Wiener Tschuschenkapelle (c) Michael Winkelmann

„Wir bemühen uns, diese Stile entsprechend ihren Traditionen zu pflegen und […] weiterzuentwickeln.” – SLAVKO NINIĆ (WIENER TSCHUSCHENKAPELLE) im mica-Interview

Der Gründer, Frontman, Gitarrist und Sänger der Band WIENER TSCHUSCHENKAPELLE, SLAVKO NINIĆ, sprach mit Vid Jeraj über seine Karriere, 14 veröffentlichte Alben und das dreißigjährige Jubiläum des Ensembles. 

Die Wiener Tschuschenkapelle feierte am 7. Mai 2019 ihren dreißigsten Geburtstag mit einer Gala im Wiener Konzerthaus. Wie viele Konzerte habt ihr insgesamt schon gespielt?

Slavko Ninić: Das ist eine gute Frage, die ich aber nur schwer beantworten kann, schließlich gibt es uns schon 30 Jahre. Das ist auch wechselhaft, mal spielt man mehr, dann wieder weniger. Es gibt Monate, wo nicht viel los ist, und dann kommt wieder eine Tournee, wo man sozusagen ständig spielt.

„„Nennt euch doch Tschuschen-Band.“”

Dann ist es vielleicht ein guter Einstieg, wenn ich frage, wie die Wiener Tschuschenkapelle entstanden ist: Woher kam die Idee, diese Band zu gründen?

Slavko Ninić: Die Idee ist spontan entstanden. Wir haben in einer Beratungsstelle für Ausländerinnen und Ausländer gearbeitet und es hat sich herausgestellt, dass alle Kollegen musikalisch sind. Das waren vor allem Franz Fellner und Haydar Sari. Ich habe mich auch meiner musikalischen Wurzeln besonnen und so haben wir angefangen, in den Arbeitspausen gemeinsam zu musizieren. Wir wurden dann als Trio zu Geburtstags- und anderen Festen eingeladen. Im Laufe der Zeit sind wir professioneller geworden und so wurde die Idee geboren, das Ganze offiziell zu betreiben und eine richtige Band zu gründen. Man brauchte dann für diese Band einen entsprechenden Namen. Und weil wir ein Programm mit Liedern von den Balkanländern gemischt mit österreichischen Weisen hatten, hat es geheißen: „Nennt euch doch Tschuschen-Band.“ Daraus wurde dann wirklich „Tschuschenkapelle“. Und weil wir alle aus Wien sind und auch Wiener Lieder spielten, nannten wir uns Wiener Tschuschenkapelle. Hört sich immer noch gut an, klingt gut.

Interessanterweise sind Hüte ein typischer Teil deiner persönlichen Ikonografie. Man sagt ja: „Alle unter einen Hut bringen“, was sozusagen als Metapher für die verschiedenen Kulturen, die zusammen als „Tschuschen“ bekannt sind, begriffen werden kann.

Slavko Ninić: Der Hut war am Anfang da, einfach so, als Schmäh. Das ist ein übliches Outfit. Viele, die in unserer balkanischen Tradition in Lokalen gespielt haben, haben einen Hut aufgehabt und das haben wir aufgegriffen, eine Art Nostalgie. Am Anfang trugen alle Bandmitglieder einen Hut. Erst nachdem die Band erneuert wurde, mit Mitke Sarlandžiev [Akkordeon, Gesang; Anm.], Hidan Mamudov [Klarinette, Saxofon, Gesang; Anm.], Maria Petrova [Schlagzeug, Perkussion; Anm.] und Jovan Torbica [Kontrabass, E-Bass; Anm.], und ich allein von der alten Garde übrig geblieben war, war ich eben auch der Einzige mit Hut. Dann wollte ich selbst den Hut runternehmen, weil es mir blöd vorgekommen ist, aber die neuen Kollegen haben gesagt: „Slavko, nein, das geht nicht. Das ist so etwas Bekanntes, du musst deinen Hut weiterhin tragen!“ So bin ich dazu verdonnert worden.

Tschuschenkapelle (c) Michael Winkelmann

Was bedeutet das Wort „Tschusch“? Aus welcher Sprache kommt es?

Slavko Ninić: Witzigerweise glauben viele an dieses Märchen: Laut Wörterbuch von Peter Wehle sollen sich ausländische Arbeiter am Bau der Semmeringbahn „Čuješ“ zugerufen haben, was als „Verstehst du“ von Peter Wehle übersetzt wurde. Das war für mich ein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Woher weiß er, was sich die Leute vor 100 Jahren am Bau zugerufen haben? Er gibt auch keine Quelle für diese Theorie an. Übrigens heißt „Čuješ“ nicht „Verstehst du“, sondern „Hörst du“.  Nun, auf Russisch heißt „čužoj“ „fremd“, so schimpft man auf Russisch die Fremden. Vielleicht haben die Russen die österreichischen Kriegsgefangenen so geschimpft und die Österreicher haben dann diese Redensart aufgegriffen. Man müsste natürlich überprüfen, ob das stimmt, ich bin ja kein Linguist, sondern Musiker.

In der Hip-Hop-Kultur ruft man sich untereinander „Nigger“. Ruft ihr euch in der Band auch „Tschusch“?

Slavko Ninić: Oh, ja. „Komm, Tschusch!“ hat sich in der Szene irgendwie festgesetzt. Auch die österreichischen Kollegen sagen „Tschusch“ – zu mir oder zu den anderen Kollegen oder auch untereinander. Und inzwischen ist es selbstverständlich geworden, es ist kaum mehr ein Schimpfwort. Man lächelt nur … Wahrscheinlich haben wir dazu beigetragen, dass dieses Wort seine ursprüngliche Konnotation in gewissen Kreisen verloren hat. Was eigentlich gar nicht unser Ansinnen war. Wir haben uns nur einen Spaß erlaubt. Wir haben darüber gelacht, inzwischen haben andere auch angefangen, darüber zu lachen.

„Man darf die Türkei nicht mit Erdoğan gleichsetzen.”

Du bist gerade von einem Urlaub auf Kreta zurückgekehrt. Euer Repertoire umfasst auch Lieder, die aus Jugoslawien und Griechenland stammen.

Slavko Ninić: Slawische, griechische, auch türkische Lieder … Früher haben wir mehr türkische Stücke gespielt als jetzt, was ich eigentlich wieder machen möchte. Nämlich aus einem bestimmen politischen Grund: Man darf die Türkei nicht mit Erdoğan gleichsetzen. Es gibt gute, demokratische Menschen, die in der Türkei eingesperrt wurden und werden, nur weil sie anders denken als Erdoğan, weil sie nicht islamistisch infiziert sind oder weil sie nicht zu dem passen, wie sich Erdoğan das Land vorstellt. Und das ist ein guter Grund, wieder Solidarität zu üben.

Diese Solidarität hat heuer auch eine Bühne bei den Wiener Festwochen bekommen, wo ihr zur Eröffnung am 10. Mai am Rathausplatz gespielt habt. Die Solidarität betrifft aber nicht nur Nationen, sondern auch Generationen, zumal ihr mit der türkischen Rapperin Esra Özmen alias EsRAP gespielt habt. Sie hat im Song „Der Tschusch ist da“ auch das Wort Tschusch für sich verwendet

Slavko Ninić: EsRAP, oh ja, wir haben einen Mordsspaß gehabt.

Slavko Ninic & Esrap (c) Wiener Festwochen

Du hast auch „Bella Ciao“ mit Jelena Popržan gesungen. Was meinst du, warum ist dieses Lied jetzt noch so populär?

Slavko Ninić: Das ist ein altes Partisanenlied, gesungen wurde es aber nicht nur von Partisanen, sondern bei allen möglichen Gelegenheiten, von Pfadfindern beim Lagerfeuer oder bei irgendwelchen studentischen Festen. Die Melodie ist sehr singbar. Und es ist auch ein bisschen romantisierend, was dazu beiträgt, dass es so populär ist; ich glaube, es wird auch in den nächsten Jahren und noch viele weitere Jahre gesungen werden.

Du hattest mit Branimir „Johnny“ Štulić[1] gespielt, als du in Zagreb gelebt hast. Er ist dort eine Legende, aber in Österreich nicht so bekannt. Aus ihm wurde ein Connaisseur der Balkanlieder für das YouTube-Publikum. Man hört, es gibt eine Aufnahme von euch?

Slavko Ninić: In der Studentenzeit in Zagreb waren wir gute Freunde. Er hat in Zagreb gewohnt und ich habe dort studiert. Er hat mich oft mit seiner Gitarre besucht. Das war manchmal bis tief in die Nacht; dann ist er zum Schlafen geblieben, weil keine Straßenbahn mehr gefahren ist, und wir haben wirklich lange Nächte miteinander verbracht, mit Musik und Gesang. Er hat wunderschön Gitarre gespielt. Und was die meisten nicht wissen: Er hat klassische Gitarre gespielt, mit den Fingernägeln. Er hat die schönen jugoslawischen Volksweisen für klassische Gitarre bearbeitet, natürlich hat er auch selber komponiert, damals schon. In der Zeit hat er überhaupt keinen Punk oder keinen Rock gespielt, womit er nachher bekannt und berühmt geworden ist. Wir haben damals viel mit einem Kassettenrekorder aufgenommen. Ich habe noch einiges aus dieser Zeit zu Hause.

Warum ist Štulić so speziell?

Slavko Ninić: Er ist ja so ein Verliebter in die Musik. Er konnte sechs, sieben Stunden lang ununterbrochen spielen. Er trinkt nichts; hat keinen Alkohol getrunken, nur gespielt, gesungen, gespielt … Ein Phänomen.

Für ihn war mit 30 Jahren alles vorbei, oder?

Slavko Ninić: Dann hat er auf einmal nicht mehr gespielt. Er lebt in Holland, hat, glaube ich, keinen Kontakt zu seiner alten Heimat. Nur auf YouTube gibts da und dort eine Meldung. Sonst ist er also untergetaucht.

„Der wichtigste Raum, aus dem unsere Musik kommt, ist der alte jugoslawische Raum, breiter gesehen der Balkanraum.”

Von welchen Musikerinnen und Musikern hat die Wiener Tschuschenkapelle am meisten gelernt?

Slavko Ninić: Branimir Štulić ist einer, von dem ich gelernt habe … Der wichtigste Raum, aus dem unsere Musik kommt, ist der alte jugoslawische Raum, breiter gesehen der Balkanraum. Dalmatinisch ist anders als Bosnisch, Bosnisch ist anders als Slawonisch und so weiter. Dann gibt es die Lieder aus Međimurje, das sind traurige Moll-Lieder. Das ist so ein reiches Gebiet, voll mit so viel verschiedener Musik, wo du kaum draufkommst, dass das vielleicht aus einem Staat sein könnte. Aber das ist woanders auch so. Wenn du Griechenland hernimmst, da gibts auch Gegenden, wo Bouzouki gespielt wird, und auf der anderen Seite des Meeres eben Mandoline oder Klarinette. Und zum Teil völlig andere Musikstile. Wir bemühen uns, diese Stile entsprechend ihren Traditionen zu pflegen und, wenn es gelingt, auch weiterzuentwickeln. Wir machen auch Ausflüge ins Wienerlied und bringen dann auch was Klassisches – ich liebe die klassische Musik. Natürlich finden sich bei uns auch allerlei Jazzelemente.

Wo sind deine Wurzeln, wo wurdest du geboren?

Slavko Ninić: Ich wurde in Slawonien, einer kroatischen Provinz, geboren. Meine Eltern kommen aus Bosnien, waren damals auch Flüchtlinge im eigenen Land. Bosnien war ausgehungert nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Menschen sind damals in reichere Gegenden in Jugoslawien geflüchtet, wo es fruchtbare Erde gab. In Slawonien gibt es zwei verschiedene Musikstile: Die Sevdalinka – die traditionelle Liebeslyrik in Bosnien – ist fatalistisch und traurig, auf der anderen Seite gibt es die fetzigen slawonischen Hochzeitslieder. Völlige Gegensätze. Ich habe sehr viel Musik gehört im Radio. Damals war jemand, der ein Radio gehabt hat, ein reicher Mensch. Das war damals eine andere Zeit, heute unvorstellbar. Und dann ist früher viel musiziert worden, viel mehr als heute,  und es wurde mehr gesungen – bei der Arbeit, nach der Arbeit, beim Feiern, auf Hochzeiten. Es war schon, kann man sagen, lustiger als heute.

Wiener Tschuschenkapelle (c) Archiv Band

Wer von den Balkanmusikerinnen und -musikern hat den Sprung von der Weltmusik zum Pop gemacht?

Slavko Ninić: Pop ist eigentlich nicht meine Angelegenheit, das ist eine andere Richtung, interessiert mich kaum und lässt mich kalt. Neunzig Prozent davon sind Volksverdummung in einem modernen Gewand.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Vid Jeraj

 

*Vid Jeraj ist ein in Wien lebender Musiker, Produzent und Autor. Er ist der Gründer von „Musik gegen Windmühlen“, einer Sendung über die neueste Musik vom Balkan. Er hat im Juli und August 2019 ein Beach-Showcase-Festival der österreichischen Clubkultur in Rijeka, genannt Apstraktna monarhija na Kantridi, produziert.

[1] Branimir Štulić (geboren 1953 in Skopje, Jugoslawien), Musiker und Songwriter aus der Generation der „Novi val“ („Neuen Welle“) und Begründer der Band Azra (1977–1982); vgl. www.discogs.com/artist/604459-Azra-3, zugegriffen am 4. Juni 2019.