Bild Elis Noa
Elis Noa (c) Vilma Pflaum

„Wahrheit tut nur am Anfang weh“ – ELISA GODINO (ELIS NOA) im mica-Interview

Mit der rhetorischen Frage „What Do You Desire?“ betitelt das österreichische Duo ELIS NOA sein Debütalbum und verweist damit inhaltlich gleich auf die Essenz: soulige Popsongs, die sich mit Verwundbarkeit, Zerwürfnissen, aber vor allem mit Ehrlichkeit auseinandersetzen. Das Album ist am 14. August 2020 erschienen und wird am 2. Oktober im Wiener RADIOKULTURHAUS präsentiert werden. Mit Julia Philomena hat die eine Hälfte von ELIS NOA, nämlich die Sängerin und Musikerin ELISA GODINO, über Menschen, Musen und die Überwindung der Metaphern gesprochen.

„What Do You Desire?“ ist der Titel eures Debütalbums. Stellt ihr die Frage euch selbst oder den Zuhörerinnen und Zuhörern? Welche Grundstimmung soll damit vorgegeben werden?

Elisa Godino: Die Frage „Was wünschst du dir?“ resultiert aus einer intensiven Beschäftigung mit unserem Inneren während des Schreibens des Albums. Wir haben uns letztes Jahr bewusst Zeit genommen, um uns zu fragen, ob wir wirklich glücklich sind, und haben versucht, diese Frage so ehrlich wie möglich zu beantworten. Dieses Debütalbum ist also ein Ausdruck dieses Prozesses, es kann aber auch gerne eine Einladung an die Zuhörerinnen und Zuhörer sein, sich dieser Frage selbst zu nähern.

„Die Musen bei „What Do You Desire“ waren Menschen, die starke Gefühle hervorgerufen haben […]

Jede Nummer ist laut eurer Eigendefinition aus der Erfahrung mit einer Muse entstanden. Was macht einen Menschen zu einer Muse?

Elisa Godino: Ich kann nur Texte schreiben, wenn ich eine reale Person im Kopf habe, die ich in meinen Texten anspreche. Die Musen bei „What Do You Desire“ waren Menschen, die starke Gefühle hervorgerufen haben, welche ich versuchte habe, in den Songs zu verarbeiten. Zu diesen Personen muss ich eine starke Verbindung fühlen. Die Muse ist für mich ein besonders spannender Charakter, der mich in seinem Wesen stark berührt. Meist in einer Mischung aus Faszination und Zerwürfnis.

Die erste Single, die ihr als Vorboten des Albums veröffentlicht habt, war „Nude“, eine Nummer in der es inhaltlich vor allem um Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und – wie der Name schon verrät – emotionale Nacktheit geht. War es euch wichtig, mit der Nummer thematisch einen Leitfaden vorzugeben? 

Elisa Godino: Es war mir enorm wichtig, textlich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ich habe ganz bewusst auf das lyrische Ich verzichtet. Ich wollte meine Gedanken in keine Metaphern kleiden, sondern die Worte genau so niederlegen, wie ich sie dachte. Es hat sich dadurch ein enormes Freiheitsgefühl in mir entwickelt, das sich nicht nur im Texten von neuen Songs zeigt, sondern auch im Umgang mit Menschen. Ich habe weniger Angst vor Zurückweisung und davor, mich so zu zeigen, wie ich bin.

Ist emotionale Nacktheit etwas, was deiner Meinung nach in unserer Gesellschaft fehlt? Oder ist Ehrlichkeit wieder en vogue?

Bild Elis Noa
Elis Noa (c) Vilma Pflaum

Elisa Godino: Ich glaube, beides. Teilweise begeben wir uns durch Social Media und den wachsenden sozialen und arbeitsbedingten Leistungsdruck in eine irreale, andauernde Suche nach Perfektion. Andererseits empfinde ich in meinem Umfeld eine wachsende Offenheit gegenüber der eigenen Verletzlichkeit und Imperfektion. Menschen sprechen offener über psychische Krankheiten oder familiäre Probleme. Ich glaube, dass wir durch die Auseinandersetzung mit uns selbst und mit dieser Offenheit zu innerer Freiheit und zur Akzeptanz unserer menschlichen Facetten finden.

„Wir versuchen, uns selbst so wenig wie möglich in eine Stilistik einzugliedern […]

Musikalisch bewegt ihr euch zwischen Elektronik, Soul und Pop, schreibt die Presse. Seht ihr das selbst auch so?

Elisa Godino: Wir versuchen, uns selbst so wenig wie möglich in eine Stilistik einzugliedern, weil wir so viel unterschiedliche Musik konsumieren, die dann den Sound beeinflusst. Elektronik, Soul und Pop sind sicher entscheidende Merkmale, wir hören aber auch traditionellen Jazz, Singer-Songwriterinnen und Singer-Songwriter, Hip-Hop etc.

Die inhaltliche Ebene ist sehr stark und wesentlich bei dem Album. Beruht das auf einer Inspiration, beispielsweise auf der einer Muse, die eine ähnliche Herangehensweise an Musik hat?

Elisa Godino: Das Album ist inhaltlich und musikalisch eine Momentaufnahme unseres Inneren und der Ausdruck davon. Wir haben musikalisch versucht, so klar wie nur möglich zu instrumentieren und zu produzieren. Die Songs sind dadurch einfach Erkundungen von Affekten. Es ging uns nicht darum, Antworten zu finden, sondern darum, uns intuitiv musikalisch heranzutasten. Inhaltlich haben wir versucht, Verlangen und Selbstwert im Beziehungskontext und außerhalb zu erkunden und das Konzept individueller Freiheit und Lust infrage zu stellen. Das Komponieren an sich ist für mich einfach eine notwendige Praxis, die aus dem starken Wunsch nach Ausdruck resultiert.

„You gave me nothing“ ist die langsam, ruhig und sehr klar gesungene erste Zeile eurer letzten Single „Still nothing (Goddamn)“. Was wird in dem Lied verarbeitet?

Elisa Godino: In „Still Nothing (Goddamn)“ geht es um Selbstwert und darum, die Dinge beim Namen zu nennen. Das Grundgefühl des Songs war die Aufforderung an die Muse, ehrlich zu sein. Sag, was du fühlst, und hör auf, dich zu verstecken. Wahrheit tut nur am Anfang weh.

Was wünscht ihr euch für das Debütalbum, für eure Musik generell und für die zweite Hälfte dieses Jahres? 

Elisa Godino: Momentan konzentrieren wir uns auf die Live-Umsetzung der Album-Songs, am 2. Oktober spielen wir die offizielle Release-Show des Albums, das ist ein schöner Schritt. Ansonsten schreiben wir gerade am zweiten Album und sind sozusagen wieder beim Erkundungsprozess angelangt. Diese kreative Arbeit ist für mich der schönste Bereich des Musikerinnendaseins. Ich genieße sie sehr!

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Julia Philomena

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Elis Noa live – Albumrelease-Konzert
2.10. Radiokulturhaus, Wien
19:30 Uhr

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Links:
Elis Noa (Website)
Elis Noa (Facebook)
Las Vegas Records