„Wir sind überhaupt keine Konformisten” – MÜSSIG GANG im mica-Interview

Sechs Jahre nach dem Debüt-Album „Aller Laster Anfang“ legt die MÜSSIG GANG ihr neues Album „Massenlethargie” (Gang Records) vor, das am 6. November 2020 im Wiener Rabenhof präsentiert wird. Jürgen Plank hat RUDI GRATZL und SKERO zum Interview getroffen. Ein Gespräch über Musiktraditionen, über Austropop und über Video-Material aus der Zeit des Lockdowns, das die Band für ein Musikvideo verwendet hat.

Welche Stimmung transportiert die neue Platte für dich?

Rudi Gratzl: Für mich persönlich ist es das Gefühl, dass ich froh bin, dass wir sie jetzt endlich herausbringen. Es hat ja doch sechs Jahre gedauert. Ich bin aber zufrieden damit, weil wir unsere Arbeitsweise gefunden haben. Jeder hat relativ viel zu tun, aber die Müßig Gang ist für alle Beteiligten ein Herzensprojekt. Mir taugt, dass jeder mit Feuer und Flamme für das Projekt lebt und bereit ist, Energie hinein zu buttern. Wir haben es geschafft, unseren eigenen Sound zu finden. Beim nächsten Album möchten wir vielleicht noch ein wenig souliger werden, da haben wir schon neue Ideen.

Skero: Ich finde, wie das erste Album fährt auch dieses Album in alle Richtungen aus. Es ist ein Mal lustig, ein Mal dramatisch, dann tragisch: wie das Leben. Ich finde ein Album soll immer ein eigenes Universum haben, in dem alles passiert, was in der Wirklichkeit auch passiert. Dann ist es für mich ein gutes Album. 

Ist die Nummer über das Klassenfoto eine dramatische Nummer?

Skero: Bei diesem Album bin ich eher von der Instrumentalspur ausgegangen. Rudi und Herbert [Pirker, Gitarre; Anm.] haben einige Instrumentals vorgelegt und ich war total überrascht, dass es zum Klassenfoto noch keine Nummer gegeben hat. Das Klassenfoto ist für mich ein aufgelegtes Thema. Ich muss dazu sagen: das ist das Volksschul-Klassenfoto. Beim Hauptschul-Klassenfoto wären es andere Geschichten.

Eine Nummer am Album – „Verhatschter Samstag” – nimmt auch auf den Lockdown Bezug.

Rudi Gratzl: Die Idee war schon vor dem Lockdown da. Wir wollten eine Nummer über einen verkaterten Samstag in Wien machen, an dem du durch die Stadt gehst und dich halb anspeibst. Die Nummer war eigentlich für das übernächste Album geplant, aber wie der Lockdown vorbei war, haben wir uns getroffen und haben das relativ rasch eingespielt. Wir haben die Nummer in einer Abendsession geschrieben und sie dann im Studio in drei Stunden aufgenommen. Es war sehr befriedigend, dass das so schnell passiert ist. Dieses leere Wien hat uns nicht nur gestört. Man hatte plötzlich total überlaufene Orte für sich und das Gefühl, dass man alleine da ist. Wir haben dann einen Aufruf über Facebook gestartet und Videos zugeschickt bekommen.

„Nach dem Lockdown ist mir bewusst geworden, dass die Stadt jetzt nicht mehr leer ist”

Wozu habt ihr aufgerufen?

Skero: Ich habe mir gedacht, dass es zu dieser Nummer ein Video geben soll. Nach dem Lockdown ist mir bewusst geworden, dass die Stadt jetzt nicht mehr leer ist. Deshalb habe ich auf Facebook den Aufruf gestartet, dass mir die Leute Fotos oder Video-Material aus der Lockdown-Zeit schicken sollen. So bin ich zu ziemlich viel Material gekommen und daraus haben wir das Video zusammengebastelt.

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Habt ihr euren Aufruf vor dem Video der Rolling Stones zu deren Lied „Living In A Ghost Town” gemacht, das auch in leeren Städten und leeren U-Bahnen auf der ganzen Welt gedreht wurde?

Skero: Ich kenne das Video nicht. Ich bin kein großer Stones-Fan und habe gar nicht gewusst, dass die Stones noch etwas Neues veröffentlichen.

Rudi Gratzl: Davon haben wir uns nicht inspirieren lassen. 

Jetzt wird gerade 50 Jahre Austropop mit Kompilationen gefeiert, wie ordnet ihr euch selbst in dieser Geschichte ein?

Rudi Gratzl: Wir schätzen schon viele der legendären Austropopper. Wir lassen uns lieber von anderen einordnen, als uns selbst einzuordnen. Ich glaube aber schon, dass wir in dieser Tradition arbeiten: alleine wie wir an Nummern heran gehen, wie die Texte entstehen, dass wir im Dialekt singen. Das geht schon alles in diese Richtung. Aber nicht bewusst, sondern weil sich das so über die Jahre entwickelt hat. Austropop war ja eine Zeitlang verpönt und die Leute haben es eher vom Weghören gekannt. Aber es gab in den letzten 10 Jahren schon eine Entwicklung, durch die Austropop wieder mehr angenommen wird. Das neue Wienerlied gibt es auch, da sind wir aber auch nicht, da sind wir zu wenig wienerisch. Dem Wiener Volksliedwerk sind wir zu unwienerisch – oder zu unwienerliederisch, würde ich sagen.

Beim Wienerlied gibt es musikhistorische Verbindungen nach Linz. Ihr verbindet auch Wien und Linz, schwingt diese Tradition bei euch mit?

Rudi Gratzl: Generell gibt es eine Bewegung zu den Wurzeln. Es ist nicht mehr peinlich, im Dialekt zu singen. Mittlerweile ist es ein Ausdruck seiner eigenen Identität. Ich bin im Alter von 13 oder 14 Jahren daraufgekommen, dass mir dieser Wienerische Dialekt taugt und was da an Kraft und Bildern drinnen steckt. Deswegen ist es wichtig, dass man Traditionen weiterführt und ein Wiener Dialekt nicht ausstirbt.

Skero: Zur Wien-Linz-Connection: ich weiß gar nicht, welchen Dialekt ich spreche. Wahrscheinlich eher Oberösterreichisch, ich verwende auch steirische Ausdrücke.

Bild Müßig Gang
Müßig Gang (c) Linda Weitzer

„Bei ,Zerbrochen’ geht es darum, ein Handy zu beweinen. Ich sitze vor dem kaputten Handy und weine.”

Eine weitere Austropop-Verbindung habe ich bei eurem Album jedenfalls entdeckt: in der letzten Nummer wird geweint, das ist so ähnlich wie in Ludwig Hirschs Nummer „Herbert”.

Rudi Gratzl: Wir haben mehrere Versionen aufgenommen und unser Produzent hat gemeint, dass die weinerliche Version am besten ist. Bei „Zerbrochen” geht es darum, ein Handy zu beweinen. Ich sitze vor dem kaputten Handy und weine. Da sitzt jemand alleine mit seinem Handy und weint es an und es gibt kein Zeichen mehr. An Hirsch haben wir nicht gedacht.

Skero: Es erinnert vielleicht auch deswegen an Hirsch, weil nicht gesungen, sondern gesprochen wird. Das macht ja Hirsch bei fast jeder Nummer, er redet. Das ist für mich das Schwierigste, so zu tun, als ob man ganz normal redet und trotzdem im Takt zu sein. Ich kann das zum Beispiel überhaupt nicht. Ich kann entweder Singen oder Rappen.

Warum geht sich das Projekt Müßig Gang mit deinem Rap-Hintergrund trotzdem gut aus?

Skero: Ich habe musikalisch einen sehr breiten Horizont und mich immer schon auch mit Austropop und allem, was Mundart ist, beschäftigt. Und dann ist Rudi mit seiner Band Wienerglühn dahergekommen und ich habe mich da immer mehr hineingedrängt. Es hat uns immer mehr Spaß gemacht, das Wienerlied zu erweitern. Seit der Erfindung des Wienerliedes sind ja einige Musikgenres entstanden, die es damals noch nicht gegeben hat. Ich bin mir sicher: wenn das Wienerlied genauso lebendig wäre, wie damals, hätte sich das alles so ergeben. Genauso würde Picasso heute wahrscheinlich mit einer Spraydose malen. Die Traditionswächter wollen nur das, was es immer schon gegeben hat, in der klassischen Instrumentierung. Und das finden wir nicht so spannend.

Rudi Gratzl: Das hat auch seine Berechtigung. Ich schätze viele, die das so machen und so betreiben. Wir haben die Instrumentierung nicht. Wir sind überhaupt keine Konformisten und arbeiten nicht gerne nach vorgegebenen Formen. Wir arbeiten so, wie es uns auch passiert. Vieles ist sehr spontan. Da sagt man: das passt uns und dann fahren wir diese Schiene weiter. Es ist nicht alles durchgedacht und überreflektiert und schon im Vorhinein ausgeplant. 

Bild Müßig Gang
Müßig Gang (c) Linda Weitzer

„Ich habe bei dieser Band immer das Gefühl, dass ich Freunde treffe. Das ist super!”

Was hat euch zur Bandgründung veranlasst und hat es sich seitdem so entwickelt wie erhofft?

Skero: Es hat sich in diesem Fall sehr langsam entwickelt, Rudi hatte mit Wienerglühn ein Weihnachtsprogramm. Ich habe gesagt: „Wenn du ein Weihnachtsprogramm machst, muss auch ,Aug’soffener unterm Christbaum’ vom Qualtinger dabei sein“. Wir haben dann festgestellt, dass das Lied nur eine Strophe hat, und beschlossen, dass wir noch Strophen dazu schreiben. Darüber, was an diesem Abend noch passiert. Wir haben dann einen Wiener Weihnachtsabend in drei Akten gemacht.

Rudi Gratzl: Eine Zeitlang haben wir als Wienerglühn Skero gefeatured oder umgekehrt. Aber das war immer irgendwie schwammig. Jovan [Torbica, Kontrabass; Anm.]  war von Anfang an dabei und dann haben wir beschlossen, dass wir etwas Eigenes machen, weil es für die Kommunikation verwirrend war.

Skero: Wir hatten dann den Namen Müßig Gang und haben gesagt: „Passt! Das sind wir!“

Rudi Gratzl: Ich habe bei dieser Band immer das Gefühl, dass ich Freunde treffe. Das ist super! Mir hat mal jemand gesagt, dass bei einer Band mindestens zwei Sachen passen sollten: gute Leute, gute Musik und gutes Geld. Bei der Müßig Gang passen eh zwei, das Geld passt nicht.

Skero: Deswegen machen wir jetzt auch ein Crowdfunding!

Rudi Gratzl: Da kann man vorab CDs bestellen, oder wir kommen zu einem Konzert ins Wohnzimmer oder man kann mit uns einen Grillnachmittag verbringen.

Herzlichen Dank für das Interview. 

Jürgen Plank

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Müßig Gang Live: Albumpräsentation
6.11.2020 – 20h
Rabenhof, Rabengasse 3, 1030 Wien

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Müßig Gang
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