„MANCHMAL IST ES EIN SONG ODER EIN FILM, DURCH DEN MAN SICH VERSTANDEN FÜHLT“ – ZERONIC IM MICA-INTERVIEW

Nach 14 Jahren erscheint das neue ZERONIC-Album „Modernism“: Jürgen Plank hat mit MIK TANCZOS über die zweite Phase der Band gesprochen, die im Oktober 2026 mit der Album-Präsentation in der Arena (Wien) beginnen wird. In der Zwischenzeit hat Tanczos solo Musik gemacht, mit dem Comeback hat er ebenso wenig gerechnet wie seine zwei Bandkollegen PAUL TRUMMER und RAINER KOSSITS. Auftritte aus der ersten Band-Phase, bei denen ZERONIC Vorband von QUEENS OF THE STONE AGE oder von NEW ORDER waren, sind ebenfalls Thema des Interviews.

Am 2. Oktober 2026 erscheint das neue Zeronic-Album „Modernism“. Inwiefern würdest du von einem Comeback sprechen oder war es nur eine längere Pause?

Mik Tanczos: Anfühlen tut es sich definitiv mehr wie eine Pause und jetzt nehmen wir wieder Fahrt auf. Es ist eher eine Fortsetzung als ein Comeback. So fühlt es sich für uns an und so fühlt es sich auch im Tun an, weil alles sehr natürlich passiert und man als Gruppe ziemlich locker dort anschließen kann, wo man vorher war.

Ich habe ein Zitat von dir gelesen: du hast gesagt, nachdem es die Band in der ersten Phase fast 15 Jahre lang gegeben hat, machst du jetzt ein neues Projekt für die nächsten 15 Jahre. Die sind nun auch vergangen und jetzt geht’s wieder weiter mit Zeronic. Ist das ein Zufall?

Mik Tanczos: Ich kann mich an das Zitat sogar erinnern: 15 Jahre waren es nicht ganz aber ich glaube vor ungefähr zehn Jahren habe ich mit dem Solo-Ding angefangen. Und jetzt ist das Jahr 2026 und es geht zurück zur Band. Das ist aber purer Zufall, also weder ich noch die anderen in der Band hätten in den letzten Jahren damit gerechnet, dass wir das jetzt machen. Das ist dann wirklich spontan und locker und schnell passiert. Inzwischen hat es eigentlich nie große Diskussionen darüber gegeben, ob man das machen sollte oder nicht.

Ich vermute, ihr wart ja weiterhin in Kontakt, habt euch austauscht und irgendwann beschlossen, wieder etwas zu machen.

Mik Tanczos: Es ist so, dass wir drei eigentlich best friends sind, nach wie vor. Wir sind einfach auch privat eng verbunden. Und dann kam vom Picture On-Festival die Idee, dass sie uns fürs Jubiläum gerne live dabei hätten. Das war zu einem Zeitpunkt, an dem von uns noch niemand daran gedacht hätte, dass es die Band wieder geben wird. Aber die Idee war in den Kopf gepflanzt und dann fingen wir an zu überlegen: ja, okay, warum eigentlich nicht? Und wir haben dann auch relativ schnell beschlossen: okay, let’s do it.

Wenn du jetzt auf die letzten zehn Jahre zurückschaust, davor auf rund 15 Jahre mit der Band: welche Unterschiede siehst du in der Arbeitsweise, im Spirit?

Mik Tanczos: Also, ich glaube der Spirit ist wahrscheinlich der größte Unterschied. Als Band ist man irgendwie ein bisschen ein eigener kleiner Kosmos. Künstlerisch sowieso und auch in der ganzen Außenwirkung ist es anders, wenn man als Solo-Künstler etwas macht. Und während man etwas solo macht, hat man natürlich immer ein bisschen die Bestrebung, dass man nicht so klingen will wie irgendwas, was die Band machen würde. Bei mir war das nicht so weit weg, weil ich im Prinzip ziemlich genau weiß, was mir gefällt und was ich machen will. Aber trotzdem: Wenn es zu sehr Zeronic wird, denkt man sich, das muss jetzt nicht sein und jetzt mit der Band ist das Feld wieder offener, weil zu sehr Zeronic gibt’s natürlich nicht wenn man ein Zeronic-Album macht.

„FORTSCHRITT IST NICHT DER FEIND, DAS IST KLAR, ABER ES BESTEHEN VIELE WIDERSPRÜCHE“

Welchen Hintergrund hat der Album-Titel „Modernism“ für euch? Was ist der Hintergrund bzw. was ist modern und inwiefern tragt ihr Gedanken dazu in die Songs?

Mik Tanczos: Es ist, glaube ich, ein bisschen die Referenz auf einen Umbruch. Man kann sagen: es ist eine sehr technifizierte Welt, es ist eine sehr optimierte Welt. In der man dann vielleicht die persönliche Verbindung verliert und diese Ambivalenz des Fortschritts ist der Kern des Albums und die Grundlage für den Titel. Fortschritt ist nicht der Feind, das ist klar, aber es bestehen viele Widersprüche. Und wir befinden uns, glaube ich, gerade in einer Zeit, in der sich diese Widersprüche und diese Problemfelder relativ schnell entwickeln und in der einfach der technische Fortschritt rasant ist und Gräben aufreißt. Man muss heute versuchen, sie durch menschliche Verbindung wieder zusammenzuführen.

Welchen Ansatz habt ihr? Wie drückt ihr das in den Liedern aus? Wie kann man in diesem Gefüge die Menschlichkeit bewahren?

Mik Tanczos: Ich glaube, es geht um Offenheit. Um ein offenes Aufeinander-Zugehen. Emotionen auch zu artikulieren. Da gibt Songschreiben den Leuten kleine Vehikel mit auf den Weg. Manchmal ist es ein Song oder ein Film, durch den man sich verstanden fühlt. Man fühlt sich abgeholt und kann zum Beispiel ein Buch weiterempfehlen. Dann kommt man mit jemandem ins Gespräch und merkt, man hat irgendwie eine Verbindung. Wenn Kunst oder Kulturprodukte das leisten können, dann ist es genau das, warum wir alle das machen.

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Ihr habt vorab die Single „A string of luck“ ausgekoppelt. Worum geht es im Song?

Mik Tanczos: Das Bild, das „A string of luck“ vermitteln kann, ist so: junge Leute, irgendwo abseits vom urbanen Raum, in einem heißen Sommer. Die denken sich, sie wollen irgendetwas anderes sehen. Sie wollen irgendetwas anderes erleben, sie wollen irgendwie das Gefühl haben: da ist etwas möglich. Das kennen vielleicht einige von uns auch, vor allem, wenn man ein bisschen jünger ist: dass man das Gefühl hat, man hängt irgendwo fest und man braucht den Blick nach draußen, man braucht eine Perspektive. Das ist die Idee hinter dem Song.

Keith Richards beschreibt in seiner Autobiographie wie kongenial das Songwriting mit Mick Jagger abgelaufen ist. Manchmal gibt’s ein Riff und ein paar Textzeilen und Jagger schreibt dann den Text fertig. Wie ist das bei euch?

Mik Tanczos: Also, der Songwriting-Prozess liegt eher bei mir. Ich schreibe sehr reduzierte Songs, meistens einfach ganz klassisch auf einer Akustikgitarre und baue dann daraus erste Ideen, die wir dann besprechen. Ich bin da relativ uneitel, wenn jemand sagt: das ist nix, dann ist das Lied sofort in der Tonne. Da gibt es dann auch keinen demokratischen Prozess, weil das gar nicht notwendig ist. Wenn ich einen Song habe, den ich und die anderen cool finden, dann machen wir den. Wenn die anderen sagen: bitte nicht, dann ist er weg. Ich

verteidige sozusagen meine Songs bandintern nicht, sondern ich versuche genug Sachen zu schreiben. Deswegen sind es meistens 25 bis 30 Songs, die dann am Ende zu zehn destilliert werden. So ist der Prozess innerhalb der Band.

Es gibt einige Bands, die eine zweite Phasen gestartet haben, ich denke an The Go-Betweens oder The Pixies. Habt ihr etwas verändert? Gibt es jetzt andere Zugänge innerhalb der Band oder neue Sounds? Etwa neue Gitarrenstimmungen?

Mik Tanczos: Bei uns ist es jetzt nicht darum gegangen, dass man etwas neu erfindet oder dass man die Band neu erfindet. Sondern man schärft nach und schaut wie man mehr oder näher an diese DNA der Band kommt. Die DNA haben wir eher mit den ersten zwei Alben definiert als mit den Alben drei und vier. Und die Idee, war zu sagen: Was macht Zeronic aus? Was taugt uns daran? Und was müssen wir jetzt im Jahr 2026 machen, damit es uns jetzt noch immer taugt? Denn das soll keine Nostalgieveranstaltung werden, das war von Anfang an klar. Es soll möglichst in der Zeit passieren, aber sich an dem orientieren, was der Kern dabei ist. In Sachen Gitarrensounds hat sich schon einiges getan, aber wir sind keine Tüftler und Experimentierer. Wir arbeiten da sehr intuitiv. Wenn es uns gefällt, dann passt es. Da ist jetzt wenig Strategie dahinter. Wir haben keine neuen Stimmungen auf den Gitarren oder so, dafür sind wir viel zu unversiert.

Ihr spielt die Album-Präsentation in der Arena. Wie fühlt sich das an?

Mik Tanczos: Wir spielen in der kleinen Halle, das fühlt sich gut an. Wir haben lange überlegt, wo wir die Präsentation machen. Im Laufe der Jahre haben wir so ziemlich überall gespielt, auch in der Arena als Support und nicht als eigene Headliner-Show. Wir sind froh, mit der Arena einen Platz gefunden haben, wo man etwas Neues starten kann. In einem neuen Raum, mit einer neuen Energie und ja: wir freuen uns sehr auf den Abend.

„WIR HABEN AUCH MAL MIT QUEENS OF THE STONE AGE GESPIELT, DAS IST VOM VIBE HER EIN GANZ ANDERER ABEND ALS MIT NEW ORDER“

Apropos Konzerte: in der ersten Bandphase wart ihr in Wien mal Vorband für New Order. Was habt ihr mitgenommen?

Mik Tanczos: Wir haben das Glück gehabt, dass wir mit sehr vielen coolen Acts Abende gehabt haben, die wir für sie eröffnet haben. Und man nimmt, glaube ich, einfach im Spüren etwas mit, wie so ein Act funktioniert. Von jemandem, der wirklich jahrelang oder für Jahrzehnte tourt, nimmt man was mit. Man merkt dann auch, wie unterschiedlich die Bands ticken und wie sehr quasi diese attitude einer Band oder dieses Lebensgefühl einer Band, Abend für Abend, mitlebt auf einer Tour. Wir haben auch mal mit Queens of the Stone Age gespielt, das ist vom vibe her ein ganz anderer Abend als mit New Order.

Bild der Band zeronic
zeronic © Jakob Gsoellpointner

Erzähle ein bisschen davon, wie war das?

Mik Tanczos: Queens of the Stone Age war wirklich in den frühen Jahren der Band, das war relativ wild. Da hat man gemerkt, da ist wirklich eine Rockband mit allen Klischees unterwegs. Aber nicht uncool, immer alles sehr freundlich, muss man sagen. Ich habe nie in all den Jahren mit irgendjemandem unangenehme Erfahrungen gemacht. New Order war zu dem Zeitpunkt schon ein bisschen müde, aber es war trotzdem eine gute Show. Für uns war New Order natürlich schon ein Act, über den man sich freut, wenn man einen Abend mit ihnen verbringt: auf der Bühne und hinter der Bühne.

Die waren vielleicht auch schon etwas gesetzter, damals.

Mik Tanczos: Genau, das war im Jahr 2021, die waren da auch schon lange unterwegs.

Ist „Modernism“ ein Comeback-Album und so angelegt, wie bei der Neugründung einer Band: man beginnt und hat kein Ende in Sicht?

Mik Tanczos: Ich würde mir wünschen, dass das die zweite Phase der Band wird. Wie lange die geht, werden wir sehen. Aber es ist jetzt nicht angelegt auf ein Album und dann ist es wieder gut, sondern wir starten das und haben jetzt gerade sehr große Freude daran, was alles passiert und wie es passiert. Und hoffentlich geht es lange so weiter. So lange wie bei den Stones wird es nicht weitergehen, aber wenn ein paar Alben kommen und wir diese zweite Phase festigen können, wäre das super für uns.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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Zeronic live
15.10.2026, Arena, Wien – Tickets

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