„STILLSTAND FINDE ICH FURCHTBAR” – HOLGER HÖRTNAGL (D.B.H) IM MICA-INTERVIEW

Manchmal reicht ein Blick von oben, um die Dinge anders zu sehen. Wenn Kontinente langsam vorbeiziehen und Klänge sich ausdehnen, entsteht jener schwebende Zwischenraum, den viele mit der legendären Sendung „Space Night“ verbinden: nächtliche Satelittenaufnahmen der Erde, getragen von Soul, Dub und elektronischer Weite. Mit „Watching the World from Space“ (VÖ: 20.2.26) greift D.B.H aka HOLGER HÖRTNAGL diese Ästhetik als liebevolle Hommage auf und überführt sie zugleich in die Gegenwart. Im Gespräch mit Ania Gleich spricht HÖRTNAGL über Sampling als Haltung, Flow-Zustände im Studio und darüber, warum dieses Album weniger für den Club als für die stillen Stunden gedacht ist.

Wie geht es dir mit Blick auf die Veröffentlichung diese Woche?

Holger Hörtnagl: Gut. Wobei das eine schwierige Frage ist, weil das Album für mich schon so lange abgeschlossen ist. Ich habe es letzten Sommer abgegeben. Das ist also schon eine Weile her. Seitdem bin ich in ganz anderen Dingen drinnen. Wenn man ohne Label releast, mache ich etwas fertig und dann kommt es raus. Mit Label ist das anders: Da gibt es mehrere Artists, einen Releaseplan und alles wird eingetaktet. Das dauert. Deshalb habe ich jetzt gerade keine große Nervosität. Für mich ist das Kapitel eigentlich schon länger zu.

Es ist ja auch nicht dein erster Release. Hat es sich diesmal anders angefühlt als bei früheren Projekten?

Holger Hörtnagl: Ich mache viele unterschiedliche Sachen, deshalb fühlt es sich nie gleich an. Diesmal war es anders, weil ich mir jemanden dazugeholt habe – Seayou Records und Futures Future. Das geht ein Stück weit weg von dem, was ich normalerweise mache. Ich komme vom Hip-Hop. Nicht alles, was ich mache, ist hundertprozentig Hip-Hop, aber es ist immer irgendwie hiphop-related. In der Szene kenne ich mittlerweile viele Leute, weiß, wem ich etwas schicke. Bei diesem Release hatte ich das Gefühl: Es ist elektronischer, offener – vielleicht hole ich mir einen Partner an Bord. Ilias (Anm. Dahimène von Seayou Records) war dann sofort dabei! 

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Ist der jetzige Record für dich auch noch Hip-Hop?

Holger Hörtnagl: Für mich ist es trotzdem Hip-Hop. Ich weiß, dass ich da eigen bin. Viele Leute, die meine andere Musik hören, können mit dem jetzt vielleicht nichts anfangen. Aber für mich bleibt es Hip-Hop.

Gleichzeitig ist es ein stark thematisch gebundenes Album – fast schon ein Konzeptalbum?

Holger Hörtnagl: Die Idee hat sich vor ein paar Jahren manifestiert, ich glaube während Corona. Da habe ich begonnen, alte Videos der Sendung „Space Night“ wieder anzuschauen. Ich war jung, als diese Sendung lief. Wenn ich heute mit Anfang-20-Jährigen im Studio bin, kennen die das natürlich nicht. Für die gibt es Instagram-Accounts und Webseiten, auf denen man die Erde live beobachten kann. Damals gab es eben „Space Night“ und noch dazu war die Sendung musikalisch extrem gut kuratiert. Ich habe bis heute nicht herausgefunden, wer das ausgesucht hat. Es gab viele Soul- und Jazz-Themen, jede Stunde ein anderes Motiv. Und wir reden vom Ende der Neunziger – Musik war nicht so leicht zugänglich wie heute. Ein Freund und ich haben diese Sendungen auf Video aufgenommen und daraus gesampelt. So bin ich an viele Soul-Sachen gekommen. Irgendwann kamen diese elektronisch-hiphopigen Stücke dazu. Das war für mich ein neuer Einfluss. Ich war damals sehr scheuklappenmäßig auf Hip-Hop fixiert, nichts links, nichts rechts. Diese Sendung hat mir eine neue Welt geöffnet. Dieses Gefühl habe ich vor vier, fünf Jahren wieder gespürt und gemerkt, dass ich Beats habe, die unbewusst in diese Richtung gehen. Und daraus ist das Album entstanden. 

„DAMALS WAR EIN SATELLIT NOCH ETWAS FASZINIERENDES. HEUTE HAT ER EHER BEDROHLICH, ÜBERWACHENDES”

Für mich war „Space Night“ eher Hintergrundrauschen in der Kindheit. Ich habe die Neunziger nicht bewusst miterlebt. Aber beim Hören hat trotzdem etwas geklickt.

Holger Hörtnagl: Es gibt so viele prägende Dinge, die einem erst später bewusst werden! Für mich war das auch lange nicht klar. Ich war im britischen Trip-Hop unterwegs – sehr soulful und  dark. Und dann kamen deutsche Artists dazu, die eher elektronisch und dubbig waren. Das hat mein Gehirn beeinflusst, auch wenn ich Hip-Hop gemacht habe. Früher war es so: Man ging aus, kam um vier Uhr morgens heim, legte sich aufs Sofa und ließ den Rausch mit dieser Sendung ausklingen. Eigentlich sollte man schlafen, aber man blieb hängen. Die Bilder waren spektakulär. Damals war ein Satellit noch etwas Faszinierendes. Heute hat er eher etwas Bedrohliches, Überwachendes.

Und gleichzeitig sind diese Bilder heute überall zugänglich.

Holger Hörtnagl: Genau. Dadurch verlieren sie ein Stück Besonderheit, auch wenn sie immer noch fantastisch sind. Diese Science-Fiction-Begeisterung hatte ich natürlich auch. Aber für die Musik ist das gar nicht so entscheidend. Wenn jemand die Sendung nicht kennt, ist das egal. Man kann dabei genauso gut in den Wald schauen. Die Musik funktioniert trotzdem.

Mich hat das Album durch dieses Kontemplative sehr abgeholt. 

Holger Hörtnagl: Ich glaube, ich mache nur solche Musik. Ich mache sie zum Eigenzweck. So blöd es klingt: Ich höre meine eigene Musik viel – zumindest während des Prozesses. Wenn sie fertig ist, weniger. Aber als Produzent, der nicht klassisch Instrumente spielt, läuft das ständig im Loop. Das hat etwas Meditatives. Bei diesem Album noch mehr, weil es wirklich Musik zum Wegkippen ist. Es muss mir selbst Spaß machen.

Viele Artists sagen ja, sie hören ihre eigenen Sachen nach Fertigstellung nie wieder.

Holger Hörtnagl: Das gibt es auch. Aber ich höre alte Sachen bewusst wieder an. Nicht immer von Anfang bis Ende, aber um ein Gefühl zu bekommen, eine Einschätzung.

Sich immer wieder auf die eigene Arbeit zu beziehen, hat ja auch mit Entwicklung zu tun. 

Holger Hörtnagl: Stillstand finde ich furchtbar. Das hat viel mit Hip-Hop zu tun. Es gibt viele Leute in meiner Generation, die in den Neunzigern mit Boom Bap sozialisiert wurden und dort steckengeblieben sind. Das war ihre Jugend, ihre Ausgehzeit und irgendwann haben sie aufgehört, neue Musik zu konsumieren. Wenn ich heute gebucht werde, wollen manche genau diesen alten Sound. Ich komme zwar von dort und mag das auch noch, aber ich höre es nicht mehr ständig. Für mich muss sich etwas weiterentwickeln. Es heißt nicht, dass alles automatisch besser wird, aber es muss sich verändern. Ich habe gestern wieder einen 20-Jährigen aus Cleveland entdeckt, der Boom Bap macht, aber eben auf einem ganz anderen Level, weil er auf allem aufbaut, was seitdem passiert ist. Deshalb höre ich mir meine alten Sachen auch an. Dann weiß ich: Das wollte ich erreichen. Das habe ich erreicht. Das vielleicht nicht. Man muss das für sich selbst überprüfen.

Man kann abgleichen: Was funktioniert noch? Was nehme ich mit? Was lasse ich zurück?

Holger Hörtnagl: Genau. Aber ich verstehe auch, wenn jemand einen Song abgibt und ihn nie wieder hört – außer wenn er:sie ihn live spielen muss. Das ist einfach ein anderer Ansatz. Für mich hatte Musik immer diesen kontemplativen Aspekt. Sie erweitert einen inneren Raum, ist ein Zeitdokument. Ich weiß bei jedem Album – nicht bei jedem einzelnen Track, aber bei jedem Album – in welcher Lebensphase es entstanden ist. Wenn ich manche Sachen höre, bin ich sofort wieder 19, in meinem Kinderzimmer in Innsbruck. Mit allem, was dazugehört. Oder eine Nummer, die ich in Berlin in einem Café gemacht habe, während es draußen geschüttet hat. Dieser Moment bleibt für immer bei mir. Das ist etwas, das nur ich habe.

Bild des Musikers und Produzenten d.b.h
d.b.h © Alexia Fin

Und gleichzeitig verbinde ich deine Musik wiederum mit meiner eigenen Welt. Ich höre einen Track von dir und denke an etwas, von dem du gar nichts wissen kannst. Musik löst etwas aus.

Holger Hörtnagl: Genau das ist das Coole. Wenn sie etwas auslöst. Für mich ist wichtig, dass ich das immer noch machen darf und dass es mir noch etwas gibt. Ich weiß, dass dieses Gefühl verloren gehen kann. Musik ist so ein zentraler Teil meines Lebens. Das Schlimmste für mich wäre, wenn sie ungehört bleibt. Man braucht diese Gegenreaktion. Das kann schon ein kurzes Feedback sein. Dieses Echo ist das Salz in der Suppe. Ich mache es für mich, klar aber ohne Resonanz wäre ich nicht so lange dabei geblieben.

Was bedeutet es für dich konkret, die Welt – wie der Albumtitel suggeriert – mit Abstand zu betrachten?

Holger Hörtnagl: Bei diesem Album war das zentral. Es ist langsamer, mit viel Dub, Delays, langgezogenen Sounds. Das lädt zum Gedankenschweifen ein. „Träumen“ klingt vielleicht kitschig, aber es geht in die Richtung. Durch diese Weite verliert sich die Schwere ein Stück. Man bekommt eine andere Perspektive. Ich sitze dann im Studio, starre über den Laptop hinweg an die Wand und merke plötzlich: Ah, da ist es. Genau dieses Gefühl wollte ich erreichen. Und dann lasse ich es so.

Gab es für dich einen Moment, in dem du bewusst Abstand gebraucht hast – von deiner Arbeit oder von der Welt?

Holger Hörtnagl: Eigentlich nicht. Ich habe über die Jahre gelernt, meine Visionen immer besser umzusetzen. Natürlich bin ich oft genug gescheitert. Aber in den letzten zehn Jahren komme ich meistens relativ genau dorthin, wo ich hinwill. Es gibt Releases, bei denen ich weiß: Ich hatte eine klare Vorstellung und ich bin nicht einmal halb dorthin gekommen. Im Nachhinein ist das okay. Vielleicht ist es sogar gut so. Aber es ist nicht das, was ich ursprünglich wollte. Irgendwann muss man auch sagen: Jetzt reicht es, jetzt bastle ich nicht weiter. Bei diesem Album war es anders. Ich hatte Melodieideen, eigentlich noch keine fertigen Songs. Und dann ging es sehr schnell. Ich habe es Ilias vorgespielt und gefragt: Ist das etwas für das Label? Interessiert das irgendwen? Und er meinte sofort: Ja, klar, machen wir. Da gab es wenig Zweifel oder Zögern.

Du hast von der Vision des Albums gesprochen. Ist es für dich eher eine Hommage an diese Zeit und die Sendung oder ein Weiterdenken, ein Neuverorten im Jetzt?

Holger Hörtnagl: Ich wollte es klar in die Jetztzeit holen. Ich hätte es soundmäßig viel retro-lastiger machen können, mit klassischeren Beats – wahrscheinlich wäre das auf den ersten Blick sogar besser angekommen. Aber das wollte ich nicht. Die Synthesizer sind modern, ich habe bewusst nicht diese ganz typischen Throwback-Sounds verwendet. Die Struktur ist allerdings ähnlich. Insofern ist es schon eine Hommage – auch in den Titeln. Wer sich reinfuchst, wird die Referenzen entdecken. Aber es ist auch egal, wenn man sie nicht versteht. 

„JEDER SONG HAT EINE FARBTÖNUNG”

Kannst du mich ein wenig durch den Produktionsprozess führen? Gab es eine klare Linie?

Holger Hörtnagl: Jetzt muss ich mir selbst widersprechen. Ich habe vorhin von klarer Vision gesprochen, aber geplant war nicht, dass da Vocals draufkommen. Es sollte ein reines Instrumentalalbum sein. Dann war ich mit Mosiba im Studio. Ich habe noch an einer Nummer gearbeitet, und er fing einfach an zu rappen. Ich dachte erst: Das macht keinen Sinn, das ist doch instrumental gedacht. Aber er vibte sofort damit. Dann hat er mir seinen Text vorgelesen und der war abstrakt, aber extrem passend. Wir haben das am selben Tag noch aufgenommen. Und genau diese Version ist auf dem Album gelandet. Dann soll es eben so sein. Alles andere war vorproduziert. Simon Nagl (Moonvers) hat die Klavierparts eingespielt. Das hat die Stücke noch einmal stark verändert. Aber die Grundstruktur stand.

Hattest du dabei konkret einzelne Sendungen im Kopf?

Holger Hörtnagl: Ich habe nicht parallel die Sendung laufen lassen, nein. Es passiert eher so: Du sitzt am Keyboard, spielst eine Harmonie oder Sequenz, lässt sie loopen und drehst an den Reglern. Für mich sind Bilder und Farben entscheidend. Jeder Song hat eine Farbtönung. Ich sehe das vor mir. Wenn ein Instrument dazu kommt – sagen wir eine Gitarre – kann das die Stimmung komplett kippen. Plötzlich wird es zu fröhlich oder zu dicht. Dann weiß ich: Das ist nicht die Richtung. Also wieder weg damit. Dieses Raumgefühl war aber immer da. Schwerelosigkeit. Weite. Manchmal höre ich im Studio einen Loop eine halbe Stunde lang – etwas, das später vielleicht zehn Sekunden im Track ist. Das ist extrem meditativ. Ich habe nie Drogen genommen, nie irgendetwas. Vielleicht, weil ich das hier habe. Das ist mein Zugang.

Das erinnert mich an Gespräche mit meiner Mutter: Sie ist Malerin und sagt Ähnliches – dass sie durch die Malerei in einen transzendenten Zustand kommt.

Holger Hörtnagl: Ja, „transzendent“ trifft es. Es ist schwer zu beschreiben. Man sitzt nicht völlig abgespaced da – na ja, manchmal schon – aber es ist ein eigener Raum.

In der phänomenologischen Philosophie gibt es die Idee, dass Musik die ungreifbarste Kunstform ist – am wenigsten konkret, aber gerade deshalb so stark. Man weiß oft nicht, warum sie etwas auslöst.

Holger Hörtnagl: Genau. Ich mache manchmal etwas, höre es ein halbes Jahr später wieder und habe keine Ahnung, wie ich da hingekommen bin. Wie habe ich das gemacht? Woher kam die Idee? Das ist nicht das Alter, das ist einfach dieser Prozess. Wenn man sich intensiv mit etwas beschäftigt, kommt man in Details hinein, die man von null auf hundert nie erreichen würde. Irgendwann lässt man los und dann ist es da. Oft kann man es im Nachhinein gar nicht mehr rational erklären. Das ist das Schöne.

Es ist ein Rhythmus aus Loslassen und Dranbleiben: nichts erzwingen, aber auch nicht zu früh aufgeben.

Holger Hörtnagl: Absolut! Das habe ich über die Jahre besser gelernt. Natürlich verläuft man sich manchmal. Dann gibt es kein Resultat oder kein gutes. Aber in den letzten Jahren gelang mir das ganz gut. Diese Platte habe ich allein gemacht. Klavier kam erst am Schluss dazu. Ich arbeite sonst oft zu dritt. Aber so ein Album könnte ich nicht zu dritt machen. Wenn mehrere Leute im Studio sind, komme ich schwer in diesen Flow. Ruhige, sphärische Musik funktioniert für mich alleine besser.

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Wobei gemeinsames Jammen ja auch eine eigene Art von Flow erzeugen kann.

Holger Hörtnagl: Sicher, aber das ist ein anderer Zustand. Bei elektronischer Musik im Studio ist das schwerer zu reproduzieren. Bei Tanzmusik – wie bei Restless Leg Syndrom, meinem anderen Projekt – ist das wieder anders. Da ist der Input von mehreren Leuten extrem wichtig. Aber so etwas Sphärisches, Introspektives – das geht für mich nur alleine.

Wie stehen deine verschiedenen Projekte nebeneinander? Lässt sich das für dich klar trennen oder gehört das ideell alles zusammen?

Holger Hörtnagl: Für mich ergibt das alles Sinn, weil das verbindende Element immer Hip-Hop ist. Ich weiß nicht, ob das für andere so offensichtlich ist. Selbst bei Restless Leg Syndrom höre ich Hip-Hop-Beats, auch wenn niemand darüber rappt. Oft sagen Leute: „Das ist doch kein Hip-Hop, das ist Disco, das ist 110 BPM.“ Für mich bleibt es trotzdem Hip-Hop. Es ist die Art, wie ich produziere. Sampling spielt eine große Rolle, wie ich Beats programmiere. Dieser Zugang funktioniert mittlerweile in allen Tempi. Oft ist da noch ein Soul- oder Jazz-Element drin – das muss nicht mehr zwingend sein, aber es schwingt mit. Selbst wenn nur Synthesizer laufen, ist der Ansatz derselbe. Natürlich ecke ich damit an. 

Was ist für dich die Essenz von Hip-Hop? 

Holger Hörtnagl: Sampling, Beat-Programmierung, der Zugang. Und vielleicht auch dieses Soulige. Es ist weniger ein Genre als eine Produktionsphilosophie.

Mir kommt vor, bei vielen jüngeren Musiker:innen ist das Genre-Denken offener, weniger klar definiert. 

Holger Hörtnagl: Das stimmt wahrscheinlich. Ich selbst war als junger Musiker überhaupt nicht offen. Ich hatte eine sehr klare Vorstellung davon, wie Hip-Hop klingen muss. Umso froher bin ich, dass ich mich in alle Richtungen geöffnet habe – das ist vermutlich aber auch ein normaler Prozess. Wenn ich heute mit einer jungen Rapperin arbeite: Sie kann alles. Sie könnte über Rock rappen, über elektronische Tracks singen und sie wird das auch tun, wenn sie es fühlt. Das hätte ich mich damals nie getraut. Da gab es klare Vorgaben im Kopf: Das macht man nicht.

„WENN ICH IM STUDIO ETWAS EINSPIELE, IST DAS OFT TRIAL AND ERROR”

Früher waren Subkulturen stärker abgegrenzt. Man war Teil einer Blase. Heute wirkt vieles durchlässiger.

Holger Hörtnagl: Absolut. Ich mochte früher auch Drum and Bass. Aber es wäre undenkbar gewesen, selbst einen Drum-and-Bass-Track zu machen und darüber zu rappen. Nicht, weil wir es schlecht fanden – es wäre einfach nicht in Frage gekommen. Heute ist das normal. Niemand wundert sich darüber. Diese Offenheit finde ich deswegen gut. Natürlich wird oft diskutiert, ob Subkulturen verschwinden und ob das schlecht ist. Aber ich sehe auch die Chance darin. Diese Grundoffenheit bei jungen Leuten ist etwas Positives. Und das versuche ich auch in meine Musik einfließen zu lassen. Deshalb sind die Releases so unterschiedlich. Jede und jeder kann sich das herauspicken, was gefällt. Vielleicht gibt es auch Leute, denen alles gefällt – das freut mich natürlich am meisten.

Wie viel Raum gibst du beim Produzieren dem Zufall? 

Holger Hörtnagl: Sehr viel. Das habe ich über die Jahre gelernt zu kultivieren. Ich bin kein klassisch ausgebildeter Musiker, arbeite viel elektronisch. Wenn ich im Studio etwas einspiele, ist das oft Trial and Error – für Außenstehende nicht unbedingt angenehm anzuhören. Zufall spielt eine riesige Rolle. Viele „Fehler“ landen am Ende auf der Platte, weil sie einfach cool klingen. Gerade bei Synthesizern: Man dreht an einem Regler, kommt versehentlich irgendwo an und plötzlich passiert etwas, mit dem man nie gerechnet hätte. Und genau das ist spannend. Auch beim Klavier. Bei einer Aufnahme ist einmal der Deckel vom Flügel zugefallen. In dem Moment wusste ich: Dieser Sound kommt aufs Album. Solche unbewussten Momente kann man nicht planen.

Gibt es für dich einen idealen Ort, um das Album zu hören?

Holger Hörtnagl: Ich bin sonst oft sehr club- oder auflegeorientiert. Dieses Mal gar nicht. Das ist ein Zuhause-Album. Oder sechs Uhr in der Früh. Oder nachts im Auto. Aber vor allem: zu Hause. In Ruhe.

Gibt es etwas, das wir noch nicht gesagt haben, das dir wichtig ist?

Holger Hörtnagl: Vielleicht das Cover. Das ist die eigentliche Hommage. Es lehnt sich direkt an die Bildwelt der Sendung an. Viele Anspielungen auf Satelliten – die guten Satelliten, nicht die bösen. Einige Songs sind nach realen Satelliten benannt. Und ich habe genau geschaut, welcher Satellit zu welchem Track passt – Wettersatelliten zu bestimmten Stimmungen, andere zu anderen. Auf der Rückseite der Platte sind sie alle abgebildet. Das sind echte Satelliten. Ich mag solche Details. Diese kleinen Gimmicks. Das macht mir Spaß. Die Musik war da fast schon fertig und dann bekommt alles noch einen Rahmen.

Und ein physisches Objekt.

Holger Hörtnagl: Deshalb war mir die Vinyl so wichtig. Ich habe zu Ilias gesagt: Wenn wir das so machen, brauchen wir eine Platte. Weil das Cover in groß einfach Sinn ergibt. Ich finde die Vorstellung schön, dass jemand das Album hört, es gut findet, vielleicht nichts weiter darüber weiß und dann beim dritten Durchgang die Platte in die Hand nimmt, die Satelliten entdeckt, die Namen googelt und merkt: Ah, das passt ja zu dem Song. Vielleicht machen das nur ein, zwei Leute. Aber das reicht.

Dann bedanke ich mich für deine Zeit!

Holger Hörtnagl: Ich danke dir! 

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Ania Gleich 

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d.b.h live: 

Die Release-Partysamt Listening Session findet am 17. April um 20:00 Uhrim Ganz Wien statt. Danach geht es direkt weiter mit Kesselraum 2 (Doors: 21:00 Uhr): An den Decks stehen Soulcat, B-Ranks (UKG, Dubstep), d.b.h (div. 808), Sarah Allen (UKG, DnB) und Ronnie Alpino (UKG).

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