„We don’t care about the lyrics in Sweden“ – BIRGIT DENK im mica-Interview

BIRGIT DENK, Sängerin, Frontfrau und Mastermind der Dialektband DENK hat sich Zeit genommen, um im Wiener CAFÉ DRECHSLER mit Petra Ortner über ihr neues, in Schweden produziertes Album „Tänker“, die Arbeit an der Musik und ihre Sicht auf die österreichische Musikszene zu plaudern.

Sie sind nun seit siebzehn Jahren auf der Bühne, machen Musik und kennen das Musikbusiness sehr gut. In der Zeit hat sich in Österreich vieles verändert. Was finden Sie gut und was nicht so toll?

Birgit Denk: In Österreich hat man natürlich immer diesen kleinen Ost-Blick, dessen ich mir total bewusst bin, weil die Wienerin oder der Wiener gerne glaubt: „So wie es bei uns ist, ist es in ganz Österreich.“ Das ist genauso nicht wahr wie: „So wie es bei uns ist, ist es auf der ganzen Welt.“ Ich glaube, dass es eine wahnsinnig agile Musikszene gab und gibt, von der man gar nichts weiß. In Tirol, Kärnten, Vorarlberg oder Salzburg. Von denen bekommen wir total wenig mit. Und ich glaube auch, dass die Leute im Westen nicht sehen, was bei uns im Osten los ist. Weil noch immer, das hat sich leider nicht verändert, ein verbindendes Medium in Österreich fehlt. Ich kann zwar in Tiroler Privatsendern möglicherweise Tiroler Bands hören. Das weiß ich aber nicht, ich bin nicht dort und kann nicht sagen, ob es so ist. Ich kann auf Radio Orange in Wien oder Life Radio in Oberösterreich die Krautschädel hören oder was auch immer. Aber dass ich in Wien oder im Burgenland Vorarlberger höre oder umgekehrt, das gibt es eigentlich nur bei FM4. Und der Sender bedient die Indie-Schiene und auch nicht das ganze Spektrum, das da ist. Das ist das, was mir immer noch aufstößt. Was sich total verändert hat, ist die Wertigkeit des Publikums für in Österreich hergestellte Musik. Es gab eine Zeit, aber ich glaube, das ist ganz normal, das geht so in Wellenbewegungen, da haben die Jugendlichen Austropop einfach Scheiße finden müssen. Das ist die Aufgabe der Jugendlichen. Sie müssen schlecht finden, was ihre Eltern gehört haben. Es gab dann Kruder & Dorfmeister und diese ganze Elektronik-Szene. Da hat kein Hahn nach Dialektmusik geschrien, als wir begonnen haben. Da war es das Uncoolste, was man im Jahr 2000 machen konnte. Im Dialekt singen. Das hat sich geändert. Das merkt man. Genauso wie die Leute bei ihrem Billa, Merkur, Adeg, Spar mehr regionale Produkte haben wollen und auch das Brot von der Bäckerei vor Ort wollen, genauso wollen die Leute, so habe ich den Eindruck, auch nicht nur Musik, die aus der großen, weiten Welt kommt. Sie wollen auch ihr kleines oder größeres Regionalprogramm haben. Das sieht man auch bei den Konzerten. Das Publikum ist vielfältiger geworden. Ich habe den Eindruck, die Leute gehen, nach einem kurzen Knick, wo sie kein Geld hatten – was man 2012, 2013 auch gemerkt hat –. wieder auf Konzerte. Und sie gehen auch gerne wieder in kleinere „Hütten“, wo der Hut geht. Das hat sich, seit ich Musik mache, auch geändert. Zum Positiven.

„Was ich mir wünsche ist, dass nicht alle gleich nach Deutschland rennen, weil es funktioniert.“

Und wie sehen Sie die Zukunft der österreichischen Szene?

Birgit Denk: Wie immer rosig, weil ich versuche, auch wegen des mittleren Alters, das ich nun erreicht habe, Kontakt zu den Jungen zu halten. Ich mache seit 1998 auf Radio Orange eine Sendung, in die ich junge Leute einlade, und ich moderiere seit nunmehr fünfzehn Jahren einmal im Monat für die Soundbase in Wien eine Open-Stage-Veranstaltung. Also ich habe schon den Eindruck, dass ich einen Überblick darüber habe, was gerade passiert. Zumindest da bei uns im Osten. Und da sehe ich, dass wahnsinnig viele talentierte Musikantinnen und Musikanten da sind. Sie haben alle viel mehr Selbstwert. Also es stellt sich keiner hin und sagt: „Die Amerikaner können alles besser“, sondern es sind recht „goscherte“ Leute auf der Bühne. Das finde ich super. Und deshalb sehe ich es eigentlich sehr positiv. Was ich mir wünsche, ist, dass nicht alle gleich nach Deutschland rennen, weil es funktioniert. Das wissen sie und man kann es auch keinem verbieten. Bei mir hallt gerade noch ein wenig The Voice of Germany nach, was ich mir regelmäßig ansehe, wo man plötzlich fünf, sechs, sieben österreichische junge Leute sieht, die tatsächlich in Österreich keine Chance haben. Weil es kein Format gibt, wo man sie sehen könnte. Da haben wir ein wenig ein Problem. So wie aus der Ukraine alle Intellektuellen davonlaufen, laufen offensichtlich gerade die Speerspitzen des Talents aus Österreich nach Deutschland. Es wäre schön, wenn man denen ein Angebot machen könnte. Aber ich habe das Gefühl, dass die Szene sehr kreativ und vielfältig ist. Sehr vernetzt. Dass sehr viele Frauen mittlerweile da sind und dass alles noch viel bunter ist. Und wenn die Wirtschaft draufkommt, dass man damit tatsächlich auch Geld verdienen kann, dann wird es vielleicht noch ein wenig mehr interessanter.

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Welchen Stellenwert hat die Musik in Ihrem Leben? 

Birgit Denk: Denselben wie das Essen, Trinken und Schlafen. Sowohl zum Selbermachen als auch zum Konsumieren ist Musik mein Ausdrucksmittel, das Ding, mit dem ich mich am wohlsten fühle. Ich bin jetzt niemand, der zu Hause sitzt und stundenlang Musik hört. Ich mache das eher sehr punktuell. Ich habe es sehr gerne ruhig und höre mir dann auch wirklich was an. Oder ich entscheide, für mich selbst etwas zu machen.

Ihr letztes Studioalbum kam 2014 heraus. Was ist in der Zeit bis zum aktuellen Album passiert? 

Birgit Denk: 2014 haben wir „Durch die Wüste“ herausgebracht, weil wir uns gerade so gefühlt haben [lacht]. Damals war es so, dass wir in einer ziemlichen Umbruchzeit waren. Viele in der Band haben ihre Erwachsenenzeit endlich erreicht. Spät, aber doch. Und viele in der Band hatten gerade ganz kleine Kinder oder schwangere Frauen zu Hause. Und die Aufnahmen waren damals wahnsinnig intensiv, sehr zeitraubend und sehr anstrengend für alle, weil jeder den Kopf woanders hatte. Das ist so ein Ding, das mir total hängen geblieben ist, dass das damals ein sehr großer Aufwand für jeden war, Zeit für uns zu finden und Musik zu machen. Das hat sich total verändert. Was sich auch verändert hat: Die „Wüste“ war schon ein relativ düsteres Album, wo wir vom Gefühl her sagten: „Vielleicht ist das das letzte Album.“ Das hat keiner gewusst, aber es ist irgendwie mitgeschwungen. Es war einfach so, dass wir sagten: „Wir stecken wahnsinnig viel Zeit und Geld rein, haben aber auch noch siebzehntausend andere Kirtage, auf denen wir herumtanzen, und wir wissen nicht, wie lange wir das energiemäßig so noch stemmen.“ Wir haben es damals sehr genossen, es war aber ein wenig so ein Abschieds-Wehmuts-Ding. Ich finde, man hört das. Es hat sich aber überhaupt nicht bewahrheitet. Wir sehen, dass es geht, und wir finden Energie, haben Zeit und es ist leiwand und gut so.

„Es war wirklich Liebe in der Luft.“

Für das neue Album sind Sie mit der Band nach Schweden gereist. Wer ist auf die Idee gekommen? 

Birgit Denk: Das war eine gemeinsame Hirngeburt. Von Alex, der Bassist ist, Lieder schreibt und mein Lebenspartner ist, und von mir. Wir hatten gemeinsam die Idee: „Wir wollen auf alle Fälle, weil es uns miteinander so gut gegangen ist, mit der ganzen Band wieder ein Album machen.“ Es war wieder Zeit, wir hatten viele Ideen. Wir haben gemerkt, dass die Dialekt-Welle läuft und wir sagten: „Wir waren vorher auch schon da, wir wollen da mit.“ Das Studio in Stockerau, in dem wir jahrelang aufgenommen haben, hat man uns leider abgerissen. Und mit den Erfahrungen, mit den Schwierigkeiten, sich auf die Aufnahmen zu fokussieren, wegen der Kinder und wegen anderer Sachen, haben wir gemeint, dass es eigentlich super wäre, wenn wir für zwei Wochen wegfahren würden. Und zwar nicht dorthin, wo ich mit dem Auto in zwei Stunden wieder zu Hause sein kann. Da wissen wir, dass es in der Band genug gibt, die das dann locker fahren. Wir mussten wo hin, von wo aus man nicht so schnell nach Hause kann. Das war die Grundidee. Und Schweden deshalb, weil ich eine extreme Skandinavien-Liebhaberin bin. Immer war. Der Alex ist ein totaler Griechenland-Fanatiker, aber da ich ihn einmal dazu gezwungen habe, mit mir nach Norwegen zu fahren, war er schnell überzeugt, dass es dort super ist. Schweden hat sich ergeben, weil wir auf der Autofahrt vom italienischen Pordenone nach Graz einen Musiker kennengelernt haben. Den haben wir mitgenommen. Also nicht so romantisch als Autostopper, sondern seine Band hat dort gespielt und hat eine Mitfahrgelegenheit gesucht. Und wie das heutzutage so ist, über Facebook bekommt man davon Wind und so haben wir die mitgenommen. Das waren Schweden und wir haben uns bei der Autofahrt vorgespielt, was die so tun und was wir machen. Dann hat sich herausgestellt, dass der Gitarrist und Mastermind hinter Dead Soul – so heißt die Band – ein Produzent ist. Die waren mit der schwedischen Band Ghost auf Tour und wir waren bei deren Konzert. Und sie sind dann von Italien nach Graz, weil sie auch dort ein Auftritt hatten. Und bei der Autofahrt haben wir mitbekommen, dass Niels Nielsen, der Gitarrist von Dead Soul, auch Ghost produziert, auch viel Popmusik macht. Lange Rede, kurzer Sinn: Er war uns sympathisch, wir hatten einen wahnsinnigen Spaß und sind kurzerhand ein paar Monate später nach Schweden geflogen, haben uns dort das Studio angesehen, wo er aufnimmt. Dann haben wir uns das Ganze durchgerechnet, sind draufgekommen, dass wir uns das nie leisten können, und darum meinten wir: „Moch mas!“ Wir haben dann noch die Kollegen überzeugt, indem wir den Niels einfliegen haben lassen, und nach zwanzig Minuten im Proberaum haben sich alle in ihn verliebt. Es war wirklich Liebe in der Luft. So haben wir beschlossen, dass wir Lieder schreiben und alles dann via Skype schicken, weil das heutzutage eh schon so leicht geht. Oder wir schickten uns das Ganze per Dropbox hin und her und der Niels gab seinen Senf dazu. Wir haben dann schließlich beschlossen, dass er damit tun und lassen darf, was er will. Er wusste, was er machen muss. Er hatte dann, nachdem wir in Linköping alles aufgenommen hatten, freie Hand beim Mischen. Elemente wegzulassen, ein Keyboard dazu zu spielen, eine Cowbell zu schlagen, wenn er glaubt, da gehört noch eine. Er hat alles komplett produziert, gemischt, in Stockholm wurde das Album gemastert und wir haben das Ding dann in Deutschland herstellen lassen [lacht].

Bild (c) Joakim Sjöholm

Wie viel hat der Produzent an den Songs verändert?

Birgit Denk: Er war schon beim Songwriting ziemlich involviert. Er hat sehr viel gekürzt, sehr viel hinterfragt. Warum jetzt die zweite Strophe genauso lang sei wie die erste, denn das könne man kürzer machen, und so weiter. Er hat ein starkes schwedisches Popgehör, obwohl er sehr viel Metal macht. Er hat sich viel in die Abläufe eingemischt, wie ein Lied – wie er glaubt – auch funktionieren kann. Beim Mischen hat er dann viele Spuren, die wir aufgenommen haben, gar nicht verwendet. Er hat alles sehr ausgedünnt. Er wollte sich auf die Texte nicht übersetzen lassen, sondern sagte: „We don’t care about the lyrics in Sweden.“ Was man bei manchen ABBA-Texten gut nachvollziehen kann. So haben wir dann gemeint, dass wir ihm sagen, worum es im Lied geht, was man meistens auch an der Musik erkennt, und er hat dann sehr viel mit der Stimme gearbeitet. Was wir uns hier in Österreich immer nicht getraut haben, weil wir immer als oberste Direktive hatten: „Die Leute müssen den Text verstehen. Sie müssen auf jeden Fall jedes Wort verstehen.“ Davon sind wir mit Niels etwas abgerückt, weil er meinte, dass man auch auf Englisch nicht alles versteht, auch wenn du zum Beispiel Engländer bist. Das ist nicht so wichtig. Manche Phrasen kannst du auch dem Gesang opfern. Ich verstehe natürlich noch immer jedes Wort, weil ich ja auch die Texte geschrieben habe, aber es wurde mit der Stimme, mit Effekten gearbeitet, was wir uns früher nicht getraut haben. Und es klingt wunderschön. Es gibt ein Booklet, wo man, wenn man ein Wort nicht versteht, nachschauen kann [lacht].

„Wir machen Dialektmusik, was nur in einem kleinen lokalen Raum textlich verständigungsmäßig funktioniert, trotzdem kann man es internationalisieren.“

Hat die Reise nach Schweden auch die Texte beeinflusst? 

Cover “Tänker”

Hat die Reise nach Schweden auch die Texte beeinflusst? 

Birgit Denk: Nein, die sind schon vorher entstanden. Wobei schon allein das Wissen, dass das ein schwedisches Album wird, natürlich schon auch mitschwang. Es gibt darauf einen Track, ein Duett mit Anders, dem Sänger von Dead Soul, das ich machen wollte. Wenn wir schon in Schweden sind. Er meinte, er sänge trotzdem gerne auf Englisch. Da war dann schon die Geschichte, dass wir herausgefunden haben, dass es eine Phrase gibt, die im Dialekt genauso klingt wie im Englischen, nämlich „my house“, „mei Haus“. Dafür haben wir dann noch einen Text geschrieben, damit wir beim Refrain dasselbe singen können. Sonst aber haben wir schon versucht, diesen „schrebergartenöffnenden“ Blick zu transportieren. Wir machen Dialektmusik, die nur in einem kleinen lokalen Raum verstanden wird, trotzdem kann man sie internationalisieren. Das war bei der Musik der Plan und hat bei den Texten mitgeschwungen.

Ihr Bassist ist auch Ihr Lebenspartner. Wie beeinflusst das die Arbeitsweise?

Birgit Denk: Da wir uns musikalisch schon wesentlich länger kennen als anders, hat das die Arbeitsweise nie beeinflusst. Weil wir schon lange zusammengearbeitet hatten. Zeitweise ist es aber schon so, dass wir uns selbst manchmal bei der Nase nehmen müssen, damit nicht von der Früh bis in die Nacht das Produkt im Mittelpunkt steht. Momentan erlauben wir es uns. Wir promoten das Album und spielen viel. Aber wir versuchen, uns schon hin und wieder nicht nur mit der Arbeit zu beschäftigen.

Ich denke, dass das manchmal schwer sein kann. 

Birgit Denk: Ja, es hat seine Vor- und Nachteile. Für mich ist ein Vorteil: Meine Oma und mein Opa waren Bauern und meine Oma sagte immer: „Gibt es etwas Schöneres, als mit der Person, die du geheiratet hast und die du magst, den ganzen Tag zusammen zu sein?“

Sie sind auch Moderatorin im Radio und TV sowie Autorin. Sehen Sie diese Dinge als Ausgleich oder Ergänzung? Oder ist das für Sie alles ein Paket, das zusammengehört?

Birgit Denk: In Wirklichkeit ist es so, dass mich wahnsinnig viele Sachen interessieren. Mich interessieren wahnsinnig viele Leute. Ich bin gern unter Leuten. Und ich bin sehr gerne dort, wo etwas passiert. Wenn man das jetzt auf der kreativen Ebene sieht, dann gehört noch mehr dazu als nur zu singen. Auf der anderen Seite war es schon auch ein wenig ein Ding, das notwendig war. Dass man sich breit aufstellt. Das war irgendwie klar. Ich bin ausgebildete Sozialpädagogin und habe bei der Caritas und so gearbeitet, was auch sehr viel Spaß gemacht hat. Dann wurden die fünf Wochen Urlaub fürs Touren immer enger. Ich wusste, wenn ich mit der Musik in Österreich leben will, dann geht das die längste Strecke nicht nur mit der Musik allein. Darum habe ich mir dann etwas gesucht, was mit der Musik verwandt ist. Mit Musik zu tun hat. Deshalb moderiere ich zum Großteil Sachen, die auch mit Musik zu tun haben. „Denk mit Kultur“ war eine Möglichkeit, Musik ins Fernsehen zu bringen, ohne dass man es merkt. Meine Moderationen sind immer im Rahmen von Musik. Und das Buch, das ich geschrieben habe, handelt auch von Plätzen in Wien, wo Musik passiert. Und früher habe ich auf Okto selbst eine Sendung gemacht – live von Konzerten in Wien. Es hat alles mit Musik zu tun.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Petra Ortner

DENK live
08.12. Jägerhof, Mannersdorf
15.12. Theater am Spittelberg, Wien
16.12. Theater am Spittelberg, Wien
20.12. WUK, Wien

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