Bild Hotel Palindrone
Hotel Palindrone (c) Barbara Goschenhofer

„Wir führen Klischees ad absurdum, wollen sie entlarven und spielen mit ihnen“ – HOTEL PALINDRONE im mica-Interview

„Alpestan“ heißt das neue Album der österreichischen Weltmusik-Gruppe HOTEL PALINDRONE. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählen ALBIN PAULUS und STEPHAN STEINER, wo dieses imaginäre Land musikalisch verortet ist. Außerdem geht es um die Schnittmenge zwischen Folkszene und Alter Musik und um ein meist wenig beachtetes Instrument: die Maultrommel – denn ALBIN PAULUS wurde im Jahr 2011 zum Weltvirtuosen der Maultrommel gekürt. 

Der Albumtitel „Alpestan“ klingt nach einem Land oder einer Region, welches musikalische Land wolltet ihr mit dem Titel imaginieren?

Stephan Steiner: Genau, es ist ein imaginiertes Land. Wir sind eigentlich recht zufällig zu diesem Titel gekommen, mit einem Wortspiel. Wir haben wie meistens ganz viele Musikstücke gesammelt, die wir aufnehmen wollten und unter vielen Kandidaten hat sich der Name „Alpestan“ als logisch und passend erwiesen. Rekursiv hat der Titel – und die Gestaltung des Covers, die ist ganz wichtig – dann auf das Verständnis der Stücke und die Beschreibung der Stücke im Booklet zurückgespielt.

Albin Paulus: Der Albumtitel „Alpestan“ setzt sich übrigens auch aus unseren Vornamen zusammen: Albin, Peter, Stephan, Andi.

Welche Instrumente habt ihr in diesem Alpestan im Einsatz? Maultrommel, gespielt von Albin, ist natürlich dabei.

Stephan Steiner: Über die letzten zwei Jahrzehnte hat sich unser Fuhrpark an Instrumenten, unser materielles Handwerkszeug, angesammelt. Maultrommeln sind dabei, Dudelsäcke, Klarinette, eine archaische Volksklarinette namens Chalumeau. Eine große Schnabelflöte, verwandt mit der Blockflöte, die ist in Irland sehr beliebt. Ich spiele eine schwedische Nyckelharpa, das ist ein Instrument, das bei uns fast niemand kennt. Bei fast jedem Konzert kommt jemand zu mir und fragt erstaunt: Was ist das?

Was antwortest du dann?

Stephan Steiner: Die Nyckelharpa ist ein Streichinstrument, das auch Tasten hat, mit denen die Melodie gespielt wird. Zusätzlich gibt es Resonanzsaiten, die nicht gestrichen werden, sondern mitschwingen. Das ergibt einen ganz eigenen – zauberischen, sage ich jetzt mal – Klang. Auch optisch sieht das Instrument ungewöhnlich aus. Meine Geige hat fünf Saiten, das ist auch eher selten. Und ich spiele ein diatonisches Knopfakkordeon, das es häufig in Italien gibt, dort heißt es Organetto. Diese Instrumente spiele ich, auch auf der aktuellen CD.

Damit zum Maultrommelweltmeister! Albin, welche Spieltechnik setzt du bei den Maultrommeln am neuen Album ein?

Albin Paulus: Das ist die so genannte „Alpine Maultrommel-Virtuosen-Wechsel-Technik“. Die Vorgeschichte dazu: Die Maultrommel gibt normalerweise ja nur einen Ton von sich und aus diesem einen Ton holt man dann die Obertöne heraus, durch verschiedene Zungen- und Rachenstellungen. Das Problem dabei ist, dass man eben nur in einer Tonart spielen kann.

Wie löst man dieses Problem?

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Hotel Palindrone (c) Barbara Goschenhofer

Albin Paulus: Im 18. Jahrhundert sind Maultrommel-Virtuosen auf die Idee gekommen auf zwei oder drei Maultrommeln gleichzeitig zu spielen. Im Grunde auch, um klassische Kompositionen zu spielen, einen bewegten Bass zu machen und dazu die Oberton-Melodie. Man verwendet die Maultrommeln quasi wie einen Akkord-Bass. Wenn man die gängige Volksmusik des 18. oder 19. Jahrhunderts hernimmt, dann kommt man mit den drei harmonischen Hauptfunktionen, Tonika, Dominante und Subdominante aus. Das Problem dabei ist, dass man die Maultrommel so schnell wechseln muss, das braucht viel Übung und sieht auch ziemlich virtuos aus. Wenn man mit sechs Instrumenten herumjongliert, dann hat man in jeder Hand drei Maultrommeln, das ist dann schon viel. Diese Technik hat sich im 18. Jahrhundert, vielleicht auch schon im 17. Jahrhundert, etabliert und es gab Maultrommel-Virtuosen, die in ganz Europa herumgereist sind, die haben es zu richtig viel Geld gebracht. 

Wie wurde dieses Virtuosentum bis heute erhalten?

Albin Paulus: Mitte des 19. Jahrhunderts ist das in Vergessenheit geraten, aber die Maultrommel hat sich in der alpinen Volksmusik gehalten. Vor allem im Salzkammergut, Eisenwurzen, in der Pyhrn-Region. Dort, wo die Maultrommeln produziert wurden, hat sich diese Spieltechnik gehalten und wurde im Jahr 2012 zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe erklärt, genauso wie das Maultrommel-Schmiedehandwerk. Maultrommeln wurden in die ganze Welt exportiert, auch in mikronesischen Inselstaaten findet man österreichische Maultrommeln.

„Die Folkszene und die Szene der Alten Musik sind seit längerer Zeit eng miteinander verknüpft“

Kommen wir zu einem Stück der CD. Wie ist „Manfredina & Rotta“ musikhistorisch einzuordnen?

Stephan Steiner: Albin und ich sind beide mit einem Fuß auch in der klassischen Musik drinnen und haben einen musikwissenschaftlichen Hintergrund. Die Folkszene und die Szene der Alten Musik sind seit längerer Zeit eng miteinander verknüpft. Das gibt es eine personelle Fluktuation, aber es kommt auch vor, dass Leute, die Folkmusik spielen, sich eher Stücke ausborgen, die historisch sind. Und manche Folkstücke sind selbst historisch, weil manche Traditionen heute nicht mehr so lebendig sind und man dann automatisch auf älteres Repertoire zurückgreift. Auf der anderen Seite borgt sich auch die Alte Musik-Szene Stücke aus dem Folk. Weil Stücke aus dem späten Mittelalter oder der Renaissance-Zeit Tanzmusik sind und unsere westliche Kunstmusiktradition sehr stark im Konzertanten gelandet ist. Der Bezug zum Tanz ist da eher verloren gegangen. Daher ist es nur natürlich zu schauen: Wo gibt es Musik, die so ähnlich klingt und zu der getanzt wird? Da gibt es eine Wechselwirkung.

Wie zum Beispiel beim Titel „Manfredina & Rotta“, der aus zwei Stücken besteht. 

Stephan Steiner: Genau, das ist in diesem Grenzfeld, könnte man sagen. Das ist wahrscheinlich Tanzmusik, vielleicht stilisiert. Die beiden Stücke stehen in einem Manuskript aus der Toskana drinnen, das inzwischen in London aufbewahrt wird. Da sind einige Stücke drinnen, die Gassenhauer geworden sind. „Manfredina & Rotta“ sind nicht in der vordersten Liga, aber es gibt schon einige Interpretationen davon. Die sind wunderschön, haben einen tollen Melodiebau. Noch dazu sind die beiden Stücke musikalisch aufeinander bezogen. Bei der Aufnahme in unser Repertoire haben wir einerseits darauf geschaut, dass die Interpretation stimmig ist aber ziemlich anders daherkommt, als man eigentlich erwarten würde. Es ist eine sehr persönliche Interpretation, wir haben versucht, dass es nicht nach Alter Musik klingt. Es könnte auch eine zeitgenössische Folk-Komposition sein, wir haben aber trotzdem darauf geschaut, dass die Schönheit der Melodie weiterhin zur Geltung kommt und dass das Stück tanzbar bleibt.

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„Ich habe die Mission, das Jodeln aus dem Klischee heraus zu holen“

Es gab vor kurzem ein gestreamtes Konzert von euch aus dem leeren Radiokulturhaus. Da habt ihr gesagt, dass musikalisch für euch Vieles möglich ist, solange das Jodeln dabei ist. Welche Bedeutung hat das Jodeln für euch?

Albin Paulus: Ich jodle schon seit der Kindheit gerne! Wir haben mal das Lied „Don’t bring me down“ vom Electric Light Orchestra gecovert und da ist auch ein Jodler dabei. Die haben zuerst gar nicht bemerkt, diese jodelartigen Anklänge. Deswegen hat unser Gitarrist Andi Neumeister gemeint, dass bei uns alles durch geht, wenn gejodelt wird. Ich habe die Mission, das Jodeln aus dem Klischee heraus zu holen. Dass es nicht nur Folklore hat, sondern musikalisch weitergedacht werden kann.

Ist das nicht ohnehin eure Herangehensweise an Musik: Dinge neu zu denken und neu zu deuten?

Albin Paulus: Ja, sowieso. Ich würde sagen, dass das unsere Mission ist. Wir verbinden das Alpine, das Jodeln und andere Kulturregionen. Wir führen Klischees ad absurdum, wollen sie entlarven und spielen mit ihnen. Beim Stück „Kulturerbiak“ ist zwar die alpine Wechseltechnik bei der Maultrommel dabei, aber es klingt überhaupt nicht danach, sondern eher balkanisch. 

Heuer gab es viele abgesagte oder verschobene Konzerte. Wie sieht es bei euch in Bezug auf das nächste Jahr aus?

Albin Paulus: Die Veranstalter sind noch relativ schüchtern mit den Anfragen, aber wir haben schon ein paar Auftritte geplant. Abgesagt wurden viele Konzerte, im Dezember hätten wir ein paar Auftritte gehabt. Nachholen ist bei Konzerten ein beschönigendes Wort, man nennt es Nachholen, aber Konzerte werden einfach ausgelassen, würde ich sagen. Man hat diese Auftritte aber relativ sicher, trotzdem passiert es, dass Veranstalter sich neu organisieren und die alten, ursprünglich eingeplanten Gruppen, fallen lassen. Das ist mir jetzt schon untergekommen, ist aber eher die Ausnahme.

Herzlichen Dank für das Gespräch. 

Jürgen Plank

 

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