„Wir wollten das Ganze etwas aufbrechen und den traditionellen Pfad verlassen.“ – MARINA ZETTL (MARINA & THE KATS) im mica-Interview

Spricht man hierzulande von Swing, kommt man an der Erwähnung dieser Band nicht vorbei. MARINA & THE KATS gelten nun schon seit Jahren als führendes Aushängeschild dieses Genres. Drei starke Alben mit Musik, die mit jedem Ton zum Tanzen auffordert, und etliche Konzertreisen quer über den Kontinent haben die Truppe rund um Sängerin MARINA ZETTL und den Gitarristen THOMAS MAUERHOFER zu einem auch international sehr gefragten Act gemacht. Mit „Different“ veröffentlichte die zu einem Quartett angewachsene Band in diesem Sommer ihr viertes Album. Und wie es der Titel bereits schon erahnen lässt, verhält sich auf dem neuen Release einiges doch etwas anders. Nicht nur, dass MARINA & THE KATS nun fix mit drei Schlagzeugen auftritt – gleich drei der vier Bandmitglieder spielen Schlagzeug -, auch musikalisch werden neue Wege beschritten. Die neuen Songs der Band klingen im Sound überraschend roh und weisen eine deutlich größere stilistische Breite auf als noch zuvor. MARINA ZETTL verrät im Interview unter anderem, wie es zu diesem sehr vielfältigen Sound gekommen ist und was es mit den „Shared Drums“ auf sich hat. Die Fragen stellte Michael Ternai.

Aus dem Pressetext zum Album lässt sich herauslesen, dass Corona eigentlich der Grund dafür war, dass es entstanden ist. War es eigentlich geplant?

Marina Zettl: Ja, ein Album war schon geplant. Aber dass es dann so schnell passiert ist, hat sich eigentlich aus der Situation heraus ergeben. Da es nicht möglich war, Konzerte zu spielen, war einfach die Zeit da, es anzugehen. Rückblickend kann man auch sagen, dass diese Zwangspause für uns auch positive Aspekte mit sich gebracht hat. Wir konnten wirklich überlegen, was wir wollen und in welche Richtung es gehen sollte. Wir sind zum Schluss gekommen, dass wir dieses Mal, mehr als noch davor, auch das einfließen lassen wollen, was wir auch zu Hause hören, also die Musik, die wir privat hören. Unsere Alben davor waren musikalisch dann doch noch stark im klassischen Swing verortet. Das sollte dieses Mal anders sein. Wir wollten das Ganze etwas aufbrechen und den traditionellen Pfad verlassen. Ich finde den Swing der 1920er und 1930er Jahre sehr schön, nur höre ich zu Hause im Moment etwas anderes wie zum Beispiel Black Keys, oder Jack Stauber. Warum kann man diese beiden Sachen eigentlich nicht miteinander verbinden?

Was „Different“ etwas anders macht als eure vorangegangen Alben ist auch, dass es – vor allem was die stilistische Ausrichtung betrifft – dieses Mal sehr weit gefächert ist. Swing, Indiepop, Jazz, Funk, etwas Django Reinhardt, irgendwie findet sich alles irgendwie in euren Songs wieder. Was hat zu diesem sehr vielfältigen Sound geführt?

Marina Zettl: Es ist ja immer interessant zu hören, was andere über deine Musik denken, oder was sie da alles für sich heraushören. Ich habe zum Beispiel keinen Bezug zum Funk und empfinde das nicht so. Zum Sound: Für viele bedeutet das Wort „Swing“ entweder A) traditioneller Sound á la „Ella oder Django“ oder B) „Electro Swing“ und beides ist nicht die Welt, in der ich mich musikalisch wiederfinde.  Wir haben für uns etwas ganz Eigenes gefunden, dass irgendwo dazwischen liegt und genau das gibt uns die Freiheit, alles machen zu können, was wir wollen und gut finden.

Auch der Sound ist etwas rauer als davor.

Marina Zettl: Ich finde auch. Roher, grober und direkter.

„Ich finde, dass es unser stärkstes Album bis jetzt ist.“

War euch schon von Beginn an klar, wohin es auf diesem Album musikalisch gehen soll, oder hat sich dieser offene Sound nach und nach ergeben?

Marina Zettl: Der Wunsch etwas musikalisch weiterzuentwickeln, ist für uns sowieso immer da. Aber man kann schon sagen, dass „Different “diesmal schon von Anfang an Programm war. Ich finde, dass es unser stärkstes Album bis jetzt ist.

Man hat auch den Eindruck, dass ihr euch dieses Mal sehr mit den Songs auseinandergesetzt und ihr wirklich auf die Ausarbeitung geachtet habt. Was war bei der Produktion dieses Albums „different“.

Marina Zettl: Zum einen war durchaus mehr Zeit, die Songs vor den Aufnahmen vorzuproduzieren und zu proben. Zum anderen haben wir den Produzenten gewechselt. Und die Texte sind ernster und noch persönlicher, wenn man so will auch etwas erwachsener geworden…. was auch immer das Wort erwachsen bedeutet (lacht)

Ihr habt bei diesem Album erstmals mit Andreas Lettner zusammengearbeitet. Wie macht sich sein Input als Produzent bemerkbar?

Marina Zettl: Thomas Mauerhofer und ich haben als Leader schon immer eine sehr konkrete Vorstellung, wollen aber auch immer jemanden als Produzent, der eine neue Sichtweise und eigene Ideen hat. Das hat Andreas Lettner schnell verstanden und erkannt, wo unsere Stärken liegen und wie wir da als Band wachsen können. Er hat uns auch ermutigt unser Markenzeichen, nämlich die „Shared Drums“, noch mehr auszubauen und diese Bestätigung von einem tollen Drummer zu bekommen, war schon mal die halbe Miete.

Marina & The Kats (c) Tim Cavadini

Mit „Shared Drums“ hast du jetzt ein Stichwort gegeben. Harald Baumgartner ist ja nun als fixes Bandmitglied auch mit an Bord. Was ist die Herausforderung, wenn man mit drei Drums spielt? Ich stelle mir das, vor allem was das Timing betrifft, nicht sehr einfach vor.

Marina Zettl: Davor bestand die Rhythmus-Sektion nur aus Peter Schönbauer an der Bass Drum und mir. Nun ist Hari fix in der Band und drei von vier Leuten spielen Drums und sind gemeinsam für die Time verantwortlich. Natürlich macht es das nicht einfacher und wir haben sehr viel Zeit mit Proben verbracht, aber genau diese Eigenheit ist zu unserem Trade-Mark geworden und wir möchten das auch nicht mehr anders machen.

„Ein guter Text funktioniert auf mehreren Ebenen.“

Wie sieht es mit dem Inhaltlichen des Albums aus? Welche Themen besingt ihr?

Marina Zettl: Mir ist immer wichtig, dass die Songs eine persönliche Geschichte für mich haben, aber auch gleichzeitig ein wenig offen bleiben für den Zuhörer, seinen eigenen Zugang zu finden und sich somit wiederfinden können. Ein guter Text funktioniert auf mehreren Ebenen.
Im Titelstück „Different“ geht es mir darum, wie schwer es ist, seiner eigenen Intuition zu folgen, vor allem wenn von außen viel Input kommt. Das kann man auf viele Lebenssituation beziehen. In meinem Fall beispielsweise glauben Außenstehende oft zu wissen, was man besser oder anders machen sollte. Und das kriegt man auch demensprechend häufig zu hören. Aber ja, das passiert mir manchmal auch, da nehme ich mich selbst nicht aus.
„Quiet“ war der allererste Song, der im Lockdown entstanden ist und es geht um den Gedanken, ob man überhaupt noch was zu sagen hat oder ob nur mehr Stille bleibt – eigentlich die Verarbeitung einer Schreibblockade.
Auch spielt das Thema „Frau sein“ eine immer wichtigere Rolle für mich und ich kann immer besser meine Grenzen abstecken.
Wenn ich darüber nachdenke, klingt das jetzt so, als ob es eine anklagende oder schwere Platte ist, dem ist nicht so. Ich kann auch selbstbewusst sagen: ich finde mich/uns gut, wie wir sind, mit all unseren Ticks und Marotten.

Ich kenne euch ja schon seit eurem Debüt. Und blickt man nun auf Weg, den ihr seitdem zurückgelegt habt, kann man durchaus sagen, dass dieser sehr erfolgreich war. Ihr seid konzerttechnisch wahnsinnig viel unterwegs, im In- und Ausland, ihr werdet im Radio gespielt, ihr habt Auftritte im Fernsehen. Hättet ihr euch am Anfang erträumen können, dass sich eure Bandkarriere so entwickelt. Was steht bei euch in den nächsten Monaten an? Ich nehme an, dass ihr wieder viele Konzerte spielen werdet.

Marina Zettl: Wir kommen gerade von unserer Ungarn- und Schweden-Tour zurück und können generell stolz auf die letzten Jahre zurückblicken. Niemand kann im Vorhinein wissen, ob etwas funktioniert und ob man das erste euphorische Jahr überlebt oder nicht. Und das ich als Sängerin zur Trommlerin meiner eigenen Band werde, hätte ich auch nie gedacht. Deswegen freut es uns besonders, dass wir aus eigener Kraft – damit meine ich ohne irgendeine große Institution im Rücken – zu einer ernstzunehmenden Band gewachsen sind, die sich neben Big Playern behaupten kann. DANKE an dieser Stelle an alle Kats!

Herzlichen Dank für das Interview!

Michael Ternai

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