Die fünfte Ausgabe des alle zwei Jahre stattfindenden “Taschenopernfestival” hat sich heute das Motto “Endlich Opfer” auf die Fahnen geheftet. Klang21 (Verein zur Förderung zeitgenössischer Musik und darstellender Kunst) entstand 2004 als Kollektiv von jungen Künstlern beider Genres. Seither untersucht das Team (heuer bestehend aus Thierry Bruehl, Cay Bubendorfer, Hüseyin Evirgen, Reinhold Lay, Sandra Quell) in wechselnden Konstellationen gemeinsam die “Bedingungen und Möglichkeiten für Musiktheater der Gegenwart. Im Brennpunkt der Auseinandersetzung mit dieser Kunstform steht die Schnittstelle von Sprache und Gesang im szenischen Raum.”
Seit 2004 (ab 2007 in Koproduktion mit der ARGEkultur und in Kooperation mit dem oenm) gab es beim “Taschenopernfestival” 23 Musiktheater-Uraufführungen, die vor allem durch ihren innovativ-experimentellen Charakter nicht nur das Publikum fasziniert haben. Gerade weil die Produktionen des Taschenopernfestivals stets in unmittelbarer Folge an einem Abend zu erleben sind, entsteht so für das Publikum die einzigartige Möglichkeit, die verschiedenen künstlerischen Positionen zu ein und derselben Fragestellung im unmittelbaren Vergleich zu erleben. Ziel ist es dabei, eine sehr traditionsreiche Form wie die Oper “in individuellen Handschriften, mit jeweils eigenem Bezug zum Hier und Jetzt neu erfahrbar” zu machen.
Ausgangspunkt des von Klang21 in Koproduktion mit der ARGEkultur und in Zusammenarbeit mit dem oenm . oesterreichisches ensemble für neue musik sowie dem Salzburger Festspiele Kinderchor veranstalteten Festivals 2013 ist heuer ein Pressefoto, dass bei seiner Erstveröffentlichung zu einem erheblichen Rauschen im medialen Blätterwald geführt hat: Zu sehen, sind zwei, bis zu den Knöcheln von Strandtüchern bedeckte Leichen, die im Sand liegen, im Hintergrund ein Urlauberpaar beim davon scheinbar unbeeindruckten Sonnenbaden.
Es ist diesmal also kein Text, sondern ein Bild (als gleichsam “sichtbar Unerhörtes”, das als Ausgangspunkt für fünf neue Musiktheaterstücke dient. Die Geschichten dazu mussten erfunden werden. Egal ob in Texten, Sprache, Gesang, Film und anderen Bildern.
Die künstlerischen Fragestellungen seitens Klang21 lauten dabei jedoch für alle Beteiligten gleich: “Wozu Oper? Warum singt der Mensch? Auf der Bühne?” Ansonsten kann das Thema frei bearbeitet werden.
Klang21 dazu: “Vielleicht haben die künstlerischen Teams der medialen Darstellung nachrecherchiert oder Analysen betrieben; mutmaßlich aber Assoziationen als Empfindung zur Welt als Ausgangspunkt für ihre Musiktheaterstücke gewählt? Als Impulsgeber hat das Bild die Künstlerinnen und Künstler jedenfalls zu neuen Erzählungen angetrieben, die ihre Form an den Schnittstellen von Musik, Sprache und Szene finden. Das wird spannend, weil barocker Tonsatz genauso wie die Absage an den Gesang, an der Klassik geschulte Moderne und elektronische Formen der Musikproduktion aufeinander treffen.”
Dazu gibt es heuer jedoch einen dezitierten Komponistinnen-Schwerpunkt.
Eingeladen dazu wurden die aus Hannover stammende Soundkreateurin und DJane Cio D’Or, die bisher zwölf EPs, das Minimal-Techno Album “Die Faser”(2009), sowie zahlreiche Remixe und Mixe veröffentlicht hat. Schon früh hat sie sich mit Musik, Tanz und Rhythmus auseinandergesetzt und war vor ihrer Bühnentanzausbildung an der Etage Berlin in Modern Dance und Ballett auch als Percussionistin in einer Jazzband tätig. Es folgten Auftritte in Film- und Theaterproduktionen sowie Performances und Choreographien mit eigenen Musik-Compilations. Ihre zunehmend immer elektronischer generierten Musikproduktionen berufen sich dabei u.a. auch auf klassische Kompositionstechniken.
Aus Argentinien stammt hingegen die Komponistin Natalia Gaviola, die ihre Musikausbildung an der Universidad Nacional Santa Fe erhielt und später Komposition bei Jorge Horst (Rosario), bei Brian Cherney (McGill University, Montreal) studierte und Mathias Spahlinger an der Freiburger Musikhochschule studierte. Es folgten zahlreiche Kompositionsaufträge von renommierten Festivals wie dem Festival Neue Musik Rümlingen (Basel), den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik, dem WDR Köln, den Wittener Tagen für neue Kammermusik sowie für das Eclat Festival Neue Musik in Stuttgart.

Der Italiener Filippo Perocco ist der Gründer und künstlerische Leiter des Ensembles L’Arsenale und dessen Festival „Nuova Musica“ in Treviso. Er hat Komposition bei Riccardo Vaglini und Orgel am Konservatorium in Venedig sowie Dirigieren bei Emilio Pomàrico und Sylvain Cambreling studiert und ist vielfacher Preisträger (American Arts Fellowship Rome, Fullbright Stipendium für die Brandles University Boston, Stipendium der Villa Massimo in Rom). Einladungen und Kompositionsaufträge erhielt er in der Vergangenheit u.a. für die Musik Biennale in Venedig, zum Kulturprojekt ENPARTS / Musik der Jahrhunderte Stuttgart und beim Brigthon Festival. Zudem wurden seine Werke bei internationalen Festivals (Aspekte Festival Salzburg, Eclat Festival Stuttgart, New London Wind Festival und Boston Harp Festival) uraufgeführt.

Die künstlerische Leitung hat dabei der spanische Dirigent Juan García Rodríguez über. Er hat in Sevilla und am Mozarteum Salzburg u. a. bei Peter Lang (Klavier) sowie Orchesterleitung bei Dennis Russell Davies und Jorge Rotter studiert. Es folgten Zusammenarbeiten u. a. mit dem Bruckner Orchester Linz, dem Orchester der Opéra Paris, dem AEO Barenboim-Said Orchestra, dem Presjovem 
Die Regie teilen sich hingegen Thierry Bruehl, Hans-Peter Jahn sowie Jürgen Palmer.
Der aus Paris stammende Bruehl hat seit 1994 mehr als 40 Schauspiel- und Musiktheater-Inszenierungen (zuletzt beim Eclat Festival Stuttgart, dem Taschenopernfestival Salzburg und bei der Biennale in Venedig) erarbeitet. Seit 2009 arbeitet er regelmäßig mit renommierten Klangkörpern auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik zusammen (u.a. Ensemble Modern, Musikfabrik und oenm). 2007 entstanden die Kurzfilme “5 x Deutschland” über Jugendliche in sozialen Brennpunkten fünf deutscher Städte. Der Film-Clip “und jetzt?!” (2009) behandelte die Beziehung von Jugendlichen zur deutschen Geschichte, seit 2012 entsteht die mehrteilige Filmdokumentation „Heimat, deine Sterne“.
Hans-Peter Jahn (Violoncello-, Literaturwissenschaft-, Philosophie- und Musikwissenschaftstudium) war viele Jahre als Cellist, Veranstalter sowie als Dozent für Neues Musiktheater und Hörspiel an der Musikhochschule Stuttgart und als Autor von Kammermusikstücken tätig. Ab 1989 war er zudem leitender Redakteur für Neue Musik beim SWR, von 1993 bis 2002 verantwortlich für das SWR Vokalensemble Stuttgart. Beim Eclat Festival Neue Musik Stuttgart war er von 1983 bis 2013 künstlerischer Leiter. Weiters ist er Verfasser vieler Aufsätze, Essays und Vorträge über Musik, Literatur und Musiktheater.

“Endlich Opfer” – 5. Taschenopernfestival Salzburg
5 Musiktheater-Uraufführungen
Premiere am 20. September 2013
weitere Aufführungen am 21.09., 25.09., 26.09., sowie am 09.10.2013, Derniere am 10.10.2013, jeweils 19.30 Uhr
Veranstaltungsort: ARGEkultur Salzburg, Ulrike-Gschwandtner-Straße 5
KomponistInnen:
Cio D’Or (D), Natalia Gaviola (ARG), Brigitta Muntendorf (D/A), Hüseyin Evirgen (TR/A), Filippo Perocco (I)
Mitwirkende:
Michael Günther, Julianna Herzberg, Christoph Kail, Michael Klammer, Tobias Ofenbauer, Sandra Quell, Livia Rado, Milena Schedle, Yoko Yagihara u.v.a.
Das oenm . oesterreichisches ensemble für neue musik spielt unter Leitung von Juan García Rodríguez (E).
Rahmenprogramm (Eintritt frei)
Sam, 21.09.2013
Komponistinnen-Gespräch
mit Cio D’Or, Natalia Gaviola und Brigitta Muntendorf (nach der Vorstellung
im Saal der ARGEkultur)
Die, 08.10.2013, 19 Uhr
Ateliergespräch
in Kooperation mit der Universität Salzburg / Schwerpunkt Wissenschaft & Kunst
Programmleitung: Sabine Coelsch-Foisner
Atelier Bergstraße 12, A-5020 Salzburg
Fre, 06.12.2013
Premiere Filmdokumentation
Der bildende Künstler Kristof Georgen (D) erarbeitet parallel zu den Taschenopern 2013 ein filmisches Projekt, das im Dialog zu allen fünf Musiktheaterstücken steht. Resultat ist eine filmische “sechste Taschenoper”, die Reminiszenz und autonomes Werk zugleich ist.
oenm-Atelier im Künstlerhaus Salzburg
Hellbrunner Straße 3