Bild Christoph Muck und Florian Richling von ForTunes, mit Albert Manzinger von PhonoNet Austria in der Mitte
Christoph Muck und Florian Richling von ForTunes, mit Albert Manzinger von PhonoNet Austria in der Mitte (c) Marc Jarabe

„Uns unterscheidet die Art der Aufbereitung der Daten“ – ALBERT MANZINGER (PHONONET) und FLORIAN RICHLING (FORTUNES) im mica-Interview

Der Musikdienstleister PHONONET AUSTRIA investiert in das Social Media-Analysetool FORTUNES. Die Anwendung ergänzt künftig das betriebseigene MUSIC PROMOTION NETWORK und soll Künstler*innen und Labels Informationen darüber liefern, wo eigene Musik „gespielt, gelistet und erwähnt wird.“ An welche Musikschaffende sich FORTUNES richte, warum Streaming eine große Chance sei und wohin sich die Branche entwickle, haben ALBERT MANZINGER von PHONONET und FLORIAN RICHLING von FORTUNES im Gespräch mit Michael Franz Woels und Christoph Benkeser erklärt. 

Albert Manzinger, Sie sind mit einem sechsstelligen Investment beim Start-up ForTunes eingestiegen. Was macht den Wert der App für Sie aus?

Albert Manzinger: Es geht um drei Dinge: ForTunes hat früh erkannt, dass die Information, wie sich ein Produkt im Social Media-Bereich entwickelt, gerade Künstlerinnen und Künstler interessiert – auch weil es für die Promotion wichtiger wird. Gleichzeitig muss man für relevante Informationen lange suchen, da es immer mehr Social Media-Dienste gibt. Daher finde ich es clever, Monitoring zu betreiben und Informationen zügig auf einem Dashboard zu bekommen.

Der zweite Punkt betrifft die Weiterentwicklung unseres PhonoNet-Produktes MPN. ForTunes nutzen einzelne Künstlerinnen und Künstler, aber auch Labels und Produktmanagerinnen und -manager – also unterschiedliche Leute, die Musik aussenden und wissen wollen, wie sie sich entwickelt. Wir wollen nicht beide Produkte aufweichen, ForTunes bleibt ForTunes und MPN bleibt MPN. Aber wir haben die Möglichkeit, Informationen von ForTunes für die Anzeige in MPN zu nutzen. Dadurch bekommen Userinnen und User in weniger Zeit mehr Information.

Und drittens finde ich ForTunes spannend, weil es ein neuer Weg ist, den Florian Richling und Christoph Muck bestreiten und weil wir vom Mindset her gut zusammenpassen. Wenn man etwas gemeinsam macht, dann ist zwar das Business im Spiel, aber es ist wichtig, mit enthusiastischen Leuten zusammenzuarbeiten.

Sie haben gerade die Informationen angesprochen, die MPN durch ForTunes mitnutzen kann. Um welche Informationen handelt es sich konkret?

Albert Manzinger: Wir haben drei Widgets [ein Widget ist eine Komponente eines grafischen Fenstersystems; Anm.], die uns demnächst zur Verfügung stehen. Das sind „Influencer“, „Social Media Follower“ und „Playlists“. Drei weitere haben wir grob vorformuliert, aber noch nicht feingetuned.

„Die Grundidee beruht auf der Zeitersparnis, die nötig ist in einem Markt, in dem es zu viele Informationen gibt.“

Auf welche Informationen beziehen sich diese Widgets?

Florian Richling: Bei ForTunes geht es um Social Media und Streaming. Playlisting ist das Gegenspiel zu den traditionellen Medien. Deshalb ist es ein Mehrwert, wenn man Playlists auf einen Blick erfassen kann. Spotify haben wir schon integriert, mit Apple Music beschäftigen wir uns gerade. Bei Social Media geht es hauptsächlich klassisch um Fan-Engagement von Followerinnen und Follower und Abonnentinnen und Abonnenten auf YouTube, Instagram und Facebook. Aber auch Reichweiten-Metriken wie Impression-Rate oder Reach sind relevant. Die Userin, der User kann individuell entscheiden, welche Inhalte er einbinden möchte. Die Grundidee von ForTunes beruht auf der Zeitersparnis, die nötig ist in einem Markt, in dem es zu viele Informationen gibt. Viele Leute in der Kreativbranche wollen sich nicht ständig mit Zahlen beschäftigen. Es geht uns darum, den Leuten Zeit zu sparen, ohne auf relevante Inhalte verzichten zu müssen.

Die App richtet sich an Künstlerinnen und Künstler wie Produzentinnen und Produzenten, aber auch Veranstalterinnen und Veranstalter und Managerinnen und Manager. Es geht um Social-Media-Monitoring, also die Analyse der Aktivität des eigenen Profils, zum Beispiel auf Instagram. Das kann aber nicht nur ForTunes, sondern erledigen auch andere Monitoring-Tool-Anbieter wie Soundcharts oder Chartmetric. Wie positioniert sich die Anwendung gegenüber konkurrierenden Monitoring-Apps?

Florian Richling: Ein erster Unterschied ist, dass wir wesentlich günstiger sind. Dann geht es auch um die Darstellung von relevanten Informationen. Uns ist aufgefallen, dass man die Informationen bisher in Table- und Sheet-Formaten, wie man sie von Excel-Tabellen kennt, angezeigt hat. Das macht nicht so viel Spaß, sie zu lesen. Uns unterscheidet also die Art der Aufbereitung der Daten und wie wir darauf Zugriff geben. Man muss bei uns keine Daten suchen, sondern wir geben Bescheid, sobald etwas passiert. Du kannst dich zwar einloggen und über ein Dashboard auf verschiedene Arten Screen-Analysen betreiben, das Kernprinzip ist aber ein Feed, wie man ihn aus dem Social Media-Bereich kennt. Er sagt dir, wenn du auf Spotify auf einer Playlist landest oder wie viele Followerinnen und Follower du gewonnen hast. Das incentiviert dich, bei Bedarf nachzusehen.

Wie sehen diese Nachrichten konkret aus?

Florian Richling: Es ist eine Push-Notification. Bei jedem neuen Event kann man nachsehen.

Sie bieten die App im Freemium-Modell an. Manche Dienste sind gratis, andere kosten.

Florian Richling: Ich persönlich bin kein Fan von Freeware-Modellen, die zuerst behaupten, dass alles gratis ist – nur um später in eine Bezahlfunktion hineinzuführen. Unser Feed ist ohne Bezahlung voll funktionsfähig.

Warum bieten Sie ForTunes gerade als App an?

Florian Richling: Wir wollten eine App, weil Musikerinnen und Musiker oft auf Tour oder im Studio sind. Wir haben aber gesehen, wie schwer das ist, Datenanalyse in eine App zu integrieren. Unser Lösungsansatz ist, nicht direkt Zahlen, sondern Ereignisse in einem News-Feed zu zeigen.

Wie viele Leute nutzen die App mittlerweile?

Florian Richling: Aktuell sind es 25.000. 85 Prozent davon sind Musikschaffende. Ein gar nicht so kleiner Teil hat einen ähnlichen Background wie ich, veröffentlicht also selbst Musik, macht aber auch Management und Engineering. Inzwischen gibt es immer mehr Firmen, die mit uns arbeiten, weil das Engagement-Level bei uns am zeitsparendsten ist. Viele, auch der Data-Scientist in einer Firma, möchte sich Arbeit ersparen. Die öffentliche Meinung war vor fünf Jahren noch ganz anders. Albert Manzinger hat von Anfang an verstanden, was die Idee hinter ForTunes ist. Mit PhonoNet einen bekannten Industrie-Partner zu haben, der sehr viel Vertrauen genießt, hilft natürlich dabei, unsere Message besser zu verkörpern und nicht nur Userinnen und User anzusprechen.

ForTunes App

„DU MUSST DIE INFORMATIONEN NUR EINHOLEN, UM ZU VERSTEHEN, WEM DIE MUSIK GEFÄLLT UND WELCHE EMOTIONEN SIE AUSLÖST.“

Social Media ist spätestens seit Ende der Nullerjahre im Musikbereich wichtig und wird auch konstant wichtiger. Wie hat sich der Zugang aus Ihrer Perspektive verändert?

Florian Richling: Es gibt eine breitere Masse an Menschen in der Industrie, die verstehen, dass Social Media eine wichtige Rolle spielt, und die ist nicht nur auf die Musik bezogen. In der Musik hat das 2003 mit MySpace begonnen. Das war das erste Mal, dass man als Musikschaffender direktes Feedback von den eigenen Fans bekommen konnte. Wenn du Mitte der 1990er Jahre aus einem Tonstudio rausgegangen bist, warst du disconnected von deiner Musik. Du hast nur beim Konzert erfahren, welcher Song am besten beim Publikum ankommt. Heute ist das anders. Du kannst erfahren, welche Personen deine Songs teilen, wann und wie oft sie angehört werden – weil die Informationen da sind. Du musst sie nur einholen, um zu verstehen, wem die Musik gefällt und welche Emotionen sie auslöst.

Man macht also nur noch das, was funktioniert?

Florian Richling: Man könnte genauso argumentieren, dass die Technik nun viel mehr Menschen die Möglichkeit bietet, Musik zu machen. Ist das per se schlecht?

Nein, aber zielgruppen-optimierte Musik zu machen, führt auch dazu, dass man als Hörerin und Hörer nicht mehr so leicht überrascht werden kann.

Albert Manzinger: Es ist eine Frage des Blickwinkels. Sprechen wir von der Hörerin, vom Hörer oder vom Artist? Das macht einen Unterschied. Ich bin seit vielen Jahren in der Musikindustrie und habe oft erlebt, dass manch talentierte Künstlerinnen und Künstler – egal wie hart sie arbeiteten – nie den Breakthrough geschafft haben. Für mich war das unfassbar, bis ich lernte: Es kommt auch aufs Timing an. Man merkt also, dass es gewisse Mechanismen gibt, die sich im Lauf der Zeit verändern. Daher ist es interessant, aus welchem Blickwinkel man die Sache betrachtet. Der Artist möchte primär seine Zielgruppe erreichen können und freut sich über Feedback zu dem Song. Selbst wenn er aus dem Feedback zu dem Song etwas „lernt“ und das für neue Titel verwendet, wird es wieder etwas Neues, das es zu entdecken gibt. Deswegen glaube ich, es gibt trotzdem wieder etwas, was einen überraschen kann.

Florian Richling: Ein positiver Aspekt globaler Vernetzung ist, dass Nischenmusikerinnen und -musiker auch Hörerinnen- und Hörerschaft finden, um davon leben zu können. Es gab noch nie eine bessere Zeit, um es mit Talent zu etwas zu bringen. Mit ForTunes wollen wir gleiche Voraussetzungen schaffen, einem einzelnen Musikschaffenden das gleiche Tool zu geben wie einer großen Musikfirma. Das mobile Musikmachen kommt in den nächsten Jahren sicher verstärkt. In zehn oder 20 Jahren wird niemand mehr auf Laptops, sondern in der Cloud produzieren. Es scheint bereits jetzt immer weniger Hürden zu geben. Die Chancen waren noch nie größer, das Rätsel um die eigene Hörerinnen- und Hörerschaft zu knacken.

Das privatisiert die Verantwortung zum Erfolg? Am Ende ist jede*r Musikschaffende des eigenen Glückes Schmied.

Florian Richling: Super, oder?

Ist es das?

Florian Richling: Ist es nicht gut, dass man ausschließen kann, keine Chance bekommen zu haben? Viele laden sich ForTunes runter und sehen, dass mit ihrer Musik gar nichts geht – das ist deprimierend, aber wertvolle Information. Ich habe im Tonstudio teilweise kommerzielle Sachen gemacht. Ich habe aber auch mit Hobbymusikerinnen und -musikern zu tun gehabt, die auf diese Studiozeit gespart haben, um mir ein Produkt zu bringen, von dem ich wusste, dass es sich nie verkaufen wird. Man tut sich schwer, ihnen zu sagen, dass sie aufhören sollten. Das ist emotional eine schwierige Situation.

Das heißt, es geht darum, dass sich die Musik verkauft?

Florian Richling: Ist Musik ein kommerzielles Produkt?

Das frage ich Sie.

Florian Richling: Wenn du viele Hörerinnen und Hörer hast, verdienst du automatisch Geld. Mit Streaming kann man viel Geld verdienen – ohne Risiko. Früher waren die Ausgaben anders. Viele hatten nicht die Möglichkeit, ihre Musik zu verbreiten. Deshalb sehe ich Streaming als eine große Chance.

Albert Manzinger: Natürlich gibt es mehr Möglichkeiten mit Musik Geld zu verdienen als in der Vergangenheit. Aber: man muss sich damit beschäftigen. Es reicht nicht mehr, einfach gute Musik zu machen. Bestimmte Tools sind notwendig und hilfreich.

Florian Richling: Wenn heute jemand ein smarter Fuchs ist und rechtzeitig mit Livestreaming begonnen hat oder kluge Kampagnen fährt, hat er auch mit schlechterer Musik eine größere Hörerinnen- und Hörerschaft.

„WIE MISST DU HEUTE SONST ERFOLG?“

ForTunes lässt sich als Sprachspiel lesen – der Name gibt vor, für die Musik zu sein, es geht aber gleichzeitig ums Vermögen und ums Glück. Wie passt das alles zusammen?

Florian Richling: Klar, man braucht Glück – und es geht auch ein bisschen ums Geld. Die Namensgebung beschreibt gut, wo wir hinwollen. Es geht um einzelne Musikstücke, aber es geht auch ums Ganze. Man braucht einen gewissen finanziellen Erfolg, um am Ball bleiben zu können. Social Media ist für viele Bereiche wichtig. Im Spektrum der Creators gibt es eine Nachfrage nach Erleichterung.

Ohne Social Media-Präsenz geht also gar nichts mehr?

Florian Richling: Ausnahmen bestätigen die Regel, aber ohne aktiver Social Media-Beteiligung geht es langfristig nicht. Viele Plattenfirmen schauen sich im A&R-Bereich vorwiegend Acts an, die eine gewisse Social Media-Größe haben, weil das mittlerweile zu den Hausaufgaben gehört. Es gibt auch keine Booker und keinen Booker mit einem Act ohne Social Media-Präsenz. Wie misst du heute sonst Erfolg?

Albert Manzinger: Aktuell hat das einen Peak erreicht. Die Frage ist: Wie entwickelt sich das in Zukunft? Gerade mit dem Wissen der letzten Monate, in denen wir alle neue Sachen lernen mussten, kann es sein, dass es zu Verhaltensänderungen kommt. Ich arbeite gerade mit Sony und der WU, der Wirtschaftsuniversität in Wien, an der Fragestellung, wie der Musikkonsum in Österreich bis ins Jahr 2030 aussehen könnte. Wir haben vier verschiedene Szenarien entwickelt. Ein Szenario wäre, dass manche technikmüde werden, stärker lokal denken, sich stärker abschirmen und das Handy weglegen.

Wie groß diese Gegenbewegungen sein werden, bleibt dahingestellt. Dasselbe gilt für die Mediennutzung. In der Vergangenheit haben sich Produkte teilweise abgelöst. Das hört auf. Die CD hat Vinyl nie abgelöst – im Gegenteil. Als ich noch bei EMI war, herrschte ein Top-Down-Prozess. Über Social Media ist das ganz anders. Der User entscheidet, was ihm gefällt oder nicht. Man hat dadurch einen anderen Approach. ForTunes schafft es, einen Zugang für viele zu schaffen.

Florian Richling: Du hast gerade einen spannenden Punkt angesprochen: Vielleicht gibt es eine größere Anti-Bewegung, die verstärkt Tapes kauft oder Flyer verteilt, also dieses alte Gefühl sucht – aber Social Media ist ein viel zu gutes Tool, auf das die breite Masse nicht verzichten wird.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser, Michael Franz Woels

 

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