„Unser Platz ist die Metaebene.“– Raptoar & Windshadow im mica-Interview

Mit „Haragei“ (Dub A Sense) legen Raptoar und Windshadow ein gewaltiges Werk zwischen Beats, Skills und Wordplay vor. Dabei besticht die zweite Zusammenarbeit von Johannes Mantl (wie Raptoar bürgerlich heißt) und  seinem Bruder Thomas Mantl (Windshadow, aber auch Drummer und Producer der Salzburger Reggae/Dub-Institution Moby Stick) auch durch einen Mix aus Lockerheit und Stringenz, bei dem gekonnt mit avancierten Spielarten von HipHop und Dub-Reggae jongliert wird. Dabei stellen die einzelnen Tracks auch kongeniale Hommagen und Auseinandersetzungen mit japanischer (Pop-)Kultur, die als Einfluss – und Inspirationsquelle zwischen Video-Games, Animes/Mangas sowie Kampfsport und Philosophie die beiden Musiker schon seit Kindheit an geprägt hat. Didi Neidhart hat mit Johannes und Thomas Mantl über das Album „Haragei“ (VÖ: 11.06.2026), dessen Einflüsse, Absichten und Entstehungsgeschichte unterhalten.

2008 ist mit „Roar“ das Debüt von Raptoar herausgekommen, 2018 gab es dann mit „360“ eure erste Zusammenarbeit und jetzt gibt es mit „Haragei“ wieder ein Lebenszeichen. Aber wieso diese lange Pause? Brauchen die Tracks so lange? Oder lasst ihr euch einfach gerne Zeit?

Raptoar: Eigentlich hätten wir noch zwei Jahre warten sollen mit dem Release, damit jedes Jahrzehnt was erscheint, aber ich habe einfach keine Geduld. Da Zeit eine Illusion ist und nur das unendliche Jetzt real ist, fühl ich mich nicht ganz im Stande deine Fragen adäquat zu beantworten. Bruderherz was sagst du?

Windshadow: Haha. Ja eine 10 Jahres Spanne wäre in der heutigen Zeit ja schon wieder ein Statement. Tatsächlich ist es eine Mischung aus Ereignissen. Zum Ersten nehmen wir uns gerne die Zeit die Songs auszufeilen und zu einem harmonischen Album zu formen, zum anderen waren die letzten Jahre für mich persönlich sehr durchwachsen. Die Zeit und der Vibe müssen stimmen um 100% hinter dem eigenen Schaffen zu stehen. Daran hatte ich leider etwas gezweifelt.

Das Album scheint deutlich von japanischen Referenzen und Einflüssen geprägt zu sein. Woher kommt das? Sind das die Früchte von frühem Manga/Anime-Fantum?

Windshadow: Als kleiner Bruder haben mich Jo’s Interessen natürlich immer stark mitgeprägt. Wu Tang, Afu-Ra und Jedi Mind Tricks waren definitiv große Einflüsse. Bei mir waren es dann Wing Chun und Qigong, die mich auch körperlich in die asiatische Kultur eintauchen ließen und ein ganz anderes Körpergefühl vermittelten als herkömmliche Sportarten. Mangas und Animes wie „Bleach“, „Berserk“, „Naruto Shippūden“ oder „Afro Samurai“ waren bei mir die einschneidenden und prägenden. Mein alter Ego Windshadow entstand auch aus Charakteren wie Afro, Uchiha Sasuke und Byakuya Kuchiki, die mit wenig Worten viel offenbarten.

Raptoar: Ich bin aufgewachsen mit Shotokan Karate Do, das hat mich sehr früh für die philosophische und gelebte Tiefe der japanischen Kultur geöffnet. Hagakure und Musashi’s Buch der fünf Ringe haben definitiv auch einen bleibenden Eindruck hinterlassen. 1980er/1990er Mangas und Animes begleiten unsereins seit jeher. Auch die Natur der japanischen Sprache fühlt sich für mich ganzheitlicher an, als die in unseren Breitengraden stark deskriptive Art des Ausdrucks. Ein umschreibenderes und sich annähenderes Kommunizieren, dass mehr Interpretationsfreiraum lässt und dem Ungesagten mehr Raum und Gewicht gibt, entspricht meinem Wesen deutlich mehr. Den schmalen Grad zwischen Sinn und Chaos zu wandern spiegelt sich glaub ich auch merkbar in unserer Kunst wider.

„Die Zeit und der Vibe müssen stimmen um 100% hinter dem eigenen Schaffen zu stehen.“

Wenn ich den Albumtitel „Haragei“ richtig gegoogelt haben, dann steckt dahinter ein „japanisches Konzept der nonverbalen Kommunikation“. Wie soll man sich das umgesetzt auf eure Musik und die damit verbundenen Arbeitsweisen vorstellen?

Raptoar: Das wäre eine Bedeutung, beziehungsweise einer der Kernpunkte, ja. Wörtlich übersetzt heißt es “Die Kunst des Bauches”, also etwas das nicht wirklich in Worte gefasst werden kann (oder muss). Es bedeutet auch: Das Lesen zwischen den Zeilen, oder Intentionen und wahrhaftigen Sinn durch Implikation zu transportieren. In der Kampfkunst steht es um die Fähigkeit Gefahren und gegnerische Bewegungen zu antizipieren, also eine Form von immerwährender Achtsamkeit, oder besser gesagt, ein Zustand. Der eine oder andere wird das Muster erkennen und zwischen den Zeilen seine eigenen Assoziationen erfahren oder erfühlen.

Windshadow: Die von dir erwähnte Bezeichnung trifft auf meinen Part zu. Ich versuche bewusst durch das Verschleiern meines Gesichts rein mit meinen Händen, meinem Körper und durch Klang zu kommunizieren. Im Sinne der Achtsamkeit ist es mir auch wichtig meine Beats live zu performen, nicht um zu prahlen, sondern um mich selbst zu formen, achtsam zu bleiben und im Moment zu sein.

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Die „Japan-Connections“ gehen ja noch bei einigen Track-Titeln weiter: „Chibaku Tensei“ ist eine Art Kampftechnik aus der Anime-Serie „Naruto Shippūden“, der Begriff „Seijaku“ beschreibt ein Konzept bei dem es um “Stille”, “Ruhe” oder “Gelassenheit“ geht, wohingegen “Shobu ari” im japanischen Kampfsport die Schiedsrichterentscheidung “der Kampf ist entschieden” bedeutet und bei „Yokan“ handelt es sich schlicht um den Namen für eine Süßspeise. Das ist ja schon eine große Bandbreite (und nicht nur die üblichen Kampfsport/Zen-Versatzstücke). Wie kommt es zu solchen Titeln und wie entscheidet ihr euch dann konkret für den einen oder den anderen?

Raptoar: Grandios recherchiert, nur eine Kleinigkeit: die Süßigkeit die du meinst ist „Yōkan“, die Vorahnung die wir meinen ist „Yokan“. Früher gab ich den Tracks gerne Namen die auch in der Hook oder dem Part vorkommen, damit ich weiß was zur Hölle für eine Nummer gemeint ist wenn sich live wer einen Track wünscht. Inzwischen kann ich mit der Unwissenheit leben. Das Intro ist „Yokan“, das lass ich mal so stehen. „Chibaku Tensei“ (Planetare Verwüstung) empfand ich als extrem passend für den 100 Bars-Track auf denselben Triple-Reim. „Seijaku“ ist ein Skit bei dem man mal durchschnaufen kann, „Shobu Ari“ ein würdiger Outro-Skit.

Windshadow: Kleine Notiz am Rande: Der Titel „Shobu Ari“ entstand tatsächlich aus einer gemeinsamen Beat-Em-Up Session von Naruto auf der PS4 und rundete das Ding hervorragend ab.

 „Der japanische Touch entsteht aus der Art und Weise der Verarbeitung.“

Ihr arbeitet dabei ja auch mit Samples, die ich jetzt mal grob mit „asian“ kategorisieren würde. Aus welchen Quellen bedient ihr euch da?

Raptoar: Damit hab ich nichts zu tun.

Windshadow: Samples sind schon immer ein wichtiger Teiler meiner Beats, da ich es als Kunst betrachte aus bestehenden Material Kollagen und Soundscapes zu basteln, die etwas Neues hervorbringen. Das darunter liegende Geflecht aus Referenzen reflektiert ebenfalls das „Lesen zwischen den Zeilen“. Genaue Samples möchte ich aber nicht nennen. Bei „Haragei“ ist es ein Mix aus selbst gespielten Synthesizern, Samples aus diversen Genres wie Folk, 1980’s Synth Wave, Krautrock oder Doo Wop, aber auch KI generierten Sounds geworden. Songs wie „Yokan“, „101“, „Mastermind“, „Dim Mak“ und „Stone Twin“ kommen komplett ohne externen Samples aus.  Bei „Mob At Max“ verbinden sich mehrere Piano- und Doo Wop-Samples aus Vinyl-Quellen gemischt mit Piano Performances von unserem guten Freund Svilen Angelov. Da „Splendid Streak“ ein futuristischer Audio-Log aus dem All ist, habe ich dafür KI-Musik generiert und gesampled. Tatsächlich sind also keine asiatische Samples 1:1 verwendet worden, sondern vielmehr eine weite Spanne an Sounds um ein eigenständiges Klangbild zu erschaffen. Der japanische Touch entsteht also aus der Art und Weise der Verarbeitung.

Was ist bei den Tracks eigentlich früher da? Die Beats, die Sound, die Vocals, oder die Lyrics?

Windshadow: Oft entsteht alles simultan. Manchmal getrennt, manchmal gemeinsam. Meistens ist es ein Mix and Match von Energien aus dem der finale Song entsteht.

Raptoar: Die Vorahnung. Die Energie. Das Bauchgefühl. Das Chaos.

„Den schmalen Grad zwischen Sinn und Chaos zu wandern spiegelt sich, glaub ich auch merkbar in unserer Kunst wider.“

Das Album kommt ja mitunter sehr mächtig daher (im Sinne von Heavy Beatz und eindringlichen Vocals), trotzdem gibt es da eine gewisse Leichtigkeit. Also eine Art Spiel mit Licht und Schatten. Höre nur ich das raus oder war das auch eure Absicht?

Raptoar: Was die hörende Person extrahiert, entzieht sich uns, aber wir haben versucht den Pfad dafür offenzulegen. Schön, dass du es so empfunden hast. Licht bedeutet auch oft Feuer mit Feuer zu bekämpfen oder die Dunkelheit zu nutzen, um das Licht zu erhalten.

Windshadow: Licht und Schatten, Tension und Release, Dichte und Weite… Das sind für mich auf jeden Fall wichtige Parameter, die einen emotionalen Song oder auch gelungenes Album definieren.

Raptoar X Windshadow (c) Stickford

Was mir besonders aufgefallen ist, ist ein Flow, bei dem nicht ganz genau gesagt werden kann, ob das nun von Reggae/Dub beeinflusster HipHop ist, oder von HipHop beeinflusster Reggae/Dub. Ihr kommt ja auch aus diesen Genres und seid dort sehr aktiv. War das auch eure Absicht, ohne Crossover/Fusion-Appeal entlang gewisser Genre-Prinzipen zu arbeiten?

Raptoar: Alles ist eins, Eins ist Null. Mein Weg ist die Entschachtelung, daher kennt meine Perspektive keine Grenzen. Meine Kunst ist die Verschachtelung, daher kennt meine Introspektive keine Fragmente. Der Anfängergeist beinhaltet alles Nötige, es bedarf keiner Absicht. Allein Präsenz und Ausführung entscheiden, das Resultat wird nicht kategorisiert. Ich hoffe das beantwortet genau deine Frage.

Windshadow: Meine Aufgabe ist es die verschachtelten Raps zu verstärken. In welchem Genre das passiert ist nicht so wichtig. Natürlich ist mein Sound geprägt von diesen Genres, allerdings könnte man unter seine Vocals auch eine Dark Ambience legen und es würde auch funktionieren! Wichtig ist mir dabei die Energie der Lyrics zu verstärken, aber auch genug Platz zu lassen. Du bist was du isst, ja.

„Was die hörende Person extrahiert entzieht sich uns, aber wir haben versucht den Pfad dafür offenzulegen.“

Treffen sich beim Reggae/Dub und HipHop nicht auch gewisse (geografisch nicht immer korrekte) Vorlieben für asiatische Kampfkünste (Wu-Tang Clan) und Martial Arts-Filme (Lee „Scratch“ Perry)?

Raptoar: Ja absolut. Das Rhizom ist real. Es gibt doch nichts Schöneres als Symbiosen. Gut, Zellteilung vielleicht.

Windshadow: Symbiose aus verschiedenen Kulturen ist immer etwas Spannendes! Es geht immer auch um ein Körpergefühl, dass daraus entsteht. Genres mit einem Einschlag aus asiatischer Philosophie sprechen mich definitiv an, da es dabei weniger um Materialismus geht, mehr um stärkende innere Werte. Das trifft natürlich bei Reggae als auch bei dem Rap zu.

Können in Zeiten wie diesen, HipHop und Reggae immer noch widerspenstige und widerständige Stimmen repräsentieren oder ist das (siehe US-Rap und Trump) auch nicht mehr so einfach?

Windshadow: Ich denke Ja, nach wie vor. Musik kann Vieles. Vor allem Menschen langfristig berühren. In post-faktischen Zeiten von Rage Bait, Echokammern und dichotomen Denken fokussieren wir uns auf die Essenz. Die menschliche Essenz, die verbindet und nicht entzweit.

Raptoar: Ich bin ungezähmt. Medienabstinent, innere Welt über der äußeren. Trubel wird von mir nicht verfolgt, ich lebe nur in den Künsten. Ja es ist egoistisch, ja ich sollte, müsste, dürfte und ja all die Anderen sollen, müssen, dürfen. Redefreiheit ist ein geniales Konzept, Praxis fruchtbar je nach Kontext. Kurz: ich habe nicht den blassesten Schimmer.

„Es gibt doch nichts Schöneres als Symbiosen.“

Wie reagiert ihr mit euren Beats, Sound und Words darauf?

Raptoar: Unsere Kunst spricht, glaub ich, wirklich für sich selbst. Zeitlosigkeit ist einer der Hauptkerne. Es gibt genug formidable Diskurse, Bewegungen und Konzepte. Unser Platz ist die Metaebene. Sie vereint die Hochebene und die Tiefebene, sie transportiert nicht nur eine Botschaft, sie transportiert den Kern. Alles ohne Animo ist sinnlos.

Windshadow: Anstatt Trends nachzulaufen machen wir unser Ding. Uns selbst treu zu bleiben und auf das Bauchgefühl zu vertrauen schließt den Kreis.

Zum Album gibt es ja auch eine Crowdfunding-Aktion. Wie kam es dazu? Gibt es sonst kein Fördermöglichkeiten, die ihr anzapfen könntet?

Raptoar: Wir glauben an Menschen, die an Menschen glauben. Wir wollten bewusst keine Institutionen oder Fördertöpfe. Kunst offenbart die eigene Seele, offenbart die eigenen Schwächen. Wir strecken die Hände nur gen den wundervollen Menschen mit offenem Herzen und offenem Geist. Andere Energien braucht es nicht.

Windshadow: Crowdfunding ist ein wertvolles Konzept. Man stellt sich dadurch auch etwas den eigenen Ängsten. Es gibt nichts schöneres als Resonanz von echten Menschen. Fördermöglichkeiten gibt es ja in Österreich zum Glück noch viele gute. Für dieses Projekt haben wir uns bewusst dagegen entschieden. Die Resonanz die wir bis zum jetzigen Stand über das Crowdfunding bekommen haben erfüllt uns mit Stolz und Freude und ist unvergleichbar. Das Gefühl wäre ein anderes gewesen ein einfaches OK oder nicht OK für ein Projekt zu bekommen.

Danke für das Interview.

Didi Neidhart

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Links:

Raptoar & Windshadow (Instagram)

Dub A Sense Records

Windshadow (Bandcamp)

Raptoar (Bandcamp)