Zwischen Himmel und Erde und anderen Abgründen. Michael Floredo – seine Musik und seine Kritik an Missständen unserer Zeit

Passend zur Passionszeit bespielen der Organist Jürgen Natter und der Komponist Michael Floredo die Stadtpfarrkirche in Dornbirn. Dort steht die große Behmann-Orgel, ein bedeutendes musikalisches Kulturdenkmal. Zahlreiche Kompositionen hat Michael Floredo speziell für dieses Instrument maßgeschneidert, darunter das 2002 entstandene und oft aufgeführte Orgelwerk „Nacht“. Auch Jürgen Natter integrierte das Werk häufig in seine Konzertprogramme, denn es sei eine äußerst stringente Umsetzung eines Seelenzustandes, erzählt der Musiker. „Das Stück hat solche Tiefe, Kraft und Geschlossenheit, dass sich die zerrissene Grundstimmung jedem Hörer sofort erschließt.“

Die Behmann-Orgel in der Dornbirner Stadtpfarrkirche sei eine „Wahnsinnsorgel in einem Wahnsinnsraum, beides zusammen harmoniert in Vollendung“, schwärmt Jürgen Natter. „Die Klangpalette lässt praktisch keine Wünsche offen, und viele Orgelfarben stehen in Vorarlberg genau einmal zur Verfügung: eben in St. Martin. Der geniale Josef Behmann, immer interessiert an allen großen Neuerungen im Orgelbau, hat sich damit wirklich ein unsterbliches Denkmal geschaffen.“

Neben „Nacht“ kommen drei weitere Kompositionen von Michael Floredo zur Aufführung. Isabella Fink wird das neue Cellosolostück „Meditation“, in Memoriam Carl Lampert, zur Uraufführung bringen.

Carl Lampert und die katholische Kirche

In seinen Werken thematisiert Michael Floredo zeitliche, gesellschaftliche und kulturpolitische Aspekte sowie häufig übersehene Zusammenhänge. Dies betrifft auch Carl Lampert, ein Opfer der Nationalsozialisten, der 2011 seliggesprochen wurde. Wie Michael Floredo betont, wisse man noch längst nicht alles, „insbesondere, was damals Pius XII. anbelangt. Doch das, was wir heute schon wissen, dank Franziskus, der im Corona-Jahr 2020 das Geheimarchiv im Vatikan in Bezug auf Pius XII. und den Nationalsozialismus öffnen ließ, müsste der ganzen Christenheit und der katholischen Amtskirche die Augen öffnen“, gibt Michael Floredo zu bedenken und spricht damit die bis heute umstrittene Haltung des Papstes Pius XII. gegenüber dem NS-Regime an. Damit verbindet Michael Floredo auch einen Appell: „Es nützt nichts, wenn heute jemand an der Gefängnistüre des Carl Lampert rüttelt. Rüttelt am Palmsonntag lieber an jetzige Türen und Kirchenfenster, die heute noch Austrofaschisten huldigen, denn das Hauptmerkmal des Palmsonntages ist nicht der Einzug Jesu in Jerusalem, sondern die Tempelreinigung.“

Kreuzwegstationen finden jeden Tag statt

„Kreuzwegstationen“ für Sopran, Schlagwerk und Orgel, 2016 im Stift St. Florian uraufgeführt, erklingt erstmals in Vorarlberg. Auch in diesem Werk geht es Michael Floredo um ein kritisches Zurechtrücken überlieferter Erzählungen. „Der zentrale Punkt in meinen Kreuzwegstationen lautet: Nicht Pilatus, sondern der Hohepriester und sein Volk waren der Grund für die Kreuzwegstationen Jesu“, erklärt der Komponist. „Mir kommt vor, dass das Glaubensbekenntnis bei der Stelle ‚gelitten unter Pontius Pilatus‘ zwar stimmen mag, aber was führte wirklich zum Todesurteil? Insbesondere, wenn das Neue Testament ausdrücklich beschreibt, wie sich Pilatus und seine Frau Claudia für Jesus eingesetzt haben.“ Auch auf die Gegenwart bezieht sich Michael Floredo, denn „Kreuzwegstationen fanden und finden jeden Tag statt und oft sind sie durch niedere, hohe und höchste Amtsträger weltlicher und kirchlicher Seiten verursacht.“

Unverhältnismäßigkeit zwischen Neuer und Alter Musik

Michael Floredos „Liebeslied“ für Sopran und Schlagwerk entstand vor gut 30 Jahren und erinnert an eine Zeit, als zeitgenössische Komponierende in Vorarlberg noch deutlich stärker nachgefragt wurden als heute. Besonders das von Fuat Kent initiierte „New Art Ensemble“ und das „Forum Feldkirch“ beauftragten bei Vorarlberger Komponist:innen zahlreiche Werke, deren Uraufführungen viel Aufsehen erregten. 

Damit verbunden kritisiert der in Altach lebende, 58-jährige Komponist auch die Kulturpolitik des Landes. Seiner Ansicht nach werden medial und finanziell zu einem überwiegenden Teil Alte Musik und oberflächliche Unterhaltungsmusik gefördert. „Diese Unverhältnismäßigkeit hinsichtlich der Aufführungen ernster Musik der demokratischen Zeit im Vergleich zur monarchistischen Epoche spiegelt sich in vielen Bereichen unserer Gesellschaft, der Politik und der Amtskirchen wider.“

Ein provokantes Zitat

In diesem Zusammenhang zitiert Michael Floredo den international renommierten Komponisten und einen der bedeutendsten Vertreter der Neuen Musik, Pierre Boulez. In einem Interview 1967 sagte er in Anspielung auf den konservativen Musikbetrieb, provokant und selbstverständlich metaphorisch gemeint: „Die teuerste Lösung wäre, die Opernhäuser in die Luft zu sprengen. Aber glauben Sie nicht auch, dass das die eleganteste wäre?“ Michael Floredo denkt diese Aussage weiter und fügt an: „Wenn Opernhäuser und Festspiele, die sogenannte hohe Kultur, nicht dafür sorgen, dass Alte und Neue Musik aus unserer Zeit gleichberechtigt auf den Programmen vertreten sind, wird sich der Geist der Monarchie beziehungsweise der Diktatur durchsetzen.“

Kulturelle Kipppunkte und ein neues Klavierquintett

Auch in der Kultur gebe es Kipppunkte, an denen es schlecht um die Demokratie stehe, merkt Michael Floredo an. Er weist auf Gerold Amann hin, der in seinem Musiktheater „Die Vögel“ genau auf diesen Umstand aufmerksam machte. Erzählt wird die Geschichte von Piros, der die Vögel überredet, ein mit allen Rechten ausgestattetes Reich zwischen Himmel und Erde zu errichten, um sich so von der Knechtschaft der Menschen und Götter zu befreien. Die Utopie erweist sich als trügerisch, denn Piros macht sich selbst zum Herrscher – und liebt Vogelfleisch.

Derzeit arbeitet Michael Floredo im Auftrag der Bruckner Tage im Stift St. Florian an einem Klavierquintett, das er „Fermatenquintett“ nennt. Allein dieser Titel öffnet einen großen Interpretationsspielraum, vor allem wenn man bedenkt, dass die Fermate in der Musik auch „Corona“ genannt wird.

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im März 2026 erschienen.

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Termin:

Samstag, 21. März 2026, 19:30 Uhr
Stadtpfarrkirche St. Martin, Dornbirn
„Zwischen Himmel und Erde“
Werke von Michael Floredo, Johann Sebastian Bach und Max Reger
Mitwirkende: Coco Lau, Sopran; Markus Lässer, Schlagwerk; Isabella Fink, Violoncello; Jürgen Natter und Michael Floredo, Orgel

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Link:
Musikdokumentation Vorarlberg – Michael Floredo