„Unsere Musik ist kein plakativer Politpunk” – ERNST IM MICA-INTERVIEW

ERNST sind viele. Drei davon haben es ins zweite Wohnzimmer in der Währingerstraße geschafft. An der Wand, zwischen bunten Gegenwartsbüchern und Kleiderschrankvorgestern, hängt der Rest der Bande. „Schau, wie ernst wir auf dem Poster dreinschauen”, sagt DAN COURTNEY. Und NICOLE SALOMON meint: „Ja, wir Schaufensterpuppen.” Dass das erste Album „Mere Illusions” (VÖ: 29.4.2025), keine kopflose Angelegenheit ist, muss man an der Stelle noch dazusagen. Aber das kann sich ja – wie alles – schnell ändern.

Mit euch sollte man zuerst über Politik sprechen, oder?

Nicole Salomon: Oh yes! 

Dan Courtney: Sonst will man das ja eigentlich vermeiden, eher?

Weil man sich heute so schnell streitet?

Dan Courtney: Wir sind uns ja eh einig, meistens.

Elias Marte: Aber wir haben schon auch politische Streitgespräche. 

Dan Courtney: Streit ist ein großes Wort. Vielleicht Diskussionen … 

Nicole Salomon: Über dich.

Dan Courtney: Ja, ich darf hier als Brite ja nicht wählen, und bald bin ich 15 Jahre in Österreich, dann darf ich nicht mal mehr in Großbritannien wählen. 

Und darüber diskutiert ihr – und schreibt zum Beispiel einen Song?

Nicole Salomon: Das war bei uns immer so. Außerdem ist in den letzten Jahren so viel passiert, was uns und mich aufgewühlt hat. Sei es gesellschaftlich oder politisch – als nicht-binär identifizierende Person kann ich gar nicht anders, als diese Erfahrungen in meinem Songwriting durchzulassen. 

Was ist das dann? Wut? Du brüllst ja eher nicht herum.

Nicole Salomon: Also …

Dan Courtney: Es ist nie ein Schlag ins Gesicht. Auch weil du Wut auf verschiedenen, subtilen Ebenen vermittelst. Leise und nach innen, nicht nur wütend.

Bild der band ERNST in einem Schaufenster stehend
ERNST © Alexander Galler

Nicole Salomon: Ja, es schaukelt sich aus der Ruhe nach oben, bis zu einer Explosion, die kommen muss. Das haben wir auf dem Album vor allem Elias zu verdanken.

Du bist der Ruhepol?

Elias Marte: Bin ich der?

Nicole Salomon: Ja!

Elias Marte: Na gut, nehm ich. Ich halte mich jedenfalls am Anfang zurück und bringe mich ein, wenn es darum geht, wohin sich ein Song entwickeln kann. Ich bin nämlich ein großer Fan von Bridges …

Wenn man Songs anhört, die mit dem Chorus starten und dann in den Chorus übergehen und mit dem Chorus nach 30 Sekunden enden, kann man sagen …

Dan Courtney: 31 Sekunden, damit man Spotify-Kohle bekommt!

Genau. Jedenfalls … Bridges: eine verkannte Technik? 

Elias Marte: Schon, ja. Dabei kann man gerade in der Bridge zuspitzen oder auflösen. Also den Song wirklich lenken. 

„WENN ICH DORT KONFRONTIERE, SIND DIE MEISTEN ANGEPISST.”

Wo hast du das gelernt?

Elias Marte: Ich komme aus dem arrangierenden Bereich, habe in meiner Jugend für Cello geschrieben, im Orchester gespielt. Mich hat fasziniert, welche Instrumente zum Einsatz kommen und wann und welchen Effekt sie dann haben. Das schwingt auch in meiner politischen Seite mit. Es ist für mich ein Widerstand zu dieser ironischen, sarkastischen Mainstreamkultur – eine, die zwar auch funktionieren kann. Ich genieße es aber, wenn jemand Dinge sagt, wie sie sind. Mit einem klaren Blick aufs Leben. So wie ihr.

Nicole Salomon: Na ja, ich komme aus Niederösterreich, vom Land. Wenn ich dort konfrontiere, sind die meisten angepisst. Trotzdem ist es wichtig, weil man die Diskussion führen muss. Man mag einer anderen Meinung sein, die eigenen Themen aber gar nicht anzusprechen, wäre tragisch. 

Also ist ein Album auch ein Angebot – zum Gespräch?

Nicole Salomon: Wir wollten Momentaufnahmen bündeln. Unsere gemeinsamen Erfahrungen der letzten Jahre zusammenführen. Wir kennen uns ja wirklich schon ewig …

Dan Courtney: Ralf [Grabuschnig, Anm.] habe ich zum Beispiel vor 15 Jahren beim Konzert von Florence + the machine im Flex kennengelernt. Damals habe ich sogar gelogen.

Gelogen?

Dan Courtney: Ja, ich hatte keine Karte, es gab auch keine mehr. Also bin ich zum Türsteher und habe gesagt: Hey, I am from England and I am here to review the concert for the radio. Er hat mich angeschaut und mich nach meinem Namen gefragt. Der stand natürlich nicht auf der Liste. Also hat er seinen Chef geholt und der hat mich dasselbe gefragt. Und ich habe ihm wieder erklärt: Komme aus England, bin Presse. Er hat mich gemustert, mit den Schultern gezuckt und mich einfach reingelassen.

Und dann hast du …

Dan Courtney: Warte, es wird noch besser. Nach dem Konzert wollte ich meinen Pfandbecher zurückgeben. Plötzlich tappt mir jemand von hinten an die Schulter – der Türsteher. Er meinte dann, they are waiting for you. Und ich so: Who is waiting for what? Er sagte: The band is ready for your interview. Ich habe dann 40 Minuten lang mit Florence + the machine geplaudert. Das war sehr lustig. 

Das ist eine gute Geschichte.

Dan Courtney: Jedenfalls habe ich danach Ralf kennengelernt. Seit damals machen wir Musik. Akustisch, im Café Amadeus, um sechs in der Früh …

Nicole Salomon: Zwischenzeitlich war ich ein paar Jahre in London, Ralf in Budapest …

Dan Courtney: Und Elias noch nicht einmal geboren – Spaß!

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Das mit dem Alter musst du dir das oft anhören, Elias?

Elias Marte: Es geht meistens in die andere Richtung. 

Dan Courtney: Wir sind Mom …

Nicole Salomon: and Dad!

Wirkt so, als hättet ihr viel Spaß miteinander.

Nicole Salmon: Ja, außerdem haben wir gerade letztes Jahr so viele Erfahrungen gesammelt. Davor haben wir ja die üblichen Gürtel-Venues gespielt. Seitdem wir Paulina [Parvanov, Gründerin der Agentur raspberry soda; Anm.] kennen, haben sich ganz neue Möglichkeiten aufgetan.

Wie habt ihr sie kennengelernt?

Dan Courtney: Ich habe sie bei den Wiener Label Tagen kennengelernt.

Nicole Salomon: Sie war dann beim ersten Konzert, bei dem wir „No, Virginina, no!” gespielt haben. Das war der Moment, in dem sie gesagt hat: Wir müssen was zusammen machen.

„WANN DARF MAN EIGENTLICH NEIN SAGEN?”

Dan Courtney: Wir haben aber nie gefragt, ob wir zusammenarbeiten können. Es hat sich einfach ergeben.

Bist du der Bandnetzwerker?

Dan Courtney: Auf jeden Fall, das kann ich gut! Ich mache demnächst auch einen Workshop für das mica – da geht es zwar nicht ums Netzwerken, sondern ums Setzen von Grenzen in der Musikindustrie. Ist aber auch …

Nicole Salomon: So ein wichtiges Thema. Vor allem, weil man heute als Künstler:in oft alles selbst machen muss. Da kommt es schnell zur Überforderung.

Dan Courtney: Und man fragt sich: Wann darf man eigentlich nein sagen?

Nicole Salomon: Oder, Thema: Social Media. Sich ständig zu vergleichen. Immer out there zu sein.

Dan Courtney: Und dabei ehrlich zu sein. Das ist ja das Wichtige. Bei der Kampagne zu „No, Virginia, no!” ging das wirklich gut. Wir haben keine Promotion gemacht. Es war eher eine Message zum Lied: nämlich die eigene Diskriminierungserfahrung zu teilen.

Nicole Salomon: Das hat mich sehr berührt. Wie viele Leute sich gemeldet und verletzlich gezeigt haben, indem sie sich zeigen – und ihre Wut. 

Elias Marte: Das trägt sich auch durch unsere Musik. Sie ist kein plakativer Politpunk. Die Emotion ist vielschichtiger, gleichzeitig subtiler. Das führt dazu, dass wir uns alle in sie einfühlen können. 

Nicole Salomon: Auch weil wir keine Klischees bedienen. Ich muss mich eher bemühen, nicht zu kryptisch zu werden mit meinen Umschreibungen. 

Dan Courtney: Ja, manchmal habe ich keine Ahnung, was du meinst. 

Nicole Salomon: Und dann dröseln wir gemeinsam auf. 

Dan Courtney: Auch deshalb ist das Album wie ein Fotoalbum nach dem Urlaub. Die Fotos hat man. Sie sind schön. Aber die Erinnerungen stecken im Prozess. 

Bild der Band ERNST bei Konzert
Live ist ernst © Valerio Baranović

Heute liegt der Fokus oft: weniger auf dem Prozess und mehr auf dem Output.

Dan Courtney: Genau. In der Musik sorgt das nur für Enttäuschung, weil: Das Album wird kein Nummer-Eins-Hit. Man denkt sich dann. Das nächste Album muss besser werden. Das übernächste noch besser. Und verliert dabei den Prozess aus den Augen, weil alles nur auf das Ergebnis orientiert ist.

Elias Marte: So ist unsere Idee von Arbeit: Man arbeitet für das Produkt. Die Arbeitszeit muss produktiv sein. Gerade wenn man Kunst macht, sollte das nicht so sein. Der Prozess muss bewusst sein, ja. Aber nicht nur um das Funktionieren willens.

Nicole Salomon: Nick Cave hat das auch gesagt. Er hat so viele Alben gemacht, trotzdem liegt sein Fokus immer nur auf dem Prozess des einen Albums, das er macht. Es geht also um den Moment, um das Gefühl dieser Momente. Nur wenn man sich dessen bewusst ist, kann man es festhalten.

Dan Courtney: Im besten Fall macht man den Urlaub nicht, um am Ende ein Fotoalbum zu haben. Das heißt …

Nicole Salomon: Man macht kein Album, um ein Album zu haben.

Danke für eure Zeit!

Christoph Benkeser

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Am 29. April 2025 spielen ERNST das Release-Konzert zum Album „Mere Illusions” im flucc.

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