„Uns ist es wichtig, dass wir in unseren Songs zwar politisch sind, aber eben nicht fingerzeigend“ – STRAND OHNE PALME im Mica-Interview

Sie brauchten fast ein halbes Jahrzehnt, um abseits der gemeinsamen Proben überhaupt miteinander ins Gespräch zu kommen. Doch die lange Anlaufzeit hat sich gelohnt: Aus dem losen Zusammenschluss in einem kleinen, beheizten Kellerabteil ist mit STRAND OHNE PALME längst eine echte musikalische Einheit herangewachsen. Heute bringt die Wiener Indie-Band große Themen wie den Klimawandel oder den alltäglichen Trubel der Großstadt auf die Bühne, neuerdings auch gebündelt auf Platte. Das Debütalbum „Aller Anfang ist“ erschien am 16.10.2026 auf dem bandeigenen Label STRAND OHNE LABEL (man könnte meinen, hier waren Profis am Werk). Katharina Reiffenstuhl hat sich mit vier von fünf Bandmitgliedern über die Hintergründe des Namens, den steinigen Weg zu harmonierenden Bühnenoutfits sowie über die tiefe Verbundenheit zur Heimatstadt unterhalten.

Ihr kennt euch aus der Musikschule hier in der Nähe, richtig?

Anna Kapitany: Marie-Christin und ich kennen uns aus dem Studium. Der Rest der Band kennt sich aus der Musikschule, dort haben wir uns dann auch alle kennengelernt.

Paul Toth: Das war quasi eine Nachmittagsschule. Die meisten von uns hatten dort Instrumentalunterricht, also Einzelunterricht. Da gab es dann ein Bandprojekt, zu dem man dazustoßen konnte. So haben wir uns dann irgendwie gefunden.

Max Rebensteiner: Also Elias und ich. Wir waren in den Anfängen dieses Projekts dabei, dann ist irgendwann Anna und irgendwann der Pauli dazugekommen.

Das heißt, es sind stückweise Leute eingesammelt worden. Jetzt ist Endstation?

Paul Toth: Der Kinderchor fehlt noch. (lacht)

Rest der Band: Nein.

Jetzt gibt es euch ja doch schon einige Jahre. Wie ist die Idee eines Albums entstanden?

Max Rebensteiner: Gute Frage. Wir hatten irgendwann diesen einen Sommer und Herbst, in dem wir alle Songs am Album so in einer Erstfassung geschrieben haben. Zuerst wollten wir „Warten auf Godot“ aufnehmen.

Marie-Christin Konrath: Wir haben uns dann bei verschiedenen Produzenten ausprobiert, das hat nicht gleich auf Anhieb funktioniert. Bis wir unsere jetzigen Produzenten gefunden haben. Das hat super gepasst und dann haben wir beschlossen: „Okay, wir wollen ein Album aufnehmen“.

Anna Kapitany: Man muss dazu sagen, davor haben wir in der Musikschule ganz lange eigentlich nur Cover-Songs gespielt. Im Herbst kam Pauli dann mit dem ersten eigenen Song an. Und dann ist es irgendwie völlig explodiert und alle waren total motiviert. Genau diese ersten gemeinsamen Songs sind jetzt auch auf dem Album gelandet.

Wann ist der erste Song entstanden?

Marie-Christin Konrath: 2023.

Max Rebensteiner: Im Mai/Juni.

War das ein großer Schritt für euch, etwas Eigenes zu produzieren, nachdem ihr jahrelang nur Covers gespielt habt?

Bild der Band Strand ohne Palme
Strand ohne Palme © Jan Kotlovsek

Paul Toth: Ich habe selbst schon immer gerne eigene Sachen geschrieben und dachte mir, ich nehme einfach mal einen Song mit in die Band. Am Anfang war der noch auf Englisch, weil wir ja auch immer englische Lieder gecovert haben. Über den Sommer kam dann aber die Idee auf, dass wir doch lieber ein bisschen Deutsch schreiben wollen. Das lag auch daran, dass wir uns auf einem Konzert von VON WEGEN LISBETH getroffen haben und gemerkt haben, dass uns deren Lieder sehr gut gefallen. Das hat sich dann mit der Zeit durchgesetzt. Ich habe ohnehin lieber auf Deutsch geschrieben, und irgendwann kamen auch von den anderen Texte und Melodien. So hat sich das entwickelt. Wir haben zwar immer noch in der Musikschule geprobt, aber das hat sich dann zunehmend auch ins Private verlagert. Daher kommt übrigens auch „Strand ohne Palme“. Unser damaliger Lehrer in der Musikschule hieß Thomas Palme. Als wir aus der Musikschule hinausgewachsen sind, waren wir dann eben „ohne Palme“.

Wie kam es dann ausgerechnet zu „Strand“?

Anna Kapitany: Wir haben überlegt: Was passt zu Palme, was ist ohne Palme?

Paul Toth: Das war anfangs einfach nur ein Name für die WhatsApp-Gruppe, damit wir ihn nicht mit Dingen zuspammen, die ihn nicht interessieren.

Wie war seine Reaktion auf diesen Bandnamen?

Anna Kapitany: Ich denke schon, dass es ihn gefreut hat. Aber er ist bei solchen Dingen eher unaufgeregt.

„DURCH DAS AUFWACHSEN HIER VERBINDET MAN MIT JEDEM GRÄTZEL IRGENDETWAS“

Was euch einzigartig macht, ist, dass ihr im Dialekt singt und dieses Wien-Gefühl in eurer Musik transportiert. Das spürt man sehr stark. Wie wichtig ist das für eure Identität als Gruppe? Seid ihr alle ursprünglich aus Wien?

Marie-Christin Konrath: Elias würde an dieser Stelle wahrscheinlich einwerfen, dass ich aus Transdanubien bin, weil ich im 22. Bezirk aufgewachsen bin. Aber ja, wir sind alle aus Wien. Das ist schon wichtig für uns und spiegelt sich oft in den Texten wider. Hier findet unser Leben statt und wir sind natürlich stark von der Stadt beeinflusst.

Anna Kapitany: Ich lebe sehr gerne in der Stadt, und das gilt glaube ich für uns alle. Wir fühlen uns wohl und sehen uns hier auch langfristig.

Was liebt ihr an Wien?

Marie-Christin Konrath: Für eine Großstadt hat Wien sehr viel Grün, das schätze ich enorm. Zum Beispiel den Stadtpark. Die Öffis sind toll.

Max Rebensteiner: Donauinsel.

Anna Kapitany: Ich finde die Größe auch sehr fein – nicht zu groß, aber auch nicht zu klein. Man kommt überall schnell hin, auch zu Fuß. Ich mag auch das Kulturangebot sehr.

Paul Toth: Durch das Aufwachsen hier verbindet man mit jedem Grätzel irgendetwas. Gerade in der Musikszene: Es gibt den Gürtel, das Donauinselfest, das Donauufer oder den Donaukanal. Da hängen überall Erinnerungen dran.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Eure Songs bilden die aktuellen Themen der Gesellschaft mit einer angenehmen Leichtigkeit ab. Wie leicht fühlt sich das im Songwriting an, wenn man sich mit Weltproblematiken auseinandersetzt?

Anna Kapitany: Das Songwriting ist auf jeden Fall ein Prozess. Wir schreiben bei den Texten alle ein bisschen mit. Manche Songs entstehen fast von selbst, bei anderen haben wir öfter umgeschrieben, weil es doch schwerer war, da rauszukommen. Aber es gibt oft diesen Klick-Moment, in dem der Song plötzlich einfach da und einfach passt.

Paul Toth: Und dann wissen es auch alle, dass das jetzt passt.

Marie-Christin Konrath: Uns ist es wichtig, dass wir in unseren Songs zwar politisch sind, aber eben nicht fingerzeigend. Das hat sich mit der Zeit aber auch entwickelt. Am Anfang hatten wir Songs, die sehr direkt waren. Das haben wir geändert, weil wir gemerkt haben, dass das nicht zu uns passt. Wir wollen die Dinge ansprechen, aber nicht so in your face.

Anna Kapitany: Wir wollen eher Bilder malen oder Stimmungen nachzeichnen, anstatt aufzuzählen, was in der Welt schiefläuft.

Welcher Song am Album hat euch im Entstehungsprozess die meiste Kraft gekostet?

Paul Toth: „Kurzstreckenflieger“.

Was war da der Grund?

Paul Toth: Wir haben den Song schon fast zwei Jahre lang in einer ganz anderen Form und unter einem anderen Namen gespielt. Kurz vor der Aufnahme im Studio haben wir ihn dann komplett umgeworfen. Wir haben mehrere neue Versionen ausprobiert, bis wir endlich zufrieden waren. Der Song wurde von Grund auf neu aufgebaut und ist kaum noch mit dem Original vergleichbar.

Was ist an der neuen Version besser geworden?

Marie-Christin Konrath: Da war es eben genau so, dass die erste Version sehr direkt formuliert war. Das Thema ist der Klimawandel, was wir inhaltlich unbedingt beibehalten wollten. Die neue Version transportiert das aber viel subtiler.

Paul Toth: Ich finde, der Titel sagt da eh schon alles aus: Ursprünglich hieß der Song „Sommer“, jetzt heißt er „Kurzstreckenflieger“.

Welche Bedeutung hat der Stadtpark für euch – warum er und kein anderer Wiener Park?

Max Rebensteiner: Jetzt wäre es gut, wenn der Elias da wäre.

Marie-Christin Konrath: Der Song kommt von ihm. Ich glaube, „Stadtpark“ hat sich einfach gut in den Rhythmus des Textes eingefügt.

Paul Toth: Botanischer Garten oder Türkenschanzpark wären zu lang gewesen.

Marie-Christin Konrath: Ich würde aber trotzdem sagen, dass wir den Stadtpark alle sehr gern mögen.

Max Rebensteiner: Fix unter den Top-5-Parks in Wien.

„BÜHNENOUTFITS WAREN ETWAS, DAS WIR ERKÄMPFEN MUSSTEN“

Ihr seid eine sehr bunte Truppe, das merkt man an eurer Musik, an eurem Instagram-Kanal, ganz besonders aber auch bei den Outfits. Wie wichtig sind euch die Bühnenfits?

Marie-Christin Konrath: Schon wichtig. Wir besprechen vor jedem Auftritt, welche Farben wir diesmal anziehen. Dafür borgen wir uns auch untereinander oft Sachen. Vor allem wir dem Elias. (lacht)

Anna Kapitany: Man muss aber sagen, Bühnenoutfits waren etwas, das wir erkämpfen mussten. Dass das überhaupt ein Ding ist. Das war nicht immer die geteilte Meinung von allen.

Max Rebensteiner: Es war lange Zeit auf der Bühne nicht das gute Bunt, sondern das schlechte Bunt. Im Sinne von, es ist nicht bunt abgestimmt, sondern einfach jeder hat irgendwas an, ohne dass man sich wirklich viel Gedanken macht.

Anna Kapitany: Am Anfang war so das Argument, man muss sich ja wohlfühlen auf der Bühne und es geht nicht darum, wie man ausschaut. Und ich glaube, das ist mittlerweile schon allen klar…

Paul Toth: …dass wir uns nicht wohlfühlen.

(lachen)

Anna Kapitany: Dass das ja eigentlich auch ein besonderer Anlass ist und man etwas künstlerisch gestaltet damit und auch die Musik unterstreicht.

Marie-Christin Konrath: Ja, wir gehen nachher noch Bühnenoutfits shoppen tatsächlich. Für die nächste Show.

Gibt es schon Konsens, in welche Richtung es gehen soll?

Anna Kapitany: Ja. Orange, Lila.

Albumcover Aller Anfang ist
Albumcover “Aller Anfang ist”

Wie viel Wahrheit und Realität steckt denn in euren Texten – bei Songs wie „Mauerblümchen“ beispielsweise?

Anna Kapitany: Ich würde sagen, generell steckt eigentlich schon viel Wahrheit in den Texten. „Mauerblümchen“ basiert auf einer realen Geschichte, weil wir einfach am Anfang auch mit den Outfits und so schon noch mehr so Mauerblümchen waren, und das auch rückgemeldet bekommen haben. Das ist sehr hängengeblieben.

Paul Toth: Wir haben unser Album-Titelbild quasi dann danach geformt.

Anna Kapitany: Ich glaube, es ist schon so, dass wir eher nicht die Menschen sind, die sich so mega präsentieren, sondern eher alle ein bisschen zurückhaltender sind. Aber wir haben auf der Bühne auch gelernt, das irgendwie abzulegen.

Wie ist das dann, auf der Bühne zu stehen, wenn man nicht ganz so gern im Rampenlicht steht?

Marie-Christin Konrath: Das ist super viel Gewöhnung. Also für mich ist es so, dass ich das jetzt schon mehr gewohnt bin als am Anfang, da war ich noch viel nervöser. Und jetzt haben wir auch schon ein bisschen so unsere Routinen, wir wissen auch schon viel besser, wie wir gemeinsam üben. Das gibt dann auch viel Sicherheit.

Anna Kapitany: Aber es gab schon auf jeden Fall am Anfang auch Auftritte, wo es noch eher schwierig war.

Max Rebensteiner: Das kann man sich jetzt leider nicht mehr so gut anschauen.

Paul Toth: Ich steh‘ tatsächlich ganz gerne im Rampenlicht. Das macht schon Spaß, mit den richtigen Leuten.

„MAN KANN IN JEDER LAUNE UND IN JEDER SITUATION IRGENDWAS FINDEN, WAS EIN PASSENDER BEGLEITER IST“

In welchen Lebenssituationen hört sich eure Musik am besten?

Max Rebensteiner: Das ist bei dem Album sehr schwer zu sagen, weil es einfach sehr breit gestreut ist. Ich glaube, man kann in jeder Laune und in jeder Situation irgendwas finden, was ein passender Begleiter ist, sei es auf emotionaler Ebene oder Lautstärken-Ebene. Da gibt es glaube ich keine Situation, wo man nichts von uns hören könnte.

Anna Kapitany: Es sind ja auch Alltagsstimmungen. Mal wütender, mal verträumter. Je nach Tagesverfassung findet man sich da schon was.

Habt ihr persönliche Lieblinge auf dem Album?

Anna Kapitany: Ich glaube, für mich ist „Männchen“ so der Song, der am meisten mein Inneres beschreibt.

Marie-Christin Konrath: Ich würde genau das Gleiche über „Algensalat“ sagen.

Max Rebensteiner: „Algensalat“ oder „Kurzstreckenflieger“. Vor allem die Version, die nie die Welt gesehen hat. An der bin ich sehr gehangen.

Paul Toth: Ich glaube, „Stadtpark“ ist bei mir immer hängengeblieben. Ich mag es, das auf der Gitarre zu spielen, das ist ganz witzig immer. Ich wünsche mir noch immer ein Saxofon für den Refrain.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Dadurch, dass ihr ja alle in einer Musikschule wart, nehme ich stark an, dass Musik euch auch in der Kindheit schon viel beschäftigt hat. Hättet ihr als Kind gedacht, dass ihr mal Musik machen werdet oder in einer Band landet?

Marie-Christin Konrath: Ich glaube nicht. Ich habe immer klassische Gitarre gespielt und das ist halt eher etwas, das man eher alleine macht oder in Ensembles. Ich hätte mir nicht gedacht, dass es dann in die Richtung geht.

Anna Kapitany: Ich glaube, bei mir gab es schon eine Phase, wo ich es mir gewünscht hätte, so mit sieben oder so. Aber das hat sich dann wieder verlaufen. Durch die Musikschule und die Band ist das dann irgendwie wieder aufgekommen.

Wie darf man sich diese Musikschule eigentlich vorstellen?

Max Rebensteiner: Da hat man entweder Einzelunterricht oder stundenweise auch gemeinsam, meistens am Nachmittag oder Abend, in einem kleinen Kammerl im Keller.

Paul Toth: Ein schönes Kammerl.

Max Rebensteiner: Ja, im Vergleich zu anderen Kellern, wo wir schon gespielt haben, war es wenigstens beheizt und schön.

Marie-Christin Konrath: Und Frischluft hatte es.

Habt ihr euch als Band selbst formiert oder seid ihr damals zusammengewürfelt worden?

Max Rebensteiner: Also dazwischen waren auch andere Leute, die gekommen und gegangen sind.

Marie-Christin Konrath: Ich glaube aber, ich bin die einzige Person, die aktiv mitgebracht wurde von außen.

Was denkt ihr, was verbindet euch?

Marie-Christin Konrath: Schon die Musik.

Max Rebensteiner: Ansonsten sind wir aus so unterschiedlichen Kreisen: Psychologie, Wirtschaft, Musik und der Elias ist noch Biologe. Bevor wir mit eigenen Songs angefangen haben, war es meistens so, dass wir alle in die Musikschule gekommen sind, eine Stunde gespielt haben, und dann alle wieder unsere Wege gegangen sind.

Anna Kapitany: Irgendwann haben wir dann auch angefangen, miteinander zu reden. (lacht) Aber das hat ein bisschen gebraucht.

Paul Toth: Fünf Jahre circa.

Danke euch fürs Gespräch!

Katharina Reiffenstuhl

++++

Links:
Strand ohne Palme (Instagram)