AUSTRIAN MUSIC THEATRE DAY 2024 – Nachhaltigkeit im Musiktheater-Betrieb

Der Austrian Music Theatre Day 2024 widmete sich am 27. und 28. September 2024 den Themen Ökologie und Nachhaltigkeit im Bereich des zeitgenössischen Musiktheaters. Das Programm behandelte eine breite Palette: über Fragen der Realisierbarkeit nachhaltiger Musiktheaterproduktionen auf internationaler Ebene, die Sichtweisen von Produzent:innen und die Maßstäbe für Veranstalter:innen und die thematische Auseinandersetzung innerhalb der künstlerischen Arbeit selbst. Dabei wurden auch aktuelle Musiktheaterproduktionen vorgestellt.

Zu Beginn gab Nadja Prader Einblicke in praktische Aspekte beim Veranstalten mit Rücksicht auf nachhaltige Produktionsweisen, wie etwa die Mehrfachnutzung von Bühnenbildern. Seit 2016 arbeitet sie gemeinsam mit ihren Kolleg:innen beim Steudeltenn Theaterfestival in Tirol daran, den Betrieb nachhaltiger zu gestalten. Auch wenn viele Maßnahmen zunächst einen erhöhten zeitlichen und auch finanziellen Aufwand bedeuten, trägt das Engagement auch unerwartete Früchte. So hat ihre Initiative unter anderem dazu geführt, dass sich auch umliegende Betriebe wie Hotels motiviert fühlen, nachhaltiger zu arbeiten. Nachhaltiges Handeln bringt also nicht nur ökologische Vorteile, sondern kann auch wirtschaftliche und soziale Effekte entfalten. Gefolgt wurde dieser Eröffnungsvortrag von den Showings zweier Artist-in-Residence-Gruppen, die unterschiedlicher kaum hätten sein können: In „Plancton“ setzten sich Léo Collin Kapitolina Tsvetkova den Beziehungen zwischen Mensch und Natur, Isolation und Globalisierung sowie des Reale und das Imaginären auseinander, während die Mitglieder von Oblivia assoziativ die emotionalen Befindlichkeiten angesichts des Klimawandels in ihrer Performance „Turn Turtle Turn 2 – the reality bang“ erkundeten.

„Gemeinschaft und Nachbarschaft sind unsere Grundpfeiler“, betonte Amir Badawi vom Musischen Zentrum Wien am nächsten Tag bei der Begrüßung der internationalen Gäste. „Es liegt also an uns handelnden Menschen“, resümierte Thomas Desi, „Nachhaltigkeit ist eine Einstellungssache“ und betonte, dass Musiktheaterproduktionen Teil einer Industrie sind, die beim Aspekt der Nachhaltigkeit hinterherhinke. Thomas Jelinek plädierte in seinem Impulsvortrag dafür, dass zeitgenössische Kunst ein guter Nährboden für Transformation sei. Vor allem auch gut, um ihr mit Lust zu begegnen und Wissen zu vermitteln. Er gab Einblicke in die Entwicklung seiner „Opera of Entropy“ (UA 2016), einer vielschichtigen transdisziplinären Arbeit, in der Expert:innen live auf der Bühne Vorträge hielten, die wiederum multimedial verwertet wurden. Seiner Erfahrung nach sind Expert:innen sehr interessiert an einer Zusammenarbeit mit Künstler:innen und erfreut, wenn ihr Wissen auch in künstlerischem Zusammenhang verbreitet wird – dabei seien die Wissenschaftler:innen in ihren Erkenntnissen und vorgeschlagenen Strategien dem gängigen medialen Diskurs bereits meilenweit voraus. Die Künste besitzen die Möglichkeit, dieses Wissen auch an ein breiteres Publikum zu bringen. Sein Fazit: Wir müssen zusammenarbeiten, wir haben das Wissen und die Technologie.

World Café: Diskussionen und Erfahrungen zu Nachhaltigkeit in der Musiktheaterproduktion

Bei einem World Café lud die Teilnehmer:innen im Anschluss ein, über Nachhaltigkeit und die damit verbundenen Herausforderungen und Chancen für die Musiktheaterlandschaft zu diskutieren. Im Folgenden werden einige Ergebnisse der Gruppendiskussionen zusammengefasst.

Nachhaltigkeit und Finanzierung

Jede:r kennt die Begriffe Nachhaltigkeit und Greenwashing. Die Fragen, die an diesem Tisch diskutiert werden, waren: Wie gelingt aktives Nachhaltigkeitsmarketing? Welche Chancen werden vertan? Fakt ist, dass die Produktion von Kunst und Kultur Geld kostet. Je nach Situation tragen sowohl öffentliche Gelder als auch private Mittel in unterschiedlichem Ausmaß zur Finanzierung bei. Was aber, wenn private Unterstützer:innen nicht „grün“ sind, deren Produkte nicht nachhaltig sind? Wo ist die Grenze zu ziehen? Auch wenn man Geld von Stiftungen oder Privatpersonen bekomme, sei es vielleicht nicht fair erwirtschaftet.

Mobilität

Mobilität und CO2-Emissionen sind ein viel diskutiertes Thema, aber die Entscheidungen über Verkehrsmittel und -wege werden immer noch individuell getroffen. Auf individueller Ebene kann man argumentieren, dass jede:r Reisende andere Bedürfnisse hat. Auf der strukturellen Ebene werden im Laufe der Diskussion das „alte System“ und eine auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Kulturindustrie als Schuldige für nicht nachhaltige Reisen ausgemacht. Die Diskutant:innen wenden sich Belgien zu, wo im Prinzip drei große Theaterhäuser finanziert werden. Deren Aufgabe ist es, große Produktionen zu realisieren und zu verkaufen. Die Transportkosten werden aber nicht finanziert, sondern müssen vom Käufer getragen werden. Wo wird dieser aus seiner Logik heraus ansetzen?

Generell wäre es für Kulturinstitutionen wichtig, die Nachhaltigkeitsthematik bereits beim ersten Kontakt mit den Künstler:innen bwz. Companien einfließen zu lassen. Das Mittel dazu ist zumindest sehr viel Kommunikation. Liegt die Umsetzung von nachhaltigen Agenden bei den Akteur:innen der Kulturbranche selbst, gilt demnach: Sprecht miteinander und spornt euch gegenseitig an.

Kreislaufwirtschaft

Im Allgemeinen wurde im Rahmend der Diskussionen zu Kreislaufwirtschaft festgestellt, dass die großen Einrichtungen in den wenigsten Ländern ihre Ressourcen – seien es Bühnenbilder, Lagerräume oder Kostümfundus – mit der freien Szene teilen. Und wenn doch, dann erfordere die mehrmalige Verwendung von gemeinschaftlichen Gütern mehr Planung. Wie kann dem konstruktiv begegnet werden? „Kennt eure Lagerräume und teilt“, brachte es eine Teilnehmerin auf den Punkt. Viele Fragen bleiben in diesem World Café jedoch offen, denn solange eine Neuanschaffung billiger ist, ist die nachhaltige Lösung die teurere.

Künstler:innen seien in Sachen nachhaltiger Produktion bereits auf einem guten Weg, da sie oftmals mit einzelnen Modulen arbeiten würden, die leichter zu transportieren seien als beispielsweise die Bühnebilder großer Kulturtanker. Was den Transport erleichtere, seien gewisse Standards und Gesetze, an die sich alle halten müssten. So sei beispielsweise die Podesterie genormt. So wird beim Thema „Politisches Lobbying“ etwa auf gelungene Fair-Pay-Initiativen mit Mindesthonorarempfehlungen und Richtwerten hingewiesen. Wenn Förderstellen ihren Antragsteller:innen Nachhaltigkeit empfehlen und finanzielle Anreize bieten würden, wäre das ein Lösungsansatz.

Musiktheaterpräsentation

Jede Ausgabe des Austrian Music Theatre Days beinhaltet Präsentationen aktueller Musiktheater Werke.

Die österreichische Komponistin Eva Reiter präsentierte die experimentelle Oper „THE RISE“, die in Zusammenarbeit mit dem belgischen Choreografen Michiel Vandevelde entstand und von der Poesie der amerikanischen Dichterin Louise Glück inspiriert ist. Der von Geburt an gehörlose Performer Ruben Grandits übernahm die Rolle des Erzählers. Die Gebärdensprache war das Herzstück für die Komposition. Auf der musikalischen Ebene wurden keine traditionellen Instrumente verwendet, sondern neue Klangkörper, die im Rahmen des Projekts „Transforming Instrumental Gestures“  kollektiv entwickelt wurden, wie zum Beispiel ein Flötenbaum. Die Uraufführung fand am 20. September 2024 im Centre Pompidou in Paris statt, weitere Aufführungen sind im Frühjahr 2025 zu sehen.

Der in Oklahoma aufgewachsene und in der Schweiz lebende Komponist und Trompeter Jalalu Kalvert-Nelson schreibt das Libretto für ein neues Werk von Studio Dan: „Shadows Between Voices Between Shadows“. Er und Sidonie Forstreiter stellten das Werk vor, das 2026 uraufgeführt werden soll. Das zentrale Thema ist seine ganz persönliche Erinnerung: Kalvert-Nelson erzählt die Geschichte seiner Familie, in der es verboten war, über Rassismus zu sprechen, obwohl die Familienmitglieder selbst davon betroffen waren. Gegenüber musikalisch Neuem zeigte sich seine Familie sehr offen, und so wurde er zum Komponisten.

Die Komponistin Margareta Ferek-Petrić und die Bühnenbildnerin Selina Traun entführen das Publikum in die Welt Arnold Schönbergs, genauer gesagt an seinen Familientisch. „Die Prinzessin – ein Schönbergmärchen“ ist ein Musiktheater für Menschen ab 4 Jahren nach einer Geschichte von Arnold Schönberg mit einem Dialog mit Gertrud Schönberg. Dabei dient das Familienleben der Schönbergs wie etwa die Situationen während des Abendessens, bei dem Schönberg seinen Kindern das Märchen immer wieder erzählte, als Rahmenhandlung – und auch die unbändige Leidenschaft für Tennis wird aufgegriffen. Zu erleben war das Werk im Rahmen von Wien Modern 2024 im Dschungel Wien.

Panel-Diskussion zu ökologischer Nachhaltigkeit

Ulla Pilz, die den gesamten Samstag moderierte, greift zu Beginn der Podiumsdiskussion eine provokante Frage aus dem vorangegangenen World Café auf: Ist Nachhaltigkeit der Feind der zeitgenössischen Kunst? „Wo steht ihr?“, fragt sie ihre Gäste auf dem Podium Beth Morrison (Beth Morrison Projects), Christine Hinterkörner (Crystin Hunt Akron / „Plasticphonia“), Roland Quitt (Komische Oper Berlin) Rainer Simon (Komische Oper Berlin / Neuköllner Oper).

Roland Quitt nennt zwei unterschiedliche Herangehensweisen. Erstens: Nehmt das Thema in eurer Kunst auf und bringt es auf die Bühne. Zweitens: Denkt in der Produktion so lokal wie möglich.

Für Beth Morisson ist das Streichen von Tourneen unter dem Vorwand der Nachhaltigkeit gleichbedeutend mit einer Beschneidung des Wirkungskreises von Künstler:innen; kurz: „No travelling kills artists“. Nachhaltig zu leben, sei längst in ihrem Bewusstsein und auch im Handeln ihrer Kompanie verankert. Aber in den USA gäbe es keine Stipendien wie in Europa. Sie arbeitet, um den Menschen Denkanstöße zu geben und den Dialog zu fördern. Beth Morisson appelliert: „Tourneen verlängern das Leben einer Produktion. Alles ist schon da. Macht weniger.“

Christine Hinterkörner (aka  Crystn Hunt Akron) erzählt von ihren persönlichen Erfahrungen. Jeder benutzt Plastik, aber nur wenige wissen, woher es kommt, und noch weniger, wohin es geht. Für ihre Arbeit „Plasticphonia – Music from the Ocean“ sammelte sie angeschwemmtes Plastik an den Stränden in der EU und produzierte daraus Klänge. Die Reaktionen des Publikums auf ihre Sound-Performances sind enorm: Menschen tanzen zu Technomusik aus Plastik. „Direkter geht es nicht“, sagt sie, „Recycling ist Teil meiner Sprache geworden.“ Nachhaltigkeit und Klimawandel sind globale Themen. Deshalb sei es wichtig, dass sich die Branche austausche, folgert Rainer Simon. Und dennoch postulierte er: „Reduziert euch nicht.“ Kunst sollte auch verschwenderisch sein dürfen. Performancekunst ist von sich aus nicht nachhaltig, sie verpufft. Viel Stoff also, um nachzudenken, wie nachhaltige Produktion gelingen kann, ohne auf künstlerischem Ausdruck zu verzichten – und auch finanziell überleben zu können. Eine komplexe Gemengelage, durch die wohl jede:r eine eigenen Weg finden muss.

Pitches – kurze Einblicke in Musiktheaterwerke

Der Austrian Music Theatre Day gab mit Präsentationen von Werken, die über einen Call ausgewählt wurden, einen Überblick über die Vielfalt österreichischen Musiktheaterschaffens:

Crystn Hunt Akron: Plasticphonia

Stefan Fraunberger: The Glory of the Millers Doom

Patrik Huber: HADES2.0 – there is a river full of bones

Stefan Plank: Der kleine Prinz:

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Marina Poleukhina: One pulsating heart 

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Katharina Roth/Rafael Ossami Saidy: Be Happy

Jul Dillier, Flora Geißelbrecht und Bernhard Hadriga: Ei Gen Klang

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Norbert Zehm: Strange Meeting

büro lunaire (Gina Mattiello, Reinhold Schinwald): Im Bett des Imaginariums

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Samu Gryllus: Geiseloper

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Ruth Ranacher

Der Austrian Music Theatre Day wurde unterstützt von:

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Musiktheatertage Wien