Wie kann Musik Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Lebensrealitäten und Perspektiven miteinander in künstlerisch-kreativen Austausch bringen? Im Gastblogbeitrag der IG Musikvermittlung Österreich schreibt Annemarie Mitterbäck über die Frage, wie aus unterschiedlichen musikalischen Erfahrungen und Lebensrealitäten eine gemeinsame künstlerische Praxis entsteht. Anhand der Plattform und Projekte von Music Scapes und der Haltung des Kollektivs zeigt sie, wie Improvisation, kollektives Komponieren und gemeinsames Gestalten Begegnungen ermöglichen, ohne Unterschiede aufzulösen.

Wien ist superdivers. Unterschiedliche Sprachen, Biografien, Generationen, soziale Positionen, musikalische Traditionen und kulturelle Praktiken prägen die Stadt. Sie existieren nicht getrennt voneinander, sondern überlagern und verändern sich. Superdiversität beschreibt diese gesellschaftliche Realität: Unterschiedliche Erfahrungen, Zugehörigkeiten und Perspektiven sind gleichzeitig wirksam.1
Vielfalt allein schafft jedoch noch keine Beziehung. In meiner Arbeit als Dramaturgin und Musikvermittlerin beschäftigt mich seit vielen Jahren die Frage, wie wir mit all diesen Erfahrungen und unterschiedlichen Perspektiven umgehen, die sich ergänzen und widersprechen können. Bei Music Scapes ist diese Frage Ausgangspunkt unserer künstlerischen Arbeit.
2027 führen wir unsere Communityarbeit am Volkertplatz im 2. Bezirk mit dem Projekt „COMMON:ISLANDS“ im siebten Jahr weiter.Unterschiedliche Musikrichtungen werden im Projekt miteinander verflochten. Die Bewohner:innen des Grätzls und der Platz selbst sind Teil der Dramaturgie: Musik verteilt sich auf unterschiedliche Orte, Besucher:innen bewegen sich dazwischen, verweilen und hören aus wechselnden Perspektiven.
Fünf Scapes – ein fluider Prozess
Die fünf „Scapes“ bilden einen gemeinsamen künstlerischen Resonanz- und Handlungsraum und greifen in den Projekten und Performances ineinander. Menschen unterschiedlicher Communities kommen dabei in gemeinsamen kreativen Räumen zusammen. So entstehen neue musikalische und gemeinschaftliche Formen des Zusammenlebens, die in den Projekten hörbar werden.
COMMUNITY fokussiert Co-Kreation als gemeinsames, musikalisches Schaffen über mehrere Wochen hinweg und einer finalen Performance. URBAN lädt ein zum unmittelbaren Mitmachen auf öffentlichen Plätzen. Hier steht die Kunsterfahrung im Alltag und Teilhabe im öffentlichen Raum im Zentrum. CARE steht für künstlerische Projekte mit dem Fokus auf Fürsorge und Verbundenheit mit gesundheitsförderlichen Aspekten, wie beispielsweise in den Häusern zum Leben oder Wohnhäusern der Caritas im Mittelpunkt. EC[H]O verbindet Musik und künstlerische Forschung. Es entstehen Soundscapes mit Pflanzen und Tieren als mehr-als-menschliche Beziehungen. [UN]LEARN stellt Lernen und Verlernen ins Zentrum und findet in Kooperation mit Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten statt.
Aushandlung als künstlerische Praxis
Bei Music Scapes steht partizipatives, superdiverses Musikschaffen im Zentrum. Musik als Aushandlungsraum verstehen wir als Möglichkeit, Gemeinsames und Unterschiede auszuloten und damit kreativ umzugehen. Aushandlung ist für uns ein schöpferischer Prozess: Unterschiedliche musikalische Erfahrungen, Melodien, Spielweisen werden vorgestellt und in einem wechselwirksamen Austausch im Laufe des Projekts spielerisch weiterentwickelt.
So werden unterschiedliche musikalische Traditionen – vom Wiener Lied bis zu Musik aus dem arabischen Raum, kurdische Musik, klassische Werke, Neue Musik und Formen des Jazz – dekonstruiert und mittels Improvisation experimentell miteinander verflochten.
Ambivalenzen gehören zu diesem Prozess dazu. Sie werden nicht aufgelöst, sondern zum Ausgangspunkt künstlerischer Arbeit – Gemeinsamkeit kann für uns dort entstehen, wo unterschiedliche Positionen nebeneinander bestehen können, sich widersprechen dürfen, sich ergänzen und verändern.
Im Music Scapes-Kollektiv arbeiten professionelle und nicht-professionelle Musiker:innen gemeinsam mit Menschen unterschiedlicher Communities. Partizipation und Co-Kreation sind dabei keine Ergänzung, sondern tragen den gesamten künstlerischen Schaffensprozess. Die Künstler:innen des Kollektivs verorten sich im wechselwirksamen Austausch mit den Mitwirkenden immer wieder neu. Methodisch arbeiten wir mit freier Improvisation und kollektiven Kompositionsformen.
In meiner dramaturgischen Arbeit bedeutet das auch, nicht von einer fixierten, festgelegten Form auszugehen, sondern Fragen zu stellen: Welche ästhetischen Vorstellungen bringen wir mit? Welches Wissen und welche Erfahrungen finden sich im künstlerischen Prozess wieder? Was verändert sich, wenn unterschiedliche Erfahrungen zusammenkommen? Wer wird gehört, wer bekommt Raum – und wer entscheidet darüber? Es ist ein fluider Prozess, ein Lernen und Verlernen.
Als Dramaturgin von Music Scapes finde ich immer wieder jene Begegnungen spannend, in denen unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen, die Künstler:innen dieses Momentum musikalisch aufgreifen und sich daraus ein Musikstück entwickelt.
Ein Beispiel ist das Projekt SOUND:BAR unserer Reihe URBAN, ein mobiler Marktstand, der den kreativen Impuls für eine kollektive Improvisation bildet. Preislisten werden zu grafischen Partituren und Passant:innen zum Experimentieren mit Klängen eingeladen. Stimmen, Geräusche und spontane Impulse des Marktes fließen ein.
Kunst mitten in der Gesellschaft
Wie entsteht also Gemeinsames aus Unterschiedlichkeit? Für uns liegt eine mögliche Antwort im gemeinsamen Tun, darin, sich auf den Prozess einzulassen und bereit zu sein, das Ergebnis völlig offen zu lassen. Durch die unterschiedlichen musikalischen und sozialen Erfahrungen der Mitwirkenden entstehen neue Verflechtungen und Projekte.
Für mich als Gründerin und Dramaturgin gehören die künstlerische und die gesellschaftliche Ebene unmittelbar zusammen. Je nach Projekt und Kontext wird die Form co-kreativ entwickelt. Zentral ist dabei immer, diversitätssensible Räume zu gestalten, in denen unterschiedliche Menschen sichtbar und hörbar werden und künstlerisch mitgestalten können.
Der öffentliche Raum wird nicht nur zum Aufführungsort, sondern zu einem gemeinsamen, künstlerisch gestalteten Raum als superdiverses Miteinander, der sich immer unterschiedlich gestaltet und neu entstehen kann.
Annemarie Mitterbäck ist Gründerin und Künstlerische Leiterin von Music Scapes. Sie ist seit 2005 als Vermittlerin, Dramaturgin und Kulturschaffende tätig und wirkte viele Jahre in Kulturinstitutionen und bei Festivals in der Vermittlung/ Community Music in Wien, der Steiermark, Berlin und New York darunter (Berliner Philharmoniker, Carnegie Hall, Klangforum Wien, Jeunesse, MTTW u.a.) Seit 2026/27 lehrt sie an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz und der Hochschule für Musik und Theater München.
Mehr erfahren & mitmachen
Wer Music Scapes kennenlernen, bei Projekten mitwirken oder Teil der Community werden möchte, findet aktuelle Projekte und Möglichkeiten zum Mitmachen auf der Website von Music Scapes.
Music Scapes
Music Scapes (Instagram)
Info, Kontakt: info@musicscapes.at
Quelle:
- Vertovec, Steven (2024): Superdiversität: Migration und soziale Komplexität. Erste Auflage, deutsche Erstausgabe. Berlin: Suhrkamp. ↩︎
