasse 12b
6020 Innsbruck

 

Link:
The Sweet Janes (Soundcloud)