Gerard (c) Kidizin Sane

„Wir machen keine Fast-Food-Musik“ – GERARD im mica-Interview

GERARD wurde mit „Вlausicht“ zum höchstgehandelten Newcomer im deutschen Rap. So klang die Zukunft – ganz egal ob man dabei an Cloud Rap oder an eine neue Ernsthaftigkeit dachte. Das ist fast vier Jahre her. Seither ist ein Nachfolger erschienen, zum falschen Zeitpunkt, wie der Wiener heute meint. Damals wurden in halb Europa Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak euphorisch willkommen geheißen, auf „Neue Welt“ kam das allerdings nicht vor, auch nicht in der für GERARD so typischen Art zu texten, die oft hintergründig statt plakativ ist. Das Album „AAA“ (Futuresfuture) stellt nun alles auf Anfang. „Access All Areas“ ist eine andere Interpretation des Albumtitels, immerhin finden sich Backstagepässe und die private Telefonnummer in der Albumbox. Oder anders als alles. Denn die Art zu rappen oder Tracks aus elektronischen Substanzen zu bauen, ist weiterhin einzigartig. Stefan Niederwieser sprach mit GERARD.

Wie viele Rapper mit Schnauzbart kennen Sie?

Gerard: Ich glaube, gar keinen. Ich habe mir ganz kurz überlegt, ob ich den stehen lasse, er war mir aber zu extravagant. Ich spiele in „Moonbootica Mond“ einen Workaholic. Die Idee war, eine Situation zu zeigen, in der man sehr betrunken um vier in der Früh heimkommt und diese Gedanken erneut kommen. Wir haben für das Video ein fettes Haus zur Verfügung gehabt und haben uns überlegt, wer sich das leisten kann. Daraus hat sich der Büroalltag eines Workaholics mit Pool, Hemd und BMW ergeben.

Das ist ein ungewöhnliches Setting, Yuppies sind nicht gerade Sympathieträger.

Gerard: Voll, aber es ist auch ein sehr ungewöhnliches Lied. Da kann niemand sagen, dass es irgendetwas auf Deutsch gibt, was ähnlich klingt. Und über das Setting mache ich mir nicht viel Gedanken. Versteht natürlich nicht jeder, aber wurscht [lacht].

Was ein „Moonbootica Mond“ ist (*), das verstehen erst mal nur Sie.

Gerard: Ja, das stimmt. Ich steh eben sehr auf Easter Eggs. Das verstehen nur wenige, aber die Fans feiern das dafür extrem. Und selbst wenn man es nicht versteht oder „Junimond“ von Rio Reiser nicht kennt, ist es ein schöner Refrain. Und googeln kann man es auch.

Aber Sie möchten auch fette Hits schreiben.

Gerard: Ja, klar will ich das. „Moonbootica Mond“ ist das nicht, ist mir bewusst. Aber beim nächsten dann. Ich mache meinen eigenen Hit. Ich will verschiedene Ebenen drin haben und komplexe Anspielungen, denn so ein Hit muss Gerard auf den Punkt bringen. Es gibt Rezepte, wie man einen Radiohit schreibt, Jan Böhmermann hat das letztens ja vorgeführt. Aber so ist das halt nicht lustig. Ich mag die Stadthalle ausverkaufen. Und vielleicht schreibe ich mal etwas Plakatives, aber jetzt ist mir das zu simpel, ich muss das selbst geil finden.

„Musik war für mich immer die einzige Freiheit.“

Moonbootica Mond“ ist von der Musik schon total mutig, hat im Grunde genommen keinen Beat, geht aufs halbe Tempo … 

Gerard: … und ich singe Kopfstimme in der ersten halben Strophe. Genau das will ich verfolgen, immer extremer werden. Wenn es mir um Geld ginge, wäre ich Anwalt geworden. Seit ich das Gericht verlassen habe, nach meinem Gerichtsjahr, habe ich jeden Tag etwas gemacht, worüber ich mich gefreut habe. Musik war für mich immer die einzige Freiheit. Und jetzt, wo ich das jeden Tag machen darf, will ich mir den Spaß erst recht nicht kaputt machen lassen.

Mehr“ kommt gleich nach dem Intro, an der prominentesten Stelle des Albums, hat einen catchy Refrain. Ist das nicht die offensichtliche Single?

Gerard: Vielleicht. Das ist ein cooler Song und auch poppig. Kann sein, dass der voll durch die Decke ginge. Aber er ist einfach nicht mein favorite, ich möchte, dass die Fans von Gerard vorher „Moonbootica Mond“ hören. Ich denke langfristig, betrachte mich von außen, und bin ja selbst Fan von Gerard … und da ist eine andere Single der bessere move.

„AAA“ war schon im Februar fertig, warum kommt das Album erst jetzt, so knapp vor dem Sommer?

Gerard: Vinylvorlauf, Grafiken, Backstagepass in der Box, verschiedene Masterings, das dauert alles, und wir haben zum ersten Mal alles selbst gemacht. In Zeiten des Streamings ist der Zeitpunkt aber auch ein wenig wurscht. Die Songs sind jederzeit abrufbar, sie werden über die Zeit immer Leute erreichen. Das ist die Philosophie bei unserem Label „Futuresfuture“. Wir denken nur langfristig. Wir machen keine Fast-Food-Musik, die nach einem Monat wieder weg ist. „Blausicht“ ist vier Jahre alt und klingt heute noch weiter vorn als vieles andere. Das werden Leute auch noch in zehn Jahren hören. Und „AAA“ wurde auf Spotify nach einer Woche immerhin schon eine Million Mal gespielt.

Sie sagten in einem Interview, es gehe auf dem Album vielleicht, vielleicht auch nicht um eine Beziehung.

Gerard: Na ja, es gibt mit „Verschwommen“ einen Trennungssong, aber sonst dreht es sich um Zwischenmenschliches, also Freundinnen und Freunde, die abstürzen oder sich in einem Fall umbringen. Das ist sehr komplex. Viele Zeilen können da und dort hin interpretiert werden.

Ihre Refrains sind oft ungewöhnlich, man kann „Luftlöcher“ etwa nicht abkürzen, der zieht sich über acht Zeilen.

Gerard: Ja, ist kein typischer Refrain, aber mit hat jeder Part so gut gefallen, dass ich auf nichts verzichten wollte, und dann ist es halt nicht der Radio-Refrain.

Wann haben Sie Ihre Art zu rappen so entwickelt, mit Binnenreimen, nicht auf die letzte Silbe? 

Gerard: Bei „Blur“ habe ich noch vor „Blausicht“ viel UK Rap und Grime gehört, das ist ganz ein anderer Flow, der zieht sich quer über die Zeilen. Damals war das ganz neu, heute ist es total in. Mir geht es auch stark um Phonetik, das muss sich nicht wirklich reimen, sondern hört sich manchmal nur ähnlich an.

Wie viele Leute schreiben Ihnen jetzt auf WhatsApp, nachdem Ihre Handynummer in der Box steht? 

Gerard: Das ist ja eine Broadcastgruppe. Wenn ich was schicke, bekommen das alle, wenn andere was schreiben, sehe nur ich das. Ich bekomme dadurch viel persönlicheres, krasseres Feedback. „Einer meiner Freunde hat sich umgebracht, und das war meine Rettung“, so etwas postet niemand auf Facebook. Und zudem probiere ich eben immer gern neue Dinge aus.

Ein Deep-Dream-Video.

Gerard: Das hat damals sicher viele überfordert. Sobald die Leute die Geschichte zum Video kannten, waren viele total beeindruckt. Und das soll Kunst ja machen, auf Neues aufmerksam machen, dass es z. B. künstliche Intelligenz gibt, dass dich Algorithmen auf Fotos erkennen und wissen, was dir gefallen wird.

Dabei möchten Sie im Unterschied zu „Neue Welt“ aber wieder weniger allgemeine, sondern persönliche Geschichten erzählen. „Play Skip“ macht das fast extrem. 

Gerard: Stimmt, ich hinterfrage oft meine Stimmung. Und merke, dass der Grund oft völlig belanglos ist. Der Song handelt davon, sich dessen bewusst zu werden und damit wieder rauszukippen. Ich versuche manchmal, mich „künstlich“ in eine gute Stimmung zu versetzen, Das können sogar gespeicherte Instagram-Storys aus der Zeit in L.A. sein oder gelungene Skizzen zu Songs.

Yoga machen Sie nicht? 

Gerard: Nein, aber ich meditiere, das hat mir sehr dabei geholfen zu entdecken, welche Eindrücke sich im Unterbewussten festsetzen, welcher Dreck mich manchmal beschäftigt, der überhaupt nicht relevant ist, wenn man etwa nur kurz mal Facebook durchscrollt.

Es gab kurz nach dem Brexit und der Wahl von Trump die Diskussion, wie man nicht nur in der eigenen Filterblase bleibt. 

Cover “Luftlöcher”

Gerard: Stimmt total, bei der Bundespräsidentenwahl hat fast jeder Zweite Norbert Hofer gewählt. Wer sind diese Menschen? Ich de-abonniere schon immer wieder Leute, aber glaube, dass es sich online ebenso verhält wie offline, da sucht man sich auch seine Freundinnen und Freunde aus und will nicht von einem Nazi wissen, was er denkt.

Wie viele Leute waren an der Musik von „AAA“ beteiligt? Es wirkt mehr aus einem Guss als „Neue Welt“. 

Gerard: Nathan und ich haben neun Nummern gemeinsam gemacht, drei sind in Zusammenarbeit mit David Punz entstanden. Plastic aus London hat „Konichiwa“ gemacht. Und Albin Janoska hat immer mit einzelnen Leuten zusammengearbeitet. Also im Wesentlichem waren es Albin, Nathan und ich.

„Es kommt nur sehr selten vor, dass ich gar keine Idee habe.“

Die Musik muss vor den Vocals stehen. Wie schaffen Sie es, so passgenau Raum für die Stimme zu lassen und an den anderen Stellen die Musik abwechslungsreich zu gestalten? 

Gerard: Wir sind das so gewohnt. Es gibt immer Konzepte, einzelne Zeilen am Handy. Wenn der Track dann da ist, gehe ich die durch und schaue, was passen könnte, von da an geht es weiter. Manchmal kommt mir sofort eine eigene Idee, das ist natürlich das Beste. Ich brauche immer etwas, was triggert, was ein Gefühl auslöst. Es kommt nur sehr selten vor, dass ich gar keine Idee habe. An „Moonbootica Mond“ habe ich ewig geschrieben, dazu gibt es zwei, drei Refrains, verschiedene Strophenansätze, da spiele ich mich eben ran. Und ja, am Ende wird dann ausproduziert, da eine Bridge rein oder dort die Vocals weg. Kreativ sein ist generell sehr weird. Ich schreibe ja seit einem halben Jahr an einem Buch, habe laufend Ideen an meinen Lektor beim Verlag gepitcht, war immer unzufrieden damit. Vor ein paar Tagen schnitt ich einen Teaser zu „AAA“ fertig, lud das hoch, schloss das ganze Album ab, setze mich auf meinen Balkon – und plötzlich schoss mir der Plot ein. Wenn man zu sehr verkrampft, kommt nichts.

Kommt die Tour erst im Dezember, weil Sie sich mit RAF Camora abstimmen mussten, bei dem ja Daniel und Fabian Schreiber in der Liveband spielen? 

Gerard: Es kommt vielleicht vorher noch was, Single, EP, schauen wir. Und es gibt ein neues Live-Set-up. Die Schreiber-Zwillinge sind wahnsinnig beschäftigt und müssten immer aus Berlin einfliegen. Bei denen und insbesondere bei RAF geht es voll ab, das ist super. Ich wollte aber auch umstellen, etwa eine Backgroundsängerin.

Gerard (c) Kidizin Sane

Stehen Sie mit Nvie Motho in Kontakt, mit dem Sie „Blausicht“ gemacht haben? 

Gerard: Er wohnt jetzt in Berlin. Wenn er in Wien ist oder wenn ich bald über den Sommer in Berlin lebe, sehen wir uns. Kann sein, dass wir wieder gemeinsam ein Album machen. Ich kann nie sagen, was mich inspiriert. Ich würde auch nie ein Feature um des Features willens machen. Die meisten meiner Lieblingsrapper habe ich schon durch. Und dass die Features bei der Promo helfen, glaube ich nicht.

Aber Sie haben einen Shoutout von Matthias Schweighöfer gepostet. 

Gerard: Ja, einen sehr lustigen [lacht]. Das ist nicht nur irgendein Foto. Wie ein kleines Kind habe ich mich gefreut, als ich die Idee hatte, ganz kurz bevor wir das gedreht haben. Deshalb sind meine Augen im Video so groß. Der Chef von „Four Music“ meinte zu mir noch: „Diese Ansagen machst du doch nicht?“ Aber hinterher hat er es natürlich verstanden.

Sie reden immer wieder von Fehlerkultur. Welche Fehler haben Sie gemacht?

Gerard: So viele. Manchmal waren Songs anders geplant. Auf „AAA“ wollte ich den Song, der von vielen der Lieblingssong ist, fast nicht auf das Album geben. Über den Regenponcho in der Box von „Neue Welt“ haben sich ein paar Leute aufgeregt, dabei war der teurer als ein Shirt. Vielleicht hätte ich ja zu „Mehr“ ein Video drehen sollen. Aber wenn man neue Dinge ausprobiert, die vorher niemand gemacht hat, gibt es eben keine Blaupause. Dafür ist es umso lustiger. Und was soll passieren? Dass ein paar Leute lachen? Alle Leute, die ich schätze, sind durch schlechte Phasen gegangen.

Von was sind Sie überzeugt, von dem Sie wissen, dass nicht viele das glauben? 

Gerard: Dass tatsächlich alles im Leben möglich ist, wenn man genug Energie und Ausdauer reinsteckt. Ich möchte in einem Film mitspielen, der den Oscar für den besten ausländischen Film bekommt. Das ist eines meiner fixen Ziele. Ich glaube generell, dass im Leben vieles nicht zufällig passiert, dass vieles über mein Unterbewusstsein in mein Leben kommt, nicht esoterisch, sondern wenn man Ergebnisse visualisiert. Allein in diesem Gespräch haben sich schon wieder so viele Kreise geschlossen. Da gibt es die Zahl 22, die sehr oft in meinem Leben auftaucht. Oder es gibt Strings, die zu Kanye West oder zu Theophilus London führen. Meinen Song „Manchmal“ habe ich ursprünglich als Buchkapitel geschrieben, ein Lektor ist dann über den Song ein Fan von Gerard geworden, hat später ein Interview gelesen, wo ich meinte, ich würde gern ein Buch schreiben. So ergeben sich viele Dinge aus Gesprächen und kleinen Entscheidungen.

Sie wirken nicht wie jemand, der sehr mit sich kämpft. 

Gerard: Nein, das tue ich nicht. Vieles beschäftigt mich, aber ich nehme das nicht so ernst. Okay, das Leben scheißt dir manchmal rein, schau, was du daraus machen kannst.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Stefan Niederwieser

(*) „Der Mond“ ist ein Song von Moonbootica Mond mit Jan Delay, den Gerard in einer bestimmten Situation gehört hat. „Junimond“ ist ein Song von Rio Reiser, der u. a. von Echt gecovert wurde. Beide Referenzen werden in den Song eingearbeitet.

„AAA“ von Gerard ist bereits via Futuresfuture erschienen.

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