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Christina Stürmer (c) Ingo Pertramer

„Wir sind in Österreich unfassbar privilegiert” – CHRISTINA STÜRMER im mica-Interview

Die Ikone CHRISTINA STÜRMER muss man nicht vorstellen. Aber endlich einmal gründlich interviewen zu STARMANIA, kolossalen Erfolgen, Burn-out, großen Töchtern und ihrer Hymne an die Menschlichkeit. Das Interview von Stefan Niederwieser mit CHRISTINA entstand im Rahmen der Ö1-Serie „Lexikon der österreichischen Popmusik“, das hier nachhörbar ist.

Wie war der 15. September 2006 für dich? Das Album „Lebe lauter“ ist auch in Deutschland auf Platz eins eingestiegen.

Christina Stürmer: An den Tag erinnere ich mich nicht. Die Zeit war unfassbar turbulent. Ich war kaum eine Nacht zu Hause, wir haben Live-Konzerte gespielt oder waren im Studio, haben den ECHO gewonnen, dann bekomme ich eine Nachricht: Wow, das Album auf Platz eins in Österreich, in Deutschland! Das ist auf mich hereingebrochen. Alles hat 2003 begonnen, ich war sehr jung, ein schüchternes Mädchen, kam aus einer Buchhandlung. Heutzutage bin ich viel stolzer, dass ich das alles geschafft habe.

Falco war traurig, als „Rock Me Amadeus” die Spitze der US-Charts erreicht hat, weil er wusste, er würde immer daran gemessen werden. Wie ging es dir?

Christina Stürmer: Ich war sicher nicht todtraurig. Oder in Feierlaune. Meine Eltern haben mich bodenständig erzogen: „Nie zu viel von sich glauben, es gibt immer wen, der’s besser kann [lacht].“ Ich habe in einer Jazzband angefangen, Instrumente gespielt, durfte irgendwann singen, da hat es einen Schalter umlegt. Auf der Bühne kommen Bewegungen aus mir, die ich sonst nicht machen würde [lacht]. Das ist ein Ventil, um laut zu sein. Für mich waren Musikmachen und Livespielen immer das Wichtigste, eine Promo-Tour war das Schlimmste. Zig Mal dieselben Fragen beantworten, bei Shootings sitzt du zwei Stunden in der Maske, sollst nicht so steif sein, sollst die Augen aufmachen, in die Kamera schauen, den Bauch einziehen. Beim Musikmachen musste ich nicht nachdenken. Ich bin noch immer ein großer Fan von Sportfreunde Stiller und Wir Sind Helden. Sie haben so authentisch gewirkt, ich wollte das auch, etwas, wo man denkt: „Des kennt i eigentlich a.“

Der deutsche Markt galt als unknackbar. Wie schwer war es?

Christina Stürmer: 2004 habe ich in der ausverkauften Wiener Stadthalle gespielt, mit Juli als Vorband. Mein Management hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit sich jemand von der deutschen Universal Music in den Flieger setzt. Sie waren in einer Loge und sind sicher betüdelt worden. Es gab damals die Meinung: „Na ja, das funktioniert vielleicht in Österreich, aber für Deutschland muss man was ändern, einige Texte etwa bei ‚Ich lebe‘ und ‚Engel fliegen einsam‘.“ Den Dialekt wollte man mir austreiben. Und dann gab es einen neuen Produzenten, zwei neue Songs kamen dazu und – ta-taa! – das Album „Schwarz Weiß“ für den deutschen Markt war da.

Auf „Lebe lauter“ von 2006 gibt es kontroverse Themen wie Suizid und Depression. Anderssein ist sehr präsent.

Christina Stürmer: Ich war sehr jung, mir haben Fans geschrieben, was bei ihnen los ist, Mobbing in der Schule, geschlagen vom Papa. Wenn da nur die Hälfte gestimmt hat … Ich habe mit Songwritern darüber geredet, besonders mit Tom Albrecht, der „Scherbenmeer“ geschrieben hat, „Revolution“ und „Seite eins“ – heute noch ein großartiger Song. Damals ist das nicht infrage gestellt worden, heute finde ich es erstaunlich, dass es diese Songs aufs Album geschafft haben.

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Christina Stürmer (c) Ingo Pertramer

„Ich habe mit sieben immer mit offener Tür am Klo gesungen.“

Gab es frühe Anzeichen für dein Talent? 

Christina Stürmer: Es gab bei uns eine spärliche Musikauswahl, Alben von Andrew Lloyd Webber, Vangelis, Conquest of Paradise, Phantom der Oper. Ich habe mit sieben immer mit offener Tür am Klo gesungen, warum auch immer … Mein Papa leitet heute noch einen Chor, in dem auch meine Mama singt. Es stehen viele Instrumente rum, ein uraltes Klavier im Keller, Gitarre, Keyboard. Mir ist das ein wenig in die Wiege gelegt worden.

Wolltest du zu Starmania?

Christina Stürmer: Eine Arbeitskollegin in der Buchhandlung, Daniela Glaser, hat mir gesagt, ich müsse zum Casting, eine Fachjury könne mir ihre Meinung über meine Stimme sagen. Wir hatten Putztag, dementsprechend war mein Outfit, Zopf gebunden, damit die Haare nicht stören, so bin ich mittags in der Pause ins Landesstudio Oberösterreich. Dort waren unglaublich viele Menschen, alle rausgeputzt mit glitzernden, bauchfreien Tops und Hochsteckfrisuren. Und ich dachte: „Warum rennen die so seltsam herum?“ Die Jury meinte, ich sei eine Runde weiter, auch wenn ich nicht ausschauen würde wie eine Barbie und an meinem Styling etwas ändern müsse. Ich war gerade noch in der Arbeit und dachte: „Pff, Styling, wie?“

Warum hast du im Finale Sportfreunde Stiller gesungen? 

Christina Stürmer: Wir konnten in jeder Woche einen Song aus Kategorien zu je fünf oder sechs Songs auswählen. Die anderen Kandidaten haben schon geäußert, was sie singen wollten, da war manches eben dabei. Beim Finale konnten wir uns egal was aussuchen. Der Gesangscoach meinte, dass ich mir mit Sportfreunde Stiller den Sieg verpatzen würde, viele fanden das nicht gut. Die besten Publikumsvotings hatte ich mit englischsprachigen Songs. Deutsch war uncool, es gab nur die Alten wie Danzer, Fendrich, Ambros oder Schlager. Meine Gesangsstunden haben in der Woche nicht stattgefunden, so etwas braucht man ja nicht üben. Aber ich hatte damals schon einen Dickschädel.

War es gut oder schlecht, nicht gewonnen zu haben? 

Christina Stürmer: Es war unglaublich gut. Ich hatte nie den Plan, damit eine Karriere zu starten, Singles und Alben rauszubringen. Irgendwann habe ich gesagt: „Ich will das eigentlich alles nicht.“ Das haben die Medien dann zerkaut. Für mich war Starmania ein Ausflug. Das hat mich am Boden gehalten. Meine Freunde haben sich beim Finale irre gefreut, als es geheißen hat, der Star des Jahres sei Michi Tschuggnall. Sie dachten, jetzt könne ich wieder heim.

Castingshows wurden oft kritisiert. Wie siehst du das System heute?

Christina Stürmer: Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet. Ein Kamerateam hat mein Kinderzimmer zu Hause in Altenberg gefilmt, Storys darüber gemacht, dass ich mit einem anderen Teilnehmer, Lukas Permanschlager, zusammen war. Ich hätte das alles never ever ein zweites Mal mitgemacht. Das geht mir zu sehr ins Privatleben. Mittlerweile wissen alle Medien: Bei mir kommt niemand in meine vier Wände, es gibt keine Partner-Interviews, keine Partner-Fotoshootings, meine Tochter ist komplett raus.

In einem Interview hast du gemeint, „RS Management“ habe dich aus der Casting-Falle geführt. 

Christina Stürmer: Bernd Rengelshausen und Andreas Streit haben verstanden, was ich will und wo ich mich wohlfühle. Ich wollte keine Halb-Playback-Auftritte in Diskotheken machen, was viele Castingshow-Teilnehmer gemacht haben. Es braucht jemanden, der Termine ausmacht und telefoniert. Sie haben das gut ausgesiebt, auch wenn ein, zwei Dinge dabei waren, die ich heute nicht mehr machen würde, ein Rennbahn-Express-Cover im Bikini etwa. Es haben sich ein paar Leute fürs Management beworben. Management, das waren für mich die Bösen, die dich über den Tisch ziehen wollen und wie eine Marionette behandeln. Ich bin nur nach Bauchgefühl gegangen, nicht danach, was jemand gemacht hat oder wie groß mich jemand machen wollte. Das war großes Glück. Auch mein Produzent, Alexander Kahr, wurde von der Plattenfirma super ausgewählt. Nach Starmania gab es dann noch relativ zügig ein Band-Casting, meine alte Band war noch immer Deutsch-Gegner und sie haben studiert.

Wie kam es zur Single „Mama Ana Ahabak“, die den Irakkrieg thematisiert?

Christina Stürmer: Michi Tschuggnall durfte als Sieger zwei Teilnehmer aussuchen, die mit ihm nach Los Angeles fliegen konnten. Das waren Niddl und Boris Uran. Der ORF dachte wohl: „Die Stürmer könnte was werden, wir nehmen sie mit.“ Vorher habe ich noch bei Alexander Kahr im Studio „Ich lebe“ eingesungen, es wurde an Zeilen geschraubt, was mir gefällt, was ich anders sagen würde. Ich bin nachgeflogen und „Ich lebe“ ging gleich für neun Wochen auf Platz eins. „Mama Ana Ahabak“ hat auch Alexander Kahr geschrieben, gemeinsam mit Robert Pfluger. Er war wie ein Bruder, wir haben viel geredet, viel Klatsch, aber auch über den Irakkrieg. Das hat mich sehr interessiert.

„Nenn es Burn-out, nenn es Stress. Das ist zum Glück seitdem nicht mehr passiert.“

Hattest du einmal einen Burn-out?

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Christina Stürmer (c) Ingo Pertramer

Christina Stürmer: 2006 sollten wir bei einem Ski-Opening spielen, es war der letzte Termin des Jahres, danach durchatmen. Dann liegt auf diesem depperten Berg kein Schnee. Ich bin in einer kleinen ORF-Garderobe gesessen, mein Manager kommt herein und sagt, dass sie das um ein oder zwei Wochen verschieben wollen. Für mich ist die Welt zusammengebrochen. Ich habe angefangen zu weinen und mir gedacht: „Das geht nicht, das schaffe ich nicht, das schaffe ich nicht.“ Ich war damals ein bisschen labil, hatte Schnupfen, Husten und – heute verstehe ich das – habe von heute auf morgen einen Schas gesehen. Alles war verschwommen. Ich musste unter ein Gerät, die Augen wurden eingetropft und ich habe eine Brille gebraucht. Dann ist mein lang ersehnter Urlaub gekommen, erstes Mal Malediven, wo ich zwei Wochen nichts gemacht habe, nur gelesen, geschlafen, geplanscht. Und siehe da, diese Brille habe ich nie gebraucht. Nenn es Burn-out, nenn es Stress. Das ist zum Glück seitdem nicht mehr passiert.

Und Stimmprobleme?

Christina Stürmer: Ich war bei Starmania oft heiser. Direkt danach hatte ich eine Stimmbandoperation, bei der Knötchen weggeschabt wurden. Normalerweise müsste das eine absolute Katastrophe für eine Sängerin sein. Aber der Charakter meiner Stimme hat sich nicht verändert. Und ich weiß heute besser mit ihr umzugehen.

„Bei vielen Fotoshootings haben sie mir etwas reingestopft.“

Stimmt es, dass dir eine Brust-Operation eingeredet wurde?

Christina Stürmer: Das habe ich verdrängt, kann sein. Bei vielen Fotoshootings haben sie mir etwas reingestopft. Für ein rotes Korsett musste ich einen größeren Busen haben – den ich halt bis heute nicht habe [lacht].

Welche Zeile der Bundeshymne liegt dir am Herzen? 

Christina Stürmer: „Heimat bist du großer Söhne und Töchter“ zum Beispiel. Ich finde unsere Version noch immer sehr gut. Sie war für eine Kampagne, der Text wurde erst später geändert. Zum Glück sind wir nicht verklagt worden, wir waren ja nur die Interpreten. Danach ist das richtig hochgekocht mit Andreas Gabalier. Jo.

Bist du Feministin?

Christina Stürmer: Feministin klingt so hart – aber ja, bin ich schon [lacht].

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„Ich bin die Chefin, überweise die Rechnungen, stehe vorne und bin der Grund, warum wir Jobs haben.“

Wurdest du als Frau im Musikbusiness anders behandelt?

Christina Stürmer: Ich bin nie als Pupperl behandelt worden. Ich bin die Chefin, überweise die Rechnungen, stehe vorne und bin der Grund, warum wir Jobs haben. Aber natürlich fällt mir auf, wie viele Männer auf Festivals spielen oder im Radio laufen. Max Giesinger, Vinzenz Weiss und Tim Bendzko gibt schon viel länger als Lea und Lotte, die gerade nachkommen. In Österreich sind Bilderbuch und Wanda größer als Schmieds Puls und My Ugly Clementine. Viele Damen laufen unter dem Radar. Das finde ich sehr schade.

Du hast „Seenotrettung ist kein Verbrechen“ gepostet. Ist Haltung heute riskant oder wird sie erwartet?

Christina Stürmer: Ich bin zurückhaltend erzogen worden, man drängt niemanden seine Meinung auf. Und mir wurde früh geraten, nicht politisch anzuecken. Vielleicht kommt das mit dem Alter, ich war früher sicher weniger an Politik interessiert, aber habe eine Meinung oder Werte, die ich meinem Kind mitgeben möchte: Was ein Mensch ist oder dass Hautfarben egal sind, dass wir in Österreich unfassbar privilegiert sind. Ich habe keinen Beitrag dazu geleistet, dass ich weiß bin oder hier auf die Welt gekommen bin.

Dein Song „Seite an Seite“ ist auch eine Hymne an die Menschlichkeit.

Christina Stürmer: Ich habe eine Familie aus dem Iran kennengelernt, unglaublich lieb und gescheit. Alle haben einen Beruf gelernt und sind vor dem Krieg geflüchtet. Unsere Kinder haben gleich miteinander gespielt. Es hat mich getroffen, wenn sich Bekannte beschwerten, dass Flüchtlinge mit weißen Turnschuhen und Handy hierherkommen. Ja und? Wenn bei uns ein Krieg ausbrechen würde, würde ich mein iPhone mitnehmen. „Seite an Seite“ war für mich diese Hymne an die Menschlichkeit, dass wir alle gleich sind, wir gehen da Seite an Seite. Mittlerweile wird der Song oft bei Hochzeiten gespielt, auch wenn die Strophe nicht passt. Es ist am Ende aber egal, wenn dieser Song andere Gefühle auslöst. Ein Miteinander und eine Gemeinschaft, das ist für viele dann die Beziehung oder Ehe, für andere die Gemeinschaft aller Erdenbewohner.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Stefan Niederwieser

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