Die musikalische Reduktion auf das Wesentliche – Verdoppelte Solostimmen bei den diesjährigen „Bludenzer Tagen zeitgemäßer Musik“ – Alexander Moosbrugger im Interview

Das derzeit allerorts stattfindende Stimmengewirr in der Gesellschaft, Politik und vielen Bereichen der Medienberichterstattung, führt zu einer Verwirrung der Informationsgehalte und Übersättigung der Aufnahmebereitschaft. Dieser Beobachtung und weiteren Überlegungen verschafft der Kurator der „Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik“, Alexander Moosbrugger, einen Raum zur künstlerischen Auseinandersetzung. An vier Abenden geben Komponisten auf ihre eigene Art und Weise Antworten und stellen Gegenentwürfe dar. Unter dem Leitgedanken „Noise Reduction. Was macht die Gesellschaft“ werden Instrumentalstimmen durch synthetische und elektronische Klänge verdoppelt, individuelle Kompositionsideen mit außergewöhnlichen Spieltechniken und Werke mit Installationscharakter präsentiert.

Kenner der internationalen Szene schätzen an den „Bludenzer Tagen zeitgemäßer Musik“ (btzm) vor allem die durchdachte Programmzusammenstellung. Alexander Moosbrugger lässt sich nicht von aufgesetzten Themen eine Werkauswahl diktieren, sondern wählt die Kompositionen anhand struktureller Verwandtschaften und innermusikalischer Zusammenhänge aus.

Die treibenden Kräfte dahinter

Im vergangenen Jahr stand die ästhetisch-musikalische Beschäftigung mit den vier Fällen innerhalb der sprachlichen Syntax im Zentrum des Interesses. Nun geht es unter anderem um parallele Abläufe und Verdoppelungen von Sprache und Stimme. Dabei wendet Alexander Moosbrugger den Blick auch auf kultur- und gesellschaftspolitische Fragestellungen, die bislang im Rahmen der btzm wenig Beachtung gefunden haben. Tagespolitische Meldungen beschäftigten den in Berlin lebenden Festivalleiter nicht nachhaltig. Viel mehr geben sie Anlass zu weiterführenden Überlegungen, beispielsweise über die dahinter liegende treibende Dynamik und wie sich Aktionen und Wirkungen zueinander verhalten. So können die Kompositionen teilweise als Sinnbilder für den kreativen Umgang mit gesellschaftlichen Phänomenen betrachtet werden. Darüber hinaus werden beispielsweise Beziehungsmuster zwischen MusikerIn und InterpretIn, die Rollenverteilung zwischen KomponistIn und elektronische Ausstattung oder Wechselbeziehungen während des Entstehungsprozesses eines neuen Werkes thematisiert.

Protest formuliert

In diesem Jahr sind es meist Duoabende, an denen eine (Instrumental)stimme verdoppelt wird. Aus dieser Reduktion führt eine große Variantenvielfalt heraus, die vor allem durch die moderne Technik und den Einsatz von Synthesizer, Step Sequenzer, Vocoder und Live-Elektronik geboten wird. Dietrich Eichmann legt seinem Werk für Violine und modulare Synthesizer das Buch „Le photographe“ von Emmanuel Guibert und Didier Lefèvre zugrunde, das in einer Mischform aus Fotodokumentation und Comic-Strip die Geschichte der Reise des Fotografen mit „Ärzten ohne Grenzen“ durch das kriegsgeschüttelte Afghanistan von 1986 erzählt. Inspiriert von der Geigerin Anna Spina schuf er einen höchst eigenwilligen Stimmenpart.

Rückkehr zur Quelle

Ein ganz anderes kompositorisches Feld öffnet Giorgio Netti mit seiner Komposition „Lassù“ für präparierte und elektronisch verstärkte Viola. Von drei Inspirationsquellen berichtet der Komponist. „Das Hören des ausgebreiteten Raums, besonders der Zattere in Venedig, wo sich Stadt und Natur in verschiedenen, von der beweglichen Fläche des Meeres verwandelte Echos überlagern, das Leuchten der leeren Räume in den Himmelsdarstellungen der Deckenfresken des Tiepolo sowie der Atem als mögliche Erfahrung der Kontinuität zwischen Innen und Außen jedes lebenden Körpers.“ Richt- und Kontaktmikrofone am Instrument transferieren den Innenraum nach außen. So gibt es eine „Rückkehr zur Quelle dieses eher inneren, kontinuierlichen und verbreiteten Hörens“, so Giorgio Netti.

Werkstatt

Zwei Konzertteile bei den diesjährigen btzm sind offen konzipiert, denn sie haben den Charakter einer Klanginstallation. Die Zuhörenden dürfen und sollen Stellung beziehen. Deshalb haben die „künstlerischen Sachteile“ eher einen Werkstattcharakter und sind mehr als Experiment, denn als konzertante Präsentation eines fertigen Stückes zu verstehen.

Neue Gesichter und alte Bekannte

Alexander Moosbrugger ist stets darauf, junge aufstrebende Komponisten nach Bludenz einzuladen. Zu entdecken gibt es unter anderem Werke von Maximilian Marcoll aus Berlin, der der Komponistengruppe „stock 11“ angehört. Seine Komposition „compound“ für Schlagwerk und Elektronik beruht auf Transkriptionen von Umweltschall. Ein bereits bekannter Gast in Bludenz ist der Schweizer Komponist Alfred Knüsel. Diesmal werden „Fünf Blasinstrumente als vermittelnde Membran im Akt des Hörens“ vom „Ensemble btzm“ mit Eugen Bertel (Flöte), Adrian Buzac (Oboe) Martin Schelling (Klarinette), Allen Smith (Fagott) und Andreas Schuchter (Horn) uraufgeführt. Dieses Ensemble wurde im Jahr 2007 gegründet, nachdem Alexander Moosbrugger die künstlerische Leitung von Wolfram Schurig übernommen hatte.

Am Ende ein Ausblick

Am letzten Festivalabend wird mit dem „Ensemble Phönix Basel“ eine Klammer ins Jahr 2012 geöffnet. Dann weitet sich der Blick auf Klavierkonzerte bzw. Ensemblewerke. „Vier Abende sollen sechs Konzerte für Klavier solo und recht groß besetztes Kammerensemble bringen, jeweils im Schulterschluss mit ‚traditioneller’ Musik aus Korea in der zweiten Konzerthälfte, mit Sanjos beispielsweise – Sanduhrtrommel oder Buk protokollieren und kommentieren dort das solistisch Vorgetragene im Sinne einer affektiven Begleitung“, kündigt Alexander Moosbrugger an.

Volksmusik aus Südkorea

Die ungewöhnliche Kombination von traditioneller koreanischer Musik mit zeitgenössischen Werken aus dem mitteleuropäischen Kulturkreis resultiert aus einer Begegnung, die bei Alexander Moosbrugger einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. Im Frühjahr 2011 wurde er vom „National Gugak Center“ zum „Gugak Workshop“ nach Seoul in Südkorea eingeladen. Dort beschäftigte er sich eingehend mit der traditionellen Volksmusik Koreas, die nicht schriftlich tradiert wird. Musik wird nach hohen Wertmaßstäben von einem Meister über Jahre hinweg an seine Schüler weiter vermittelt. Neben theoretischem und musikethnologischem Wissen wurden dort auch traditionelle Instrumente unterrichtet. Besonders faszinierend wirkte die stark von der Sprache und vom Körperlichen her empfundene und vom Atmen bestimmte Musik, so Alexander Moosbrugger.
Silvia Thurner

Factbox:

Mittwoch 23. November 2011 – Samstag, 26. November 2011,
Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik. „Noise Reduction. Was macht die Gesellschaft“, Remise Bludenz