Bild Mary-Ann Kiefer
Bild (c) Mary-Ann Kiefer

„Wir bekamen irgendwann das Gefühl, dass wir uns zu wiederholen beginnen“ – MARY-ANN KIEFER im mica-Interview

Das Spannende an dieser Band ist, dass sie musikalisch nicht wirklich eine gängige musikalische Kategorie erfüllt. Dafür lassen MARY-ANN KIEFER einfach viel zu viel Verschiedenes in ihre Musik einfließen. Begonnen hat das Trio 2011 als Duo mit einer im weitesten Sinn postrockigen Ausrichtung, wie man es auf dem 2012er Debüt „Dits & Dots“ sehr schön hören konnte. Daran hat sich im Laufe der Zeit einiges verändert. Heute bewegt sich die Band mit herrlich vielfältigem Sound irgendwo zwischen Math-Rock, Noise und Electro-Punk hin und her. Mit „The Space. The Trance. The Future.” melden sich MARY-ANN KIEFER nach einer zweijährigen Pause nun mit einer EP zurück. IGGI und MISCH, die zwei Gründungsmitglieder der jetzt als Trio werkenden Band, sprachen mit Michael Ternai über die Entwicklung eines eigenen Sounds, Detailverliebtheit und musikalische Vorbilder. 

Wie hat alles begonnen? Wie habt ihr zusammengefunden?

Iggi: Ich habe vorher in Köln gelebt und dort in einer anderen Band gespielt. Vor ein paar Jahren bin ich dann nach Wien gezogen und habe meinen alten Bandkollegen quasi zum Abschied gesagt, dass ich mir in Wien einen Schlagzeuger suchen werde, der Bock auf ein Bass-Schlagzeug-Projekt hat und auch mit Synths herumexperimentiert. Mir haben alle gesagt, dass ich so einen nie finden würde. Als ich hier angekommen bin, habe ich in einem Musiker-Board nach Bands gesucht, mit denen ich etwas machen kann. Ich habe dann eine gefunden, die einen Schlagzeuger und einen Bassisten gesucht hat. Misch und ich haben uns unabhängig voneinander bei dieser Band gemeldet. So sind wir uns über den Weg gelaufen. Nach unserer ersten gemeinsamen Probe habe ich ihn dann gefragt, was er denn musikalisch eigentlich machen will, woraufhin er mir antwortete, dass er eigentlich Bock auf ein Bass-Schlagzeug-Duo hat.

„Je länger wir uns miteinander unterhalten haben, desto mehr sind wir draufgekommen, dass wir musikalisch sehr ähnlich ticken.“

Misch: Bei mir war die Geschichte auch ähnlich. Ich bin zum Studieren nach Wien gekommen und habe deswegen in meiner Jugendband, in der ich quasi Schlagzeug spielen gelernt habe, aufgehört. Ich habe dann zwei, drei Jahre nicht gespielt. Während des Studiums habe ich gemerkt, dass mir das Schlagzeugspielen richtig abgeht, und habe mich auf die Suche nach einer Band gemacht. Und wie Iggi bin ich dann auch bei diesem Musiker-Board gelandet und habe die gleiche Annonce gelesen.
Ich kann mich noch sehr an unser erstes Gespräch erinnern, dass nach der ersten Probe mit dieser Band stattgefunden hat. Wir haben uns darüber unterhalten, wie uns die Band gefällt. Wir sind beide zum Schluss gekommen, dass die musikalische Richtung, in die diese Band geht, doch nicht wirklich das Richtige für uns ist. Je länger wir uns miteinander unterhalten haben, desto mehr sind wir draufgekommen, dass wir musikalisch sehr ähnlich ticken. Wir haben dieselben Sachen gehört, wollten beide etwas mit Bass und Schlagzeug machen und dabei irrsinnig laut sein. Das, denke ich, war der Anfang unserer Band.

Wie hat sich euer Sound entwickelt? War grundsätzlich schon eine Idee da?

Misch: Ich hatte am Anfang schon eine relative konkrete Vorstellung vom Sound. Es sollte so in Richtung Death from Above 1979 gehen. Ich bin dann aber draufgekommen, dass wir das nicht bringen können, weil sich die Band gerade aufgelöst hatte und noch immer in aller Munde war.
Worin wir uns beide einig waren, war, dass wir versuchen wollen, nach mehr als nach einem Duo zu klingen. Wir haben begonnen, uns mit Synthesizern zu beschäftigen und uns ein MacBook und Ableton zugelegt und geschaut, was man damit machen kann. Die ersten Sachen haben wir auf einem alten Midi-Keyboard geschrieben. Anfangs waren die noch sehr einfach, mit der Zeit aber sind sie immer anspruchsvoller geworden. Wir haben viel herumprobiert und mit Effekten gearbeitet, bis das Ergebnis so geklungen hat, wie wir uns das in etwa vorgestellt hatten. Dann hat uns Thomas “Johnson” Halbmayr, ein guter Freund aus Linz, in seinem Tonstudio aufgenommen. Und das war dann auch schon unser Debüt „Dits and Dots“.
Irgendwann war uns das aber nicht mehr genug. Wir wollten unsere Musik anders aufsetzen. Wir hatten die Idee, das Ganze in etwa wie ein DJ-Set zu gestalten. Sprich, die Lieder sollten ineinandergreifen, sodass wir sie quasi bei einem Konzert ohne Ansagen in einem durchspielen konnten. Die Musik hat sich über die Jahre mehr und mehr entwickelt. Iggi hat begonnen, mehr Klavier zu spielen und sich mit Harmonien zu beschäftigen, und ich habe immer mehr Geld in Synthesizer und Musikprogramme investiert.

Was sind eure Einflüsse? Wer sind eure musikalischen Vorbilder?

Misch: Einer meiner großen Einflüsse sind diese Post-Hardcore Bands, die Anfang der 2000er-Jahre angesagt waren und mit denen ich aufgewachsen bin. Von deren Musik ist mir diese Dramatik geblieben. Ich finde auch, dass unsere Strukturen viel von der elektronischen Minimal Music haben. Unsere Sachen sind eher gradlinig, sie schwingen irgendwie vor sich hin und verdichten sich langsam zu mehr und mehr.

Iggi: Im EP-Titel steht ja schon „Trance“. Und Trance ist ein Musikstil, in dem immer alles fließt. Das ist etwas, worauf wir sehr achten. Es kommt schon da und dort ein Cut vor, aber es soll nie so sein, dass es zu einem kompletten Bruch kommt, als würde man einen Radiosender wechseln. Daher kommt wahrscheinlich auch dieses Postrockhafte in unserer Musik. Und bei mir spielt Hardcore auch eine große Rolle. Und dann stehe ich auch noch auf krachige, noisige Bands. So Sachen wie Death from Above 1979 und Lightning Bolt, von denen ich ein riesiger Fan bin. Zudem sind wir beide auch sehr große Fans von Nine Inch Nails und 65daysofstatic 

Misch: 65daysofstatic hast du mir gezeigt. Die hatte ich gar nicht auf dem Schirm, aber die haben mich sehr beeinflusst. Die haben auch eine riesige Entwicklung hingelegt. Ich finde, wenn man sie sich deren Musik anhört, erkennt man auch solche Strukturen, wie wir sie verwenden. Vom Sound her dagegen sind sie schon sehr anders.

„Ich muss irgendwie spüren, wie es weitergeht.“

Wie legt ihr das Songwriting an?

Misch: Am Anfang war es so, dass wir ein Lied geprobt und geschrieben und dann die Struktur entworfen haben. Zum Schluss haben wir dann versucht, das mit den Synthesizern zu verbinden. Daran hat sich schon einiges verändert. Dadurch dass Mundl [Raimund Schlager; Anm.] in unsere Band gekommen ist, haben sich unsere Möglichkeiten um einiges erweitert. Und da kommt vielleicht auch das Poppige, das du vorher erwähnt hast, her. Wir haben in unseren Liedern immer wieder so catchy Elemente, die sich dann durch diese durchziehen. Manchmal kommen die von der Gitarre, manchmal vom Synth oder Bass. Aber es ist ein Ding, das versucht, sich zu entwickeln.
Wir tun uns in der Probe sehr schwer damit, einen Teil nach dem anderen zu schreiben und diese Teile dann miteinander zu verbinden. Wir müssen den Song immer wieder von Anfang an spielen, weil wir nur so wirklich herausfinden, wie etwas weitergehen kann. Ich muss irgendwie spüren, wie es weitergeht.

Iggi: Viele Sachen, die wir schreiben, sind vom Flow her sehr ähnlich, aber trotzdem hat man den Eindruck, dass sich sehr viel Verschiedenes tut. Und das liegt vor allem an den vielen, vielen Kleinigkeiten, die wir einfließen lassen und die das Gesamtbild so vielfältig machen. Diesen Kleinigkeiten widmen wir uns wirklich sehr intensiv. 

Wenn man sich eure Musik anhört, nimmt man diesen Flow auch wahr. Hört man aber näher hin, merkt man, dass es recht anspruchsvoll, wenn nicht sogar komplex zugeht. Vor allem schlagzeugtechnisch kommt das zum Teil komplex rüber.

Misch: Ich versuche, einen Groove zu schaffen, der sich durchzieht und den ich dann immer wieder variiere, wobei ich schon darauf achte, dass die Hauptakzente gleich bleiben. Beim Song „Fuserrrr“ zum Beispiel ändert sich die Grundlinie des Schlagzeugs vom Anfang bis zum Ende nicht. Du kannst die Nummer quasi zehn Minuten lang durchklopfen.
Ein Schlagzeuger, der mich in meinem Spiel sehr beeinflusst hat, ist Jon Theodore von The Mars Volta. Sein Spielstil mit diesen dynamischen Ghost-Notes und den leicht südamerikanischen Anschlägen – ich liebe so etwas, weil diese Stilmittel einen Song oder Teile von Songs sehr spannend machen können. Man kann mit so einem Spiel irrsinnig viel auffüllen und komprimieren und wenn das dann plötzlich weg ist, hat man auf einmal diese Luft, die den Song atmen lässt. Das kann man wirklich gut einsetzen.

Wann habt ihr euch eigentlich dafür entscheiden, einen Gitarristen in eure Band zu nehmen? Was waren die Gründe dafür?

Iggi: Wenn ich jetzt im Nachhinein darüber nachdenke, dann war das eigentlich die natürlichste Entscheidung, die wir treffen konnten. 

Misch: Wir bekamen irgendwann das Gefühl, dass wir uns zu wiederholen beginnen und wir aus den gewohnten Strukturen einfach rausmüssen. Wir haben es mit den Synths nicht mehr geschafft, dorthin zu kommen, wo wir hinwollten. Und, so ehrlich muss man sein, hat es zwischen uns bezüglich der Musik viele Diskussionen gegeben. Wir sind halt die Gegenpole in der Band und ich denke, das ist auch normal. Mundl ist mittlerweile dieses neutrale und ausgleichende Element geworden. Und das ist jetzt eine gute Basis zum Songschreiben. Die Gitarre ist das Element, wohin wir etwas ausgliedern können, sie kommt dort zum Einsatz, wenn wir nicht mehr wissen, wie wir eine Idee soundtechnisch umsetzen sollen.

Iggi: Wir waren eigentlich immer schon offen dafür, mit anderen zusammenzuarbeiten. So hatten wir schon auf unserem Debüt mit Stefan Salcher von Ephen Rian einen Gitarristen, der bei einem Song mitgeschrieben hat. Und auch sonst haben wir in unseren Stücken immer wieder auch Melodie-Leads in den Synths verwendet. Deswegen glaube ich auch, dass schon unser erstes Album einige poppige Anleihen hatte, weil es eben so melodieverspielt war. Dann haben wir mit Mundl 2014 die Nummer „Tsonkati Splosion“ geschrieben, die jetzt auch der erste Track der EP ist. Mundl hat, wie ich finde, ein unglaubliches Gefühl für Harmonien. Das zeigt er auch bei le_mol. Mit ihm als zusätzliche instrumentale Stimme ist es uns gelungen, unsere Musik auf ein vollkommen neues Level zu heben, sie klingt jetzt spannender und erwachsener.

Bild Mary-Ann Kiefer
Bild (c) Mary-Ann Kiefer

„Das Schöne ist, dass er in zwei Anläufen genau das trifft, was wir uns vorstellen.“

Misch: Was ich an der Zusammenarbeit mit Mundl so sehr schätze, ist, dass er genau das macht, was ich mir im Unterbewusstsein vorstelle. Ich muss ihm eigentlich gar nicht viel sagen. Ich tue mich manchmal etwas schwer, meine Gefühle zu verbalisieren und zu vermitteln, und versuche dann immer, irgendwelche Referenzen zu geben. Und dann macht er einfach. Das Schöne ist, dass er in zwei Anläufen genau das trifft, was wir uns vorstellen.

Wo seht ihr selbst den größten Unterschied zwischen dem Debüt und der jetzigen EP? Abgesehen von Sound und Produktion. 

Misch: Der größte Unterschied ist, dass wir alle drei am Ergebnis gleichermaßen beteiligt sind und dass man das auch merkt. Jeder hat seine eigene Färbung in jedem dieser Songs. Wir haben uns dieses Mal wahnsinnig viele Gedanken über Details gemacht. Als wir mit Werner Thenmayer im Studio aufgenommen haben, habe ich mir manchmal gedacht, dass diese Details nie jemand heraushören wird. Wir haben zum Beispiel Wochen darüber gebrütet, wo wir einzelne Schläge hinsetzen. Wir haben extrem durchdacht agiert.

Iggi: Was hinzukommt ist, dass wir zwischendurch eine zweijährige Pause eingelegt haben, weil wir aus verschiedenen Gründen nicht mehr auf einen gemeinsamen Nenner gekommen sind. Als wir dann den Entschluss gefasst haben, wieder weiterzumachen, haben sich plötzlich neue Türen geöffnet.
Wir hatten zwei Jahre Distanz zu den Songs. Wir haben uns musikalisch weiterentwickelt, haben neue Erfahrungen gesammelt und sind erwachsener an die Sache herangegangen. Das alles ist in die Musik hineingeflossen. Wir haben alles neu überprüft und bewertet. Das haben wir bei „Dits and Dots“ noch überhaupt nicht gemacht.

Ist die EP der Vorbote eines Albums? 

Iggi: Das ist die EP auf jeden Fall. Zudem bildet sie auch den Abschluss für das, wie wir einmal gearbeitet haben.

Misch: Und irgendwie ist sie auch ein großes Wachrütteln, ein Zeichen dafür, dass wir wieder da sind und auch gedenken, in Zukunft dazubleiben. Und das mit mehr Ernsthaftigkeit. Man merkt, dass sich unsere Einstellung nach dieser Pause sehr verändert hat. Ich glaube, dass ich so eine Bandkonstellation nie wieder finden werde. Daher ist mir dieses Projekt auch sehr viel wert.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

Links:
Mary-Ann Kiefer
Mary-Ann Kiefer (Facebook)
Mary-Ann Kiefer (Instagram)
Mary-Ann Kiefer (Soundcloud)
Mary-Ann Kiefer (bandcamp)