Mit „Decisions We Make“ (BMC Records) präsentiert der in Wien lebende ungarische Perkussionist András Dés ein Quartettalbum, das durch seine hohe Musikalität besticht. Gemeinsam mit Philipp Nykrin, Martin Eberle und Kenji Herbert versammelt er drei prägnante Stimmen der Wiener Jazzszene zu einem fein austarierten, zugleich offenen Klangbild. Die vier Musiker agieren auf Augenhöhe, hören einander aufmerksam zu und entwickeln aus diesem Dialog heraus eine Musik, die zwischen Komposition und freier Improvisation fließend vermittelt. Trotz der hohen künstlerischen Dichte bleibt der Ton zugänglich: melodisch, transparent und von einem harmonischen Zusammenspiel geprägt, das Kontraste nicht glättet, sondern in eine stimmige Gesamtbewegung überführt. Im Interview mit Michael Ternai spricht András Dés über seine Interpretation von Improvisation, seine Liebe zur musikalischen Vielfalt und darüber, warum es ihm wichtig ist, dass Musik auf demokratische Weise entsteht.
Ende März erschien mit „Decisions We Make“ das neue Album deines Quartetts. Wie anders bist du an dieses Album herangegangen als an das Debüt? Was ist die Idee oder das Konzept hinter dem neuen Album?
András Dés: Im Grunde ist das Konzept dasselbe. Ich komponiere Stücke mit offenem Anfang und offenem Ende. Die Improvisation integrieren wir nicht innerhalb der Tunes, wie es im Jazz normalerweise der Fall ist. Dort gibt es üblicherweise Akkordfolgen, über die dann improvisiert wird. Bei uns funktioniert das etwas anders. Ich bringe meine ziemlich strikt komponierten Stücke mit, und wir verbinden sie mit offenen musikalischen Räumen. Ausgehend von dem Stück, das wir gerade gespielt haben, entfalten wir etwas, das vom Moment inspiriert ist, und sehen ein Ziel in der Ferne, auf das wir mit unserer freien Improvisation zusteuern. Das ist das Grundkonzept.
Auch die Aufnahmesession verläuft recht ähnlich. Wenn wir die Reihenfolge der Kompositionen festgelegt haben, spielen wir die Stücke in einem ununterbrochen musikalischen Bogen mehrere Male ein. Am Schluss haben wir dann etwa fünf Aufnahmen, aus denen wir uns für eine entscheiden. So entsteht im Grunde das Album – mit all den kleinen Fehlern, die ich, um ehrlich zu sein, sehr mag. Ich mag das Unperfekte, weil es auch ein Grund ist, warum wir Musik machen. Man kann Risiken eingehen, es passieren Fehler, aber in diesen Momenten fangen dich die anderen auf.
Ich würde sagen, dass das neue Album vielleicht etwas radikaler ist, was Dynamik und Emotionalität betrifft. Es gibt mehr stille Momente, aber auch lautere, fast rockige Passagen. Es hätte auch anders kommen können, und es hätten ebenso Aufnahmen auf dem Album landen können, die weniger extreme Momente enthalten. Aber es wird wohl einen Grund gegeben haben, warum wir uns letztlich so entschieden haben.
Du hast gerade die Dynamik angesprochen. Auf dem Album spielt ihr viel mit Gegensätzen: Es gibt Improvisationen, rhythmisch komplexe Momente, aber auch die von dir erwähnten ruhigen Passagen. Das Schöne ist, dass die Musik dabei in jedem Moment zugänglich bleibt. Man merkt die Komplexität, spürt sie aber nicht als Hürde. Und ein weiterer Punkt wird beim Durchhören klar: Du liebst Melodien.
András Dés: Wenn ich ehrlich bin, denke ich beim Komponieren über diese Aspekte nicht wirklich nach. Ich schreibe einfach Musik, die für mich interessant ist. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich mich gerade für diese Mitmusiker entschieden habe. In der frei improvisierten Musik passiert es manchmal, dass man sich ungewollt in einen dennoch recht strikt definierten Rahmen hineinbewegt, in dem man sich selbst nicht erlaubt, allzu harmonisch oder groovig zu sein.
Für mich bedeutet freie Improvisation etwas anderes als das, was viele mit dem Avantgarde-Begriff verbinden. Für mich heißt freie Improvisation, dass alles passieren kann. Wenn wir als Band einen Weg finden, der fast wie ein Pop-Tune wirkt, mit Harmonien und sehr melodischen Elementen, dann liebe ich das, weil die Musik in diesem Moment genau so aus uns herauskommt. Genauso empfinde ich es, wenn plötzlich ein noisiger Abschnitt entsteht. Bei Martin Eberle, Philipp Nykrin und Kenji Herbert habe ich das Gefühl, dass sie einen ähnlichen Ansatz verfolgen: Mit ihnen kann alles passieren. Es gibt keine emotionalen oder musikalischen Grenzen. Sie sind sehr offen und man kann mit ihnen in wirklich verrückte musikalische Räume eintreten. Gleichzeitig gefällt es ihnen aber auch, wenn sich die Musik in eine zugänglichere Richtung entwickelt. Sie haben keine Angst, in unterschiedliche Richtungen zu gehen. Das verbindet mich sehr mit ihnen – und genau das finde ich besonders spannend.
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Du hast gerade deine drei Bandkollegen erwähnt. Sie sind alle für ihre jeweils sehr eigenständigen Stile bekannt. Kenji hat seinen ganz eigenen Gitarrenstil, Martin seine eigene Art, Trompete zu spielen, und auch Philipps musikalische Sprache ist unverkennbar. Hattest du, als du sie gefragt hast, einen bestimmten Sound im Kopf? Für ein Jazzquartett ist die Besetzung instrumentell ja auch eher ungewöhnlich.
András Dés: Ja, wir haben kein Bassinstrument. Der Grund dafür ist, dass man, wenn in einem Setting eine Funktion fehlt, diese irgendwie ersetzen muss. Man muss ein bisschen anders spielen, eine andere musikalische Lösung finden. Deswegen bewegt man sich immer ein wenig „on the edge“. Das ist eine spannende Herausforderung: Man muss aufpassen, nicht herunterzufallen, aber da sind ja die anderen, die einen auffangen.
Phil kann mit seiner linken Hand sehr starke Basslinien spielen, und auch Kenji kann auf der Gitarre sehr coole Basslinien übernehmen. Aber generell muss ich sagen, dass ich nicht gezielt nach Musiker:innen für einen bestimmten Sound gesucht habe. Ich habe eher nach Menschen gesucht, die ihren ganz eigenen Sound haben – und nach solchen, mit denen wir uns verbinden können und mit denen ich einen ähnlichen Zugang zur Musik teile, wie ich es schon gesagt habe: diese besondere Aufmerksamkeit.
Wie kann man sich den Entstehungsprozess dieser Musik vorstellen? Bringst du vorher Ideen ein oder entsteht alles tatsächlich im gemeinsamen Spiel?
András Dés: Meine Kompositionen sind ziemlich strikt geschrieben, und daran halten wir uns zunächst auch. Aber ich mag es sehr, wenn die Leute selbst Entscheidungen treffen. Natürlich müssen wir das Stück zuerst lernen, aber es inspiriert mich, wenn plötzlich jemand sagt: „Lass mich etwas an der Melodie ändern.“ Wir kennen sie ja bereits, wir können sie spielen, und gerade dann wird es spannend, wenn während des musikalischen Prozesses neue Ideen entstehen und jemand beschließt, die Komposition zu verändern. Es ist mir wichtig, dass alles möglich ist. Ich möchte keine festen Vorgaben machen.
Die einzige Richtung, die wir wirklich festlegen, ist die Reihenfolge der Stücke. Mein großer Traum wäre, dass wir eine echte Touringband sind und etwa drei Konzerte im Monat spielen oder zwei Wochen am Stück auf Tour gehen. In diesem Szenario hätten wir alle Stücke und Melodien so präsent im Kopf, dass Martin während eines Konzerts plötzlich sagen könnte: „Lasst uns diese andere Melodie spielen“, die an diesem Abend vielleicht gar nicht auf der Setliste stand.
Woher kommt diese Idee der musikalischen Offenheit? Vom traditionellen Jazz hast du dich ja schon vor längerer Zeit entfernt und dich diesem offeneren Stil zugewandt. Was war deine Motivation dafür? Warum nicht einfach Standards spielen?
András Dés: Das ist eigentlich eine gute Frage. Ich glaube, angefangen hat es mit meinem Trio. Wir haben unser Album 2017 aufgenommen. Es war das erste Album, das ich bei BMC Records veröffentlicht habe, und es trug den Titel „The Worst Singer in the World“. Damals spielten wir mit zwei Gitarristen. Das war das erste Projekt, in dem wir diesen langen, ununterbrochenen musikalischen Bogen ausprobiert haben. Auch unsere Konzerte haben wir in diesem Stil gestaltet. Ich kann mich allerdings nicht mehr genau erinnern, wie ich darauf gekommen bin, das auszuprobieren. Ich glaube, es hatte auch mit der Szene in Budapest zu tun, mit den Leuten, die mich damals umgeben haben – es lag irgendwie in der Luft. Aber ich kann nicht genau sagen, wie es entstanden ist. Was mich jedoch immer interessiert hat, war Storytelling. Ich liebe Musik, bei der ich das Gefühl habe, dass alles möglich ist. Natürlich kann das auch in einer strengeren Form passieren, wie zum Beispiel im Standard-Jazz.
Ich habe vor Kurzem im Porgy ein Konzert des Bobo Stenson Trios gesehen. Es war ein wundervolles Konzert, und ich hatte dort ein ähnliches Gefühl – sie spielten auf eine eher traditionellere Weise, also mit klar voneinander getrennten Stücken und eher klassischen Formen. Sie haben zwar auch mit den Formen experimentiert, aber insgesamt war es dennoch traditioneller als das, was wir hier machen. Trotzdem hatte ich auch dort das Gefühl, dass alles möglich ist.
Und ich liebe das einfach. Das ist der Ansatz, der mich wirklich fasziniert. Glücklicherweise habe ich auch andere Bands, mit denen ich traditioneller spiele. Aber in meiner eigenen Band verfolge ich diesen offenen, experimentelleren Weg – so liebe ich es, Musik zu kreieren.

Was für mich wirklich wichtig ist, ist, dass die Musik auf demokratische Weise entsteht. Wir bewegen uns alle auf Augenhöhe und sind stark voneinander abhängig. Deshalb braucht es eine tiefe Vertrauensbasis. Dieses Vertrauen ist entscheidend. Wenn es in einer Band nicht vorhanden ist, ist der ganze Prozess zum Scheitern verurteilt. Dann kann man keine Musik gemeinsam entwickeln, weil man dem Weg, den die anderen einschlagen, nicht vertraut. Es kommt zum Beispiel oft vor, dass sich jemand bewusst dafür entscheidet, gegen die bestehende musikalische Richtung zu gehen, um etwas radikal Neues auszuprobieren. Wenn dann das Vertrauen fehlt, dass daraus etwas Spannendes entstehen kann, ist das Ganze zum Scheitern verurteilt.
Ist das Vertrauen jedoch vorhanden, versteht man, was die andere Person vorhat, und erkennt, dass ihre Idee der Musik ein aufregendes neues Element hinzufügen kann.
Was ich an diesem Album wirklich mag, ist, dass man eine Band spielen hört. Obwohl jede:r seine Momente auf dem Instrument hat, steht nicht im Vordergrund, wie virtuos der oder die Einzelne spielt. Es geht nicht um eine Show.
András Dés: Ja, das ist sehr wichtig. Ich habe nie das Gefühl, dass jemand seine Fähigkeiten zur Schau stellen möchte, obwohl alle über beeindruckende technische Möglichkeiten verfügen. Es geht immer darum, gemeinsam Musik zu schaffen. Natürlich gibt es Momente, in denen man denkt: Wow, diese Person kann wunderschöne, spannende und sehr besondere Dinge auf ihrem Instrument machen. Aber das ist nicht das Entscheidende.
Was man aus deiner Musik auch heraushört, ist, dass du mehr musikalische Einflüsse hast als nur Jazz. Man hört Pop-Harmonien, rockige Elemente und auch Einflüsse aus der Klassik. Welche Musikrichtungen hörst du besonders gerne?
András Dés: Das ändert sich ständig – ich habe keine Grenzen beim Musikhören. Ich war immer offen für alle möglichen Musikstile, von der Klassik bis hin zu den verschiedensten Formen der Popmusik. In meinen Projekten habe ich auch schon viele unterschiedliche Instrumente eingebunden – etwa solche aus verschiedenen Folk-Traditionen, aus Südamerika, dem Nahen Osten oder vom Balkan. Außerdem habe ich viel Folkmusik gespielt, etwa ungarische, arabische oder bulgarische Musik. Das ist etwas Unglaubliches und fasziniert mich immer wieder.
All die wunderbaren Errungenschaften der menschlichen Kultur – das, was die Menschheit über Tausende von Jahren entwickelt und hervorgebracht hat – interessieren mich sehr. Deshalb möchte ich mich beim Musikhören nie einschränken.
Als du 2017 nach Wien gekommen bist – wusstest du damals schon etwas über die sehr lebendige und diverse Jazzszene hier?
András Dés: Ja. Diversität ist sehr wichtig für mich. Ich bin sehr glücklich, dass ich hier so viele unglaubliche Menschen kennenlernen konnte – nicht nur fantastische Musiker:innen, sondern auch wunderbare Persönlichkeiten aus der ganzen Welt, die hier leben. Durch sie lerne ich mehr über ihre Kulturen und ihre Musik. In Wien habe ich die Möglichkeit, tiefe menschliche Verbindungen aufzubauen.
Für mich war es vielleicht auch ein bisschen einfacher, weil Ungarn in vielerlei Hinsicht einiges mit Österreich gemeinsam hat. Ich denke, andere tun sich da möglicherweise etwas schwerer. Für mich war es jedenfalls sehr leicht, mit österreichischen Kolleg:innen in Kontakt zu kommen. Aber auch darüber hinaus fiel es mir leicht, mich mit Musiker:innen aus anderen Ländern zu verbinden.
Ich liebe diese Vielfalt. Ich liebe die unterschiedlichen Farben, die dadurch entstehen. Und ich schätze auch sehr, dass viele Musiker:innen aus der klassischen Szene kommen und mit ihren Instrumenten improvisieren.
Aber trotzdem – im Vergleich zu anderen Projekten: Du hast ja auch mit einigen großen Namen gespielt. Was macht dieses Projekt für dich besonders? Nicht nur musikalisch, sondern auch emotional?

András Dés: Ich denke, es ist vor allem diese Art, Musik zu kreieren, die mich am meisten interessiert. Und dann ist da noch der Umstand, dass ich Menschen gefunden habe, die sich ebenso stark dafür engagieren, Musik auf diese Weise entstehen zu lassen. Außerdem sind es einfach großartige Menschen. Das allein reicht schon, um sich dafür zu begeistern. Und natürlich ist es auch meine eigene Musik.
Das heißt aber nicht, dass ich mich in anderen Projekten weniger engagiere. Ehrlich gesagt fühle ich mich sehr glücklich, Teil so vieler wunderbarer Projekte zu sein. Zum Beispiel hatte ich heute eine Probe mit drei anderen Musiker:innen. Alle sind hochqualifiziert und absolute Weltklasse.
Mahan Mirarab spielt Gitarre. Basma Jabr ist eine unglaubliche Sängerin aus Syrien. Wien kann wirklich stolz sein, solche außergewöhnlichen Musiker:innen zu haben. Und dann ist da noch Daniele Camarda – er ist noch relativ neu in der Wiener Szene, ein Bassist aus Sizilien, der nach Wien gezogen ist.
Auch das ist für mich ein Traum. Wir hatten heute eine wunderschöne Probe. Und ich könnte dir noch viele andere Projekte nennen, bei denen ich mich ähnlich glücklich fühle. Wenn man Musik mit solchen Menschen macht, fühlt man sich wirklich als Musiker – und genau das wollte ich immer.
Vielen Dank für das Interview.
Michael Ternai
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