Selbstverwirklichung statt Content Creation – TARIS im mica-Interview

Mit „(un)ease“ veröffentlichten TARIS (CHRISTIAN KRATZERT, FLORIAN LÖSCHER, PAUL SZELEGOWITZ, JOHANNES STOCKINGER und ALEXANDER KREISBICHLER) am 14. Februar nach über zweijähriger Arbeit ihr erstes Album zeitgleich mit einem Video zur Single „24 h“. Mit viel Experimentierfreude und fernab von eingrenzenden Genredefinitionen überwinden die fünf Wahlwiener Gräben zwischen Instrumental- und zeitgenössischer Popularmusik. Ineinander verwobene Melodien, energetische Vocals und konstante Trompeten- bzw. Flügelhornklänge kennzeichnen TARIS’ Sound, dessen Weite teilweise erst beim Hören mit geschlossenen Augen fassbar wird. Nach eigener Beschreibung bewegt sich „(un)ease“ inhaltlich zwischen einem dem gesellschaftlichen Zeitgeist geschuldeten Unbehagen und einer unbeschwerten Verträumtheit. mica-Redakteurin Anna Lischka traf TARIS kurz vor ihrem Albumrelease zu einem ausführlichen Gespräch.

Zwei Jahre habt ihr an eurem Album gearbeitet. Wie ging es euch dabei?

Christian Kratzert: Eher untypisch ist, dass es uns abgesehen von einem kleinen Besetzungswechsel schon seit 2014 in dieser Form gibt, wir bisher aber noch keinen physischen Tonträger veröffentlicht haben. Deswegen ist es schwer zu sagen, ob die Arbeit am Album zwei, drei, vier oder fünf Jahre ausmacht. Es ist eher ein Abbild unserer Entwicklung als Kollektiv. Die aktive Arbeit mit Studio, Mix und Produktion hat ungefähr zwei Jahre beansprucht. TARIS war von Anfang an als langfristiges Projekt gedacht. Das hat sich jetzt langsam und beständig entwickelt, bis wir nun an den Punkt gekommen sind, wo wir mit dem Album eine Schaffensperiode abschließen sozusagen. 

Warum ein Album heutzutage?

Christian Kratzert: So richtig funktioniert unsere Musik wohl nur in Albumform, weil man bei uns keine einzelnen Songs herausnehmen kann, die für einen Stil oder Ähnliches stehen.  Hauptsächlich liegt das wohl daran, dass wir ein Kollektiv sind, bei dem sehr viele unterschiedliche Einflüsse eingebracht werden. Wenn man bei uns einen einzelnen Album-Song isoliert betrachtet, kann man wohl keinen Bezug dazu herstellen, in welches Genre man das verorten könnte. Auch wenn wir Leute danach fragen, bekommen wir wenig konkrete Referenzen zu hören. Deswegen ist es für uns schwierig, in Bezug auf die letzten fünf Jahre außerhalb des Albums als Referenzrahmen zu denken.

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Es ist ja auch nirgendwo eine Genrebezeichnung über euch zu lesen.

Paul Szelegowitz: Ja, wir hätten es versucht. TARIS hat sich gegründet mit einer konzeptuellen Vorstellung, wie denn unser Sound klingen könnte. Und jetzt gibt es uns fünf Jahre und diese Idee, die am Anfang gestanden ist, hat sich mit der Zeit aufgelöst.

Johannes Stockinger: Wir haben auch schnell gemerkt, dass es nicht funktioniert hätte, uns an dieser ursprünglichen Idee festzuklammern.

Christian Kratzert: Der ursprüngliche Zugang war eigentlich zu probieren, verstärkt am Computer und dementsprechend konzeptuell zu arbeiten. In diesen fünf Jahren hat sich unsere Zugangsweise zum Musikmachen aber insofern geändert, als dass wir gegenwärtig meist versuchen, in kreativen Momenten gemeinsam als Kollektiv intuitive Energie einzufangen. Damit haben wir eine Vorgangsweise gefunden, die sich zumindest in den letzten Jahren bewährt hat. Und das wäre dann eigentlich ganz weit weg von einem Konzept, wenn man es so betrachtet, obwohl wir unser Album doch irgendwie als Konzeptalbum begreifen – etwas widersprüchlich.

“Ich finde, dass unser Album darüber hinaus sowohl inhaltlich als auch vom Sound her einen Reifungsprozess darstellt.”

Wie kam es zum Album-Titel „(un)ease“?

Christian Kratzert: Wie erwähnt ist unser Album dann aber irgendwie doch ein Konzeptalbum geworden, denn im Lauf der Zeit fängt man ja an, einen Bezug zwischen den Songs zu suchen. Man kommt daran gar nicht vorbei, wenn man so langfristig an etwas arbeitet. In unserem Fall haben wir eher im Nachhinein nach Überschneidungen, nach einem größeren Ganzen gesucht. Da ist uns etwas bewusst geworden, was wir versuchen, mit dem Titel zu verbildlichen: Dass wir nämlich ein Spannungsfeld öffnen von einer teilweise sehr dystopischen Beschreibung der Gegenwart – also dem gesellschaftlichen Zeitgeist – hin zu der Erkenntnis, dass wir uns beim Musikmachen in eine Welt hineinzuträumen versuchen, in der man sich leicht, unbeschwert und bei sich fühlt.

Florian Löscher: Ich finde, dass unser Album darüber hinaus sowohl inhaltlich als auch vom Sound her einen Reifungsprozess darstellt. Es ist ein Coming-of-Age-Album, von dem ich sagen würde, dass die Suche immer zugleich auch das Ergebnis war. Das spielt auch in den Texten eine Rolle. Es werden Fragen aufgegriffen, die sich jeder in einem gewissen Reifungsprozess stellt. Wenn ich mir heute die Lyrics anschaue, dann finde ich vieles cool, aber ich merke auch, dass manches in einem Prozess geschrieben wurde, durch den man durchmusste.

Christian Kratzert: Das ist sicher auch der Grund, warum wir von Anfang an im Rahmen eines Albums gedacht haben: Ein Album ist immer eine Reise, eine Entwicklung. Dieses Coming-of-Age hat vielleicht mit unserem konkreten Alter zu tun, aber das wird wohl auch in 10 oder 20 Jahren so sein, wenn man über Jahre hinweg an etwas arbeitet. Du hältst einfach eine Reise fest, egal wie sie aussieht oder wohin sie führt.

Florian Löscher: Ich finde, dass es auch um die Erkenntnis geht, dass man musikalisch gesehen nie eine bestimmte Reife erreichen möchte. Dann wäre ja auch die Suche vorbei. Vielleicht ist das ja die tatsächliche Erkenntnis – dass es im Grunde um den gesamten Prozess, um diese Reise geht.

Johannes Stockinger: Das ist ja auch das Schöne daran. Und ich finde, das sollte erhalten bleiben: Eine gewisse kindliche Neugier.

Florian Löscher: Und es ist auch das Magische daran, sonst verliert es an Energie.

“Wenn wir intern über Stil und Lyrics diskutieren und daran herumbasteln, dann ist unsere Intention, die Rolle aufmerksamer Beobachter einzunehmen.”

Albumcover (un)ease
Albumcover “(un)ease”

Ihr sprecht von einem dem gesellschaftlichen Zeitgeist geschuldeten Unbehagen. Woher rührt das? Aus der Politik, der Digitalisierung, der Schnelllebigkeit

Christian Kratzert: Wir verstehen unsere eigene Kunst aus einer beobachtenden Haltung heraus. Wenn wir intern über Stil und Lyrics diskutieren und daran herumbasteln, dann ist unsere Intention, die Rolle aufmerksamer Beobachter einzunehmen. Und dann stellt sich natürlich auch die Frage, wie viel Substanz du deiner eigenen Musik verleihen willst. Wenn man aufmerksame Kunst machen will, kommt man in meinen Augen gar nicht daran vorbei, all diese Themen aufzugreifen – wir begreifen uns ja alle auch als politische Individuen. Wir versuchen auch, Lyrics und inhaltliche Überlegungen mit einzubeziehen, wenn wir instrumental etwas ausarbeiten. Man muss ja einen Weg finden, um zu fünft überhaupt musikalisch auf einen grünen Zweig zu kommen und da spielen solche Überlegungen eine große Rolle.

“Es ist ein riesiges Privileg, dass wir ein vertrautes Kollektiv sind.”

Ihr bezeichnet euch dezidiert als Kollektiv. Seht ihr da einen Unterschied zur „herkömmlichen“ Band im Sinne einer Gruppe von Musiker*innen?

Christian Kratzert: Bei Bands, die popkulturell Bedeutung haben, gibt es ja oft etwa Frontleute, die ihre Songs in einer Art Songwritermanier verfassen und das dann mit einer Band umsetzen. Wenn jemand mit einer weit ausformulierten Idee in einen Proberaum kommt und man dann soweit wie möglich versucht, an der Ursprungsidee dran zu bleiben, ist das vom Zugang her in etwa das Gegenteil davon, was wir zumeist versuchen. Es ist grundsätzlich der Versuch, etwas Gemeinsames zu kreieren, worüber jeder von uns später zu Hause denkt: „Wie haben wir das gemacht?“ So entstehen manchmal Dinge, wo verschiedene Ideen und Einflüsse fusioniert wurden, die ein viel größeres Ganzes ergeben.

Florian Löscher: Das Coole und gleichzeitig das, was wir für immer beibehalten wollen, ist, dass wir trotz konzeptueller Ansätze eben schon auch jammen, Sachen geschehen lassen und dabei versuchen, sehr aufmerksam im Entstehungsprozess zu sein. Ich glaube, es gibt viele Songwriter, die auf der Suche nach genau dieser einen Melodie sind, aber bei uns passiert sowas eher. Das ist viel verwobener, passiert im Zusammenspiel und im Moment. Und selbst wenn wir musikalische Ideen besprechen und reflektieren, entstehen Dinge oft einfach aus dem Nichts.

Bild TARIS
TARIS (c) Vera-Sophie Horwarth

Christian Kratzert: Diese Verwobenheit – ein wichtiges Stichwort – findet sich auf allen Ebenen unseres Albums wieder: In Bezug auf die Instrumentierung und das Arrangement, aber zum Beispiel auch, wenn es um Lyrics geht. In vielen Bandprojekten gibt es jemanden, der die Lyrics schreibt, und die anderen konsumieren das maximal passiv. Florian schreibt den Großteil unserer Texte, aber wir begeben uns sehr früh in einen Prozess, in dem wir über die textlichen Ideen diskutieren und diese musikalisch reflektieren zu versuchen. Das ist verdammt viel Arbeit und oft schwierig bis unmöglich, aber unsere besten Songs sind so entstanden.

Florian Löscher: Es passiert häufig, dass ich irgendwelche Phrasen schreibe und noch gar nicht so genau weiß, was ich damit sagen will. Dann trage ich das in den Proberaum, es wird drüber gesprochen und reflektiert und auf einmal geben mir die anderen im Gespräch über den Text einen Sinn. Das alleine ist schon gemeinsames Songwriting.

Christian Kratzert: Es ist mühsame, aber befriedigende Arbeit. Diese fünf Jahre sind auch deshalb fünf Jahre geworden, weil es uns immer wert war, Ideen in verschiedenen Stadien zu zerlegen und puzzleartig neu zusammenzustellen. Und das ist ein Privileg. In Gesprächen mit anderen Musiker*innen und Künstler*innen fällt mir das auf: Es ist ein riesiges Privileg, dass wir ein vertrautes Kollektiv sind. Künstler*innen anderer Sparten sagen mir oft, dass sie mich beneiden, wenn sie in ihrer individuellen Arbeit nicht dieses direkte, unmittelbare Feedback haben. Auch wenn die demokratische Arbeit im Kollektiv natürlich auch Herausforderungen mit sich bringt.

Johannes Stockinger: Es ist ja nichts anderes als menschlich, dass man innerhalb einer Gruppe auch Kritik äußert. Und sagt, „hey, das fände ich anders besser“, obwohl die Person das total super findet. Das ist auch eine Überwindung. Sowas geht auch nur, wenn man weiß, dass man auf derselben Schiene fährt.

Das scheint bei euch gut zu funktionieren.

Paul Szelegowitz: Es ist häufig keine Kritik im konkreten Sinne, sondern wir reden darüber, wie wir bestimmte Dinge empfinden. Also wenn, dann sehr konstruktive Kritik. Und darauf müssen sich alle fünf einlassen.

Florian Löscher: Wir arbeiten auch immer bis zu dem Punkt, an dem alle zufrieden sind. Wenn einer sagt, „Nein, das geht sich für mich auf keinen Fall aus“, dann wird noch weitergearbeitet. Man muss Kompromisse schließen, aber wir achten darauf, dass sich jeder gleichermaßen einbringen kann. Die perfekte Demokratie eigentlich (lacht).

Wie habt ihr euch denn als Band zusammengefunden?

Christian Kratzert: Es ist alles sehr organisch gewachsen. Wir haben nie nach einer konkreten Position gesucht, sind ganz einfach langjährige Freunde mit einer gemeinsamen Vision.

Die Art und Weise, wie Menschen zusammenfinden, kann ja auch prägend für deren Musik sein.

Christian Kratzert: Es geht uns nicht darum, Content zu kreieren, um damit irgendetwas zu erreichen, sondern tatsächlich um Selbstverwirklichung. Jeder von uns kennt das Gefühl, kreativ sein zu wollen, aber es alleine nicht zu schaffen, etwas auf den Punkt zu bringen. Wenn man bei uns eine Idee in die Mitte wirft, entsteht dann aber vielleicht etwas. Es ist für uns jedes Mal ein großes Erfolgserlebnis, wenn wir uns einen Song anhören, der gerade entstanden ist. Das ist unser Antrieb. Alles, was sich daraus dann entwickelt, ist dann sowas wie ein Pluspunkt. Das meine ich mit Privileg. Es geht nicht um das Produkt an sich, sondern darum, was zuvor im Kollektiv zwischenmenschlich passiert. Der Nachteil ist natürlich: Was das an Zeit frisst, ist unglaublich. Und Energie. Wir sind ganz weit weg von Effizienz.

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Es ist doch schön, wenn wenigstens das Musikmachen nicht effizient sein muss.

Christian Kratzert: Stimmt. Guter Übergang zu unserer aktuellen Single „24 h“.

Was gibt es dazu zu sagen?

Christian Kratzert: Es ist die letzte Nummer, die wir für das Album geschrieben haben. Wir haben gespürt, dass noch eine gewisse Klangfarbe fehlt und es gab vorab ein Konzept, was noch gut aufs Album passen könnte. Dann ist uns der Song wieder entglitten und etwas für uns Magisches entstanden, was so nicht planbar war. Die Nummer spiegelt daher auch alle Überlegungen zu „(un)ease“ am deutlichsten wider. Das beschriebene Spannungsverhältnis wird darin auf allen Ebenen auf den Punkt gebracht. Deshalb finden wir es besonders schön, dass es uns gemeinsam mit einem erstklassigen Filmteam gelungen ist, ein sehr ambitioniertes Musikvideo zu „24 h“ zu produzieren, für welches einige dieser abstrakten Überlegungen in konkrete Bilder übersetzt wurden. Dies war nur möglich, weil wir einige sehr talentierte Leute dafür gewinnen konnten, unsere Grundideen weiterzuspinnen, wofür wir unendlich dankbar und worauf wir sehr stolz sind!

Gibt es noch einen anderen Song auf „(un)ease“, den ihr hervorheben wollt?

Florian Löscher: „Ease“ ist bewusst der letzte Song auf dem Album, da alle anderen Nummern wie eine Reise zu ihm hinführen. Die Idee zu dem Song ist in einem Moment entstanden, in dem ich komplett im Hier und Jetzt war. Frühmorgens am Heimweg, die Stadt war leer und dann waren da plötzlich die Zeilen des Refrains.

Christian Kratzert: Der Song war ein wichtiger Wendepunkt auf der Reise zum Album, um uns ein wenig Sicherheit zu geben, wie wir etwa die Perspektive in den Texten anlegen wollen. Es ging für uns ja immer auch um die Frage, wie die Lyrics zahlreicher Songs am Ende ein gemeinsames Werk ergeben können.

Florian Löscher: Die letzten Momente von „Ease“, mit denen das Album endet, bestehen hauptsächlich aus übereinandergelegten Flügelhorn-Aufnahmen, die tatsächlich in einem Loop eingespielt und nicht weiter bearbeitet wurden. Dieser Moment der Irrationalität beschreibt unsere Arbeitsweise sehr gut!

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Anna Lischka

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TARIS live
20.03. OKH, Vöcklabruck

03.04. Junge Talstation, Innsbruck
04.04. Ost West Club, Meran (ITA)

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