Bild Heckspoiler
Heckspoiler (c) Christoph Weiemair

„WIR WISSEN, DASS WIR LIVE GENAUSO TUSCHEN WIE AUF DEM ALBUM“ – HECKSPOILER IM MICA-GESPRÄCH

HECKSPOILER kommen aus der oberösterreichischen Provinz und produzieren als Duo so viel Krach wie fünf Blasmusikkapellen nach dem Frühschoppen. Zwischen Hardcore und Punk drehen KIM TOM GUN (ANDI) und ZLATKO SAN (THOMAS) den Verzerrer auf Anschlag und zeichnen für seismische Aktivitäten im Traunviertel verantwortlich. Mit „Synthetic Athletic“ erscheint Anfang Juli auf NOISE APPEAL RECORDS das erste Album von HECKSPOILER. Mit Trainingsjacken und Polohemden hat das Duo bereits auf ihren „Cracktickertapes“ mit Szene-Konventionen gespielt. Wie der Punk-Ethos neuerdings mit Rollkragenpullovern zusammengeht, warum Mundart nichts mit Heimat zu tun hat und woher in Zukunft die Orgelsounds kommen, haben ANDI und THOMAS im Gespräch mit Christoph Benkeser erzählt.

„Heckspoiler sind die Freunde, die ihr nicht zum Weihnachtsessen eurer Eltern einladen wollt!“, steht in eurer Presseankündigung. Wieso eigentlich nicht? 

Andi: Das wissen wir selber nicht. Hat sich das nicht Noise Appeal ausgedacht? [lacht]. In unserer Heckspoiler-Rolle braucht man solche Prolos sicher nicht am Weihnachtstisch. Aber privat würde das schon gehen. Außerdem kommt es darauf an, wo man landet.

Wo würdet ihr gerne landen?

Andi: In einer perfekt funktionierenden Familie, wo an Weihnachten null Stress herrscht. So ein richtig kitschiger American-Weihnachtsabend.

Zum Glück ist bis dahin noch Zeit. Heckspoiler existieren laut eurer Facebook-Seite seit 2015. Aus welcher Idee heraus ist die Band entstanden?

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Heckspoiler (c) Christoph Weiemair

Andi Heck: Wir kannten uns davor gar nicht, obwohl wir beide in Bands spielten. 2015 hatte ich in meiner ersten Wohnung einen Proberaum. Thomas war bei meinem damaligen Mitbewohner auf Besuch. Irgendwann haben wir gemeinsam gejammt, Nummern ausgetauscht und uns wieder zum Musikmachen getroffen. Die Idee, die Sache auf Schlagzeug und Bass zu begrenzen, war zu dem Zeitpunkt schon da.

Und ihr kommt beide aus Ried im Traunkreis…

Andi: Jein! Da ist nur unser Proberaum. Wir sagen manchmal Kremsmünster –, wo Bilderbuch herkommt.

„RIED IM TRAUNKREIS KLINGT EINFACH SCHEISSE.“

Also in der oberösterreichischen Land-Metropole. Ist das Traunviertel die klassische Rocko Schamoni-„Dorfpunks“-Idylle? 

Andi Heck: Bis auf den Unterschied, dass es bei uns gar keine Punks gibt – außer vereinzelte Teenager, die ein bisschen so ausschauen. Die Lage hat Vor- und Nachteile. Wegen dieser „Wo kommt ihr her?“-Frage müssen wir uns aber was überlegen. Ried im Traunkreis klingt einfach scheiße.

Wobei ihr wahrscheinlich die erste Punkband aus Ried im Traunkreis seid – auch ein Alleinstellungsmerkmal! 

Andi: Man hält uns eigentlich für Linzer. Damit können wir leben.

In der Romanverfilmung von „Dorfpunks“ stellen sich die Protagonisten mehrmals die Frage: „Wollen wir nicht einfach abhauen?“ Habt ihr euch das auch schon gefragt?

Andi: Phasenweise haben wir diesen Gedanken schon. Aber wir fühlen uns am Land einfach wohl, sind das Landleben gewohnt. Klar, man braucht ein Auto – dafür können wir kommen und gehen, wie es uns passt. Wien käme für mich nie in Frage, auch wenn ich gerne vorübergehend dort bin.

Thomas:  So bleibt die Stadt ein großes Abenteuer. Aber zum Runterkommen fahren wir aufs Land.

Wie seid ihr musikalisch aufgewachsen? 

Andi: Vorchdorf, Steyr und Linz, aber auch Bad Ischl, wo Kurort [ehemalige Hardcore-Band] herkommt, sind keine unbekannten Orte für Punk- Hardcore- und Rockbands. Die Szene war immer da. Ich erinnere mich, dass es in meiner Jugendzeit viel mehr Konzerte am Land gegeben hat. Oft in Jugendzentren, die man leicht erreichen konnte. Das war meine musikalische Sozialisation. Meine Eltern hatten keine harten Rock- und Metalsachen zu Hause.

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Heckspoiler (c) Christoph Weiemair

Wie hat es sich bei dir in die härtere Richtung entwickelt? 

Andi: Musikfernsehen wie MTV war tatsächlich wichtig, um heimlich Slipknot-Videos zu schauen. Wenn der Bruder fort war, habe ich mich in sein Zimmer geschlichen und Hell’s Kitchen-Sachen angeschaut – das war meistens mit harter Musik verbunden: Metallica, AC/DC, Rage Against the Machine…

Also die klassische MTV-Hardcore-Sozialisation gegen Ende der 90er, Anfang der 2000er Jahre.

Andi: Das war relativ bald, ja. Mit neun oder zehn Jahren habe ich angefangen, die Rock-Sachen zu hören.

„FÜR MICH WAR DAS DER MOMENT, IN DEM ICH WUSSTE, DASS ICH DAS AUCH MACHEN MÖCHTE.“

Wie war das bei dir Thomas? 

Thomas: Ich bin auch mit älterem Bruder aufgewachsen, der Korn, Metallica und System of a Down gehört hat da habe ich immer gerne mitgehört. Wichtig waren aber auch die ersten Live-Konzerte bei uns im Jugendzentrum. Da sind lokale Bands aufgetreten. Ich habe gesehen, dass man authentische coole Rock-Musik am Land machen kann. Für mich war das der Moment, in dem ich wusste, dass ich das auch machen möchte.

Die Jugendzentren waren damals wichtig. Gibt es die heute noch in dieser Form? 

Andi: Es ist weniger geworden. In letzter Zeit haben wir wieder einige Bands von jungen Leuten kennengelernt, die Gitarrenmusik machen. Das ist inzwischen eine Seltenheit. Ich habe im Jugendzentrum meinen ersten Gig mit 13 gespielt. Aber solche jungen Punkbands in einem Jugendzentrum gibt es nicht mehr.

Thomas: Man muss am Land erst einmal Gleichgesinnte finden, die mit dir eine Band gründen wollen.

In dem Sinn habt ihr euch gefunden.

Andi: Gefunden, genau! Alle Bands, mit denen wir befreundet sind und spielen, haben ein gewisses Alter. Im Wiener Venster99 spielen keine 14-Jährigen, der Altersdurchschnitt ist relativ hoch. Bei anderen Konzerten ist das ähnlich. Ich werde bald 30. Thomas ist schon 30. Wir machen seit 15 Jahren denselben DIY-Minikonzerte-Kram. Irgendwie kommt da grad keiner nach.

Thomas: Wir haben letzthin darüber geredet: Fünf Jahre Heckspoiler – eigentlich haben wir noch gar nichts weitergebracht. Aber was willst du auch weiterbringen?

Geht es für euch darum, irgendwas weiterzubringen?

Andi: Persönlich und musikalisch schon.

Thomas: Man möchte was veröffentlichen, das einem am Herzen liegt. Das ist viel Arbeit. Aber es stößt immer öfter auf positive Resonanz. Mehr Leute unterstützen uns, sei es via Label bei Noise Appeal oder Freunde, die uns stundenlang im Studio werken lassen, ohne ein Zeitlimit zu setzen. Je positiver die Sache für uns rennt, desto mehr Bock haben wir drauf.

Andi: Wir investieren viel Zeit und viel Energie. Mit der neuen Platte sind wir angefixt. Wir wollen schauen, was geht.

Apropos Platte – Anfang Juli kommt bei Noise Appeal Records euer erstes Album raus. Nach drei selbstveröffentlichten „Cracktickertapes“ heißt die Platte „Synthetic Athletic“. Klingt wie der neue Golfschuh von Lacoste, was steckt hinter dem Albumtitel? 

Andi Heck: Der Name war schon lange fix. Unser erstes Bühnenoutfit bestand aus Adidas-Trainingsanzügen, die 100% synthetisch waren. Das hat gepasst. Schließlich geht es uns auch um die markanten Namen. Bei unseren „Cracktickertapes“ haben wir zum Beispiel an die Hip-Hop- und Street-Kultur angeknüpft.

Von synthetischen Trainingsanzügen seid ihr aber irgendwann auf Polohemden umgestiegen. Ist das noch aktuell?

Andi: Polohemden und beige Hosen – unser Segler-Outfit – haben wir aber abgelegt. Mittlerweile sind wir reifer geworden und tragen schwarze, enge Rollkragenpullover.

Ihr legt also viel Wert auf die Wahl des Bühnenoutfits? 

Thomas: Das Auge hört mit, klar!

„ES SOLL NICHT IMMER GLEICH SEIN, WIR WOLLEN DIE ERWARTUNGEN UNTERLAUFEN.“

Auch untypisch für eine Band, die Hardcore und Punk spielt.

Andi: Das hat sich seit längerem ergeben. Für uns ist das auch ein bisschen ein Schmäh. Wir finden es witzig, wenn der Albumtitel oder das Cover überhaupt nicht zum Inhalt passen. Wenn man das Cover von „Synthetic Athletic“ anschaut, weiß man wirklich nicht, was einem auf der Platte erwartet. Wir spielen mit Kontrasten – da spielt das Erscheinungsbild auf der Bühne mit hinein. Es soll nicht immer gleich sein, wir wollen die Erwartungen unterlaufen. Sonst ist es doch so: Wenn eine Punkband spielt, weißt du ganz genau, dass sie Punk spielen. Wir brechen damit. Auch weil wir uns mittlerweile gerne verkleiden.

Das sieht man auch auf dem aktuellen Cover. Es ist kein klassisches Punk-Cover. Das könnte auch auf der Homepage von FM4 stehen.

Andi: Das ist unser geheimer Plan. FM4 Frequency auf der Hauptbühne nächstes Jahr!

Welche Themen bestimmen eure Musik? 

Andi: Es sind allgemeine Rock- und Punkthemen. Es geht viel um Liebe, um Spaß, um Autos…

Womit wir beim Heckspoiler wären!

Thomas: Das Thema zieht sich durch. Aber: Wir sind Anti-Auto-Freaks. Ich fahre eine Rostschüssel, für die ich mit Mühe ein Pickerl bekomm. Der Heckspoiler hat nichts mit der Autoszene zu tun [lacht].

Andi: Abgesehen davon haben wir auf der Platte das obligatorische Anti-Nazi-Lied. Wir überlegen zwar oft, ob wir das Wort überhaupt verwenden wollen. Aber es hat sich bei uns eingebürgert, dagegen aufzustehen – live zieht das auch sehr gut. Komplett unpolitisch geht also nicht. Wir heben aber nicht den Zeigefinger und sagen, wie es sein muss.

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Heckspoiler (c) Christoph Weiemair

Trotzdem lese ich ein Konzept aus dem Album raus – und das ist durchaus politisch. Das fällt auch bei den Songtiteln für „Synthetic Athletic“ auf. Die Nazis im Dorf („Ned Wie Du“) machen „Stress“, die „Infektion“ brennt lichterloh, der „Magen-Darm“ zwickt – es gibt auf die „Fresse“, bevor mit „Mei Bus“ zwei Tonnen Chip-getunte Wut über den Asphalt donnern – und am Ende heißt es: „I wundert mi“. Wieviel Konzept darf in einem Punk-Album sein?  

Andi: Oh, das klingt wirklich voll nach einem Konzept, dürfen wir das von dir in Zukunft verwenden? Bei uns sind Lieder oft auf bestimmte Themen bezogen, klar. Wir proben öfter die Woche, bringen verschiedene Dinge mit ein. Die Songs entstehen aber über Monate. Wir lassen uns Zeit, weil wir uns Zeit lassen können. Die verschiedenen Themen entstehen aus den Stimmungen, die uns über den jeweiligen Zeitraum begleiten. Manchmal sind wir besser drauf, manchmal schlechter, wir entdecken neue Bands, die sich musikalisch an anderen Dingen orientieren – und dann sind Wochen dabei, in denen gar nichts geht. Das nehmen wir auch hin.

Ihr singt seit Anfang an im Dialekt. Warum eigentlich? 

Thomas: Das kommt einfach aus uns raus. Wir haben schon Versuche unternommen, Tracks in „schönem Deutsch“ zu singen. Auf dem Album sind auch Stücke dabei, auf denen wir das probieren.  Aber intuitiver und emotionaler schreiben und singen wir in Mundart.

Hat Mundart für euch etwas mit Heimat zu tun? 

Andi: Wir schämen uns nicht, dass wir vom Land sind. Das betonen wir auch immer wieder gern – mit einem Augenzwinkern. Ein Großteil der Texte fällt mir in Mundart ein. Ich denke in Reimen. Und manche Wörter, aber auch Stimmungen und Aussprachen lassen sich nicht in Hochdeutsch übersetzen. Der Wortwitz würde verloren gehen, wenn wir in Hochdeutsch singen würden.

Mundart klingt meiner Meinung nach runder als das scharfe Stakkato-Hochdeutsch.

Andi: Auf dem neuen Album haben wir Songs wie „Infektion“, bei dem wir in diesem Stakkato-Deutsch singen, weil es zum Thema des Titels passt. Bei „Magen-Darm“ ist es fast schon ein schöner Bilderbuch-Gesang [lacht].

Seit eurer Gründung spielt ihr in der Zweier-Formation – Bass und Schlagzeug. Auf dem Stück „Prolo4Life“ sind Franz Fuexe dabei. Da wabert die Gitarre doch ganz schön mit!  

Andi: Wir kennen uns schon länger und verstehen uns gut. Auf dem Feature hat Luca [Mayr; Anm.] die Strophen eingesungen. Matthias [Leichtfried; Anm.] ist ungeübt ins Studio gekommen, hat die E-Gitarre gespielt und gegrinst – das war sehr cool.

„WENN MAN BASS-RIFFS SCHREIBT, MUSS MAN WIRKLICH VIEL BEACHTEN.“

Eine zusätzliche Gitarre war nie ein Thema?

Thomas: Wir haben zwar schon darüber gesprochen, aber ernst haben wir es nicht genommen. Außerdem schreiben wir die Nummern so, dass da oft gar keine Gitarre mehr Platz hat. Klar, ein zusätzliches Instrument brächte mehr Möglichkeiten, aber das würde uns vielleicht überfordern [lacht].

Andi: Wenn man Bass-Riffs schreibt, muss man wirklich viel beachten – gerade, wenn sie so verzerrt sind. Es muss melodiös sein. Aber die Verzerrung schränkt ein. Ich komme manchmal mit einer Riff-Idee in den Probenraum, die ich zuhause auf der E-Gitarre schreibe. Sobald ich sie am Bass spiele, klappt es nicht. Deshalb haben wir am Album einerseits probiert, die Melodie über ein- und zweistimmigen Gesang hineinzubringen. Und andererseits haben wir versucht, Hymnen-Refrains zu schreiben, um nicht eintönig zu werden.

Das merkt man dem Album an. Da passiert in Drei-Minuten-Songs ganz schön viel. Die zusätzliche Gitarre braucht es gar nicht. 

Andi Heck: Wir haben uns das so gedacht: Wenn eine dritte Person zu Heckspoiler kommen würde, dann bräuchten wir einen zweiten Bassisten – was live schwer umsetzbar wäre. Das ist für den Mischer scheiße und für die kleinere Locations sowieso. Die Alternative wäre ein DJ, der oder die singen kann.

Was würde dieser DJ einspielen?

Andi: Geile Orgel- oder Ravesounds – wobei wir die Lieder dann umschreiben müssten. Manchmal haben wir im Studio einen Keyboard-Part im Kopf. Aber im Endeffekt passt es dann eh nie.

Weil der Sound auch so breit genug ist? 

Andi: Richtig. Wir müssen an der Stelle Markus Matzinger danken, der uns bereits auf den „Cracktickertapes“ begleitet hat. Er hat uns im Studio viel geholfen, viel machen lassen. Das Album kann man trotzdem nicht mit den EPs vergleichen, weil sie damals in kurzer Zeit entstanden. Da war vieles nicht so ausgereift. Bei „Synthetic Athletic“ wollten wir, gemeinsam mit Markus Matzinger, den besten Sound rausholen. Das hat nichts mehr mit dem „Crackticker“-Sound zu tun. Es ist eine Steigerung, eine Weiterentwicklung. Wir wissen, dass wir live genauso tuschen, wie das auf dem Album klingt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser

Links:
Heckspoiler (Noise Appeal)
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Heckspoiler (bandcamp)