Vor zehn Jahren gründete die Schweizer Musikerin CORDULA BÜRGI das Solist:innen-Ensemble CANTANDO ADMONT. Seither sind die Sänger:innen mit Programmen aus alter und neuer Musik in den Konzertsälen renommierter Veranstalter präsent. Die künstlerische Leiterin zieht im Gespräch mit Marie-Therese Rudolph Bilanz und denkt über die Zukunft nach.
Wie kam es denn eigentlich dazu, dass Sie vor zehn Jahren ein neues Ensemble gegründet haben?
Cordula Bürgi: Ich wusste bereits sehr früh, dass ich ein Vokalensemble gründen und leiten möchte. Ich hatte einfach immer einen bestimmten Klang von Stimmen in mir drinnen bzw. in meinen Ohren. Wobei ich selbst ja gar nicht als Sängerin aufgewachsen bin. Ich habe als Kind Geige und Klavier gelernt, wollte aber immer, immer singen. Doch meine Mutter sagte zu mir: „Das kannst du später noch machen. Jetzt lern‘ mal richtig Geige und Klavier zu spielen, geh ins Orchester und so weiter.“ Während dieser Zeit als Instrumentalistin blieb dieser unglaublich tiefe Wunsch nach Stimmen, aber das wurde mir erst viel später bewusst.
Wie verlief Ihre Ausbildung weiter?
Cordula Bürgi: Zuerst habe ich in Luzern, dann in Basel an der Musikhochschule studiert, und dort endlich Gesangsunterricht bekommen. Ich musste erkennen, dass das andere einfach viel, viel besser machen und sich auch leichter tun – ich bin ja mehr so die Macherin. Das Singen ist genau das Gegenteil davon, da muss man zurücktreten und sich von der Dirigentin führen lassen. Es war trotzdem wichtig für mich, auch diesen „Gesangsweg“ zu gehen, mich mit Technik auseinanderzusetzen, und mit der Literatur. Ich habe schon damals viel alte und viel neue Musik gemacht, das klassische romantische Repertoire eher ausgelassen.
Wie ging es dann weiter auf dem Weg zur Gründung von Cantando Admont im Jahr 2016?
Cordula Bürgi: Ich habe an der Musik-Akademie Basel studiert und einen Schulchor mit ungefähr 100 Mädchen und jungen Frauen geleitet. Mit denen bin ich drei bis vier Mal in der Woche zusammengekommen – eine sehr, sehr intensive Sache. Wir haben auch bei vielen Opernproduktionen in Basel mitgewirkt, gemeinsam mit der Knabenkantorei, die ja auch sehr renommiert ist. Irgendwann gab es einen Punkt, wo ich vor dem Chor gestanden bin und meine innere Stimme hat gesagt: „Du stehst hier vor dem falschen Ensemble.“ Da war mir in diesem Moment ganz klar: Ich stehe hier vor dem falschen, weil ich nicht mehr herausholen kann. Ich wollte ja musikalisch und auch klanglich meine Vorstellungen umsetzen. Und auch, was die Literatur betrifft, war es – mit Mädchen- und Frauen-, ohne Bassstimmen – ausgeschöpft.
Dann kam dazu, dass ich meinen Lebenspartner, meine Liebe, gefunden habe, der in Österreich lebt. Ich zog also hierher, ein Neuanfang – wie mit Cantando Admont. Ich wollte etwas aufbauen, etwas mit Kontinuität, alte und neue Musik kombinieren. Es sollte ein kleiner Kern von Mitgliedern sein, der ausbaufähig ist.

„Kurioserweise bedeutete die Corona-Pandemie für uns ein bisschen Glück: Wir hatten plötzlich Zeit …“
Und jetzt feiert Cantando Admont bereits sein zehnjähriges Jubiläum. Ihr habt in Windeseile die renommierten Veranstalter erobert!
Cordula Bürgi: Ein wichtiges Momentum hat die Erfolgsgeschichte des Ensembles 2018 mit einer Einladung der Salzburger Festspiele für Beat Furrers „Begehren“ erhalten. Das hat uns unglaublich viele Türen geöffnet. Ich bin dankbar für dieses Glück. Aber auch alle ganz kleinen Schritte waren extrem wichtig.
Ich habe das Ensemble in Admont gegründet, weil mir sehr viele Leute gleich klar gemacht haben, dass es in Wien unmöglich ist, etwas Neues zu gründen. Ich habe mir gedacht: Interessant, dann machen wir das halt außerhalb. Denn wenn das Blümlein wächst, soll nicht gleich jemand drauftreten und es zerstören, weil wir Zeit brauchen werden. Wir brauchen noch immer Zeit. Aber jetzt sind wir zumindest stark genug, dass niemand mehr einfach so drauftreten und uns vernichten kann.
Kurioserweise bedeutete die Corona-Pandemie für uns ein bisschen Glück: Wir hatten plötzlich Zeit, und unsere Fördergelder waren nicht gestrichen worden. Damit konnten wir richtig gut arbeiten, haben ein Nono-Programm einstudiert und das auch aufgenommen. Die Aufnahme ist zwar nichts geworden, aber dieser Prozess war sehr wichtig. So konnte ich dann den Salzburger Festspielen ein fertiges Nono-Konzert anbieten, das wir dort dann auch umgesetzt haben.
Gibt’s so etwas wie einen Arbeitsgrundsatz für Sie?
Cordula Bürgi: Immer dranbleiben, auch wenn etwas nicht geht. Nicht einfach aufgeben. Weitermachen. Auch in sehr unsicheren Zeiten wie diesen.
Wieviel hat das Ensemble mit seinem Namen Cantando Admont de facto zu tun? Ist er hilfreich?
Cordula Bürgi: Es gibt viele Debatten und Kontroversen darüber. Ich habe mir schon oft überlegt, den Namen zu ändern. Gerade in Österreich ist es mit diesem Namen nicht so einfach. Wir sind ja auch in Wien und Graz verortet. Aber im Ausland macht es neugierig. Der griechische Regisseur Michail Marmarinos, mit dem wir ein Werk für die Münchener Biennale erarbeitet haben, meinte: „Cantando Admont – das ist so schön, kann atmen und es ist atmen, atmen, atmen und atmen.“ Das fand ich einfach großartig.
Gibt es eine Verbindung zwischen dem Ensemble und dem berühmten Barockstift Admont?
Cordula Bürgi: Nicht wirklich. In unseren Anfängen haben wir dort geprobt. Und mich interessiert die Geschichte alter Musik – auch in Österreich. Im Stift lebte der bis heute sehr wichtige Universalgelehrte Engelbert von Admont. Der Benediktinermönch war auch Musiktheoretiker. Heute ist das Benediktinerstift ein sehr wirtschaftlich, weniger kulturell orientiertes. Mir gefällt es, dass Admont etwa in der Mitte Österreichs liegt – das Herz des Landes.
Was macht den Reiz an der Kombination von zeitgenössischer und alter Musik für Sie aus? In der alten Musik sind Stimmungen und Temperierung ein wichtiger Aspekt für die Interpretation.
Cordula Bürgi: Ja, genau. Eigentlich ist alte Musik viel schwieriger zu singen. Sie ist in erster Linie gut für die Substanz des Klanges, um einen Ensembleklang zu kreieren. Das bringt eine ideale Basis für neue Werke, die oft von spezialisierten Ensembles gesungen werden.

„Da haben wir Sänger:innen gegenüber manchen Instrumenten, wie etwa dem Cembalo, einen Vorteil im Umgang mit Mikrotonalität.“
Welche Themen interessieren Sie im Bereich der alten Musik besonders?
Cordula Bürgi: Sehr spannend sind die Konzepte mit mehr als zwölf Tönen pro Oktave, das geht bis zu 34 Tönen. Das Studio31+ aus Basel hat da einige Instrumente rekonstruiert und nachgebaut. Vor kurzem hat Klaus Lang ein Werk im 19-Ton-System komponiert. Wir werden mit ihm auf jeden Fall in dieses Gebiet eintauchen. Da haben wir Sänger:innen gegenüber manchen Instrumenten, wie etwa dem Cembalo, einen Vorteil im Umgang mit Mikrotonalität.
Cantando Admont hat viele Werke uraufgeführt und mit Komponist:innen zusammengearbeitet. Zu Beat Furrer besteht seit Beginn an eine enge Beziehung.
Cordula Bürgi: Wir haben über die Jahre gegenseitiges Vertrauen aufgebaut. Wir Interpret:innen haben zunehmend besser verstanden, was er möchte, wie er sich seine Musik und deren Ausdruck vorstellt. Auch wenn viele sagen, dass er der Komponist der leisen Klänge ist, dann ist das einfach absolut falsch, seine Musik ist viel mehr als das.
Im März 2025 wurde Beat Furrers Musiktheater „Das große Feuer“ am Opernhaus Zürich uraufgeführt. Cantando Admont hat bei allen sieben Vorstellungen mitgewirkt. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Cordula Bürgi: Beat Furrer hat konkret für die Stimmen des Ensembles, die er über die Jahre sehr gut kennengelernt hat, komponiert – eingesetzt als Solist:innen und als Ensemble. Das hat er einfach grandios gemacht, weil er genau weiß, wer was wie kann, und darüber ist er auch nicht hinausgegangen. Das würde ich mir manchmal auch von anderen Komponisti:innen wünschen: dass sie uns als individuelle Stimmen, Menschen sehen und nicht nur als eine Art Instrument.
Was könnte generell die Zusammenarbeit zwischen Ensemble und Komponist:innen verbessern?
Cordula Bürgi: Mehr Kommunikation, schon im Vorfeld, also bevor das Stück fertig komponiert ist. Vielleicht einfach mal eine frühe Skizze besprechen. Wir wissen, dass bereits die Renaissance-Komponisten gerne immer mit denselben Sänger:innen zusammengearbeitet haben. Die mussten viel reisen und wurden etwa für Aufführungen von Werken Monteverdis oder Vivaldis eigens geholt.
Cantando Admont singt manches Mal mit Dirigent:in, und manchmal ohne. Wie werden solche Entscheidungen getroffen?
Cordula Bürgi: Wir versuchen, so viel wie möglich ohne Dirigat zu machen. Denn viele Entscheidungen treffen wir ohnehin gemeinsam. Daswar für mich ein langer, nicht immer einfacher Prozess des Loslassens und des Vertrauens. Es gibt natürlich auch Konflikte, aber die sind sehr wichtig, weil das für uns ein Motor ist und uns weiterbringt, auch wenn es vielleicht im Moment mühsam ist. Es muss nicht immer alles nur harmonisch sein in unserer Arbeit und in unserem Denken.
Das Ziel ist es, ohne Dirigent:in aufzutreten, was aber bei neuer Musik sehr schwierig ist. Ich versuche, der Sache zu dienen, im Sinne der Komponist:innen und der Musiker:innen.
Sie haben einige Konzerte mit renommierten Orchestern gegeben und es sind auch weitere geplant.
Cordula Bürgi: Ja, etwa mit den Münchner Philharmonikern, dem Concertgebouw Amsterdam, den Wiener Symphonikern und nächstes Jahr mit dem WDR Sinfonieorchester. Diese Arbeit ist sehr wertvoll für das Ensemble, auch für seine Flexibilität. Damit bleiben wir wach und frisch.
Wie sieht es mit den eigenen Konzertreihen aus? Wie entwickeln die sich weiter?
Cordula Bürgi: Unsere eigene Konzertreihe in Graz läuft seit Beginn an, das sind fünf bis sieben Konzerte pro Saison. Die Anzahl hängt von den Fördergeldern ab. Ich habe jetzt angefangen, die Dirigate teilweise abzugeben. Das heißt, ich initiiere als künstlerische Leiterin die Programme, die musikalische Leitung übernimmt jemand anderes.
Cantando Admont bietet verschiedene Vermittlungsformate an: Workshops und Gespräche. Welche Intention steckt da dahinter?
Cordula Bürgi: Wir wollen die Menschen zum Singen bewegen, auch jene, die sagen: „Ich kann nicht singen“, aber eigentlich gerne singen würden. Vielen hat man in der Vergangenheit gesagt: „Nein, nicht singen, sei bitte still!“
Ich liebe es nach wie vor, mit Laien zu arbeiten, ganz ohne diesen Druck, etwas auf die Bühne zu bringen, das perfekt sein muss, und bewertet wird. Wir hatten mit Jugendlichen und den Grazer Keplerspatzen ein großes Projekt 2025 beim musikprotokoll in Graz. Es ist wirklich toll, wenn man bei den Kindern und Jugendlichen merkt, die sonst eigentlich keinen Zugang zu dieser Musik hätten, dass sie total aufblühen.
Was wünschen Sie Cantando Admont zum zehnjährigen Jubiläum?
Cordula Bürgi: Das ist eine gute Frage. Und es ist eigentlich ganz schlimm, was mir als erstes in den Sinn kommt: Wir brauchen Geld für gute Arbeitsbedingungen, damit wir uns nicht ständig Sorgen machen müssen. Wenn es zum Beispiel krankheitsbedingt einen Ausfall gibt, haben wir kein Budget für einen Ersatz. Unsere Arbeit ist sehr ausbeuterisch, wir sind seit Jahren mit unseren Tagessätzen nicht raufgegangen, trotz Inflation. Es sind eigentlich katastrophale Zustände.
Meine dringenden Fragen sind: Wann bekommen wir endlich gute und leistbare Proberäume? Wann haben wir ein gesichertes Einkommen für diese unglaubliche Arbeit? Dazu kommt erschwerend, dass – vor allem bei Frauenstimmen –, das professionelle Singen irgendwann vorbei ist. Was machen sie dann?
Vielen Dank für das Gespräch!
Marie-Therese Rudolph
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Termine:
Sonntag, 31. Mai, 20:58 Uhr, Zeit-Ton
Ö1-Radiotipp: Cantando Admont singt Krenek und Ockeghem beim Osterfestival Tirol
Freitag, 19. Juni 2026
Louth Contemporary Music Festival – Coming Together
St Nicholas’ Church of Ireland
Samstag, 20. Juni 2026
Louth Contemporary Music Festival – Beat Furrer
St. Vincent’s Chapel
Samstag, 27. Juni 2026, 11:00 Uhr
Ausstellungseröfnung: Matinee – Analytische Schönheit
BRUSEUM/Neue Galerie Graz
Dienstag, 21. Juli 2026, 20:00 Uhr
Salzburger Festspiele – Overture spirituelle – Miserere hominibus
Kollegienkirche Salzburg
Freitag, 24. Juli 2026, 20:30 Uhr
Salzburger Festspiele – Overture spirituelle – Infelix ego
Kollegienkirche Salzburg
Donnerstag, 30. Juli 2026, 20:30 Uhr
Salzburger Festspiele – Overture spirituelle – For Samuel Beckett
Kollegienkirche Salzburg
Mittwoch, 2. August 2026, 19:30 Uhr
Festival St. Gallen – Komponistenporträt Beat Furrer
Burg Gallenstein
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Links:
Cantando Admont
