„Wir wollten etwas Cooles ausprobieren, Ideen entwickeln und Dinge verarbeiten.“ – CUTE AGGRESSION im mica Interview

Wer bei Cute Aggression nach klaren Linien, vertrauten Songstrukturen oder der gewohnten Pop-Formel sucht, wird auf „Make Us Crash“ bewusst in die Irre geführt. Das Tiroler/Wiener Duo Erika Schweighofer und Aaron Abebe versteht Musik als Spielfeld der Reibung, auf dem sich Gegensätze permanent ineinander verkeilen. Zwischen lärmender Wucht, digitalem Überdrehen und überraschend verletzlichen Momenten entfaltet sich ein Sound, der ebenso grell wie vielschichtig wirkt. Hinter der schrillen Fassade und dem kontrollierten Chaos verbirgt sich ein Album, das Konventionen konsequent hinterfragt und gerade in seiner Radikalität eine bemerkenswerte Eigenständigkeit entwickelt. Im Interview mit Michael Ternai sprechen Erika Schweighofer und Aaron Abebe über die ursprüngliche musikalische Idee hinter Cute Aggression, wie sich diese im Laufe der Zeit zum heutigen Sound entwickelt hat, und darüber, warum gerade das chaotische Element jener Faktor ist, der alles zusammenhält.

Ihr seid mir eigentlich schon durch eure ersten Videos aufgefallen. Ich hatte damals bereits den Eindruck, dass ihr musikalisch einen etwas anderen Weg einschlagt und für einen ziemlich eigenwilligen Sound steht. Mit eurem Debüt hat sich dieser Eindruck nun bestätigt. In euren Songs verbindet ihr ausgesprochen liebliche, poppige Klänge mit Momenten völligen Chaos und Lärms. Das passt eigentlich perfekt zu eurem Bandnamen. „Cute Aggression“ bezeichnet ja den Impuls, etwas, wie soll ich sagen, Niedliches so überwältigend süß zu finden, dass man es am liebsten ganz fest knuddeln würde.

Aaron Abebe: Also, „niedlich“ finde ich schon okay. Es gibt durchaus Lieder, bei denen wir bewusst versucht haben, ein niedliches Element einzubringen – etwa durch bestimmte Sounds, die irgendwie süß oder verspielt klingen.

… auf der anderen Seite geht es bei euch aber auch oft ziemlich chaotisch und fast schon punkig zu. War die Idee zu diesem sehr breiten, wilden Soundkosmos von Anfang an vorhanden oder hat sich das erst im Laufe des Entstehungsprozesses entwickelt?

Erika Schweighofer: Unsere Ursprungsidee war eigentlich, Hyperpop mit Drum’n’Bass-Beats zu verbinden. Die ersten zwei Lieder haben wir dann auch in diese Richtung gemacht, nur sind wir recht schnell wieder davon abgekommen und haben uns stilistisch viel breiter aufgestellt. Das ist allerdings eher auf natürliche Weise passiert. Ein wirklicher Plan dahinter hat nicht gesteckt.

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Aaron Abebe: Das hat sicher auch damit zu tun, dass wir beide von Haus aus sehr unterschiedliche musikalische Einflüsse haben. Wenn wir gemeinsam an etwas arbeiten, pushen wir uns gegenseitig immer wieder in neue Richtungen. Ich finde diese Arbeitsweise auch ziemlich cool.

Ich mache eigentlich nie wirklich so süße Musik und finde es deshalb spannend, das auszuprobieren und zu schauen, wo man am Ende landet. Dazu passt auch, dass Erika manchmal einfach die ganze Zeit schreit. Ich glaube, dass wir auf dem Album an einem gemeinsamen Ort angekommen sind, an dem die Kontraste auf eine schöne Weise zusammenfinden.

Eure Musik lebt tatsächlich sehr von Kontrasten. Das ist allein schon durch die unterschiedlichen Stilistiken vorgegeben. Aber auch durch die verschiedenen Intensitäten, mit denen ihr arbeitet. Es gibt die ruhigen Momente, aber auch jene, in denen es energetisch richtig zur Sache geht.

Aaron Abebe: Für mich ist es dieses chaotische Element, das alles zusammenhält. Auf eine irgendwie absurde Art. Die Grundidee des Albums ging schon stark in Richtung Reizüberflutung und Collagenhaftigkeit. Es gibt Songs, in denen sich gefühlt alle vier Takte etwas verändert. Kaum hat man das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein, wird man schon wieder weitergerissen. Der rote Faden entsteht letztlich auch dadurch, dass wir die Dinge immer wieder auseinandernehmen und neu zusammensetzen.

Erika Schweighofer: Ich würde sagen, dass die Synthesizer den roten Faden bilden. Ich finde diesen Sound einfach großartig. Das mit der Reizüberflutung hatte ich ursprünglich gar nicht so auf dem Schirm. Für mich ist das eher ganz natürlich entstanden. Und ich glaube schon, dass auch meine Stimme dazu beiträgt, die Songs zusammenzuhalten.

Aaron Abebe: Die natürlich auch. Wir arbeiten ja sehr viel mit Effekten auf der Stimme. Es gibt zum Beispiel viele Momente, in denen wir Atemgeräusche bewusst hervorheben. Das sind Dinge, die in einer Produktion normalerweise eher im Hintergrund bleiben. Wir holen sie gezielt nach vorne.

Gitarrensounds spielen an einigen Stellen ebenfalls eine prominente Rolle. Die spielst du, Erika, oder?

Erika Schweighofer: Naja, ich spiele nicht wirklich Gitarre. Irgendwie schon – auf dem Album und auch live. Aber ich würde nicht behaupten, dass ich Gitarristin bin. Ich beginne allerdings gerne damit, Songs auf der Gitarre zu schreiben, weil sich das für mich natürlicher anfühlt, als direkt am Computer zu arbeiten. Grundsätzlich würde ich aber schon sagen, dass ich lieber Synthesizer spiele.

Bild dr band Cute Aggression
Cute Aggression © Luca Celine

Aaron Abebe: Ein paar Nummern sind tatsächlich so entstanden, dass Erika mit einem Demo, bestehend aus Gitarre und Gesang, gekommen ist. Das haben wir dann als Ausgangspunkt genommen und gemeinsam weiterentwickelt, indem wir rundherum neue Schichten aufgebaut und die elektronischen Elemente ergänzt haben. Ein wichtiger Aspekt bei den Gitarren war für mich – ich komme ja ursprünglich aus der Psychedelic-Rock- und Bandszene –, dass sie nicht immer klassisch klingen. Es gibt auf dem Album einige Momente, in denen die Gitarren stark gepitcht werden, seltsame digitale Verfremdungen durchlaufen und dadurch einen ganz eigenen Charakter bekommen.

Erika Schweighofer: Man kann damit schon ziemlich coole Sachen machen. Das war bei „Talkin’ About Music, oder?

Aaron Abebe: Ja genau, und bei „Get Over You“, dem dritten Song. Die zentrale Hintergrundmelodie basiert ursprünglich auf einem Gitarrenpattern. Anstatt es klassisch zu spielen, habe ich eine Aufnahme davon genommen und den Pitch in schneller Abfolge verändert. Aus diesen Tonhöhenverschiebungen hat sich dann die eigentliche Melodie entwickelt.

Das Spannende ist ja, dass sich eure Musik durchaus im Pop-Kontext bewegt, ihr aber gleichzeitig oft auf klassische Pop-Strukturen verzichtet. Wie kommt es dazu? Was reizt euch an diesem Ansatz? Ist gerade dieses Spannungsfeld interessant – sich einerseits im Pop zu verorten, andererseits aber viele seiner gängigen Regeln bewusst zu umgehen?

Aaron Abebe: Das war tatsächlich etwas, womit ich anfangs ein wenig gehadert habe. Auf der einen Seite sind wir für viele Popfans wahrscheinlich zu experimentell, auf der anderen Seite wiederum nicht experimentell genug für manche Kunst- und Avantgarde-Kontexte. Wir bewegen uns da irgendwo dazwischen. Aber genau das gefällt mir mittlerweile sehr.

Ich mag eingängige Melodien, ich mag gute Popsongs. Gleichzeitig habe ich aber auch nicht das Bedürfnis, die fünfte Indieband zu sein, die dasselbe macht wie viele andere. Das hat natürlich alles seine Berechtigung, aber ich habe im Laufe der Jahre so viel Musik gehört und so viele unterschiedliche Ansätze kennengelernt, dass mich Bekanntes oft weniger reizt. Spannend wird es für mich dann, wenn etwas Überraschendes passiert.

Natürlich kann es sein, dass unsere Musik beim Hören manchmal etwas fordernd wirkt oder nicht unbedingt dazu gedacht ist, nebenbei konsumiert zu werden. Aber genau das macht sie für mich interessant.

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Erika Schweighofer: Wenn wir gemeinsam Musik machen, fangen wir meistens irgendwie poppig an. Relativ schnell kommen uns dann aber Ideen für verrückte Sachen. Das fühlt sich jedes Mal total aufregend an, weil der Song dadurch plötzlich eine ganz andere Richtung einschlägt. Manchmal denke ich mir schon: Das können wir jetzt nicht schon wieder so machen. Aber meistens passiert es dann genau so. Und dann finde ich es einfach großartig, weil es total weird ist und sich gleichzeitig unglaublich gut anfühlt.

Ist diese Art von Weirdness auch etwas, das euch persönlich ausmacht?

Aaron Abebe: (lacht) Eigentlich gar nicht. Ich würde mich jetzt nicht als besonders weird oder edgy bezeichnen, aber ich mag solche Dinge einfach. Ich finde nämlich, dass sich Popmusik oft sehr ernst nimmt, und das gefällt mir nicht. Da gibt es bestimmte Zwänge und Formeln, die wenig Raum dafür lassen, plötzlich etwas völlig anderes zu machen oder nach der Hälfte eines Songs irgendeinen random Blödsinn einzubauen.

Als wir angefangen haben, gemeinsam Musik zu machen, haben wir noch zusammengewohnt. Damals haben wir viele Sessions in meinem Zimmer gemacht, oft auch mit Freund:innen. Das war am Anfang wirklich einfach nur ein Spaßprojekt. Es ging nie darum, am Ende einen fertigen Track in der Hand zu haben. Wir wollten etwas Cooles ausprobieren, Ideen entwickeln und Dinge verarbeiten. Und ich glaube, genau diese Art zu Arbeiten zieht sich bis heute durch vieles, was wir machen.

Wenn man ein wenig recherchiert, stellt man fest, dass ihr beide bereits in einigen Projekten aktiv wart, die sich klar im Pop verorten lassen. Ihr kennt also den Mainstream-Pop. Inwieweit ist Cute Aggression für euch eine Art Sandkasten, in dem ihr euch kreativ und spielerisch austoben könnt? Wie essenziell ist dieser Zugang für euch als Künstlerin und Künstler?

Aaron Abebe: Sehr essenziell. Auf jeden Fall. Für mich ist das wahrscheinlich das Wichtigste überhaupt. Genau deshalb machen wir das ja: um uns auszutoben, Dinge auszuprobieren und coole Sounds zu erschaffen. Das ist etwas völlig anderes, als in einer Band einfach Gitarre zu spielen. Hier können wir mit Klängen experimentieren, verrückte Ideen verfolgen und Sachen machen, die man sich in anderen musikalischen Kontexten vielleicht gar nicht erlauben würde. Gerade dieses freie Herumprobieren und das Arbeiten mit all diesem crazy Stuff macht für mich einen großen Teil des Reizes aus.

Bild der Band Cute Aggression
Cute Aggression © Luca Celine

Erika Schweighofer: Ich bekomme ja auch ein bisschen mit, was hinter den Kulissen bei größeren Popbands passiert und womit sie sich ständig beschäftigen müssen. Da geht es oft viel weniger um die Musik selbst als um die Frage, wie man mehr Reichweite generiert. Irgendwie verliert man dabei leicht aus den Augen, warum man überhaupt Musik macht.

Am Anfang habe ich mich schon manchmal verglichen, einfach weil ich viel Zeit mit solchen Leuten verbringe. Irgendwann habe ich aber für mich festgestellt, dass es viel schöner ist, Musik auf die Art zu machen, die mir Spaß macht. Also ohne ständig daran zu denken, wie viele Streams ein Song bekommen könnte oder wie erfolgreich er sein muss. Denn in dem Moment, in dem dieser Gedanke zu wichtig wird, geht für mich auch ein großer Teil der Freude verloren. Und dann frage ich mich: Warum sollte ich das überhaupt machen?

Musikalisch geht es bei euch viel ums Ausleben, ums Ausprobieren und um den Spaß am Experiment. Wie sieht es auf der inhaltlichen Ebene aus? Liegt dort die Ernsthaftigkeit? Gibt es eine tiefere Botschaft in euren Songs?

Erika Schweighofer: Es gibt auf jeden Fall Songs, die eine tiefere Message haben, andere wiederum weniger. Generell habe ich aber das Gefühl, dass bei uns oft das Spielerische und die Freude am Leben im Vordergrund stehen, und das finde ich auch wichtig. Stücke wie „Break Me“ haben definitiv eine tiefere Aussage, und auch „Bad Feminist“ hat einen inhaltlichen Hintergrund, der über das Offensichtliche hinausgeht.

Ich glaube aber auch, dass die Texte in Zukunft generell mehr Gewicht bekommen werden – beziehungsweise, eigentlich weiß ich das sogar. Das ist etwas, das für uns zunehmend wichtiger wird und dem wir in Zukunft noch mehr Raum geben möchten.

Auf diesem Album liegt das Hauptaugenmerk nicht darauf, dass die Texte möglichst viel Bedeutung transportieren. Es geht vielmehr um das Spielerische und die Freude am Musikmachen, und das ist für mich mindestens genauso wichtig.

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Ihr habt auf diesem Album sehr viel ausprobiert und euch musikalisch in unterschiedlichste Richtungen vorgewagt. Inwieweit war die Platte auch ein Experimentierfeld für zukünftige Entwicklungen? Wenn du sagst, dass die Texte künftig mehr Gewicht bekommen werden: Habt ihr durch dieses Album bereits herausgefunden, was für euch funktioniert und was nicht? War es vielleicht auch ein bewusster Versuch, Ideen bis an ihre Grenzen zu treiben, um zu sehen, welche neuen Möglichkeiten sich daraus ergeben?

Aaron Abebe: Das ist, würde ich sagen, ein Mix aus verschiedenen Dingen. Vieles auf dem Album hängt auch stark mit der Zeit zusammen, in der es entstanden ist. Die meisten Tracks haben wir eigentlich schon vor fast zwei Jahren geschrieben, während der letzte große Produktionsschub erst im vergangenen halben Jahr stattgefunden hat. Natürlich spiegelt das auch die Stimmung wider, in der wir uns damals beziehungsweise zuletzt befunden haben, und ebenso die Musik, die wir zu dieser Zeit gehört haben.

Ich glaube deshalb auch, dass zukünftige Sachen wieder anders klingen werden. Einfach, weil wir ständig Neues entdecken, uns von anderen Dingen inspirieren lassen und neue Ideen ausprobieren wollen. Bei diesem Album ging es aber vor allem darum, Dinge auszutesten, herauszufinden, was uns gefällt, und zu schauen, in welche Richtungen wir uns damit weiterentwickeln möchten.

Erika Schweighofer: Wir haben eigentlich noch viel mehr Songs gemacht, und das hier ist letztlich nur die engere Auswahl geworden. In Wirklichkeit haben wir uns also noch deutlich stärker ausprobiert. Die Stücke auf dem Album sind jene, die am besten zusammengepasst haben und am stimmigsten wirkten. Das klingt vielleicht ein bisschen ironisch, wenn man das über dieses Album sagt, aber im Vergleich zu allem anderen gibt es hier tatsächlich noch so etwas wie einen roten Faden. Bei vielen der übrigen Songs wäre der noch viel schwerer zu erkennen gewesen.

Vielen Dank für das Interview.

Michael Ternai

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