Die Band DIE STROTTERN hat heuer ihr 13. Album veröffentlicht: auf „wia i tua“ zeigen sich KLEMENS LENDL und DAVID MÜLLER wie man sie kennt – poetisch, lakonisch, manchmal melancholisch und humorvoll. Im Gespräch mit Robert Fischer erzählt das charismatische Duo von den Anfängen: seit 30 Jahren entstauben die beiden mit Violine, Gitarre und unverkennbarem Gesang das traditionelle Wienerlied, ohne dabei auf dessen bittersüßen Kern zu verzichten. Das gelingt insbesondere dank der kongenialen Texte von PETER AHORNER, mit dem DIE STROTTERN seit vielen Jahren zusammenarbeiten. Diese Zusammenarbeit ist genauso Thema des Interviews wie Kooperationen mit der JazzWerkstatt Wien und der Schauspielerin KATHARINA STEMBERGER. Heuer im Frühjahr haben DIE STROTTERN im Wiener Konzerthaus ein Jubiläumskonzert gespielt. Der Name der Band leitet sich übrigens vom altwienerischen Begriff Strotter ab, der so viel wie Vagabund oder Gauner bedeutet.
Hattet ihr, als ihr ins Studio für das aktuelle Album „wia i tua“ gegangen seid, schon alle Lieder fix und fertig in der Schublade oder entsteht vieles erst im Studio?
Klemens Lendl: Eigentlich gibt es die Stücke immer schon vorher. Wir gehen fast nie ins Studio, ohne dass die Nummern nicht schon fertig sind und wir sie bei Konzerten auch schon live gespielt haben. Wir komponieren fortlaufend immer wieder neue Stücke und wenn wir wieder genug zusammen haben, machen wir ein Album daraus. Manchmal passiert im Studio noch etwas mit dem Material. Auf dem neuen Album gibt es zum Beispiel Lieder, die wir nie live bei Konzerten gespielt haben, sondern nur im Theaterkontext. Wir sind in den letzten Jahren ja zum Beispiel auch immer wieder Teil von Ganymed, das ist ein spartenübergreifendes Kunst- und Theaterprojekt in Wien, das Aufführungen an außergewöhnlichen Orten inszeniert.
Das neue Album ist also eine Ansammlung von Stücken, die aus euren letzten Projekten und Kollaborationen entstanden sind?
Klemens Lendl: Jede Platte ist bei uns so. Das hat den Vorteil, dass du die Nummern kennst und kannst, wenn du sie im Studio aufnimmst. Meiner Meinung nach ist das ein Riesenvorteil. Wir glauben nicht so an halbgare, im Studio gemachte Sachen, wo man zum Beispiel später erst draufkommt, dass man das Tempo der Studioaufnahme live nicht spielen kann.
„DIE TATSACHE, DASS WIR UNS DAMALS IM ALTER VON FÜNFUNDZWANZIG JAHREN ÜBERHAUPT MIT DEM WIENERLIED BESCHÄFTIGT HABEN, WAR SCHON EINE BESONDERE ATTRAKTION“
Wie ist euer erstes Album erschienen?
David Müller: Das war im Jahr 1996. Ein Freund von mir, der für eine deutsche Plattenfirma tätig war, hat sich eingebildet, dass er eine Platte mit uns macht bzw. auch finanziert. Das haben wir dann auch gemacht, waren aber damals weder kundig noch oder fähig dafür. Aber es ist halt so: Wenn Musiker irgendwo einen Auftrag erhalten, sagt man halt ja, egal ob man es kann oder nicht. Für diese Platte haben wir den Walther Soyka um Unterstützung gefragt, für ein paar Lieder. Das war unser erster Kontakt mit ihm. Walther hat uns dann in seiner Großzügigkeit unterstützt und irgendwie hat es ihm auch getaugt, was wir machen. Die Tatsache, dass wir uns damals im Alter von fünfundzwanzig Jahren überhaupt mit dem Wienerlied beschäftigt haben, war schon eine besondere Attraktion. Das hat zu dieser Zeit niemand gemacht.

Bitte greift ein Stück vom neuen Album heraus und erzählt, wie es entstanden ist.
Klemens Lendl: Manche Lieder sind halbfertig, oder es fehlt noch etwas am Arrangement, das machen wir dann im Studio. Vom ersten Track auf dem neuen Album, „Vor und zrück“, gab es nur diesen Refrain, den wir für eine Theaterproduktion geschrieben haben. In dem Stück dauert das nur zwanzig Sekunden, aber diese kurze Sequenz hat für uns so eine Kraft und Magie. Deswegen sind dann noch Strophen dazu geschrieben worden. Da ist zu dem kurzen Part noch eine Melodie dazugekommen plus Unterstützung durch unsere Bläser-Sektion Martin Ptak und Martin Eberle, mit denen wir ja auch regelmäßig als Die Strottern und Blech auf der Bühne stehen. Als weitere Gäste auf dem Album haben wir diesmal noch Bettina Rainer am Hackbrett, Matthias Schorn an der Klarinette und Peter Rom an der E-Gitarre dabei.
Wie seid ihr überhaupt zur Musik gekommen? Stammt ihr aus musikalischen Familien?
Klemens Lendl: Ich komme aus einem Haushalt, in dem Musik immer sehr wichtig war. Meine Eltern waren Laienmusiker, sie waren aber in einem Chor und Orchester aktiv. Es war ganz klar, dass man in dieser Familie ein Instrument lernt. Zuerst ging es mit Klassik los, aber ich hatte in Graz ein paar sehr lässige Onkel. Die waren viel jünger als mein Vater, weil er der älteste von sieben Kindern ist. Die Onkel haben mehr Jazz und Rock ‘n‘ Roll gespielt. Im Sommer war ich immer in Graz und habe in den Plattensammlungen der Verwandten gestöbert. Im Alter von zwölf, dreizehn Jahren bin ich dann total auf Jazz reingekippt, diese Leidenschaft dauert bis heute an. Ich habe dann angefangen Geige zu spielen, ich habe mir das autodidaktisch gelernt. Dann kam es als Teenager schon bald zum Zusammentreffen mit Klemens, der war dann gleich mein perfekter partner in crime für gemeinsame Jam-Sessions.
David, wie war das bei dir?
David Müller: Ich komme ebenfalls aus einem musikalischen Haushalt, mein Vater war leidenschaftlicher Musiker. Bei uns zuhause sind zig Instrumente herumgestanden, auch mehrere Klaviere. Mein Vater hat aus dem Dorotheum ständig neue, gebrauchte Instrumente angeschleppt. Er hat in der Nähe gearbeitet hat. Es wurde bei uns viel musiziert, hauptsächlich Jazz. Bei uns im Haushalt gab’s Platten von The Beatles über Harry Belafonte bis Benny Goodman, nur Klassik ist nicht vorgekommen. Ich habe alle Instrumente, die da so herumgestanden sind, ausprobiert, bis sich dann das Klavier zu meinem Lieblingsinstrument entwickelt hat. Ich habe immer komponiert, mich hat es nie interessiert in die Noten zu schauen, das ist bis heute so. Irgendwann später ist die Gitarre dazu gekommen. Aus der Not, da ich als ich dann mit fünfzehn Jahren weggezogen bin, und das Klavier dann nicht mitnehmen konnte. Ich habe auf der der Gitarre weiter komponiert, und mir die Technik Stück für Stück selbst beigebracht.
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„DER RHYTHMUS UND DIE HARMONIEN IN WIENERLIEDERN SIND EINFACH INTERESSANTER ALS IN DER NORMALEN VOLKSMUSIK“
Wie seid ihr dann zum Wienerlied gekommen?
Klemens Lendl: Es gab bei Familienfeiern immer mal eine Gelegenheit, dass man ein oder zwei Lieder gespielt hat. Dann hat meine Mutter einmal vorgeschlagen, meinem Großvater zu seinem siebzigsten oder fünfundsiebzigsten Geburtstag ein paar Wienerlieder zu spielen. Wir haben dann sieben oder acht Lieder dieser Art zusammengesucht, die wir spielen konnten, ohne da jetzt besonders groß auszuwählen. Das hat uns dann einfach getaugt, besonders der Dreiviertel-Takt. Es war auch toll in der eigenen Sprache zu singen, das war echt so eine Art Aha-Erlebnis! Nicht auf Englisch da irgendwas hinzustottern, sondern in einer Sprache zu singen, in der du alles auch wirklich verstehst, was du singst. Und du kannst die Worte richtig aussprechen.
David Müller: Der Rhythmus und die Harmonien in Wienerliedern sind einfach interessanter als in der normalen Volksmusik. Das ist dann teilweise auch ein bisschen jazzy.
Später habt ihr auf euren Alben Texte anderer Autoren vertont bzw. selbst komponiert und getextet. Wie kam es dazu?
Klemens Lendl: Wir konnten mit den alten Wienerliedern nicht besonders viel anfangen, außer mit den Sachen von Kurt Sowinetz, aber seine Lieder waren ja eher Chansons. Wenn du dann Lieder findest, die wir auch wirklich singen wollen, weil sie auch textlich Sinn machen, und auch im Jahr 2026 noch gesungen werden können, ist das ein großes Glück. Das sind dann quasi die funkelnden Juwelen in der Sammlung. Aber nur alte Wienerlieder zu interpretieren, hätte für uns als Musiker sicher irgendwann ein Ablaufdatum gehabt. Darum waren wir sehr froh, als wir zirka Ende 1999 auf den wunderbaren Autor Peter Ahorner gestoßen sind, mit dem uns mittlerweile eine mehr als 25 Jahre lange Zusammenarbeit verbindet.

Was hat euch an den Texten von Peter Ahorner gefallen?
Klemens Lendl: Als wir die ersten Texte von Peter Ahorner in die Hand genommen und vertont haben, ist sofort der Gedanke aufgekommen, dass sie sozusagen unsere Heimat werden könnte! Die Musik zu den Texten von Peter Ahorner selbst zu komponieren war für David und mich ein ganz wichtiger Meilenstein! Das Nachspielen von nicht selbst verfassten Stücken ist die eine Sache, und das machen wir nach wie vor, aber zu neunzig Prozent bestehen unsere Konzerte mittlerweile aus unserer eigenen Musik, und immer öfter auch aus unseren Texten. So haben wir unseren Platz in der österreichischen Musikszene gefunden, wo wir hoffentlich den Rest unseres Lebens verbringen können.
„DIE TEXTE VON PETER AHORNER SIND ARTIFIZIELL. DAS IST POESIE“
Könnt ihr noch etwas genauer auf die Sprache eingehen? In welcher Art von Wienerisch singt ihr eigentlich?
Klemens Lendl: Das richtig Tiefe und Derbe hat uns nie interessiert. So ein tiefes Wienerisch, oder Mundart sind nicht unser Ding. Die Texte von Peter Ahorner sind artifiziell. Das ist Poesie. Das Tiefe und Derbe passt nicht, das sind wir ja auch aufgrund von unserer Herkunft nicht. Ich komme aus einem eher bürgerlichen Hause. Das Wienerische meines Großvaters ist ein Traum: Das kommt zwar aus Erdberg, aber ist eher vom Nestroy gespeist. Wir schätzen an Peter Ahorner, dass er so eine sorgfältige, ausgefeilte Sprache pflegt.
Ihr habt bereits mit unterschiedlichsten Künstler:innen gearbeitet: mit der JazzWerkstatt Wien, Franui und der Schauspielerin Katharina Stemberger. Was reizt euch daran?
David Müller: Es hat uns immer interessiert, die Randbereiche dazu finden. Also das Werk der Strottern auf andere Musik treffen zu lassen, um zu schauen, was dann passiert. Auch ein bisschen um uns und anderen zu beweisen, dass man mit dieser Sprache so viel machen kann. Dass es sehr inspirierend sein kann und großen Spaß macht, sozusagen die Wiener Haltung oder das Wiener Idiom mit anderen Musikstilen zu verknüpfen. Wir wollen zeigen, dass das so eine Verbindung wunderbar funktionieren kann bzw. dass man auch auf Wienerisch so poetisch sein kann, und unsere Musik z.B. auch mit einem John Dowland (Komponist und Musiker aus der Renaissance, Anm.) verknüpfen kann.
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Ganz besonders gut gefällt mir euer Stück „Wia tanzn is“. Gibt es dazu einen besonderen Hintergrund?
Klemens Lendl: Der Text ist in Kooperation mit dem Ensemble Mikado entstanden. Das ist ein Blockflötensextett. Plus eine Gambe. Wir haben gemeinsam ein Programm mit Renaissancemusik zusammengestellt. Dann gab es eineGalliardedes Ensembles Mikado, das ist ein alter Tanz. Dazu habe ich einen Text geschrieben.
David Müller: Und ich hatte schon ewig so einen Groove und diese bestimmte Akkord-Abfolge. Die war einfach da. Ich habe das Klemens immer beim Soundcheck bei Konzerten vorgespielt und gemeint: damit müssen wir etwas machen! Irgendwann haben wir gesagt, schauen wir mal, ob das mit dem Text zusammenpasst. Dann sind wir eine halbe Stunde im Studio zusammengesessen und das Stück war fertig.
Klemens Lendl: „Wia tanzn is“ wird von unserem Publikum am meisten gehört, am meisten verlangt. Und gerne und oft nachgespielt, da gibt es mittlerweile unzählige Versionen. Leute sagen z.B. wir wollen das bei unserer Hochzeit spielen, weil das unser Lied ist. Das Lied ist ein großer Glücksfall für uns.
Verkauft ihr nach den Konzerten noch physische Tonträger, also LPs und CDs? Oder hat sich das Hören eurer Musik mehr und mehr in Richtung Streaming verlagert?
Klemens Lendl: Ja, klar gibt es viel Streaming, aber mittlerweile mache ich bei jedem Konzert eine Durchsage bzw. kann es auch nicht oft genug geschrieben werden: Das Publikum muss Tonträger kaufen, alles andere erreicht uns Musiker nicht. Damit können Musiker wieder Geld sammeln, um eine neue Produktion machen zu können. Für das Streaming bekommen wir quasi nichts, da reden wir von Cent-Beträgen und ein paar Euro vielleicht.
Musik im Internet zu streamen, ist halt sehr praktisch. Wenn du jemanden unter 30 Jahren erreichen willst, musst du das bedienen, sonst bist du verloren. Wir verkaufen noch viele physische Tonträger nach den Konzerten, weil wir ein relativ altes Publikum haben und spielen aber trotzdem das kaum ein, was uns die Produktion der CD kostet. Natürlich gibt es auch Förderungen, aber die kriegst du oder kriegst du nicht.
Wie geht es mit DIE STROTTERN weiter, wo seht ihr euch in zehn Jahren?
Klemens Lendl: Lustig, dass du uns das fragst! Wir sind vor einigen Wochen mit einem guten Freund zusammengesessen, der hat David und mir auch diese Frage gestellt. Und in einem Satz kann ich darauf antworten: Wir planen nichts! Es ist nur eines klar: Wir werden in zehn Jahren Musik machen. Mit wem und in welchem Ausmaß wird man sehen. Da hängt so viel nicht von uns ab. Wer weiß, ob wir dann noch davon leben können? Schauen wir mal, wohin die Reise geht.
David Müller: Große Pläne haben wir noch nie gemacht. Ich sehe mich in zehn Jahren immer noch mit Klemens komponierend und singend bzw. bei Konzerten und hoffentlich hört uns dann noch jemand zu.
Danke für das Gespräch.
Robert Fischer
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Die STROTTERN live
19. + 20.10.2026: Wien, Theater am Spittelberg
22.10.2026: Klosterneuburg, Babenbergerhalle – „30 Jahre Strottern“
14.11.2026: Wien, Stadtsaal – „Die Strottern und Blech“
01.12.2026: Amstetten, Johann-Pölz-Halle – feat. JazzWerkstatt Wien
14.12.2026: Wien, Theater am Spittelberg
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