Mit „Raz“ (Unit Records) legt das in Wien beheimatete Trio Terrea ein Debüt vor, das gängige Hörgewohnheiten sanft aus den Angeln hebt. Amir Ahmadi formt am von Georg Vogel entwickelten Claviton mit 31 Tasten pro Oktave eine mikrotonale Klangarchitektur, in der sich persische Tradition, Jazz und Gegenwartsmusik verschränken. Gemeinsam mit der klassisch wie in der Dastgah-Tradition verwurzelten Geigerin Sarvin Hazin und der zwischen Neuer Musik und Improvisation agierenden Cellistin Anna Maria Niemiec entsteht ein eigenständiger, organisch atmender Sound. Im Interview mit Michael Ternai spricht Amir Ahmadi über den für ihn faszinierenden Aspekt der Mikrotonalität, darüber, wie er diese in seine Musik überträgt, und wie die Entdeckung des für ihn neuen Instruments alles für ihn verändert hat.
Terrea ist ein äußerst spannendes Projekt, nicht zuletzt wegen seines eigenständigen Klangs. Der Sound hebt sich deutlich ab, die Instrumentierung ist ebenso ungewöhnlich wie die Musik selbst. Im Pressetext zum Album heißt es sinngemäß, dass die Stücke ihren Ursprung in der persischen Musik haben und sich von dort aus in unterschiedlichste Richtungen zu einer ganz eigenen musikalischen Form entwickeln. Wie viel Musik aus dem Iran steckt am Ende tatsächlich noch in den bzw. deinen Kompositionen?
Amir Ahmadi: Das ist eine gute Frage. Ich denke, das hat viel mit meinem musikalischen Werdegang zu tun. Ich habe zeitgenössische klassische Musik sowie Jazz studiert. Mit persischer Musik habe ich mich zwar immer beschäftigt, allerdings lange Zeit nicht innerhalb meiner eigenen Musik und meiner eigenen Kompositionen. Im Studium lag der Fokus klar auf westlicher europäischer klassischer Musik, und ihretwegen bin ich auch nachÖsterreichgekommen, um sie hier zu lernen und zu vertiefen.
Während der Corona-Zeit hatte ich dann plötzlich viel Zeit und begann, mich intensiver mit persischer Musik auseinanderzusetzen. Dabei habe ich gemerkt, dass mir etwas fehlt: Ich höre diese Musik sehr viel, aber in meinen eigenen Werken hatte bislang keine wirkliche inhaltliche Auseinandersetzung damit stattgefunden. Hinzu kommt, dass Mikrotonalität für mich immer ein zentrales Thema war und die persische Musik ein völlig anderes Stimmungssystem anbietet und nach anderen Prinzipien funktioniert.
Gerade dieses Stimmungssystem und die daraus entstehenden Intervalle – etwa neutrale Intervalle – waren für mich besonders faszinierend. Das wurde letztlich mein Zugang zu dieser Musik, gewissermaßen das Tor, durch das ich sie in meine eigenen Werke integrieren konnte und das sich zu einem inhaltlichen Schwerpunkt entwickelt hat.
Parallel dazu ist noch etwas anderes Interessantes passiert: Ich habe Georg Vogel über ein Projekt des Janus Ensemble kennengelernt. Damals hatte ich den Auftrag, für das Ensemble zu komponieren, und dabei habe ich entdeckt, dass Georg Vogel ein außergewöhnliches Instrument mit 31 Tasten pro Oktave gebaut hatte. Das hat mich sofort interessiert, und ich habe ihn angerufen, um zu fragen, ob wir uns treffen könnten. Letztlich kam es dann tatsächlich dazu, dass ich für dieses Instrument und für das Ensemble geschrieben habe. Ich fragte Georg auch, ob ich nicht vielleicht bei seinem Projekt, diese Instrumente zu bauen, mitarbeiten dürfte. Er fand die Idee gut.
Du warst also auch am Bau des Instruments beteiligt?
Amir Ahmadi: Im Nachhinein ja. Georg hatte das Instrument natürlich bereits zuvor entworfen, und einige Exemplare gebaut. Mit seiner Hilfe habe ich dann auch eines für mich gebaut. Die Entdeckung dieses Instruments war für mich der Moment, in dem plötzlich vieles machbar wurde. Die musikalischen Vorstellungen, die ich zuvor hatte, ließen sich davor nicht umsetzen. Am Klavier konnte ich mir das nie vorstellen, ganz einfach, weil dieses Instrument die nötigen Möglichkeiten nicht bietet. Auf der Geige ist das möglich, auf dem Klavier hingegen überhaupt nicht.
Bei der Intonation habe ich mir damals zum Beispiel mit dem Computer beholfen. Mit diesem Instrument konnte ich jedoch plötzlich alles unmittelbar umsetzen. All diese Dinge sind gewissermaßen gleichzeitig und eher zufällig zusammengekommen. So ist daraus letztlich auch mein heutiger Schwerpunkt entstanden: Mikrotonalität mit einem besonderen Fokus auf persischer Musik.
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Die Musik deines Trios entzieht sich grundsätzlich jeder klaren Genre-Zuordnung. Sie ist kaum kategorisierbar: Mikrotonalität trifft auf Jazz, Klassik und zahlreiche weitere musikalische Ausdrucksformen. Daraus entsteht ein Klangbild, das eindeutig für etwas sehr Eigenständiges steht.
Amir Ahmadi: Ja, die Musik ist stilistisch sehr offen. Ich arbeite auch sehr gern interdisziplinär und diese unterschiedlichen Einflüsse verbinde ich ständig miteinander; ich oszilliere gewissermaßen zwischen den Genres. Mikrotonalität und verschiedene Stimmungssysteme schaffen für mich einen Raum, in dem all diese Richtungen aufeinandertreffen. Es passiert Jazz, Klassik, zeitgenössische Musik – aber das ist für mich nicht vorrangig entscheidend.
„Die Gedichte geben eine klare Stimmung und ein festes Bild vor.“
Wenn man eure Musik hört, drängt sich weniger der einzelne Song in den Vordergrund als vielmehr die Atmosphäre, die sie aufspannt.
Amir Ahmadi: Vier Stücke mit den Titeln „Raz I, II, III & IV“ basieren auf dem Gedichtzyklus „Raz“ der iranischen Dichterin Yasamin Rooein. Ausgangspunkt für diese vier Stücke war also jeweils ein Bild, eine konkrete Vorstellung, die aus den Gedichten entstanden ist, und die ich anschließend musikalisch interpretiert und umgesetzt habe. Die Gedichte geben eine klare Stimmung und ein festes Bild vor. Bei den Konzerten werden sie auch gelesen, und das Publikum sagt oft, dass Text und Musik sehr gut zusammenpassen. Viele spüren deutlich, dass zwischen beiden eine echte, inhaltliche Verbindung besteht.
Eure Musik wirkt beim Hören sehr bildhaft und fast schon filmisch – sie könnte mühelos einen avantgardistischen, experimentellen Film begleiten. Gleichzeitig steckt in dieser Art von Musik viel theoretisches Wissen. Wie groß ist der Anteil an Theorie, und wie viel entsteht aus Intuition und Gefühl?
Amir Ahmadi: Das ist eine interessante Frage, denn ich bekomme oft das Feedback, dass meine Musik stark auf Mikrotonalität und Theorie basiert, diese Ebenen aber eher verborgen bleiben. Für mich steht die Musik im Vordergrund. Ich nutze Mikrotonalität als Mittel, um Emotionen und Stimmungen zu vermitteln, dass man mit dem gleichstufigen 12-Tonsystem nicht ausdrücken kann- sie ist alsoein Teil eines größeren Zusammenhangs.
Die Mikrotonalität, die ich verwende, hat eine Geschichte und eine kulturelle Verankerung, sie ist über lange Zeit gewachsen. Es geht also nichtnurum Theorie an sich, sondern natürlich auch um die Gefühle, die daraus entstehen, weil sie in einen bestimmten Kontext eingebettet ist.
Natürlich gibt es auch abstrakte, neue Musik mit Mikrotonalität, bei der es vor allem um sehr feine Abstufungen oder exakte Frequenzverhältnissegeht. Meine Musik geht jedoch über eine reine Demonstration von Mikrotonalität hinaus. Ich arbeite mit einem Kontext, in dem Mikrotonalität eine Rolle spielt, aber nicht alles bestimmt. Dieser Kontext ist kulturell geprägt und historisch gewachsen, und genau das greift für mich stimmig ineinander.
Deshalb beschäftigt sich das Publikum bei Konzerten auch nicht mit Mikrotonalität als solcher, sondern mit dem Gesamtzusammenhang. Man hört, dass die Intonation anders ist, aber sie wird nicht als sehr auffällig wahrgenommen, weil sie nicht in den Vordergrund rückt. Entscheidend ist der Kontext. Die Mikrotonalität erzeugt ein bestimmtes Gefühl, weil die Intervalle anders sind – aber das ist nicht das eigentliche Thema. Bei mir spielen Frequenzverhältnisse zwar eine wichtige Rolle, sie stehen aber nicht im Vordergrund.
„Lange Zeit fehlten mir die Möglichkeiten, und ich habe Werke geschrieben, mit deren Aufführungen ich nicht zufrieden war […]“
Was hat bei dir eigentlich die Faszination für Mikrotonalität ausgelöst? Du hast vorhin erwähnt, dass du westliche Klassik und Jazz studiert hast – Bereiche, in denen Mikrotonalität kaum oder nur sehr am Rand vorkommt.
Amir Ahmadi: In der zeitgenössischen klassischen Musik ist Mikrotonalität inzwischen ein großes Feld geworden – schon seit 30 oder 40 Jahren. Von der Spektralmusik ausgehend bis hin zu heutigen Mikrotonalisten, die sehr feine Abstufungen der Intonation erforschen, ist das ein zentrales Thema.
Warum mich Mikrotonalität von Anfang an fasziniert hat, hängt vermutlich damit zusammen, dass ich Mathematik liebe. Schon als ich begonnen habe, mich ernsthaft mit Musik zu beschäftigen, hat mich dieser Aspekt interessiert. Ich habe auch Maschinenbau studiert und dort natürlich viel mit Mathematik und Physik zu tun gehabt. Besonders das Thema Wellen und Frequenzen war für mich immer sehr präsent. Dieser theoretische Hintergrund hat sich dann auch in meiner musikalischen Denkweise niedergeschlagen.

Ich habe mich immer gefragt: Warum eigentlich zwölf Töne? Und es ist auch nicht gerade leicht, ein solches Projekt zu realisieren, weil man Musiker:innen finden muss, die wirklich Interesse haben und bereit sind, die nötige Zeit zu investieren – so wie Sarvin Hazin und Anna Maria Niemiec, mit denen ich derzeit sehr eng zusammenarbeite.
Man braucht nämlich völlig andere Griffe, teilweise muss man das Instrument regelrecht neu lernen oder sogar Vertrautes verlernen. Wenn man zum Beispiel Saxofon spielt, sind das ganz andere Griffkombinationen – und nicht alle möchten sich darauf einlassen. Man muss es wirklich wollen. Und wenn man es will, dann braucht es vor allem Zeit: sehr viel Zeit für ein einzelnes Stück. Eine eigentlich einfache melodische Linie wird plötzlich viel schwieriger, weil mikrotonale Abstufungen dazukommen. Was zuvor eindeutig war, ist auf einmal fein differenziert, subtil verschoben – und dadurch komplett anders.
Das war auch einer der Gründe, warum ich vergleichsweise spät begonnen habe, konsequent mit Mikrotonalität zu arbeiten. Lange Zeit fehlten mir die Möglichkeiten, und ich habe Werke geschrieben, mit deren Aufführungen ich nicht zufrieden war, weil die Intonation nicht so geklungen hat, wie ich sie mir vorgestellt hatte.
Hast du, wenn du vor dem Notenblatt sitzt, bereits eine ganz konkrete Vorstellung davon, wie ein Stück klingen soll?
Amir Ahmadi: Seit ich dieses Instrument habe – das Claviton mit 31 Tasten pro Oktave –, habe ich eine sehr klare Klangvorstellung. Ich kann darauf spielen, das Gehörte direkt wahrnehmen und vergleichen, ob ein Ton höher oder tiefer ist, ob es eher ein Cis oder ein Des ist. Für mich ist das ein großartiges Instrument und ein enorm hilfreiches Werkzeug. Früher habe ich mir damit deutlich schwerer getan. Und das betrifft gar nicht so sehr Melodielinien – die konnte ich mir schon immer einigermaßen vorstellen. Schwieriger waren für mich mikrotonale Harmonien. Dafür habe ich auch heute noch kein vollständig entwickeltes Gehör: so viele andere Intervalle gleichzeitig zu hören und miteinander zu denken, gelingt mir ohne dieses Instrument noch nicht.
Deshalb brauche ich das Claviton unbedingt. Mikrotonalität bedeutet ja nicht nur feine Abstufungen einzelner Töne, sondern vor allem auch, dass beim Zusammenspiel neue Harmonien entstehen. Diese Harmonien innerlich vorwegzuhören, ist für mich nach wie vor schwierig. Ich brauche dieses direkte Vorhören und Ausprobieren am Instrument – und genau darin liegt seine große Stärke.
Ich kann damit mehrere Stimmen gleichzeitig spielen, also komplexe Akkorde bilden, vergleichen, welche Kombination besser funktioniert, und weiter daran arbeiten. Besonders spannend finde ich zum Beispiel neutrale Intervalle, die weder eindeutig klein noch groß sind, oder auch „kleine und große Quarten – also Quarten, die weder rein noch vermindert oder übermäßigsind, wie wir sie vom Klavier und aus dem gleichstufigen Zwölfton-System kennen. Diese Kombinationen von Intervallen faszinieren mich sehr. Das ist wirklich eine eigene, unglaublich reiche Klangwelt.
Ich kenne Georg Vogels Interpretation des Claviton im Jazz-Kontext – er spielt im Trio mit Schlagzeug und Bass oder Gitarre. Du entscheidest dich für eine andere Instrumentierung, nämlich Violine und Cello. Warum gerade diese Kombination, also zwei eigentlich klassische Instrumente?

Amir Ahmadi: Das hat mehrere Gründe. Zum einen wollte ich ein Trio oder Ensemble, in dem es durchaus einen Groove gibt, aber bewusst ohne Schlagzeug. Ich spiele sehr gerne mit Schlagzeug, aber in diesem Projekt sollte es anders sein. Ich liebe Jazzkonzerte ohne Schlagzeug – das hört man nicht oft, aber genau das fasziniert mich. Ich habe das Gefühl, dass mir diese Besetzung mehr Freiheit gibt, und das mag ich sehr.
Ein weiterer Grund ist die persönliche Ebene: Mit den Musikerinnen verbindet mich eine lange Freundschaft. Sie beschäftigen sich intensiv mit diesem Thema und wollen sich auch wirklich darauf einlassen. Sie zeigen großes Interesse an meiner Musik und nehmen sich die Zeit, die es braucht, um sie umzusetzen. Diese Kombination aus Arbeitsbeziehung und Freundschaft war mir sehr wichtig.
Außerdem liebe ich diese klassische Trio-Besetzung mit Violine, Cello und Klavier – von Haydn bis heute. Ich höre viel klassische Musik, und diese Klangwelt ist mir sehr vertraut. Das Cello wird in meinem Setup manchmal auch wie ein Kontrabass eingesetzt, geht aber klanglich und funktional weit darüber hinaus.
Du hast gerade deine beiden Mitmusikerinnen Sarvin Hazin und Anna Maria Niemiec erwähnt. Woher kennst du sie?
Amir Ahmadi: Sarvin ist eine klassische Geigerin, dieebenfalls im Iran aufgewachsen und mit der traditionellen iranischen Musik vertraut ist, die sie auch intensiv gespielt hat. Sie versteht Mikrotonalität ähnlich wie ich: nicht nur als Technik, sondern immer eingebettet in einen musikalischen bzw. kulturellen Kontext.
Anna Maria kommt aus der zeitgenössischen Musik und bringt daher ein großes Interesse an neuen Spieltechniken mit. Sie ergänzt das Ensemble um eine andere Perspektive und bringt viele zeitgenössische Klangvorstellungen ein, die unsere gemeinsame Arbeit sehr bereichern.
Wie stark ist in eurem Trio der improvisatorische Geist gefordert?
Amir Ahmadi: In unserem Trio gibt es deutlich weniger Improvisation als im klassischen Jazz. Improvisation steht bei uns nicht im Zentrum. Ein großer Teil der Musik ist ausnotiert. Es gibt allerdings Improvisationsstellen– diese sind jedoch eher kurz und gezielt eingesetzt.
Vielen Dank für das Interview.
Michael Ternai
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Links:
Terrea
Unit Records
